Fast hundert Kirchen wurden im Rahmen einer Strukturreform des Ruhrbistums geschlossen. Die Duisburger Kirchengemeinde St. Barbara wollte das nicht hinnehmen. Sie verwaltet und finanziert sich jetzt selbst.

Die Kirchengemeinde St. Barbara in Duisburg betritt Neuland: Sie will sich selbst finanzieren und verwalten, ohne Pfarrer und ohne Kirchensteuergelder. Das ist in diesem Umfang ein Novum in der katholischen Kirche in Deutschland. Für das Organisieren der Gemeindearbeit, der Gottesdienste und der Finanzen sind nun ausschließlich Laien verantwortlich. In einem Förderverein haben seit dem 8. September etwa 60 Ehrenamtler das Ruder in der Gemeinde übernommen. "Klar wird es jetzt ernst, aber wir sind zuversichtlich, das zu schaffen", sagt Vorstandsmitglied Christian Brans-Schreckeneder. "Und wir bekommen unheimlich viel Zuspruch für unser Projekt."

Es ist der verzweifelte Versuch, eine funktionierende Gemeinde vor dem Aus zu retten. Das Bistum Essen hatte 2011 beschlossen, die Kirche von St. Barbara im Zuge einer Strukturreform zu schließen – so wie 95 andere. "Das wollten wir aber auf gar keinen Fall hinnehmen", sagt Brans-Schreckeneder. "Es ging uns darum, nicht nur das Gebäude, sondern auch die Gemeinschaft zu erhalten." Die 2.800 Mitglieder große Gemeinde im Duisburger Stadtteil Röttgersbach gründete einen Förderverein und entwickelte ein Konzept, das sich am Erzbistum Poitiers in Frankreich orientiert. Dort gibt es bereits seit Jahren an die 300 "Basisgemeinden", die jeweils von einem Team von fünf Laien geleitet werden.

Das Modell von St. Barbara beruht auf fünf Säulen mit festen Zuständigkeiten: Liturgie (Gottesdienste), Diakonia (soziale Aktivitäten), Martyria (Verkündigung, Angebote für Kinder und Jugendliche), Koinonia (Feste und Veranstaltungen) sowie Oikonomia, die wirtschaftliche Sicherstellung. Der letzte Punkt dürfte der schwierigste sein, denn der Förderverein hat errechnet, dass etwa 22.000 Euro im Jahr nötig sind, um die Gemeinde am Laufen zu halten.

"Etwa 20 Prozent können wir über die Vermietung des Gemeindesaales erwirtschaften, der Rest muss über Spenden kommen", erläutert Brans-Schreckeneder. Die Gemeinde hofft, dass sonntags immer ein Pfarrer für den Gottesdienst vorbeikommt. "Werktags gibt es dann nur einen Wortgottesdienst."

"St. Barbara schwimmt nicht völlig allein im Teich herum", versichert Ulrich Lota, der Sprecher des Bistums Essen. Kirchenrechtlich betrachtet sei die Gemeinde Teil der Großpfarrei St. Johann. Drei Jahre lang will das Ruhrbistum nun testen, ob das Pilotprojekt funktioniert. "Dann müssen wir sehen, wie es läuft", sagt Lota. "Aber erst einmal stehen wir dem sehr positiv gegenüber." Die Kirche mache einen Veränderungsprozess in der Gesellschaft durch, und Christen hätten nun die Gelegenheit, sich mehr zu engagieren: "Dem Ehrenamt kommt heute eine größere Bedeutung zu."

Im Ruhrbistum gebe es eine besondere Situation, weil es finanziell gebeutelt sei, sagt Michael Böhnke, katholischer Theologieprofessor an der Bergischen Universität Wuppertal. Nach dem Zweiten Weltkrieg seien in Essen extrem viele Kirchen gegründet und neu gebaut worden. Das habe nun aufgrund der sinkenden Mitgliederzahlen und eines akuten Priestermangels zu einem "Schließungskahlschlag" geführt. «Aber generell muss man heute nach neuen Wegen suchen, wie Kirche vor Ort gestaltet werden kann», sagt Böhnke. Bislang kämen solche Initiativen nur äußerst «marginal in der deutschen Kirchenlandschaft» vor: "Dafür braucht man natürlich einen Bischof, der dafür offen ist."

Auch in der Petrus-Gemeinde in Bonn übernehmen Laien wichtige Funktionen. Die Modelle seien aber verschieden, sagt Christoph Heckeley, Pressesprecher des Erzbistums Köln. So gebe es in der Petrusgemeinde zwar ehrenamtliche Leiter von Teilbereichen: "Die Gesamtverantwortung und Gesamtleitung hat bei uns aber ein Pastoralteam – im Unterschied zu St. Barbara."

In der evangelischen Kirche gebe es eine vergleichbare Konstruktion nicht, sagt der Sprecher der Evangelischen Kirche im Rheinland, Jens Peter Iven. "Das liegt unter anderem daran, dass diese dem Kirchenmitgliedschaftsrecht der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) widersprechen würde und damit rechtlich nicht zulässig ist."

In der katholischen Kirche könne das Modell St. Barbara jedoch durchaus Schule machen, glaubt Böhnke. "Denn die Gläubigen machen das heute nicht mehr mit, dass ihre Kirchen, die sie zum Teil mit aufgebaut und eingerichtet haben, einfach geschlossen werden", sagt der Theologe: "Und ich kann das gut verstehen." 

(Quelle: epd)