Vier Jahre haben Tobias Faix und Tobias Künkler eine besondere Zielgruppe erforscht: „hochreligiöse“ Jugendliche zwischen 14 und 30 Jahren. Die Doppelspitze des Jugendkongresses CHRISTIVAL, bestehend aus Karsten Hüttman und Chris Pahl, haben sich die Ergebnisse jetzt angeschaut und zehn Konsequenzen für die christliche Jugendarbeit formuliert.

1. Wir müssen mehr Milieus erreichen!

„Kevin und Jaqueline kommen nicht vor in unseren frommen Jugendgruppen.“ Was wir schon lange geahnt haben, ist nun wissenschaftlich bestätigt. 89 Prozent der hochreligiösen Jugendlichen kommen aus der Mittel- oder Oberschicht. Die Soziologie teilt Menschen aufgrund von Herkunft, Schicht und Werten in sieben Gesellschafts-Milieus (Sinusmilieus) ein. Faix und Künkler stellen fest: „Nach Logik der Sinus-Milieus lässt sich die Mehrheit der evangelischen, hochreligiösen Jugendlichen irgendwo zwischen den bürgerlich-konservativen und den adaptiv-pragmatischen Jugendlichen verorten.“ Das bedeutet, dass uns nicht nur die materialistischen und sozial schwachen Jugendlichen fehlen, sondern auch die künstlerischen, verrückteren und sozialökologischen. Die christliche Jugend bleibt in ihrer Schicht und ihrem Milieu. Dies führt nicht nur zu einer einseitigen Sicht auf die Welt, sondern hat auch zur Konsequenz, dass immer mehr Jugendliche aus „nichtreligiösen“ Milieus keine christlichen Jugendlichen mehr kennen. Wir bleiben in unserer Blase. Offene Arbeiten, wie z. B. Jumpers oder viele CVJMs, gehen in die richtige Richtung. Aber, wo fördern wir die Jugendlichen, die nicht so sind wie wir, und senden sie direkt in ein anderes „Milieu“ aus?

2. Mehr Raum für Lobpreis!

Es mag einem passen oder nicht, aber in Fragen des Musikgeschmacks ist die junge Generation wählerischer und eindeutiger, als die Generationen zuvor. Die Schnittmenge des gemeinsamen Liedguts in der Gemeinde wird immer kleiner. Die Qualität der Musik spielt gleichzeitig eine wichtigere Rolle als früher. Das hat auch damit zu tun, dass der Lobpreis nicht mehr nur „musikalische Umrahmung“ der Predigt ist, sondern als eigenes Element mindestens gleichwertig neben der Wortverkündigung steht. Für Gemeinden bedeutet dies, die Liturgie stärker daran anzupassen und entsprechend Raum dafür zu schaffen – was für die meisten Jugendveranstaltungen schon selbstverständlich ist. Lobpreislieder sollen nicht einfach nur musikalisch begleiten, sondern stehen stärker für sich. Das bedingt eine wachsende „Professionalisierung“ der Musik und ganz neue Anforderungen an „Kirchenmusiker“, egal ob im kirchlichen oder freikirchlichen Bereich.

3. Wir brauchen Bibel-Liebhaber, die die Bibel ernst nehmen!

„Jugendliche lesen ja keine Bibel mehr!“ Diese Aussage ist falsch, denn 75,5 Prozent der hochreligiösen Jugendlichen lesen mindestens einmal die Woche in der Bibel. 27 Prozent täglich. Differenzierter wird es, wenn es um die Relevanz der Bibel für den Alltag geht. Bei den „Glaubensstärkeren“ ist sie nur auf Platz 6. Und noch eine Zahl überrascht: Nur 40 Prozent sagen, dass sie ihren Alltag nach der Bibel ausrichten. Das bestätigt die Erkenntnis, dass schwierige Bibelstellen Jugendliche abschrecken und von ihnen teilweise einfach ignoriert werden. Für ihre ethischen Entscheidungen spielen die Aussagen der Bibel oft eine geringe Rolle. Wir geben den Autoren recht, wenn sie schreiben „es braucht eine neue Begeisterung für die Bibel und vor allem ein Konzept, wie biblische Texte, besonders das Alte Testament, heute zu verstehen sind.“ Und wir ergänzen: Es braucht Jugendleiter und Hauptamtliche, die selbst von der Bibel schwärmen und sie benutzen. Es fängt bei uns an.

4. Jugendfreizeiten sind Glaubensstärker!

Jugendfreizeiten landen bei den Glaubensquellen auf Platz 4 noch vor Predigten und der Bibel. Bei den 14- bis 19-Jährigen sind sie noch weiter vorne. Auf Freizeiten treffen sich die Werte „Gemeinschaft“, „Lobpreis“ und „persönliche Glaubenserfahrung“, die von den Jugendlichen alle hoch bewertet werden. Es zeigt mal wieder, wie wichtig die gute alte Freizeit ist. Aber immer mehr Gemeinden scheuen den Aufwand und auch das Finanz- und Sicherheitsrisiko einer Freizeit. Auch viele Familien finden den Familienurlaub wichtiger als die Jugendfreizeit. Die bundesweiten Anbieter (SMD, crossover, Bibellesebund) und die lokalen Veranstalter bieten eine riesige Auswahl. Wir sagen: Weiter so! Mehr davon! Geld investieren! Mitarbeiten!

5. Das Bild von Gott muss um seine unbequeme Seite ergänzt werden!

Faven, liken, „gefällt mir“ klicken, im Bereich von Social Media gibt es eigentlich nur die Möglichkeit, eine Person oder einen Beitrag positiv zu werten. Oder eben gar nicht. Den berühmten Dislike-Button gibt es nicht. Eine negative, kritische Bewertung kann nur über einen Kommentar erfolgen. Dies mag einer der Gründe sein, warum die Aussage, dass Gott auch eine zornige und strafende Seite hat, so wenig Zustimmung findet. Zumindest passt es in das Schema: Gott ist der, der immer „liked“. Immerhin gibt es ein sehr stark ausgeprägtes Bewusstsein (97 Prozent) dafür, dass Gott die eigene Schuld sieht. Aber das hat scheinbar keine Auswirkung darauf, wie Gott auf den Einzelnen blickt. Hier sind wir in unserem theologischen Arbeiten herausgefordert, für Jugendliche Worte, Wege und Bilder zu finden, ein ganzheitlicheres Gottesbild zu vermitteln, das den liebenden und zornigen Gott, den nahen und den fernen Gott angemessen und verständlich beschreibt.

6. Das Wort „missionarisch“ muss neu gefüllt werden!

Darin herrscht gemäß der Studie weitestgehend Einigkeit unter den Hochreligiösen: Der Glaube an Jesus ist exklusiv und andere Religionen sind nicht einfach andere Wege zu einem ewigen Heil. Dazu gehört auch, dass der Glaube an Jesus in irgendeiner Form weitergegeben werden sollte. Aber an diesem Punkt entstehen dann die Unsicherheiten: irgendwie ja, aber definitiv nicht mit Zwang, unbedingt sensibel dem Anderen gegenüber und bloß nicht übergriffig. Der Studie kann man entnehmen, dass es tendenziell ein Ausrufezeichen zur Mission gibt, aber ein Fragezeichen was Form, Inhalt und Adressaten betrifft. Das Wort „missionarisch“ erzeugt deshalb ein gewisses Unbehagen. Gemeinsam mit dieser Generation müssen die Begriffe Mission und missionarisch in einer neuen, inklusiven Weise übersetzt, gefüllt und gelebt werden.

7. Grenzen zwischen den Konfessionen sind von gestern!

Grenz- bzw. Ausweiskontrollen gibt es fast nur noch am Flughafen oder bei Reisen in Länder außerhalb der EU. Grenzen haben in einer globalisierten Welt deutlich an Bedeutung für den Einzelnen verloren und werden subjektiv von uns kaum noch wahrgenommen. Ähnlich verhält es sich auch mit den „Grenzen“ zwischen Konfessionen. Ob Landes- oder Freikirche, EC oder CVJM, Methodisten oder Gemeinschaftsbewegung: Die Grenzen zwischen den verschiedenen Konfessionen werden immer unbedeutender. Im Vordergrund der eigenen „Verortung“ des Glaubens stehen weniger die spezifischen theologischen Lehrsätze als vielmehr die Frage nach der persönlichen Andockfähigkeit: Fühle ich mich an- und ernstgenommen, finde ich passende Freunde, fühle ich mich „zuhause“? Das Besuchen von Angeboten verschiedener Konfessionen, also die „Grenzüberschreitung“ beim Besuch von Gemeinden und Veranstaltungen, wird gar nicht mehr als solche wahrgenommen. Bemühungen, Verbands- und Gemeindeidentitäten zu stärken, die Zugehörigkeit zum „eigenen Laden“ zu betonen, müssen deshalb zunehmend hinterfragt werden und hinter einem gemeinsamen, übergreifenden Engagement zurücktreten.

8. Die Jugend ist total engagiert!

73 Prozent der hochreligiösen Jugendlichen engagieren sich mindestens einmal pro Woche (im Vergleich zu 47 Prozent bei allen Jugendlichen). Dieses Engagement findet größtenteils in der Gemeinde statt. Dabei sind ihre Beweggründe Spaß (92 Prozent), Helfen (85 Prozent) und Gemeinschaft (84 Prozent). Es zeigt sich: Wer motivierte Ehrenamtliche will, muss eine freudige Gemeinschaft formen. Anerkennung und Bestätigung sind ihnen nicht so wichtig. Demotiviert werden die Jugendlichen, wenn sie in ihrer Arbeit nicht angeleitet werden. Jugendliche sind der Motor der Gemeinde, besonders in der Kinder- und Jugendarbeit. Sie brauchen Räume zum Gestalten, ab und an eine Party und klare Ansprechpartner.

9. Der Hauptamtliche ist mehr Vorbild als er möchte!

„Hätte es den Hauptamtlichen nicht gegeben, wäre ich niemals hier. Und ich wäre niemals so lange hiergeblieben und hätte mich nicht so engagiert“, sagt ein Studienteilnehmer. Fast die Hälfte aller Jugendlichen kann sich vorstellen, hauptamtlich in der gemeindlichen Jugendarbeit zu arbeiten. Über den Pfarrberuf denken 13 Prozent nach. Die Wahrnehmung des Hauptamtlichen vor Ort bestimmt dabei direkt den eigenen Berufswunsch in diese Richtung oder auch den Wunsch, diesen Job gerade nicht zu machen. Immer mehr junge Hauptamtliche setzen auf Teamarbeit und wollen sich selbst „nicht so wichtig nehmen“. Diese guten Ansätze widersprechen aber teils dem jugendlichen Wunsch nach klarer Anleitung und authentischen Leitungs-Vorbildern.

10. Mehr Erlebnis- und Erfahrungsräume für Jugendliche!

Jugendliche verstehen sich als eigenständige Größe. Sie wollen Gegenwart und nicht nur Zukunft der Kirche sein. Sie wollen nicht nur konsumieren, sondern selbst auch produzieren. Nicht nur als Jugend den Gottesdienst für die Älteren gestalten, sondern in ihrer Form Glauben leben und feiern. Deshalb braucht es Formen der Mitbestimmung auf Augenhöhe sowie eigene Räume der Selbstgestaltung, um dem Glauben in eigener Sprache und Kultur Ausdruck zu verleihen. Jetzige Leitungen sollten bereit sein, solche Räume aktiv zu schaffen und gemeinsam neue Formen von Zusammengehörigkeit von Jung und Alt in einer Gemeinde bzw. von Gemeinde und Jugendarbeit zu denken und zu erproben.


Karsten Hüttmann (links) ist Bereichsleiter im CVJM Deutschland und erster Vorsitzender des CHRISTIVALS. Chris Pahl (rechts) war viele Jahre Jugendreferent und ist jetzt Projektleiter des CHRISTIVALS 2022.

Das Buch zur Studie gibt es hier.

4 DIREKT-KOMMENTARE

  1. „Grenzen haben in einer globalisierten Welt deutlich an Bedeutung für den Einzelnen verloren“ – ich verstehe, dass die Analogie etwas anderes verdeutlichen soll. Trotzdem „Autsch“ ob der Scheuklappen (oder des Zynismus?) gegenüber der Tatsache, dass Staatsgrenzen für die allermeisten Menschen auf der Welt eine harte Realität sind, die ihre Möglichkeiten einschränken und ihr Leben bestimmen. Viele viele Menschen sterben bei dem Versuch Staatsgrenzen zu überwinden, um vor Unterdrückung zu fliehen oder ihrem Leben eine Perspektive zu geben. Ja, für genau das Milieu von Jugendlichen, die in der Studie benannt werden, mögen Grenzen weniger Bedeutung haben. Über den Tellerrand geschaut, lässt sich das aber kaum sagen.

  2. Herzlich willkommen in der Realität der täglichen Jugendarbeit vor Ort.
    Keiner der 10 Punkte kommt mir neu vor 🙂
    ABER gerade deshalb ein großes Lob an die Autoren:
    Diese Studie verschriftlicht, was Praktiker schon lange wussten. Das hilft bei der Argumentation in Gremien, die Erkenntnisse aus der Praxis der Jugendarbeit auch schon mal als Einzelmeinung sehen.

    • Herzlichen Dank für das Feedback, das leiten wir gerne an die Herren Faix und Künkler weiter! VG, das Jesus.de-Team

  3. Die Studie enthält enthält wichtige Erkenntnisse, die aufhorchen lassen – auch mich, der ich mich eher nicht als evangelikal – aber doch für ganz entschieden christlich verorte. Wenn 89 % der Generation Lobpreis der Mittel- oder Oberschicht angehört, künstlerische, etwas verrückte sowie sozial- und ökologisch enga- gierte Jugendliche nicht erreicht werden, bleiben allerdings Fragezeichen.

    Als schon etwas älterer evangelischer Christ mit landeskirchlichem Stallgeruch behaupte ich Erstens: Jesus Christus ist für die Kranken, nicht für die Gesunden gekommen. Gemäß Bergpredigt sind die geistig bzw. geistlich Armen selig (die wissen, mit leeren Händen vor Gott zu stehen). Zweitens: Papst Franziskus wünscht sich eine arme Kirche (also eine nicht auf sich und ihre fromme Leistungen sowie äußeren Glanz selbstbezogene Institution). Und Drittens: Schwierige Bibelstellen schrecken ab (Bibeltexte müssen immer ausgelegt werden).

    Wir sind selbst die Botschaft

    Zutiefst bin ich davon überzeugt, dass eine Neuevangelisierung nicht nur unserer Gesellschaft, sondern vor allem unserer eigenen Kirchen und Gemeinschaften dringlich erforderlich ist. In der formalen Methode mag das auf pietistischer bzw. evangelikaler Seite anders als etwa an verschiedenen Stellen in beiden Volks-kirchen stattfinden. Dies ist aber nicht der entscheidende Punkt: Wir sollten die Botschaft des Evangeliums nicht ansehen wie eine Nachricht, die wir anderen wie der Postbote bringen. Wir sind selbst die Botschaft. Jesus-gemäss wäre eher – und damit auch eine Zumutung – mit und in den Milieus zu leben. Seit vielen Jahrzehnten ist Taize für junge Menschen ein Renner, weil man dort zusammen lebt, wenn auch nur für wenige Tage, gewissermaßen modellhaft. Genauso leben die Brüder in anderen Ländern einige Zeit mit in den Dörfern und Familien. Ein solches miteinander Wohnen muss heruntergebrochen werden auf die Möglichkeit, die christliche Gruppen und Institutionen realistisch haben. Das könnte dann allerdings heißen, dass der Ort unseres Christseins eigentlich mehr an den Rändern der Gesellschaft liegt, bei den sozial, kulturell, sprachlich und religiös Armen. Im gleichnamigen Gleichnis verlässt Jesus Christus die 99 Schafe, um das eine Verlorene zu suchen und er trägt es heim auf seinen Schultern. Es geht also um die, die Draußen sind, die in den Dornen und Disteln dieser Welt liegen. Die Botschaft dieses Bibelwortes liegt auch zwischen den Zeilen: Jemand der ein verlorenes Schaf sucht, wird das vielleicht eine ganze Nacht und einen ganzen Tag tun. Dies ist sehr mühsam und anstrengend.

    Wir brauchen die Künstlerischen, die etwas Verrückten und die sozial und ökologisch Engagierten

    Dass er das verlorene Schaf auf seinen Schultern nachhause trägt, predigt eigentlich die erforderliche Haltung. Es geht um Liebe, wenn wir auf andere zugehen und diese gewinnen möchten. Wir sollten Freude daran gewinnen, das Salz der Erde und das Licht der Welt zu sein. Wir brauchen die Künstlerischen, die etwas Verrückten und die sozial und ökologisch Engagierten. Dabei geht es nicht nur darum, sie dort wo sie stehen abzuholen, sondern mit ihnen am gleichen Strick zu ziehen. Es geht um gleiche Anliegen.

    Es gibt unterschiedliche Frömmigkeitsformen

    Es gibt so viele unterschiedliche Christen, Gemeinschaften, Kirchen, weil alle Menschen unterschiedlich sind. Wir müssen akzeptieren: Es gibt unterschiedliche Frömmigkeitsformen. Wenn wir das zurückführen auf unterschiedliche Glaubenserfahrungen und persönliche Vorstellungen von Gott, dürfte das eher Reichtum sein. So etwa, wie man sich vorstellen kann, dass im Gottes Garten ganz viele verschiedene bunte Blumen blühen. Die Gräben zwischen diesen Formen müssen verschwinden. Im übrigen glaube ich nicht, dass Gott Launen hat und zornig ist. Wenn Gott grenzen- lose Liebe und Weisheit verkörpert, wird er aber nicht alle unsere Wünsche erfüllen. Dies macht dann vielleicht uns selbst zornig. Das mich Gott erzieht, davon bin ich überzeugt.

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