Bild: pixabay

Kann die Wissenschaft heutzutage nicht fast alles erklären? Schließen sich Glaube und Wissenschaft nicht aus? Und wo bleibt da noch Platz für Gott? Wie der Dialog zwischen Glaube und Wissenschaft gelingen und beide Seiten bereichern kann.

Werbung

Die Auffassung, dass die Naturwissenschaft Gott immer mehr an den Rand drängt, ist ziemlich populär. Es sei längst bewiesen, so glauben viele, dass die Welt und das Leben ohne das Eingreifen eines Schöpfergottes entstanden seien. Die Entwicklung vom Niederen zum Höheren folge einer Gesetzmäßigkeit. Dazu brauche es keinen Gott. Und so denken nicht wenige, dass Glaube und Naturwissenschaft sich feindlich gegenüberstehen. Aber von einer Feindschaft kann nicht die Rede sein. Der Wissenschaftshistoriker Colin Russel meint: „Die verbreitete Auffassung, die tatsächliche Beziehung zwischen Religion und Naturwissenschaft sei während der letzten paar Jahrhunderte von tiefer und bleibender Feindschaft geprägt gewesen, ist nicht nur historisch unrichtig, sondern tatsächlich eine so groteske Verzeichnung, dass sich die Frage aufdrängt, wie es überhaupt möglich war, dass sie irgendein Ansehen erlangen konnte.“

Darwins Evolutionstheorie ursächlich für Gottesverneinung

Zwar gibt es Topwissenschaftler, für die der Glaube an Gott schlichtweg unnötig und absurd ist. Aber ebenso gibt es wissenschaftliche Schwergewichte, die durch die Wissenschaft eine Vertiefung ihres Glaubens erleben. Der Naturforscher Charles Darwin (1809 – 1882) entwickelte eine Theorie, nach der die Menschen durch einen Prozess natürlicher Auslese aus dem Tierreich hervorgegangen sind. Diese heute allgemein anerkannte Evolutionstheorie ist für viele naturwissenschaftlich interessierte Menschen der Hauptgrund dafür, die Existenz Gottes zu verneinen. Sie können sich für den Glauben nicht öffnen, weil sie durch ihre naturwissenschaftliche Bildung gar nicht erst auf die Idee kommen, an die Tür des Glaubens zu klopfen.

Grafik: Pixabay

Es gibt nicht nur die Möglichkeit „entweder Schöpfung oder Evolution – entweder man glaubt an die Schöpfung oder an die Naturwissenschaft“. Beides kann zusammengehen. Menschen, die an eine Schöpfung durch Gott glauben, sind keine Wissenschaftsignoranten, die sich vor den Erkenntnissen der Forschung in einem religiös ideologischen Elfenbeinturm verbarrikadiert haben (obwohl es das auch gibt).

„Ein Naturwissenschaftler, der seine Forschungsergebnisse für einen Beweis gegen ein Schöpfungswirken Gottes hält, maßt sich etwas an, wofür er nicht zuständig ist.“

Naturwissenschaft kontra Glaube?

Werbung

Ein Naturwissenschaftler, der seine Forschungsergebnisse für einen Beweis gegen ein Schöpfungswirken Gottes hält, maßt sich etwas an, wofür er nicht zuständig ist. Er überschreitet seine Kompetenz, wenn er das Wirken eines Schöpfers verneint. Selbst wenn wir alle Gesetze kennen würden, die zur Entstehung des Lebens geführt haben, ist die Frage, ob ein Gott schuf oder nicht, in keiner Weise beantwortet. Das heißt aber auch umgekehrt, dass aus dem Glauben keine naturwissenschaftliche Theorie gemacht werden darf, wie es beispielsweise der amerikanische Kreationismus versucht. Selbst wenn viele naturwissenschaftliche Erkenntnisse den Glauben bestätigen, kann eine Schöpfung durch Gott keine wissenschaftliche Theorie sein. Gott lässt sich nicht in die Kategorien menschlicher Wissenschaft stecken. Ich bin überzeugt, dass Glaube und Naturwissenschaft, Schöpfungsglaube und Evolutionslehre keine Widersprüche sind. Sie versuchen lediglich, sich der Wahrheit von verschiedenen Seiten anzunähern. Dass sich das Leben nach naturwissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten entwickelte, schließt nicht aus, dass ein Schöpfer dabei seine unendliche Kreativität wirken ließ, und umgekehrt. Der Naturwissenschaftler versucht, den Gesetzen auf die Spur zu kommen, der Glaubende dem Schöpfer.

Gott ist kein Lückenbüßer

Themenwoche HinweisGläubige Menschen erliegen immer wieder der Versuchung, das Wirken Gottes in dem anzusiedeln, was nicht erklärt werden kann. Das ist ein Irrweg. Das Wirken Gottes vollzieht sich nicht nur in dem, was wir nicht analysieren können, sondern gerade in dem, was wir logisch erklären und nachvollziehen können. Wenn es einen Gott gibt, der alles geschaffen hat, dann sind auch die waltenden Gesetze seine Kreation. Gott handelt mit den Naturgesetzen und durch sie, manchmal sogar gegen sie. Weil Gott Gott ist. Deshalb! Diesen Text hier hat kein Naturwissenschaftler verfasst, sondern ein Glaubender, der sich für Naturwissenschaften interessiert und in den Gesetzen das Wirken Gottes sieht.

Glaube und Naturwissenschaft

Die Aussagen der Bibel „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ und „Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde als Mann und Frau“ stehen in keinem Gegensatz zu den Erkenntnissen der Naturwissenschaft. Glaube und Naturwissenschaft widersprechen sich nicht, sie ergänzen einander, da sie ganz unterschiedliche Fragen stellen. Die Naturwissenschaft stellt die Wie-Fragen: Wie ist etwas entstanden? Das Jahrhundertgenie Albert Einstein (1879 – 1955) dazu: „Ich möchte wissen, wie Gott diese Welt erschaffen hat. Ich möchte seine Gedanken erkennen.“

Der Glaube stellt die Warum-Fragen: Warum ist etwas entstanden? Der Glaube fragt nach dem Grund, nach dem Sinn und nach dem Ziel des Seins. Beide, die Wie-Fragen und die Warum-Fragen, sind wichtig, und man darf sie nicht gegeneinander ausspielen. Naturwissenschaft ist nicht kompetent für die Warum-Fragen, wie der Glaube nicht zuständig ist für die Wie-Fragen.

„Der erste Trunk aus dem Becher der Naturwissenschaft macht atheistisch, aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott“

Werner Heisenberg
(Atomphysiker und Nobelpreisträger)

Der Physiker, Nobelpreisträger und Begründer der Quantentheorie Max Planck (1858 – 1947) sagte dazu: „Wohin und wie weit wir also blicken mögen, zwischen Religion und Naturwissenschaft finden wir nirgends einen Widerspruch, wohl aber gerade in den entscheidenden Punkten volle Übereinstimmung. Religion und Naturwissenschaft schließen sich nicht aus, wie heutzutage manche glauben und fürchten, sondern sie ergänzen und bedingen einander. Gott steht für den Gläubigen am Anfang, für den Physiker am Ende allen Denkens.“

Glaube und Wissenschaft sind kein Gegensatz

Allerdings begegnet mir oft eine Haltung, die Glaube und Naturwissenschaft in Gegensatz zueinander bringt. Christen, die an eine Schöpfung der Welt und des Menschen durch Gott glauben, werden als Naivlinge abgetan, die die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten hundert Jahre verschlafen haben. Es sei längst wissenschaftlich bewiesen, dass die Welt und das Leben ohne das Eingreifen eines Schöpfergottes entstanden seien, hielt mir eine Ostberliner Gymnasiallehrerin triumphierend entgegen. Wie das? Hier macht man eine naturwissenschaftliche Theorie unter der Hand zu einem Anti-Schöpfergott-Beweis.

Ich selbst musste in den 70er-Jahren in einer DDR-Schule lernen, eine Schöpfung durch Gott sei absolut ausgeschlossen, da sich leblose Materie durch Evolution, ohne das Wirken eines Schöpfers zu intelligenten Lebensformen entwickelt habe. Das sei wissenschaftlich bewiesen. Und wer noch irgendeinen Gott beim Werden des Lebens wirken lasse, der sei ein unwissenschaftlicher Spinner und ein unverbesserlicher Reaktionär. Hier wurde eine pseudowissenschaftliche Ideologie eingesetzt, um das Christentum lächerlich zu machen und zu eliminieren. Ein klarer Missbrauch von Naturwissenschaft, der Zuständigkeiten eingeräumt wurden, die sie nicht hat und nicht haben darf!

Bestätigt die Forschung der Zukunft die Religion?

Der französische Philosoph Jean Guitton sagte in einem Gespräch mit dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel: „Wer nicht besonders viel weiß, ist oft überzeugt, dass die Wissenschaft die Religion widerlegt. Wer hingegen wirklich viel weiß – ich denke an Menschen vom Range eines Albert Einstein, Max Planck … –, der sieht, dass er sich mit jedem weiteren Schritt einer Konzeption nähert, die der der Religion entspricht. Deswegen bin ich überzeugt, dass Forschung der Zukunft die Religion nicht mehr aushöhlen, sondern bestätigen wird.“

Bild: shutterstock / EtiAmmos

Auch im sogenannten neuen Atheismus werden Vernunft und Glaube gegeneinander ausgespielt. Noch aggressiver als damals in der DDR wird behauptet, dass der Glaube an eine Schöpfung durch Gott total absurd, dumm und schädlich sei. Das Leben habe sich durch allerlei günstige Zufälle von selbst entwickelt. Aus dem Sachverhalt, dass sich etwas allmählich entwickelte, den Atheismus zu begründen, ist Unfug. Als ob Gott nicht durch Evolution schaffen könnte!

Es gibt viele vernünftige und auch wissenschaftliche Gründe für die Möglichkeit einer Schöpfung durch Gott – ob mit oder ohne Evolution. Ich bin kein Naturwissenschaftler, aber ich höre auf die Argumente, die Naturwissenschaftler und Evolutionsbiologen nennen, die an Gott den Schöpfer glauben. Da Glaube und Naturwissenschaft zwar getrennt sein müssen, aber dennoch zusammengehören, wenn man das Ganze nicht aus dem Blick verlieren will, ist es nötig, naturwissenschaftliche Argumente zu nennen, die für eine Schöpfung durch Gott sprechen.


Alexander Garth ist evangelischer Theologe, Gründer der Jungen Kirche Berlin und seit 2017 Pfarrer an der Stadtkirche in Wittenberg.
Der Text oben ist ein gekürzter Abschnitt aus seinem Buch:

Warum ich kein Atheist bin: Glaube für Skeptiker

 

 

2 DIREKT-KOMMENTARE

  1. Die Evolution ist nach meinem Verständnis eine Theorie für die es keine Beweise gibt. Die angebliche Entwicklung
    zu Höherem und Besserem fußt auf dem Tod der Individuen und schließt Leiden mit ein. Diese Methode passt nicht zum Gott der Bibel, denn er ist ein Gott des Lebens.

  2. „Wenn es einen Gott gibt, der alles geschaffen hat, dann sind auch die waltenden Gesetze seine Kreation. Gott handelt mit den Naturgesetzen und durch sie, manchmal sogar gegen sie. Weil Gott Gott ist. Deshalb!“

    Naturgesetze sind keine Gesetze im juristischen Sinn, die ab dem Zeitpunkt gelten, wo sie erlassen werden, gegen die auch dann verstoßen werden kann, wenn sie in Kraft sind, und für die der Souverän, der sie erlassen hat, natürlich auch Ausnahmen beschließen kann.

    Naturgesetze sind vielmehr Beschreibungen von festgestellten Regelmäßigkeiten. Vorausgesetzt werden muss dabei, dass solche Regelmäßigkeiten ausnahmefrei existieren. Die Naturgesetze fassen eine Vielzahl von Einzelphänomenen in möglichst allgemeiner und konzentrierter Form zusammen, meist mit Hilfe mathematischer Formeln. Naturgesetze können falsifiziert werden, wenn in einem wissenschaftlichen Experiment ein einziges Phänomen festgestellt werden kann, zu dem das bestehende Naturgesetz nicht passt. Dies bedeutet dann nicht etwa, dass das Naturgesetz mit einer Ausnahme weiter existiert, sondern dass die angenommene Regelmäßigkeit so überhaupt nicht besteht.

Comments are closed.