Tomáš Halík ist Soziologieprofessor und Religionsphilosoph. Im Kirchenmagazin 3E spricht er über Krisen, Glaubenszweifel und verrät, warum er lieber mit Paulus als mit Friedrich Nietzsche einen Kaffee trinken würde.
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3E: Sie sprechen sehr gut Deutsch! Wie sind Ihre Verbindungen nach Deutschland?

Halík: Ich habe nie eine längere Zeit in der DDR verbracht, sondern das Land nur viermal besucht. In Erfurt wurde ich heimlich zum Priester geweiht und habe dann einige Wochen in einem Kloster verbracht. Bei uns in der damaligen Tschechoslowakei waren diese ja in den 50er-Jahren geschlossen worden. Diese Orte waren für mich Paradies, Insel und Rückzugsort zugleich. In den Bibliotheken habe ich Tage und Nächte am Stück verbracht, um die theologische Literatur zu studieren, die es bei uns nicht gab.

Und wie ging es nach der politischen Wende weiter?

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Ich war 20 Jahre lang jeweils drei bis vier Wochen Gast in der Einsiedelei im Rheinland. Dort habe ich alle meine Bücher geschrieben. Dort herrschte einfach absolute Ruhe!

Ihre Autobiografie zeigt, dass Ihr Herz für eine lebendige Kirche schlägt…

Richtig! Als 18-jähriger Mann entdeckte ich das Christentum intellektuell, ästhetisch und politisch. Was mir da allerdings noch fehlte, war die menschliche Erfahrung.

Was meinen Sie damit?

Die Kirche war in der CSSR total aus dem öffentlichen Leben verdrängt. Dann begegnete ich in Prag einem Pater, der mich faszinierte. Er war eine großartige Persönlichkeit, hatte viele Künstler und Studenten als Freunde. Seine Predigten atmeten Originalität und Humor. In ihm erlebte ich das erste Mal eine Kirche mit menschlichem Antlitz, eine Kirche, die meiner Generation etwas zu sagen hatte.

Dann kam 1968 der „Prager Frühling“…

In diesen bewegenden Monaten lernte ich Theologen kennen, von denen manche 15 Jahre in Gefängnissen verbracht hatten. Diese Zeugen des Glaubens waren nicht verbittert, hatten Humor und große Herzen. Das hinterließ bei mir ungeheuren Eindruck. Sie hatten alle einen Traum von einer armen, ökumenischen und brüderlichen Kirche jenseits der Macht.

Sie haben sich dann der Untergrundkirche angeschlossen. Was haben Sie dort gelernt, was Ihnen heute noch nützlich ist?

Das Christentum ist eine Religion der Inkarnation, der Menschwerdung. Der Glaube muss in der Gesellschaft, in der Kultur verkörpert werden. Genau dies habe ich erlebt. Die Untergrundpriester hatten einen zivilen Beruf. Diese Verbindung von priesterlichem Dienst und gewöhnlichem Leben hatte etwas Anziehendes. Sie verkörperte Stärke und einen Sinn für Gemeinschaft.

Wenn der Glaube wirklich lebendig ist, gehören Krisen, dunkle Nächte und Momente der Verlassenheit dazu.

Wie war das praktisch spürbar?

Durch Nähe! Die Nähe zu den Menschen machte sie zu etwas Besonderem. Es war keine Kirche, die sich durch Äußerlichkeiten auszeichnete und mit Geboten und Verboten von sich Reden machte. Es gab keinen Klerikalismus, den Papst Franziskus übrigens für eine wesentliche Ursache der Missbräuche in unserer Kirche hält.

Eines Ihrer bekanntesten Werke ist das Buch „Geduld mit Gott“. Wo waren Sie in letzter Zeit ungeduldig mit Gott?

Wenn der Glaube wirklich lebendig ist, gehören Krisen, dunkle Nächte und Momente der Verlassenheit dazu. Wir müssen diese Phase auch mit Vertrauen durchwandeln. Dafür braucht es Geduld. Und diese Eigenschaft müssen wir uns erkämpfen. Zum Christentum und zur Nachfolge gehören das Kreuz und der Schrei: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Hinzu kommt aber auch die Auferstehung! Diese besteht jedoch nicht aus der Rückkehr in die Vergangenheit. Im Gegenteil: Der Auferstandene ist transformiert. Mit dem Buch möchte ich Menschen Mut machen, ihre Fragen in ein Gebet zu verwandeln und auf Veränderung zu vertrauen. Glaube, Hoffnung und Liebe sind in diesem Zusammenhang drei Möglichkeiten, die Verborgenheit Gottes zu ertragen.

Sie werben für eine suchende Kirche. Was steckt dahinter?

Tomáš Halík
Tomáš Halík (Foto: Kirchenmagazin 3E / Ulrich Mang)

Glaube ist kein Besitz, keine Ideologie, keine vollständige Antwort, sondern ein Suchen. Die Sicherheit des Glaubens und die Klarheit des Glaubens sind ein Ziel. Unsere Hoffnung ist, dass wir die Irrungen und Wirrungen, die Geheimnisse des Glaubens einmal in den Armen Gottes verstehen! Aber hier in dieser Welt bleiben wir eine Gemeinschaft der Pilgernden. Bis zum Ziel gehören Momente des Zweifels untrennbar zu einem lebendigen Glauben und damit auch zu einer suchenden Kirche. Jesus nimmt seine Jünger und gelegentlich auch uns auf Berge der Verklärung, aber er schickt sie und uns eben auch wieder runter auf den Weg.

Und was bedeutet das für die Praxis?

Wir sollten nicht immer die einfachsten Antworten anbieten. Es gibt einige Fragen, die sind so gut, die sollte man nicht mit Antworten verderben. (lacht)

Sie bezeichnen die beiden Begriffe „Glaube und Zweifel“ als Geschwisterpaar. Was meinen Sie damit?

Glaube ohne kritische Fragen, ohne Zweifel kann zu einem Fundamentalismus führen. Aber auch Zweifel ohne Urvertrauen können zu Bitternis, Pragmatismus und Zynismus führen. Glauben und Zweifel brauchen einander. Der Stachel des Zweifels hält mich persönlich wach und lebendig.

Wir sind als Kirche nicht nur für die Gläubigen da.

Wie gehen Sie mit Glaubenskrisen um?

Ich habe keine Angst vor Krisen. Sie gehören zum Leben des Glaubens. Und genau diese Fragen teilen wir mit den Suchenden.

Einmal angenommen, Sie kommen in Prag in ein Café: Dort sitzt an einem Tisch Friedrich Nietzsche und an einem anderen der Apostel Paulus. Wo würden Sie Platz nehmen und mit wem ein Gespräch führen?

Das ist ein wunderschönes Angebot! Die Wahl fällt mir schwer. Beide sind wertvolle Ansprechpartner. Ich würde Paulus nehmen. (nachdenklich)

Wieso nicht Friedrich Nietzsche?

Ich halte Paulus für aktueller. Er hat das Christentum herausgeführt aus einer jüdischen Sekte hinein in einen freien Raum, in eine Religion für ein ganzes römisches Weltreich. Ich finde nämlich, dass wir gegenwärtig in einer ähnlichen Zeit leben. Wir sind herausgefordert, den christlichen Glauben aus den Begrenzungen und den verkrusteten Strukturen der Kirche herauszuführen. Wir sind als Kirche nicht nur für die Gläubigen da, sondern auch für die Suchenden. Zu den Suchenden können wir nur als Suchende kommen, eben nicht von oben.

Was braucht es dafür?

Eine normale Sprache und Menschen, die ihren Glauben bezeugen, die aber auch Respekt vor und Dialogfähigkeit mit dem Glauben sowie den Lebenseinstellungen der anderen Menschen mitbringen.

— Teil 2 des Interviews mit Tomáš Halík veröffentlichen wir morgen (27.3.) —


Die Fragen stellte Ulrich Mang, Redaktionsmitglied der Zeitschrift 3E. Mit seiner Familie lebt er in Halle/Saale.

4 DIREKT-KOMMENTARE

  1. Ja, Glaube ist nicht erklärbar – er ist undefinierbar…
    Christen können nur verkünden, bezeugen – nicht überzeugen. Aber wer sucht der findet!
    Laut bekannter Kirchenväter, Theologen, Philosophen und anerkannten Heiligen, ist zwischen der Geistigen-transzendenten Welt – und der Sinnes – Welt, ein unüberwindbarer Abrund, der nur aus Gnade überbrückt werden kann.
    Es gibt jedoch immer einen konkreten Weg…

      • Was erschüttert dich daran?

        Mich erschüttert die Gottlosigkeit, die emotionale und psychische Gewalt und Verwahrlosung, die sich in unseren Familien immer mehr ausbreitet. Da ich täglich mit Jugendlichen arbeite kann ich das sehr gut beobachten. Und nein, keine einzige dieser Familien ist gläubig. Wenn doch, fällt das direkt positiv auf.

        • Warum muss sich ein anständiges Handeln auf eine Religion berufen? Warum muss der Herrgott bemüht werden, um ein menschenwürdiges Tun zu erklären? Brauchen sie den christlichen Gott, um sich rühren zu lassen vom Leid anderer? Vermutlich nicht, den viele, die keine Christen sind, lassen sich ebenfalls rühren. Aus der simplen Überzeugung heraus, dass andere ein gräuliches Schicksal trifft.
          Und dass Hilfe vonnöten ist. Ist es nicht ein Armutszeugnis, wenn man erst mittels „höherer Instanz“ zur Anteilnahme bereit ist? Also man nicht um der Menschen willen, nein, erst um Gottes willen eingreift?
          .

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