Nicht selten beginnt der Glaube an Gott mit einem Umkehr- oder Bekehrungserlebnis. Wir fühlen uns stark. Aber wie übersteht unsere Gottesbeziehung persönliches Leid, Angst und Bedrängnis? Christel Eggers erzählt von Erfahrungen in drei existenziellen Lebenskrisen.

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Bei meiner ersten Lebenskrise war ich jung, 25. Mein erstes Kind starb kurz nach der Geburt. Warum, Gott? Gott schwieg – und mein Kinderglaube zerbrach. Ich musste mich ganz neu auf einen Entscheidungsprozess einlassen: Will ich noch mit diesem (grausamen) Gott leben? Gibt es ihn oder ist doch alles nur blindes Schicksal? Gott schwieg weiter. Aber am Ende eines 12-jährigen Heilungsprozesses hatte ich etwas gewonnen. Eine felsenfeste Einsicht: Es ist nicht meine Kraft, die meinen Glauben hält. Ich kann nicht für mich garantieren. Da braucht nur der Hahn zu krähen … Es ist Gott selbst, der mich hält. Es ist mein Jesus, der mich durchbringt. Seine Kraft reicht für mich. Seine Kraft reicht über den Tod hinaus. Er hat ihn besiegt.

In meiner zweiten schweren Krise, die über dreieinhalb Jahre dauerte, war Gott ganz nah. Ganz nah. Eine Frau, die ich freundschaftlich begleitet hatte, griff mich überraschend tätlich an, verfolgte mich. Schuf dauerhafte Unsicherheit. Hier erlebte ich Gott immer wieder als den Gegenwärtigen. Als den Tröster, auch wenn fragwürdige Umstände eintraten. Als den, „der mich sieht“. Als den, der mich nicht fallen lässt. Als den, der handelt. Nicht unbedingt, wann ich das für richtig hielt, aber zu seiner Zeit. Nicht, dass diese Zeit fraglos oder leicht gewesen wäre. Im Gegenteil. Aber am Ende dieses Geschehens hatte ich etwas gewonnen. Eine felsenfeste Einsicht: Es gibt ihn. Wirklich. God is for real.

Meine dritte Krise ist meine Corona-Erkrankung. Noch wage ich nicht zu schreiben „war“, denn ich weiß nicht, ob sie wirklich schon vollkommen vorbei ist. Ob ich wieder ganz geheilt bin. Das Ding ist ja neu, Langzeitwirkungen noch unerforscht. Erst kam in Folge eines Kontakts im Vorfeld des Willow-Kongresses der Husten, am Abend nur eines Tages fühlte sich meine Lunge an wie rohes Fleisch. Die Frage war, wie ich den nächsten Tag, einen Sonntag, überstehen würde. Doch am Sonntag war es ruhiger. Es schien, als habe das Virus sein Werk der Zerstörung getan und bereite sich nun auf den nächsten Angriff vor. Am Montag hatte ich heftige Kreislaufprobleme und – gefühlt – einen Beinahe-Herzstillstand. Mit Fieber ging es in Wellen auf und ab, ein zweiter Test war negativ. Ein Grippetest auch. Keuchhusten auch. Meine Ärztin wollte ein Lungenbild. Ergebnis: beidseitige virale Lungenentzündung, zwei Covid-19 Tests nun positiv, acht Tage stationär im Krankenhaus auf der Isolierstation. Weitere Quarantäne zu Hause mit wackeligen Knien.

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Ich habe keine neue Einsicht gewonnen, aber mir ist etwas geschenkt worden: Ich durfte eine – und ich glaube, das Wort ist hier sehr angebracht – übernatürliche Ruhe erleben. Vom ersten Moment des Schocks an über die Unsicherheit und Angst der folgenden Tage: Was auch immer es war, ich hatte eine innere Ruhe, ich wusste, wie ich dem begegnen konnte, ich wusste, was jeweils als das Naheliegendste zu tun war.

Nur ein einziges Mal verlor ich in den sieben Wochen dieses gefühlsmäßigen Chaos und extremen Stresses die Fassung: An diesem „Angriff-auf- mein-Herz-Tag“ lag ich nur, konnte keinen Finger heben, weil ich das Gefühl hatte, dass mein Herz diese Anstrengung nicht mehr schafft. Durch die offene Tür hörte ich unten an der Haustür die Stimme meiner schwangeren Tochter und die hellen Stimmen meiner Enkelkinder, die uns Lebensmittel vor die Tür stellten. Da wurde ich doch überwältigt – in dem Wort steckt das Wort „Gewalt“ – von dem Gedanken, das kommende Baby nicht mehr sehen zu dürfen und nicht mehr teilzuhaben am Aufwachsen der Enkelkinder.

Standhalten lernen – für und durch Krisen

Was dazu beigetragen hat, diese innere Ruhe als kostbaren Schatz zu erleben, sind wohl die Erfahrungen aus den vorangegangenen Krisen, die Strategien, die ich gefunden habe, mit existenziellen Situationen umzugehen. Einige will ich hier nennen und ich bin mir sicher, dass Sie diese Liste ergänzen könnten:

Gegen die Angst: Musik, Liederbuch, Gesangbuch. Bibel, Losung, Gedichte. Das nutzte auch Jesus selbst: In seinen letzten Atemzügen am Kreuz birgt er seine Seele in alten, oft gehörten (oder gesungenen) Worten aus den Psalmen. Menschen über Generationen vor mir haben ausgedrückt, wofür mir gerade die Worte fehlen. Ihre Texte zu lesen kann manchmal geradezu befreiend sein.

Bei Panik: Lieder summen. Durch Summen wird die Atmung so positiv beeinflusst, dass die Panik weichen muss, ein rasendes Herz beruhigt sich. Beten – doch manchmal war ich so fertig, dass selbst das nicht mehr ging. Dann ein kleines Holzkreuz in die Hand nehmen kann helfen, wenn das bewusste Denken und Verarbeiten nicht mehr hilft, wenn ich nur noch „Jesus“ schreien oder mich ihm hinhalten kann – an dem kleinen Holzkreuz kann ich mich festhalten.

Dem Feind in die Augen schauen: Mir bewusst machen, dass ich Geschöpf bin – und dass es einen Schöpfer gibt. Ich habe nicht alles im Griff. Eine Freundin von mir wurde vor Jahren nach überstandener Krebserkrankung zu einem Interview gebeten, sie sei ja nun „Spezialistin beim Umgang mit dem Tod.“ Sie fand das kurios: „Wir müssen doch alle sterben, der eine nur früher als der andere!“ Mich also auch mit dem Tod beschäftigen, ihn nicht verdrängen. Das kann jetzt (nicht nur!) dran sein: Sind alle Beziehungen geklärt? Wen sollte ich anrufen, wem einen Brief schreiben, wo mich entschuldigen, wo um Vergebung bitten, wo sie gewähren? Wem eine Danke-Karte schreiben?

Dies ganz praktisch wirklich zu tun, ist nach meiner Erfahrung auch ein gutes (nebenwirkungesfreies) Schlafmittel: Mit jedem Stein, der aus meinem „Rucksack“ verschwindet, schlafe ich besser und leichter. Dinge in Ordnung bringen. Vielleicht habe ich manchmal auch, viel-leicht sogar als Erstes, in meinem Empfinden Gott etwas zu ver- geben? Wohl dem Menschen, der einen Freund, eine Freundin um Begleitung in diesem Prozess bitten kann. Ansonsten kann man einen Pfarrer, eine Pfarrerin, um Rat fragen.

Wer im Sturm fährt, muss die Segel reffen: Jeder Küstenbewohner weiß, dass ein Segelboot im Sturm unter vollen Segeln schnell kentert. Der Winddruck ist zu groß. Untergang droht. Die Segel müssen eingeholt werden, nur noch ein kleines Sturmsegel ist möglich. Übertragen heißt das, rasche Druck-Entlastung anzugehen in der Krise: Termine absagen, Aufgaben delegieren, Verantwortung abgeben: „Frag mich in einem Jahr noch mal!“ – Die Seele braucht Zeit, ein Sprichwort sagt „sie geht zu Fuß“. Therapeuten sagen, sie benötigt 18 Monate zur Selbstheilung nach einem erschütternden Ereignis.

Meine natürlichen Ressourcen nutzen: Schönes/Schön- heit einplanen. Spaziergänge in die Natur, eine Runde durch den Garten. Ein Konzert schauen oder einen Rundgang durch ein Museum – online oder live. Mir Blumen gönnen, Eis essen, das Gesicht einen Moment in die Sonne halten, musizieren, zeichnen, malen, was auch immer mir Freude gemacht hat – jetzt brauche ich noch mehr davon! Ganz viel. Einen Bücherstapel raussuchen mit Büchern, die ich „immer schon mal“ lesen wollte. Ruhen. Ausruhen. Mich mir selbst gönnen. Mich entäußern, Äußeres reduzieren, Raum schaffen dafür.

Eine wesentliche Hilfe (auch von Therapeuten empfohlen) ist das Journaling, das Tagebuchschreiben. Meine Gedanken und Gebete festhalten. Mein Tagebuch ist kein tägliches! Der Name „Tagebuch“ sollte mich nicht abhalten – es geht nicht unbedingt um eine tägliche Übung, sondern um einen Ort, wo ich abladen kann. Mein Heft beschreibe ich immer nur auf der rechten Seite. Die linke Seite bleibt frei für spätere Ergänzungen. Mir hilft das ganz wesentlich zu sehen, welchen Weg ich schon hinter mir habe, wo sich Muster wiederholen; hilft mir, mich zu reflektieren und hält mir vor Augen – leider! – wie undankbar ich oft bin. So viele erfüllte Gebete! Ich werde wieder erinnert an die Wahrheit, dass Dankbarkeit der Wächter ist am Tor meiner Seele gegen die Kräfte der Zerstörung. Also notiere ich in schweren Zeiten drei Dinge am Tag (manchmal auch nur innerlich), für die ich dankbar bin.

Sinnlich glauben: Als evangelisch geprägter Mensch habe ich gelernt, dass katholische Geschwister eine Tradition sinnlicher Glaubenserfahrungen vermitteln können, die wir im Lauf der Kirchengeschichte über Bord geworfen haben. Rituale können nach meiner Erfahrung in jeder Denomination zu Elementen eines magischen, technischen Glaubensverständnisses werden, wenn sie entleert und sinnlos praktiziert werden.

Für mich entdeckt aber habe ich schon in meiner zweiten Krise das Ritual des Bekreuzigens – ich war also schon geübt, als ich im Krankenhaus meinen Abendsegen nach dem Zähneputzen praktizierte: Ich sitze auf der Bettkante, bekreuzige mich und sage laut diese drei Sätze: „Ich gehöre nicht Corona. Ich gehöre nicht mir selbst. Ich gehöre Jesus!“ Der über-natürliche Friede, der sich daraufhin in mein Herz senkte, half mir, gut einzuschlafen. Laut ausgesprochen auch gegenüber übernatürlichen Mächten. Für mich war das gleichsam ein „versiegeln“ von Körper und Seele. Welch ein Geschenk! Bekreuzigen: Mit Zeige- und Mittelfinger berühre ich nacheinander Stirn, Bauch, linke und rechte Schulter. Oder auch: Die Finger nass machen und ein Kreuz auf meine Stirn zeichnen. Das macht mir bewusst, dass ich durch Jesu Tod hindurchgetauft bin in das ewige Leben. Jeder mag bei „Corona“ das einsetzen, was ihm persönlich zusetzt.

Als mein Mann mich abholte aus dem Krankenhaus und wir eine Runde durch unsere kleine Stadt fuhren, waren – anders als sonst um diese Zeit – kaum Menschen zu sehen. Gespenstisch. Richtig gruselig. Ich denke, diese Corona-Auszeit hat noch einmal ganz neu vor Augen geführt, wie sehr der Mensch ein Gemeinschaftswesen ist, „erst am Du zum Ich wird“, wie Martin Buber es sagt. Und als Gottes Ebenbild sind wir das ja eben auch. „Lasst uns Menschen machen.“ heißt es in der Bibel, nicht „ich will Menschen machen.“ Gott ist ein Gemeinschaftswesen. Dreieinig. Wundervolles Geheimnis.

Darum sagt Dietrich Bonhoeffer, dass manchmal „das Wort des Bruders stärker als der Christus im eigenen Herzen“ ist. Wir brauchen Freunde, um im Glauben standzuhalten. Freunde, die mir einen Gruß zukommen lassen. Ein Lied für mich singen. Nach mir fragen. Eine Karte schreiben. Blumen schicken. Für mich beten. Wohl dem Menschen, der zur rechten Zeit in den Schatz von Freundschaft und Beziehung investiert hat. Dann hat er in der Not.

Christel Eggers ist Redakteurin der Zeitschrift AUF­ATMEN, Mutter von vier erwachsenen Kindern und lebt mit ihrem Mann in Cuxhaven, wo sie zur Lebensgemeinschaft „WegGemeinschaft“ gehört. Mehr über Lebenskrisen bei: www. trauma­overcome.com


Aufatmen 3_20 CoverDies ist die gekürzte Version eines Artikels, der zuerst in der Zeitschrift AUFATMEN erschienen ist. Sie wird vom SCM Bundes-Verlag herausgegeben, zu dem auch Jesus.de gehört.

 

 

 

 

3 DIREKT-KOMMENTARE

  1. Gott schweigt nicht wirklich

    Christel Eggers gibt ein wunderbares Glaubenszeugnis ab. Die biblische Überlieferung berichtet durchaus auch vom schweigenden Gott. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass er als Schatten über unserer rechten Hand alle Macht hat im Himmel und auf Erden. Und er ist ein großer Gott, denn er schuf ein faktisch unendliches Universum und kümmert sich doch wie eine gute Mutter und ein fürsorglicher Vater um mich und meine vergleichweise minimalistischen Probleme. Der Schöpfer aller Dinge ist auch der beste Arzt des Universums. Im JaHr 2013 träumte ich in der Nacht, es stände jemand an meinem Bett und forderte mich fast ultimativ auf, schon am nächsten Tag zu meiner Ärztin zu gehen: Ich hätte eine schlimme Erkrankung. Tatsächlich stellte sich heraus, dass ich an der linken Niere ein symptomloses Onkozytom hatte, noch halb gutartig, wenn es bald operativ entfernt wird. Fünf Stunden dauerte die Operation. Ich habe es nach meiner Genesung überall weiter erzählt und mich im Zeugnisgeben wieder neu eingeübt. Gott ist Liebe. Und so habe ich ihn in meinem 70jährigen Leben oft erfahren. Dankbarkeit halte ich für ausserordentlich wichtig, wenngleich ist damit oft sparsam gegenüber Gott damit umgehe.

  2. Danke für diese alltagstauglichen Hilfen, liebe Christel! Mein Corona war bei weitem nicht so dramatisch und bedrohlich, aber als mir die Luft knapp wurde, habe ich mich nicht unter Stress setzen lassen mit Vorhaben, was ich alles noch gerne erledigen würde, sondern ganz grundsätzlich: Bin ich eigentlich jetzt schon bereit, zu gehen? Kann ich alles loslassen? Woran hängt denn mein Leben? Ein Satz aus einem Lied ist die Antwort: Er kämpft meine Kämpfe! Du kämpfst meine Kämpfe! Das hat mir eine ungeheure Gelassenheit geschenkt, die letztlich auch meine Resilienz befeuert hat. Er war mir so nah und hat mich das spüren lassen, einfach nur Gnade und sonst nichts!
    Auch für mich ist meine katholische Herkunft hilfreich – weniger solche Rituale, sondern Bibel, Psalmen, eine Tagesstruktur mit Stundengebet (auch Lothar Krauss hat ja an dieser Stelle dafür geworben). Und was wir in den Anfangszeiten der Pfingstbewegung in der kath. Kirche gepflegt haben und was anscheinend etwas verloren gegangen ist: Beim Gebet der Lebensübergabe gibt es nicht nur den Dank dafür, dass ich auf der Welt sein darf, sondern auch „ich nehme meinen Tod aus Deinen Händen an“. Das zu erinnern und immer mal wieder neu auszusprechen – nicht nur in schlechten Tagen, sondern auch in guten – ist für mich eine große Hilfe, nicht zu verzweifeln und in Depressionen abzusacken. „Quasi morientes, et ecce: Vivimus!“ steht an der Klausurtür der Benediktinerinnen-Abtei Varensell. Wir sind wie tot, und dennoch leben wir (2. Kor. 6, 9)! Paulus schreibt im Knast das 8. Kapitel des Römerbriefs. Der Lübecker Märtyrer Johannes Prassek schreibt in der Todeszelle am 21.02.1943: „Als Menschen haben wir nur das eine, uns allerdings immer wieder so Unbegreifliche zu tun: Uns IHM überlassen, bedingungslos, kompromisslos, ohne alle menschlich-natürlichen Sicherungen und Wenn und Aber, uns einfach in das große Abenteuer GOTT fallenlassen, auch, wenn es ungewohnt, auch wenn es würdelos, auch, wenn es Wahnsinn scheint, und alles das mit unerschütterlicher Sicherheit, und kindlich-vertrauender Selbstverständlichkeit.“ Ich darf das jetzt noch ein bisschen weiter üben – Danke, Papa!

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