Fußspuren Sand Strand
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Stefan Seibel setzt als Gemeindepastor auf Jüngerschaftskurse, damit Menschen in der Nachfolge Jesu Christi nicht stehenbleiben. Im Gespräch erklärt er, was das mit Leiterschaft zu tun hat und warum man als Gemeinde stets die Frage „Was kommt danach?“ stellen sollte.

Stefan, was bedeutet „Jüngerschaft“ für dich?

Meine persönliche Definition von Jüngerschaft ist: gemeinsam von Jesus zu lernen. Darin sind zwei Werte enthalten: gemeinsam und lernen. Und in der Mitte steht Jesus Christus. Es geht nicht um uns. Jesus Christus sagt: „Kommt her zu mir … und lernt von mir!“ Er ruft mich in seine Nähe, wo ich bedingungslos geliebt bin und nichts leisten muss. Diese Nähe verändert mich. Jüngerschaft ist also ein andauernder Veränderungsprozess, in dem ich Jesus immer ähnlicher werde.

Du bist Pastor der Freien evangelische Gemeinde in Koblenz. Ihr bietet einen Jüngerschaftskurs an: „Follow-Up“. Wie läuft der praktisch ab?

„Follow-Up“ findet mittlerweile zum achten Mal statt und war jedes Mal anders als zuvor. Im Wesentlichen geht es um Themen, die man mit den Stichworten „Selbstleitung“ und „Selbstwahrnehmung“ beschreiben könnte. Es setzt inzwischen allerding vermehrt auf die Themen Identität und Autorität in Christus.

„Jüngerschaft ist ein andauernder Veränderungsprozess,
in dem ich Jesus immer ähnlicher werde“

Methodisch war es über weite Strecken so, dass wir uns alle vier Wochen zu einem Seminarabend getroffen haben. Die Teilnehmer waren darüber hinaus in Zweier- bzw. Dreiergruppen eingeteilt, die sich zwischen den Seminaren getroffen und sich gegenseitig in der Umsetzung und Anwendung des Gehörten begleitet haben.

Stefan Seibel (Bild: Zimpfer)

Reicht es nicht, wenn man einen Glaubenskurs anbietet oder besucht?

Glaubenskurse sind eine super Sache. Es ist gut und wichtig, die Grundlagen unseres Glaubens zu kennen und verinnerlicht zu haben. Die Lehre ist sogar ein ganz wesentlicher Bestandteil der Jüngerschaft. Glaubenskurse machen aber nur die Hälfte von dem aus, was eine Jüngerschaftsausbildung beinhaltet. Ein Jüngerschaftskurs vertieft meine Beziehung zu Gott und schleift meinen Charakter.

„Jüngerschaft und Leiterschaft gehören untrennbar zusammen“

Wie seid ihr als Gemeinde darauf gekommen, einen Jüngerschaftskurs anzubieten?

Es gab eine Art Schlüsselmoment: Als wir die Wichtigkeit von Leiterschaft erkannt haben. Jede Gemeinde braucht gute und charakterstarke Leiter. Und die fallen nicht fertig vom Himmel, sondern die müssen wir ausbilden. Jüngerschaft und Leiterschaft gehören untrennbar zusammen. Jesus hat seine Jünger dahingehend ausgebildet, dass sie anschließend wiederum andere zu Jüngern machen konnten.

Habt ihr „Follow-Up“ selbst entwickelt oder habt ihr andere Quellen angezapft?

Wir haben es selbst entwickelt, dazu aber auch andere Quellen angezapft. Es ist für mich nicht dasselbe, unsere Leute irgendwohin auf eine Schulung zu schicken – wie man zum Beispiel Jugendmitarbeiter auf eine Schulung des Bundes [Bund Freier evangelischer Gemeinden / Anmerkung der Redaktion] schickt – oder ob man einen permanenten Prozess vor Ort laufen hat. Jünger zu machen, ist der dauerhafte Auftrag einer jeden Ortsgemeinde.

Gehört der Kurs in eurer Gemeinde zum Pflichtprogramm?

Nein, dieser Kurs ist kein Pflichtprogramm. Wir haben ihn bisher nie offen beworben, sondern immer ganz gezielt Leute darauf angesprochen und sie dazu eingeladen. Wir haben ihnen erklärt, was wir in ihnen sehen und warum wir an dieser Stelle in sie investieren möchten.

Wenn ich mich in der Gemeindelandschaft umschaue, habe ich den Eindruck, Jüngerschaftskurse sind etwas für junge Leute. Brauchen die älteren Semester unter uns keine Jünger mehr zu sein?

Jüngerschaft ist keine Frage des Alters. Ausnahmslos alle Menschen sind gerufen, Jesus nachzufolgen, und bleiben es auch – ein Leben lang! Jesu Ruf lautet: „Lernt von mir.“ Und damit werden wir hier auf der Erde niemals fertig werden. Ich kenne etliche ältere Menschen, die in großer Treue Jesus nachfolgen und immer noch fragen, was er für sie hat, auch wenn sie nie einen Jüngerschaftskurs besucht haben. Vielleicht benutzen sie andere Begriffe wie z. B. Heiligung oder Frömmigkeit, Hingabe oder Demut. Ein Kurs allein macht noch keinen Jünger, sondern die tägliche Übung darin, Jesus nah zu sein.

„Jesu Ruf lautet: ‚Lernt von mir.'“

Das Format eines Jüngerschaftskurses ist aber vermutlich eher für junge Leute attraktiv. Ich selbst habe mit 23 Jahren einen Kurs gemacht, der ein halbes Jahr ging und mich auf vier verschiedene Kontinente gebracht hat. So etwas ist nur schwer umzusetzen, wenn man älter wird.

Eine Gemeinde möchte mit dem Gemeindeprojekt „42 Tage Leben für meine Freunde“ starten und dann einen Alpha-Kurs für Glaubenssuchende anbieten. Wie könnte daraus ein Jüngerschaftsprozess werden?

Ich würde ihnen raten, genau diese Reihenfolge einzuhalten. Alpha-Kurse sind eine super Sache, um Menschen mit dem Glauben an Jesus Christus bekannt zu machen. Ein Jüngerschaftskurs wäre dann eine Art „Beta-Kurs“, also etwas, das sich daran anschließt.

Bild: shutterstock / Carlos E. Santa Maria

Die Frage ist ja immer: Was kommt danach? Das ist eine Grundsatzfrage, die wir uns in unseren Gemeinden viel häufiger stellen sollten. Mein Eindruck ist, dass wir in der Regel ganz gut darin sind, Dinge zu tun und zu organisieren. Wir können Veranstaltung. Aber können wir auch Begegnung? Können wir Dialog und priesterliche Dienste? Wenn das allgemeine Priestertum sich nicht nur auf die Mithilfe bei Veranstaltungen beschränken soll, dann müssen wir unsere Leute darin ausbilden, ihre Identität in Christus zu erkennen und die sich daraus ableitende Autorität mutig einzusetzen.

Am besten geht so etwas natürlich, wenn die Gemeindeleitung es vorlebt. Und das wäre auch mein Tipp: Fangt im Leitungskreis damit an, euch mit Jüngerschaftsthemen zu beschäftigen. Denn Jüngerschaft und Leiterschaft sind zwei Seiten derselben Medaille.

„Jüngerschaft heißt immer wieder, Dinge zum ersten Mal zu tun“

Als Pastor ist man schnell auch „Berufs-Christ“. Wie hältst du in deinem Leben den Prozess der Nachfolge Jesu lebendig?

Das ist wie in der Schule: Wenn zu einem bestimmten Thema ein Referat zu halten war, dann hat immer derjenige am meisten davon profitiert, der es gehalten hat. Wenn ich anderen ein geistliches Prinzip erkläre, dann muss ich es selbst durchdacht und wirklich verstanden haben.

Außerdem treffe ich mich mit Menschen – nicht nur mit Christen –, um von ihnen zu lernen, wie ich ihnen das Evangelium von Jesus Christus kommunizieren kann, sodass sie es verstehen. Ein ganz wesentlicher Punkt sind geistliche Übungen. Ich selbst habe für mich festgestellt, dass ich ein Naturtyp bin, ein enthusiastischer und auch ein intellektueller Typ. Das sind meine Wege, Gott zu lieben. Das bedeutet, ich verbringe bewusst Zeit im Freien, höre Lobpreismusik und singe dazu, und ich lese, so viel ich kann.

Außerdem pflege ich gezielt Gemeinschaft mit anderen Christen, die schon etwas weiter sind auf dem Weg der Nachfolge als ich. Und ich versuche immer, Neues zu wagen. Denn Jüngerschaft heißt immer wieder, Dinge zum ersten Mal zu tun. Das wiederum bedeutet, dass ich Gott immer wieder ganz bewusst im Gebet die Kontrolle über mein Leben überlasse. Und dann bin ich gespannt, was er vorbereitet hat.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Artur Wiebe


Dieses Interview ist zuerst im Magazin „Christsein heute“ erschienen, das wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört.

Eine ausführlichere Fassung des Interviews gibt es hier (PDF).

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