Der Gnadauer Gemeinschaftsverband hat mit einem Gottesdienst in Marburg seinen Präses Michael Diener verabschiedet. Wegbegleiter würdigten ihn als Brückenbauer.

Werbung

Diener habe in die Diskussionen der evangelischen Kirche eine Stimme „von tiefer Christusfrömmigkeit geprägter Liebe“ eingebracht, sagte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, in seiner Predigt. Das, wofür Diener stehe, brauche man viel mehr, sagte Bedford-Strohm. Wenn er die Bilder der jetzt obdachlos gewordenen Flüchtlingskinder auf der griechischen Insel Lesbos sehe, frage er: „Wo sind die christlichen Wurzeln Europas geblieben?“ Diener hatte sich klar für die Seenotrettung auf dem Mittelmeer positioniert und unterstützt das kirchlich initiierte Bündnis United4Rescue.

Auch der Vorsitzende der Vereinigung evangelischer Freikirchen, Christoph Stiba, bezeichnete Diener als Brückenbauer. Die EKD-Präses Irmgard Schwaetzer wies auf seinen Einsatz für die Mission hin und lobte seine Fähigkeit, die verschiedenen Positionen innerhalb der Gemeinschaft zusammenzuhalten. Der Gnadauer Generalsekretär Frank Spatz erinnerte daran, dass Diener den Zukunftsprozess „Neues wagen“ im Verband angestoßen habe. Dieser solle in den nächsten drei Jahren fortgesetzt werden mit dem Ziel eines „geistlich-missionarischen Aufbruchs“. Insbesondere gelte es, die junge Generation zu gewinnen.

Diener warb für mehr Selbstkritik

Nach elf Jahren endete am 31. August die aktive Dienstzeit von Präses Michael Diener. Der Theologe hatte eine zunächst geplante erneute Kandidatur für eine dritte Amtszeit aufgrund von Kritik an seiner Amtsführung zurückgezogen. Diener, der auch dem Rat der EKD angehört, war in den vergangenen Jahren mehrfach in theologisch konservativen Kreisen in die Kritik geraten.

Werbung

Unter anderem warb er für mehr Toleranz gegenüber Homosexuellen und ermunterte evangelikale Christen zu mehr Selbstkritik. „Manche meinten, ich hätte mich verändert, um mich an die liberalere EKD anzubiedern. Dabei war ich immer schon beides: Mann der Kirche und Pietist“, so Diener. Er habe in seinem Verband vor allem einen zugewandten und zukunftsgewandten Pietismus erlebt. „Aber auch einen gesetzlichen, abgekapselten Pietismus und Formen von Biblizismus und Fundamentalismus, die ich für Sünde halte, weil sie der geschichtlichen Offenbarung Gottes widersprechen.“

„Meine Haltung zur Homosexualität hat sich verändert“

2015 hatte der Theologe in einem Interview mit einer Äußerung eine Debatte über den Umgang mit Homosexualität unter Pietisten und Evangelikalen ausgelöst. Diener hatte mehr Toleranz gegenüber Homosexuellen gefordert. Evangelikale Christen lehnen oftmals praktizierte Homosexualität ab, während in den evangelischen Landeskirchen bis auf eine Ausnahme sogar die Segnung homosexueller Paare möglich ist. „Ich kann sogar verstehen, dass das Interview einige Menschen innerhalb meiner Bewegung irritiert hat. Es wirkte so, als redete da einer in der Öffentlichkeit schlecht über seine eigenen Leute. Das war nie meine Absicht“, sagte Diener jetzt gegenüber dem epd.

Seine Haltung zur Homosexualität habe sich von 2011 an bis heute von einer völlig konservativen bis hin zu einer völlig offenen entwickelt, sagte Diener. „An mir kann man deshalb auch ablesen, wie schwer das für jemanden ist, der in diesen Fragen konservativ geprägt und erzogen wurde, diese Einstellung und die dahinterstehenden theologischen Positionen loszulassen.“ Er bedauere die Verletzungen und Verurteilungen, die er durch seine frühere Haltung homosexuellen Menschen zugefügt habe.

Die Auseinandersetzungen hätten auch Wunden hinterlassen, die Zeit zum Heilen gebraucht hätten, sagte Diener. „Ich habe mir danach Gedanken macht, wie wir innerhalb der Bewegung miteinander umgehen. Wieso missachten gerade diejenigen, die den Glauben so ernst nehmen, Grundsätze wie Nächstenliebe und Respekt vor der Würde des Anderen?“ Als Reaktion auf Dieners Aussagen hatte der Prediger Ulrich Parzany das theologisch-konservativ ausgerichtete „Netzwerk Bibel und Bekenntnis“ gegründet.

Michael Diener befindet sich seit Anfang November in einem Sabbatjahr mit viel Zeit zum „Reisen, Gespräch, Lesen, Atem holen, Orientieren“, wie er selbst sagt. Was er danach machen werde, wisse er aktuell noch nicht. Für die Nachfolge Dieners als Präses soll im Dezember ein Kandidat vorgeschlagen werden. Die Wahl sei für nächsten Februar geplant, so Generalsekretär Frank Spatz.


Der Gnadauer Verband mit Sitz in Kassel versteht sich als Dachorganisation des deutschsprachigen Pietismus und gilt als größte Laienbewegung in der Evangelischen Kirche in Deutschland. Seinen Namen hat der seit 1888 bestehende Verband nach seinem Gründungsort Gnadau bei Magdeburg in Sachsen-Anhalt. Der Pietismus gehört zu den großen geistlichen Strömungen und Reformbewegungen innerhalb der evangelischen Kirche. Als sein Begründer gilt der Theologe Philipp Jakob Spener (1635-1705).

2 DIREKT-KOMMENTARE

  1. Brückenbauen und friedlicher Streit notwendig

    Dass Ulrich Parzany ein Netzwerk Bibel und Bekenntnis gegründet hat, weil heute noch manche Chistinnen und Christen Homosexualität als Sünde anzusehen, ist das Gegenteil vom Bemühen auch und insbesondere von Michael Diener, Brückenbauer zu sein. Man kann die vorherrschenden Ansichten zur Zeit Jesu mit den heutigen Haltungen genauso wenig vergleichen wie zu den Zeiten von Abraham. Zu Zeiten Abrahams war es kulturell teilweise üblich – und auch notwendig – mehrere Frauen zu haben. Und heute gibt es ja nicht nur Männer die Männer oder Frauen die Frauen lieben, sondern Menschen in falschen Körpern, die zwei Geschlechter gleichzeitig in sich tragen oder keines (diverse). Eine von innerer Herzenswärme und Jesusliebe geprägte Frömmigkeit kann aber keine sein, mit der man sich gewissermaßen für allwissend hält. Wenn ich mir den überlieferten Jesus ansehe, seine Haltung zu allen Menschen, seine Bereitschaft mit den damals als unrein Empfundenen Tischgemeinschaft zu haben, niemand zu verurteilen sondern den Balken zunächst aus dem eigenen Augen zu ziehen, dann ist auch eine (evangelikale) Frömmigkeit notwendig, in der Christen mit durchaus unterschiedlichen Auffassungen in moralischen und ethischen Fragen friedlich konstruktiv streiten (lernen). Jesus hat die Ehebrecherin nicht verurteilt, weil er ihre Untreue kleinreden wollte, sondern weil jeder – wie wir es heute salopp sagen würden – auch seine eigenen Leichen im Keller hat. Ich wäre gerne evangelikal, wenn dies nicht allzu oft verbunden wird mit Moralismus statt Liebe. Die Wirklichkeit Gottes wird nicht geleugnet, wenn man weiß, daß Gotteswort immer Gotteswort durch Menschenwort ist. Sonst müssten wir auch glauben, daß nach Paulus – weil es in der Bibel steht – die Frau aber in der Gemeinde zu schweigen habe. Weil das Paulus sagte oder weil man es ihm in den Mund gelegt hat, wird kaum jemand dies heute für relevant halten. . Aber wir können der Realität Gottes immer in unserem Leben begegnen. Gott liebt alle Menschen und Jesus ist gegen die Sünde und für die Erlösung aller am Kreuz gestorben. Heißt es nicht so schön: Glaube, Hoffnung und Liebe, die Liebe aber ist die Größte unter ihnen. Gott ist so wie er es auch von uns erhofft, wenn man den 1.Korintherbrief im 13. Kapitel liest. Es gibt keine vom Glauben abgefallene EKD, sondern von der Liebe Christi abgefallene Menschen.

HINTERLASSE EINEN KOMMENTAR

Please enter your comment!
Bitte gib deinen Namen ein