Lange Jahre war Gofi Müller ein gefragter Jugendevangelist. Heute ist er Künstler, Autor, Hausmann, Podcaster und hat unterwegs den Glauben seiner Jugend umgekrempelt.

Von Anna Koppri

Gofis Geschichte ist lange sehr gewöhnlich, dann bemerkenswert evangelistisch und dann irgendwann nur noch bemerkenswert.
Gottfried wird 1970 als fünftes von sechs Pfarrerskindern in Bremen geboren. Sein Lebensumfeld ist eine große, evangelikal geprägte landeskirchliche Gemeinschaft, die von seinem Vater geleitet wird. Ganz natürlich wächst er in den Glauben seiner Eltern hinein. Die Pubertät zieht an ihm vorüber, ohne Spuren zu hinterlassen. Erst als junger Mann setzt er einen Fuß in „die Welt da draußen“ und ist überrascht, an der Uni in Bielefeld keine Stechuhr zu finden, die seine Anwesenheit überprüft. Er möchte Journalist werden, oder lieber noch Radio-DJ, und wählt ein Studium der Literatur zur Grundlage. Schnell beginnt er, die ungewohnte Freiheit zu genießen und holt seine Pubertät nach. Auch in den kommenden Jahren hängt er seinem eigentlichen Alter immer ein wenig hinterher.
Mit 27 verliebt er sich unsterblich und lässt nichts unversucht, seine Angebetete für sich zu gewinnen. Doch ohne Erfolg. Als ihm bewusst wird, dass dieses Mädchen zu seinem Lebensfokus geworden ist und er ansonsten keinerlei Orientierung hat, wendet er sich an Jesus: „Ich habe die ganze Zeit versucht, mich selbst glücklich zu machen, und jetzt wende ich mich an dich. Ich glaube dir, dass du mich glücklich machen willst und ’ne gute Idee für mein Leben hast. Ich bin offen für alles.“

Als Profi-Evangelist auf Tour

Als Antwort packt ihn eine große Begeisterung – fast wie ein vergeistigtes Verliebtsein – für die Person Jesus und lässt ihn seither nicht wieder los. Er hat den Eindruck, den Glauben zum ersten Mal richtig zu verstehen. Aus dem eher angepassten, ängstlichen Typen ohne große Emotionen sprüht auf einmal Begeisterung für Jesus. Stundenlang widmet er sich dem Bibelstudium oder macht Gebetsspaziergänge und fragt Gott um Weisung für sein Leben. Er stolpert in die Jugendarbeit vor Ort und findet sich zwei Jahre später als Jugendevangelist in Marburg wieder. Frisch verheiratet mit der Lehramtsstudentin, in die er sich zum Ende seines Studiums verliebt hat.
Die ersten Jahre gelingt es ihm wie von selbst, die Funken, die das lodernde Feuer in ihm auslösen, auf seine Zuhörer überspringen zu lassen. Er reist quer durch Deutschland von Event zu Event und lebt seinen Traum. Erst nach und nach beginnt er den Druck zu spüren, unter dem er steht. Den Druck, den er sich selbst macht, aber auch die Erwartungen, die an ihn als Profi-Evangelist gestellt werden. Nach wie vor genießt er es zu erleben, wie Menschen durch Gott Veränderung und Befreiung erfahren. Doch immer deutlicher merkt er, wie viel Kraft und Nerven ihn diese Arbeit kosten. Anfänglich noch von dem Traum beflügelt, einer müde gewordenen Kirche zu helfen, ein aufregender Ort zu werden, schwindet diese Hoffnung. Sein Glaube ist zu einer professionellen Angelegenheit geworden. Er beschäftigt sich mit Theologie, weil von ihm erwartet wird, Fragen zu beantworten. Eigene Fragen, die in ihm aufkeimen, werden verdrängt.

Erste Lebenskrise: Gofi passt nicht mehr in seine Gemeindeform

Als er mit seiner Frau zwei Söhne bekommt und bei beiden Autismus diagnostiziert wird, stürzt die Familie in eine tiefe Lebenskrise. Autismus ist einfach nicht kompatibel mit Menschenansammlungen und lauter Musik, weshalb sie bald an den Rand der christlichen Gemeinschaft gedrängt werden. Gofi erlebt nun, wie es sich anfühlt, nicht der charismatische Redner auf der Bühne zu sein, sondern jemand, der nicht ganz kompatibel mit dem Konzept Gemeinde ist. Die Familie zieht an den Stadtrand, um für die Kinder ein ruhigeres Umfeld zu schaffen.
Auch Gofis Gottesbild verändert sich in dieser Zeit. Aus der Frage: „Warum passiert das ausgerechnet mir?“ wird die Frage: „Warum sollte das gerade mir nicht passieren?“, was ihn und seinen Glauben reifen lässt. Ihm wird bewusst, dass er es ist, der sein Leben, mit allen Höhen und Tiefen, gebacken kriegen muss. Gott ist nicht mehr der liebe Papa, der ihn immer an der Hand führt und aufpasst, dass ihm nichts passiert. Nach acht Jahren als Evangelist, zunehmend müde geworden, gönnt er sich eine Auszeit, um über alles nachzudenken. Während er sich um den Haushalt und seine Kinder kümmert, wird ihm immer bewusster, was ihm an seiner Arbeit nicht gefällt: das Geflecht von Institutionen, Posten und Interessen, von dem er ein Teil geworden ist. Wie überall gibt es auch hier Hierarchien und unweigerlich Gewinner und Verlierer. Ist das wirklich die Art und Weise Gemeinde zu leben, wie Jesus sie vorgelebt hat?

Ausstieg. Neue Glaubensfreiheit.

2011 steigt er schließlich, nach elf Jahren und kurz vor einem Burnout, ganz aus der Arbeit aus und wird Hausmann. Seine Frau widmet sich ihrem Job als Lehrerin. Schon länger debattieren die beiden theologische Fragen am Küchentisch. Jetzt, da er sich nicht mehr von Berufs wegen in der Pflicht fühlt, Antworten zu liefern, erlaubt auch er sich, Fragen zu- und offen zu lassen. Dadurch gewinnt er eine ganz neue Freiheit im Glauben. Es gibt für ihn keine Fragen oder Antworten mehr, vor denen er Angst haben müsste. Überhaupt empfindet er es als absurd, vor Gott Angst zu haben. Er erlaubt sich sogar, infrage zu stellen, ob es Gott überhaupt gibt, und geht mit der tiefen Gewissheit aus diesem Prozess: „Gott liebt uns und hält uns fest in seiner Hand.“
Gott wird dadurch sehr viel größer und mysteriöser für ihn, wie er beschreibt: „Ich glaube, ich hatte Gott manchmal mit mir selbst oder meinem Vater verwechselt.“ Jetzt vergleicht er ihn eher mit der Betrachtung einer beeindruckenden Landschaft, die er nicht fassen kann.

Die Kunst: Schöpferischer Akt der Glaubensbeziehung

Da ein neues Umfeld für die beiden Söhne mehr Stress als Erholung bedeutet, bleibt die Familie in den Ferien häufig zu Hause. Eines sonnigen Feriennachmittags holt Gofi die alte Staffelei aus dem Keller und malt darauf mit seinen Kindern, wie richtige Künstler. Tief beeindruckt von der intuitiven, unverkopften Art seiner Jungs zu malen, versucht auch er ganz loszulassen. So befreit und glücklich wie an diesem Nachmittag hat er sich lange nicht gefühlt. Deshalb beschließt er, das Geheimnis der Malerei tiefer zu ergründen. Schon seit der Studienzeit ist Gofi kunstbegeistert und schreibt immer wieder Songs oder Gedichte. Jetzt, beim Spülmaschineausräumen oder Wäscheaufhängen, entwickelt sich immer mehr ein innerer Drang, künstlerisch tätig zu sein: „Ich wollte wissen, was es mit der Kunst auf sich hat, und rausfinden, ob das irgendeine Relevanz für meinen Glauben haben kann.“ In den kommenden Jahren stürzt er sich voll und ganz in die Malerei, schreibt einen Roman und nimmt mehrere CDs auf: „Für mich ist das mittlerweile die einzig mögliche Form zu leben. Ich gehe kaputt, wenn ich es nicht mache. In der künstlerischen Arbeit lebe ich irgendwie auf und gehe meinen Zielen nach. Ich habe plötzlich das Gefühl, ich bin sehr nah bei mir selbst.“

„Der Kunst wie auch Gott nähern wir uns mit der inneren Haltung: Wer bist du, wer bin ich und was passiert, wenn ich mich dir widme?“

Die Betrachtung von Kunst hat für ihn viel mit kontemplativem Gebet gemeinsam. Gofi ist überzeugt davon, dass Gott durch die Kunst zu uns spricht, egal, ob das einem Künstler bewusst ist oder nicht: „Der Kunst wie auch Gott, im kontemplativen Gebet, nähern wir uns nicht mit einem Anliegen, sondern eher mit der inneren Haltung: Wer bist du, wer bin ich und was passiert, wenn ich mich dir widme?“ Gofi ist überzeugt davon, dass in jedem Menschen künstlerisches Ausdrucksvermögen steckt und es sehr heilsam sein kann, dieses zu nutzen: „Kunstwerke reihen sich in die Welt der geschöpflichen Dinge ein. Damit hat Gott angefangen und wir machen ein bisschen weiter. Nicht so gut wie er, aber wir geben uns Mühe.“ Das heiße nicht, dass jeder Künstler werden muss, jeder fühle sich bei etwas anderem am wohlsten.

Bestätigen und verstören

Es hat eine Weile gedauert, bis Gofi sich selbst mit Überzeugung Künstler nennen konnte. Mittlerweile ist er davon überzeugt, dass es Quatsch ist, die Qualität von Kunst an ihrem Verkaufswert zu messen. Er findet: „Ein Künstler ist auch nur ein Bäcker oder KFZ-Mechaniker. Das ist keine großartige Berufung wie Prophet oder so.“ Er wolle nicht berühmt werden, sondern ist vielmehr begeistert vom Konzept des Community-Künstlers: „Es gibt eine Gemeinschaft von Leuten, die ihre Künstler kennt und schätzt. Vielleicht unterstützen sie die Künstler wirtschaftlich und sagen: Wir wollen, dass ihr das weitermacht, denn das, was ihr macht, brauchen wir.“

„Wir haben nichts angefangen, wir sind einfach zwei Rampensäue unserer Zeit, die sowas öffentlich machen.“

Kunst jeder Art kann Gofi erst dann genießen, wenn sie ihn irgendwie stört. Auch seiner eignen Kunst merkt man diese Elemente an. Außer dass er von Punk und Grunge geprägt ist, erklärt er: „Ich glaube, jedes gute Kunstwerk braucht eine Spannung aus subversiven und affirmativen Elementen. Das Affirmative ist das Bestätigende, was dich abholt und dir sagt, dass du die Dinge genau richtig siehst und glaubst. Die meisten Leute finden die reine Affirmation angenehmer. Ich glaube, das gute Kunstwerk hat immer auch subversive Elemente. Dinge, die hinterfragen, die etwas unterlaufen, von dem man glaubt, dass es steht. Worum ich mich in meiner Kunst und in allem was ich tue bemühe, ist, beiden Elementen Platz zu geben.“

Hossa Talk: Angstfrei denken ohne evangelikale Brille

Ende 2014 ruft Gofi zusammen mit seinem Freund Jakob Friedrichs (von Superzwei) den Podcast „Hossa Talk“ ins Leben. Die beiden ehemaligen Evangelisten diskutieren ganz offen verschiedenste Themen rund um den christlichen Glauben. Dabei bemühen sie sich, die Brillen ihrer evangelikalen Prägung abzulegen und keinerlei Fragen und Zweifel zu scheuen. Es geht nicht darum, Antworten zu finden, sondern verschiedene Perspektiven zu durchdenken.
Einigen Hörern gehen die beiden damit zu weit. Andere sind ihnen dankbar, dass sie so manche „heilige Kuh“ von ihrem Thron stoßen und enge Dogmen hinterfragen, die sich über Jahrhunderte christlicher Geschichte gehalten haben. Gofi erklärt das Interesse an „Hossa Talk“ damit, dass er ein Phänomen unserer Zeit ist. Den Menschen sei klar geworden, dass vieles wesentlich komplexer ist, als bisher angenommen. Mit einfachen Antworten auf schwierige Fragen sei nichts gewonnen. Das spiegele sich genauso in der Politik wie auch in der Theologie wider: „Wir haben nichts angefangen, wir sind einfach zwei Rampensäue unserer Zeit, die sowas öffentlich machen. Es wär ja verrückt, über all diese Fragen nicht offen zu reden, wenn sie doch auf der Straße liegen. Entweder man stellt sich diesen Dingen und kommt ins Gespräch oder man muss sich irgendwo einschließen.“

Hossa Talk
Foto: Privat

Mit einer Gruppe ihrer Hörer sind die beiden im Sommer 2018 schon zum zweiten Mal in Israel. Gofi lässt sich hier den Anfang des bekanntesten Gebets Jesu auf Aramäisch tätowieren: „Das ‚Vater Unser‘ ist für mich eine unglaubliche Verdichtung von allem, was unser Leben lebenswert macht. Was uns aber auch eine Richtung vorgibt, in die wir leben können. Unser Vater im Himmel heißt: Über uns steht einer und das ist unser Vater, der uns liebt. Sein Name werde geheiligt heißt: Das, wofür er steht, soll hier ins Leben gelebt werden. Die nächsten Abschnitte des Textes konkretisieren das. Das Gebet wird für mich immer wichtiger.“ Und was ihm noch für die Christenheit des 21. Jahrhunderts wichtig ist: „Furchtlosigkeit – im festen Vertrauen auf Gott – und eine radikale Hinwendung zu unseren Mitmenschen.“


Cover

Dieser Artikel ist zunächst in der Zeitschrift DRAN NEXT erschienen, die wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört.