Manuel Bätscher ist Steinbildhauer. Für ihn sind sein Glaube und Beruf eng miteinander verknüpft. Gott bezeichnet er als seinen „Kreativ-Chef“.

Werbung

Von Tobias Grimm

Hoch über dem Thunersee ragen die drei weltbekannten Berge stolz und anmutig in den blauen Himmel: Eiger, Mönch und Jungfrau. Die Zugreise führt mich weiter nach Frutigen im Berner Oberland. Das 7.000-Seelen-Dorf liegt 800 Meter über dem Meer – idyllisch gelegen, umgeben von schneebedeckten Bergen. Beim kurzen Spaziergang durch den überschaubaren Dorfkern sehe ich ein Chalet, wie es einem Bildband über die Schweiz entsprungen sein könnte. Das charmante Holzhaus ist das Zuhause von Steinbildhauer Manuel Bätscher. Er führt hier einen Familienbetrieb in der vierten Generation.

Ein Geschäft wirbelt Staub auf

Ein ungewohnt beißender Geruch von Schwefel liegt in der Luft. Im Atelier herrscht ein ordentliches Chaos. Eine kreative Oase. Eine Werkstatt, die mehr einer Kunstausstellung gleicht: Auf den beiden höhenverstellbaren Arbeitstischen liegen zwei Grabsteine, an denen gearbeitet wird. Auf der staubigen Ablage gibt es traditionelle Werkzeuge wie Setzer, Schlageisen, Spitzeisen, Stockhammer, Handfäustel, Hammer und Meißel in allen Größen und Formen.

Werbung

„Ich wollte nie Bildhauer werden“, sagt Manuel Bätscher gleich zu Beginn trocken. Der 37-jährige Familienvater ist kein Mann der großen Worte, meißelt seine tiefgründigen Gedanken lieber in Stein. „Als Kind war es meine Aufgabe, die Werkstatt zu putzen.“ So war der Beruf des Steinbildhauers nicht das, was Bätscher sich gewünscht hatte. Zu staubig. Lieber wollte er Konstrukteur werden.
1937 gründete sein Urgroßvater kurz vor dem Zweiten Weltkrieg die Steinbildhauerei und durchstand harte Kriegsjahre. Unterdessen ist der Familienbetrieb seit über 80 Jahren bekannt für die Gestaltung und Kreation von kunstvollen Natursteinobjekten. In der achten Klasse bekommt Bätscher eine neue Sichtweise und der Staub wird zur Nebensache: „Man macht ja nicht aus dem Staub etwas, sondern aus dem Stein.“ Daraus entsteht für Bätscher die Leidenschaft, aus rohen Felsen Kunstwerke zu erschaffen. Die Tradition wird zum Lebenselixier: „Es ist schön zu wissen, dass meine Vorfahren dieselbe Leidenschaft hatten. Dieser Rückhalt tut gut.“

Es geht um das Leben, nicht um den Tod

Viele Leute meiden Friedhöfe. „Die Konfrontation mit der eigenen Endlichkeit schreckt wohl ab“, meint Bätscher. Für ihn ist es anders:

„Ich bin mit dem Friedhof aufgewachsen. Für mich ist der Friedhof ein Park mit Andenken an verstorbene Leute. Eine Oase. Eine Kunstausstellung. Ein Ort der Inspiration.“

Bätscher zeigt auf das Logo seines Unternehmens, einen Schmetterling, und erklärt: „Der Schmetterling verkörpert für mich diese Symbolkraft. Der Schöpfer der Welt hat eine kriechende Raupe erschaffen, die sich durch Verpuppung in einen Schmetterling verwandelt, der federleicht und farbenfroh umherfliegt. Diesen Schöpfer will auch ich zum Vorbild nehmen. Aus nichtssagenden, rohen Steinstücken sollen Kunstwerke entstehen, die den Betrachter erfreuen und staunen lassen. Dem Schmetterling als Symbol der Veränderung entsprechend strebe auch ich danach, Dinge zum Positiven zu verändern.“

Dass beim Alltag als Steinbildhauer das Leben und der Tod nahe beieinanderliegen, ist offensichtlich. Hinter dem Haus toben sich Manuel Bätschers drei Kinder aus. Direkt daneben stehen dutzende Grabsteine sowie unbearbeitete Rohlinge. „Grabsteine sind nicht für die Toten, sondern für die Lebenden.“ Als Steinbildhauer ist also nicht nur Kreativität gefragt, sondern auch ein sensibler Umgang mit trauernden Kunden. „Die Wahl des Grabsteins ist auch Trauerarbeit“, sagt Bätscher. Doch für ihn geht es nicht um den Tod, sondern um das Leben. Freimütig bekennt er: „Unsere Endlichkeit macht mir keine Angst. Ich sehe den Tod wie einen Umzug. Von hier nach dort. Von der Erde in den Himmel. Seit der Geburt meiner Kinder ist mir viel deutlicher bewusst geworden, dass der Lebenszyklus etwas Ganzes ist, zu dem auch der Tod gehört.“

Vom Rohblock zum Kunstwerk

Die Vielfalt von Steinen ist unendlich. Schweizer Natursteine aus dem Bach im benachbarten Adelboden oder der spaltbare Granit aus dem Kanton Graubünden und Tessin. Und nicht selten entdeckt Bätscher bei einem Zwischenhändler einzigartige Steine aus dem nahen Ausland: Kalkstein aus Frankreich oder Marmor aus Norditalien. Ein massives Rohmaterial: Ein Rohblock wiegt rund 200 bis 300 Kilogramm. Dabei lässt sich der Künstler gern von der Natur inspirieren: „Die Schichten des Gesteins, Adern auf der Oberfläche, Linien entlang einer Abrisskante – pure Faszination. Die Schönheit ist schon da.“

„Mein Alltag ist eine Suche. Nach Formen, die harmonisch und schön wirken. Formen, die bewegen“, sagt Bätscher nachdenklich. Zwischen zerknüllten Ideen und rohen Steinen macht er Skizzen auf Papier, verwirft sie wieder, beginnt aufs Neue und modelliert seine Entwürfe schließlich mit Ton. Dabei lässt er sich von Farbe, Form und Struktur des Natursteins inspirieren. Gerade arbeitet Bätscher mit Fingerspitzengefühl an der Ausarbeitung von fünf Enzianen, die als Relief in einen Grabstein gemeißelt werden. „Es braucht Geduld. Viel Geduld.“ Je nach Kundenwünschen und Details dauert es drei bis fünf Tage, bis ein Grabstein fertig bearbeitet ist. Nicht immer könne man von Anfang an wissen, wie sich ein Stein bearbeiten lässt oder wie komplex eine Form in der Umsetzung wirklich ist. Und nicht selten fordert der Start auf der grünen Wiese heraus: „Es braucht Mut, loszugehen. Ich trainiere mir an, einfach mal zu starten. Dann kann ich vom neuen Ausgangspunkt den nächsten Schritt sehen und eine Idee zum Fliegen bringen. Manchmal muss man einfach losgehen, den ersten Schritt tun. Das Erklimmen einer Herausforderung bringt Weitblick.“
Bätscher ist Steinbildhauer aus Leidenschaft. Jedes Werk, welches sein Atelier verlässt, ist ein Unikat. „Etwas ganz frei aus der Vorstellung umzusetzen und mit meinen Händen zu formen – ein wunderbares Gefühl.“ Bätscher sieht sich dabei auch als Jäger der Schönheit. Die Schönheit der Natur als Trophäe. „Bei jedem Objekt ist es mein größter Wunsch, die Steine zum Reden zu bringen“, sagt Bätscher mit leuchtenden Augen und bezeichnet seinen Beruf als Traumjob. Die Symbolik in den Gravuren, die Strukturen des Natursteins, die Inschrift auf einem Gedenkstein. Bätscher haucht totem Stein Leben ein und hofft dabei auf Hilfe von oben:

„Gott ist der größte Künstler, den ich kenne. Und auch meine größte Inspiration. Ich sehe dabei viele Parallelen zu meinem Leben als Steinbildhauer. So, wie aus einem Steinklotz eine filigrane Skulptur wird, möchte ich Veränderung im Leben zulassen.“

Sehnsucht nach Schönheit

Selber erschaffen. Selber gestalten. Das gibt Bätscher im Alltag Befriedigung und Freude. „Steine zu bearbeiten, bedeutet für mich Erholung und Inspiration zugleich“, sagt Bätscher mit einem zufriedenen Lächeln auf dem Gesicht. „Andere bearbeiten Steine als Therapie, nach einer herausfordernden Lebensphase. Ich darf das jeden Tag tun. Ich erlebe jeden Tag Therapie, die der Seele guttut.“ Bei vielen Arbeitsschritten hat Bätscher den Kopf frei, kann seinen Gedanken freien Lauf lassen, über Entscheidungen, Gott und die Welt nachdenken. „Alleine mit meinen Steinen zu sein, befreit, macht neue Ideen möglich und erfrischt die Gedanken“, so Bätscher. Schon in der Schule haben ihn Rechnen und Schreiben weniger interessiert. Dafür mehr das Zeichnen. „Ich gehe gern andere und neue Wege“, so Bätscher, „es müssen nicht immer klassische Werke sein, die mein Atelier verlassen.“ Und so wechseln sich Formen und Aussehen ab. Bätschers Kunstwerke sind abstrakt oder detailliert, sind Skulptur oder Grabstein, sind aus Marmor oder Granit. Eines haben sie aber alle gemeinsam: Sie sind von Bestand.

Ein Handwerk gerät in Vergessenheit

Bätschers Berufswunsch war zwar nie in Stein gemeißelt – doch aus der Liebe zum Detail wurde Leidenschaft zum Stein. 15 Jahre nach Abschluss seiner vierjährigen Berufslehre hat er den Familienbetrieb übernommen. Doch inzwischen hat sich der Beruf stark verändert, sagt Bätscher: „Zu meiner Lehrzeit waren wir 17 Auszubildende, heute sind es in der Deutschschweiz noch rund zwei Personen pro Jahr.“ Der Branche steht das Wasser bis zum Hals. Die Auftragslage für Steinbildhauer ist seit Jahren rückläufig. Als Grund sieht Bätscher die gesellschaftlichen Veränderungen und die steigende Zahl von Kremierungen. Auch die Friedhofskultur habe sich in den letzten zwanzig Jahren stark verändert: „Durch Gemeinschaftsgräber, Urnenwände und individuelle Bestattungsformen fallen Grabsteine oftmals weg. Uns Grabmalschaffenden setzt das unweigerlich zu. Es braucht innovative Ideen und neue Formen.“ Darüber macht sich Bätscher manchmal mehr Gedanken, als ihm lieb wäre. Fragen tauchen auf: Braucht es meine Arbeit noch? Habe ich in einigen Jahren noch einen Job? Was ist, wenn ich zu wenig Arbeit habe? Dabei findet der Berner Oberländer Hoffnung und Zuversicht im Glauben:

„Ich erlebe Gott als Versorger und meinen persönlichen Kreativ-Chef. Ich bin jeden Tag angewiesen auf neue Ideen und Aufträge. Diese Zuversicht gibt mir in den Herausforderungen und Überforderungen des Alltags Mut und Freude.“

Und Bätscher fügt an: „Ich bin überzeugt, dass uns Gott erschaffen hat, um selber schöpferisch tätig zu sein. Geschaffen zum Erschaffen. Um unsere Zeit und Gaben einzusetzen. Mein Job nah an der Schöpfung bringt mich Gott nah.“


Tobias Grimm hat diesen Artikel für die Zeitschrift MOVO geschrieben (Ausgabe 03/2020). Das Männermagazin MOVO erscheint regelmäßig im SCM Bundes-Verlag, zu dem auch Jesus.de gehört. 

Mehr über die Arbeit von Manuel Bätscher erfahren Sie unter: www.steinbildhauerkunst.ch

 

 

HINTERLASSE EINEN KOMMENTAR

Please enter your comment!
Bitte gib deinen Namen ein