Lassen sich Gottes Spuren in der Schöpfung erkennen? Ja, wenn wir hinschauen. Und wir können sogar in Beziehung mit dem Schöpfer treten. Gedanken zu Römer 1,20.

Von Lydia Rieß

In der Schule gehörten die Naturwissenschaften zwar nicht zu meinen Lieblingsfächern, aber Biologie und zum Teil auch Chemie interessierten mich. Gerade im Fach Genetik war ich fasziniert von der Komplexität, die Gott in meinen eigenen Körper hineingelegt hatte, mit den vielen winzigen und doch so wirkungsvollen Bausteinen der DNS.

Faszination Schöpfung

Diese Faszination irritierte meine beste Freundin, die von meinem Glauben wusste. Als Christin könne ich keine Naturwissenschaften mögen, meinte sie. Ich verstand das damals nicht. In meiner Familie war das nie ein Problem. Naturwissenschaft und Glaube konnten dort am selben Tisch im selben Gespräch diskutiert werden. Ich empfand sie nicht als Widerspruch. Vielmehr erlebte ich die Naturwissenschaft als etwas, das mir nochmal in anderer Weise einen Blick auf Gott ermöglichte.

Aber es hält sich, dieses Klischee vom Wissenschaftler, der nicht mehr an Gott glaubt – nicht glauben muss, weil er die Welt doch nun durchschaut und Gott als Erklärung nicht mehr braucht. Ein doppeltes Missverständnis aus meiner Sicht. Zum einen erzählte meine Schwester, eine studierte Biologin, nur allzu oft von ihren Professoren. Diesen war es wichtig, den Studierenden zu erklären, dass sie hauptsächlich mit Thesen arbeiteten. „Es gibt so unglaublich viel, was wir nicht wissen, sondern höchstens erahnen“, schärften sie ihnen immer wieder ein. Zum anderen haben Studien immer wieder bestätigt, dass unter Naturwissenschaftlern eine hohe Prozentzahl an Gott oder zumindest eine göttliche Macht glaubt. Trotz – oder vielleicht gerade wegen – all der Dinge, die sie in ihren Forschungen sehen und entdecken. Die Schöpfung – gerade in ihrer Komplexität und Vielfalt, die die Naturwissenschaften immer wieder zutage fördern – ist also selbst für manch kritischen Betrachter ein Zeugnis für den, der sie geschaffen hat.

„Seit Erschaffung der Welt haben die Menschen die Erde und den Himmel und alles gesehen, was Gott erschaffen hat, und können daran ihn, den unsichtbaren Gott, in seiner ewigen Macht und seinem göttlichen Wesen klar erkennen. Deshalb haben sie keine Entschuldigung dafür, von Gott nichts gewusst zu haben.“ (Römer 1,20)

Deutliche Hinweise auf den Schöpfer

Dieser Gedanke findet sich so ähnlich auch in Römer 1,20: Gott lässt sich in seiner Schöpfung erkennen und finden. So wie ein Meisterwerk auf der Leinwand etwas über den Charakter und das Talent des Malers aussagt, so spricht auch die Schöpfung vom Wesen Gottes. Paulus geht sogar so weit, zu behaupten, dieses Sprechen der Schöpfung sei so deutlich und offensichtlich, dass niemand eine Entschuldigung habe, es nicht zu erkennen. So wie niemand, der „Das letzte Abendmahl“ von Da Vinci betrachtet, zu dem Schluss kommen könne, es sei von alleine entstanden.

„So wie ein Meisterwerk auf der Leinwand etwas über den Charakter und das Talent des Malers aussagt, so spricht auch die Schöpfung vom Wesen Gottes.“

Ein genauer Blick auf die Welt schließt also den Glauben an einen Schöpfergott nicht aus, sondern kann ihn sogar fördern. Dennoch sind nicht alle Naturwissenschaftler tiefgläubig. Manche wollen sich diese Frage nach Gott womöglich auch gar nicht stellen, da es für ihre Arbeit nicht relevant ist. Sie wollen wissen, was sie mit den Phänomenen und Teilchen anfangen können, die sie entdecken, nicht, wer sie gemacht hat. Ich habe auch schon so einige Menschen kennengelernt, die tief berührt waren von der Schönheit der Welt, von atemberaubenden Naturphänomenen und Landschaften, faszinierenden Tieren und einzigartigen Pflanzen – ohne daran zu glauben, dass da jemand ist, der alles gemacht hat. Wie kann Paulus also diese Behauptung aufstellen?

Das ganze Bild sehen

In den Büchern meines Lieblingsautors Terry Pratchett gibt es Wesen, die sogenannten Revisoren, die von den Menschen nicht besonders viel halten. Sie wollen sie dennoch verstehen, versuchen dies aber auf sehr zweifelhafte Weise. In einer Szene wollen sie begreifen, warum ein bestimmtes Gemälde als schön empfunden wird. Also zerlegen sie das Bild in alle Einzelteile, am Ende sogar in jedes Atom, und betrachten diese einzeln. Natürlich finden sie dieses gewisse „Etwas“ dort nicht, weil sie einen völlig falschen Blickwinkel gewählt haben. Ein Bild ist nicht schön aufgrund seiner Bestandteile, sondern aufgrund dessen, was es zeigt und im Betrachtenden bewirkt. Es reicht also nicht, die Schöpfung zu sehen oder sie korrekt in ihre Bestandteile zerlegen und erklären zu können. Es kommt darauf an, sie zu betrachten und sich zu fragen, was sie uns erzählen möchte. Erst dann entsteht auch Raum für die Frage nach dem Gott, von dem sie zeugt.

Wo dieser Raum nicht entsteht und diese Frage daher nicht gestellt wird, kann es ganz schnell geschehen, dass wir in unserem Blick auf die Schöpfung den Schöpfer übersehen, vergessen, verdrängen – und dadurch der Schöpfung einen Stellenwert zumessen, den sie nicht hat.

Eine Beziehung zum Schöpfer eingehen

Ich gehe gerne durch den Wald, um den Kopf freizukriegen, Ideen zu wälzen oder mich zu bewegen. Mein Fokus liegt dann sehr auf mir selbst, der Wald um mich her ist nur Mittel zum Zweck. Ich erwarte von der Schöpfung, dass sie mich freimacht, mir meine Ruhe zurückgibt. Das gelingt nicht immer. Dem Wald ist es egal, ob es mir gut geht und ob mich der umgestürzte Baum nervt, der meinen Weg versperrt; das Wetter richtet sich auch nicht nach meinen Bedürfnissen und regnet munter auf mich herab. Nach manch einem solchen Spaziergang war ich hinterher frustrierter als vorher.

„Die Schöpfung ist gerade in ihrer Komplexität und Vielfalt selbt für manch kritischen Betrachter ein Zeugnis für den, der sie geschaffen hat.“

An anderen Tagen hingegen mache ich bewusst etwas, das ich „Spaziergänge mit Gott“ nenne. Dabei achte ich genau auf das, was ich sehe und höre, frage mich, was Gott mir dadurch sagen will, und mehr als einmal hat Gott mir auf solchen „Gebetsspaziergängen“ etwas über sich selbst gezeigt. Plötzlich bestimme nicht mehr ich, was die Schöpfung an mir zu leisten hat, sondern überlasse es Gott, wie er sie gebrauchen will, um zu reden. Mein Fokus liegt dann nicht mehr auf mir oder der Schöpfung selbst, sondern ich trete in Beziehung zu dem, der dahintersteht.

Das schöpferische Wesen Gottes erkennen

Denn wie bei Da Vincis Abendmahl, aus dem so mancher Kunstkenner schon Rückschlüsse über den Charakter des Künstlers oder ganz konkret über seine Einstellung zu Kirche und Glauben gezogen hat, spricht auch das Werk Gottes deutlich über den, der es gemacht hat. Was sagt mir die Farbenpracht eines Sonnenuntergangs über das Herz Gottes, wo diese Schönheit doch gar nicht notwendig ist, damit der Tag in die Nacht übergeht? Was sagt es über Gott, dass er so verschwenderisch und großzügig Abend für Abend ein neues, zeitlich begrenztes Kunstwerk an den Himmel malt, obwohl die wenigsten sich die Zeit nehmen, um es überhaupt zu beachten?

Muss dieser Gott nicht Humor haben, der die flitzenden Eichhörnchen mit ihren wippenden, buschigen Schwänzen und – ganz banal – das Lachen gemacht hat, und muss er als Schöpfer von Kaffee und Schokolade nicht einen Sinn für Genuss haben? Ich habe lernen dürfen, dass ich die Handschrift Gottes überall erkennen kann, wenn ich mir die Zeit nehme, genau hinzuschauen und mir solche Fragen zu stellen – sei es bei dem Löwenzahn, der sich hartnäckig seinen Platz in der Ritze zwischen zwei Betonplatten erkämpft, der Blick in den Spiegel oder das kurze Innehalten am Abend, wenn die Sonne einzigartige Bilder an den Himmel wirft.

Dieser Blickwechsel führt dazu, dass ich nicht mehr die Erwartung an die Schöpfung stelle, mich zu versorgen. Sei es nun mit Essen und Trinken, mit Schönheit und Freude, oder eben mit einem netten Spaziergang, der meine Gedanken beflügelt. Stattdessen erlaube ich der Schöpfung, meinen Blick auf den Schöpfer zu lenken und ihn zu fragen, wie er mich versorgen will. Ich erkenne mich dadurch selbst als Geschöpf, als Teil der Schöpfung an, und nicht mehr als Herrin, die frei über alles verfügen und bestimmen darf, was ohnehin nicht im Rahmen meiner Möglichkeiten liegt.

„Ich darf als kleines Geschöpf teilhaben an der Zuwendung des großen Schöpfers, der meine Grenzen sprengt.“

Dieser Blickwechsel lehrt mich eine ganz andere Wertschätzung und Verantwortung gegenüber der Schöpfung und schenkt mir die Erkenntnis der Abhängigkeit von dem, der alles gemacht hat. Eine Abhängigkeit, die mich nicht einschränken, sondern freisetzen will: Ich darf als kleines Geschöpf teilhaben an der Zuwendung des großen Schöpfers, der meine Grenzen sprengt. Und ich werde frei von der Abhängigkeit von einer wilden und unzähmbaren Schöpfung, die auch die Naturwissenschaft niemals zähmen und kontrollieren wird.

Sich beschenken lassen

Paulus hat demnach wohl schon Recht. In der Schöpfung lässt Gott sich erkennen. Aber eben nur dann, wenn wir auch hinschauen. Wo uns die Schöpfung genügt und zum Zentrum unseres Fokus wird, verlieren wir den Schöpfer aus den Augen. Wir verpassen eine Beziehung, die uns in ein Verhältnis zur Schöpfung setzt. In eine neue Beziehung, in der wir uns nicht alles bitter erkämpfen müssen, was wir zum Leben brauchen. In der wir nicht alles um uns her kontrollieren und nach unserem Bild formen müssen, damit es uns dient, sondern wo wir uns von dem beschenken lassen können, der die Schöpfung kennt, in den Händen hält und gerne mit uns teilt.


Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift Christsein Heute erschienen, die wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört.

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