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Mit dem digitalen Zeitalter ändern sich auch die Möglichkeiten, wie Kirche im Netz funktionieren kann. Wo stehen wir aktuell? Wohin geht die Reise? Und rückt das Internetangebot den klassisch-analogen Gottesdienst aus dem Rampenlicht?

Von Dan Peter

Beinahe jede Form der Information und der Kommunikation lässt sich heute digital speichern und versenden. Gottesdienste sind verdichtete und ritualisierte Kommunikation. Ohne Probleme lassen sich deshalb auch Gottesdienste digitalisieren und im Netz zur (un-)gleichzeitigen Teilnahme bereitstellen. Dazu gehört unbedingt die Frage, was einen Gottesdienst ausmacht: Sind es die Menschen, die sich zur gleichen Zeit an einem gemeinsamen Ort im Namen des dreieinigen Gottes zusammenfinden? Ihr Mitfeiern, ihre Teilhabe am Geschehen ist eigentlich elementar. Sie sind nicht nur Besucher oder Zuschauer, sondern Mitfeiernde. Lässt sich das digital abbilden? Es stellt sich zudem die Frage, welche gewohnten Elemente notwendig dazugehören: Predigt, Schriftlesung, Musik, Gebet oder andere liturgische Elemente?
Digitalisierung bedeutet auch, dass längst nicht alles eins zu eins in den virtuellen Raum transferiert wird, sondern dass sich neue Anwendungsszenarien und völlig neue, häufig modulare Umsetzungen ergeben.

Wie steht es um die Basics?

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Die Bibel ist bereits seit etwa drei Jahrzehnten in vielen Übersetzungen digital verfügbar. Liturgische Elemente verschiedener Landeskirchen werden derzeit zur einfacheren Handhabung digitalisiert. Die größten Schwierigkeiten bereitete das Evangelische Gesangbuch aufgrund der sehr hohen Anforderungen, was Rechte und technische Umsetzung und demzufolge auch die Finanzierung betrifft. Aber aufgrund einer Initiative der württembergischen Landeskirche in Kooperation mit der EKD soll zum ersten Advent 2018 ein erster lauffähiger Prototyp der Lieder-App Cantico verfügbar sein. Diese App bietet neben dem Gesangbuch auch Zugang zu anderem geistlichen Liedgut und kann Texte, Melodien und Noten abspielen.

Was wird gesucht und genutzt?

„Jeden Morgen, kurz vor sieben, der geistliche Anstoß im Radio: Das ist mein Gottesdienst und mein Bezug zur Kirche“, diesen Satz habe ich unzählige Male gehört. Obwohl Gottesdienste normalerweise ihren besonderen Ort haben – in der Regel finden sie in einem sakral gestalteten Raum statt –, hat man sich bereits daran gewöhnt: Man kann auch anderswo und ganz anders teilnehmen. Zum Beispiel nebenher am Esstisch und für sich allein im Auto. Radio und Fernsehen haben die Tür für digitalisierte geistliche Angebote bis hin zur mobilen Nutzung längst weit aufgestoßen. Mit einem Smartphone besitzt auch fast jeder das passende Endgerät.

Welche Modelle gibt es bereits?

Längst werden viele Gemeindegottesdienste über USB-Sticks, Download-Dateien oder Livestreams verbreitet. Streams können allerdings rechtlich problematisch werden, wenn die Teilnehmer des Gottesdienstes nicht ihr Einverständnis erteilt haben (Datenschutzverordnung) oder mehr als 500 Nutzer einen regelmäßigen Livestream nutzen (Sendelizenz erforderlich). Zunehmend werden diese Streams auch über Facebook ausgestrahlt. Der Mehrwert besteht dabei in den Likes und Live-Kommentaren der Smartphone-Zuschauer.

Daneben gibt es auch die ersten rein digitalen Gottesdienste und Andachten, die formal von Radio- und Fernsehandachten kaum zu unterscheiden sind, außer dass sie über YouTube, Facebook oder andere soziale Netzwerke verbreitet werden. Zum Beispiel gibt es seit drei Jahren die AndachtsApp der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.
Das kirchliche Nachtgebet Twomplet, jeden Abend um 21 Uhr, gibt es bereits seit Januar 2014. Es handelt sich um ein moderiertes virtuelles Abbild einer Komplet auf Twitter. Dabei werden über einzelne Tweets Psalmen gebetet, Lesungen gehalten, Videos mit Gesängen gepostet und im Gegensatz zur normalen Komplet auch eigene Gedanken und Fürbitten geteilt.

Virtueller und realer Gottesdienst greifen bei der Jugendgottesdienstplattform sublan.tv ineinander. Bereits 2010 wurde in Begleitung des damaligen Jugendpfarrers Rasmus Bertram versucht, den Frankfurter Jugendgottesdienst Sublan mit einer LAN-Party interaktiv zu verbinden. Seit 2015 gibt es die Plattform sublan.tv als Ausgangs- und Sendepunkt im Netz. Der Sublan-Gottesdienst wird in einem realen Raum live gefeiert und von dort aus filmisch übertragen. Partizipation vor Ort oder übers Netz in Form von Gebetsanliegen und Live-Rückmeldungen zur Predigt werden über eine spezielle App ermöglicht.

Das Bibel Projekt stammt ursprünglich aus einer Kirche in den USA, deren Mitglieder sich in Kleingruppen in Privatwohnungen versammeln. Viele arbeiten in der Digital-Branche und bringen ihre Kenntnisse ein, um qualitativ hochwertige geistliche Impulse für Hauskreise zu entwickeln. Kurz und prägnant wird der Nutzer durch ein biblisches Buch geführt. In Deutschland wird das Projekt von unterschiedlichen Partnern wie mehreren CVJMs, der SMD, freien theologischen Ausbildungsstätten und der Evangelischen Landeskirche in Württemberg verantwortet. Sie stellen mittlerweile 40 deutschsprachige Videos bereit.

Wo geht es hin?

Es sieht bei all dem noch nicht danach aus, dass der normale Gottesdienst zunehmend durch digitale Angebote ersetzt wird – eher wird er in vielerlei Hinsicht ergänzt und bereichert. Mediatisierte Kommunikation und jedes Medium an sich verändern das klassische Setting. Aus Followern und Freunden werden in den sozialen Medien auch ganz schnell eigene Communities, die alle Lebensthemen – auch den Glauben – verhandeln und für die Parochie- oder Kirchenzugehörigkeit überhaupt keine Rolle mehr spielen. Da ist der Weg zu einer entgrenzten Online-Gemeinde nicht weit.

Dan Peter ist Referatsleiter für Publizistik und Gemeinde im Oberkirchenrat der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Vorher war er Gemeindepfarrer. Über den Glauben sagt er: „Mit Jesus Christus habe ich bereits als Jugendlicher den Dreh- und Angelpunkt meines Lebens gefunden.“

Magazin 3EDer Artikel von Dan Peter ist zuerst in der Zeitschrift 3E erschienen, dem Ideenmagazin für die evangelische Kirche.

 

 

3 DIREKT-KOMMENTARE

  1. Hier fehlen für mich Plattformen wie zB Second Life, wo Menschen sich ein Avatar kreieren und durch eine virtuelle Welt laufen. Auch hier gibt es Gottesdienste wo man andere Menschen treffen kann, zusammen betet und über die Bibel spricht. Gesungen wird allerdings dabei nicht.

  2. NICHT ALLES MODERNE IST FÜR DIE KIRCHE/N EIN SEGEN

    Bei Digitalisierung und Globalisierung – weder verhinderbar noch abzubremsen – muss der Mensch im Fordergrund stehen. Da wo Kirche auf Digitalisierung trifft, oder umgekehrt, müssen wir sehr achtgeben und einen achtsamen Umgang mit unseren kirchlichen Gemeinschaften praktizieren. Dass man sich zu jeder Stunde und Minute einen im Netz verfügbaren Gottesdienst gönnen darf, erscheint bei einem ersten Reflex als großer Zugewinn: Vielleicht werden viel mehr Menschen erreicht, man muss nicht früh aus dem Bett, kann dabei frühstücken und darf insgesamt dem Geschehen etwas distanziert gegenüber stehen. Wer sitzt schon am PC, Laptop oder der Glotze, singt und betet mit. Umgekehrt wird niemand beim Gottesdienst in der Kirche noch sein Brötchen verspeisen, seinen Kaffee trinken und derweil nicht mitsingen oder mitbeten. Bei der fernübermittelten Vergebung der Sünden durch Papst, Priester oder Pfarrer/in habe ich keine Probleme, weil das erneut weitergesagt wird, was Jesus Christus durch seinen Tod für alle Menschen erworben hat. Beim digitalen Abendmahl, einmal abgesehen davon wie dies funktionieren soll, würde eindeutig eine rote Linie überschritten. Eine schreckliche Vorstellung, zumal sich hieraus wieder völlig neue theologische Fragen ergeben.

    Die Globalisierung der Ortsgemeinde ist auch eine sehr bedenkliche Entwicklung und steht nicht nur, aber vorallem, derzeit im katholischen Raum an. In Kirchen- oder Pfarrgemeinden aus früheren 50, 60 oder noch viel mehr Ortsgemeinden entsteht eine Mammutgemeinde, in der die Mitverantwortung qua Amt der Christen vor Ort faktisch entfällt.. Bei uns Evangelischen stehen solche Gemeindezusammenlegungen noch nicht an, sie sind aber in Zukunft denkbar. Wer Riesengemeinden bildet aufgrund nicht vorhandenem christlichen Bodenpersonal handelt wie die Schildlbürger, die das Pferd von der falschen Seite aufzäumen. Man muss dann nach den Gründen fragen, warum dieses Bodenpersonal fehlt und/oder welche Einsparungen notwendig sind, um mehr Religionsdiener zu bezahlen. Es ist auch nachvollziehbar, warum kaum noch jemand zölibatär leben möchte. Das kann man ändern und solche Wunder sind machbar. Das theologische Laien als Prädikanten oder Lektoren gute Gottesdienste halten können, ist in der Ev. Kirche ein offenes Geheimnis.

    Ich kenne einen katholischen Priester, der in einer solchen – noch relativ kleinen – Großkirchengemeinde nur Querschnittsaufgaben hat. Im Advent fährt er mit seinem schnellen Motorrad von einer Adventsfeier zur nächsten, begegnet vielen Menschen, rennt durch zahlreiche Flure von Krankenhäusern zu Krankenbesuchen oder Gottesdiensten vor vielen leeren Stuhlreihen. Der arme Mensch hat keine Kerngemeinde und eine Kirchengemeinde braucht eine überschaubare Gruppe von Menschen, die gemeinsam Glieder am Leib Christi sind und damit eigentlich Kirche.Reformen dürfen nicht dazu führen, dass Pfarrer zu Managern werden. Irgendwann könnte vor die Gemeinde auch den Roboter in Menschengestalt stehen. Er macht keine Fehler, ist nicht gestreßt und auch die digitalisierte Orgel benötigt keinen Kantor. Auch so kann man Geld sparen. Im Winter könnte der Gottesdienst im Netz erlebt werden und Heizkosten minimieren. Eine solche Vision, die eher ein Albtraum ist, sehe ich vor meinem geistigen Auge für die fernere Zukunft eher bei meinen evangelischen Geschwistern.

    Keinesfalls würde ich mir wünschen, dass man nun weniger Gottesdienste im Fernsehen sieht oder dass beispielsweise Bibel TV keine mehr überträgt. Sicherlich werden hier auch viele Menschen erreicht, die man ansonsten nicht erreichen würde.

    Was absolut nicht geht, wäre die Anwendung von digitalen Programmen, wo Ratsuchende bei künstlicher Intelligenz beichtet, wichtige Fragen stellen und bei Kummer und Sorgen ihr Herz ausschütten. Hoffentlich kommt niemand auf die Idee, noch Ferngebete auf dieser Technikschiene anzubieten. Irgendwo, erinnere ich mich, gab es hierfür schon erste zaghafte Versuche diesbezüglich und kirchlicher Eigenlob für die gute Idee.

    Wir benötigen über alle Konfessionsgrenzen hinaus eine Initiative unter dem Motto: „Wir laden euch am Sonntag zum Gottesdienst ein – kommt alle mit“! Da könnte man über das Internet mal einen solchen Versuch wagen. Dafür muss man wirklich nicht mehr von Haustür zu Haustür zu gehen. Die Kollekte direkt von der eigenen Bankkarte abbuchen zu lassen, wäre auch nicht übel.

  3. Danke für diesen Artikel!
    Langsam werden die verschiedenen Kirchen wach und nehmen wahr, daß auch in den digitalen Welten christlicher Glaube gelebt wird. Und es wird darübr berichtet. Noch besser 😉
    sublan TV wird übrigens am 28.10.18 in der Hamburger Hauptkirche St. Nikolai einen Gottesdienst mitgestalten zur Eröffnung der ev. Akademiewoche zur Digitalisierung:
    https://www.nordkirche.de/nachrichten/nachrichten-detail/nachricht/evangelische-akademiewoche-zur-digitalisierung/

    Ich bin sehr gespannt, wie dieses Angebot angenommen wird. Die Spaltung zwischen analog und digital gerade bezüglich Gottesdienst-Gestaltungen ist meines Erachtens leider noch sehr groß. Da wird das Neue verteufelt, das Experimentelle negiert, nur das Alte, Etablierte scheint wahr. Das ist gerade für Menschen, die digital nativ unterwegs sind, manchmal bitter. Diese Generation ist nämlich sehr wohl in der Lage, beides zu vereinen, ohne oberflächlich zu sein.

    Und wir Kirchenbotschafter sind übrigens bei der oben erwähnten ev. Akademiewoche der Nordkirche auch dabei, am 30.10.18 in Lübeck St. Jürgen:
    https://www.akademie-nordkirche.de/assets/Akademie/2018/ProgrammheftAkademiewoche2018WebEnd.pdf

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