Hanna und Arno Backhaus sind aus der christlichen Szene nicht wegzudenken: als Redner, Musiker und Performancekünstler. Lange Zeit war ADHS, das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom, für das Paar aber ein großer Feind. Mit Gottes Hilfe haben sie es geschafft, diesem Gegner die Waffen zu nehmen und ihn zum Verbündeten zu machen.

Von Nathanael Ullmann

Calden-Meimbressen ist ein ruhiger Ort. Die Nebelbeeke plätschert an den historischen Häusern vorbei. Ein Vogel pickt nach einem Wurm. Nur gelegentlich rollt ein Auto über den Asphalt. Keine 30 Minuten von Kassel entfernt existiert sie noch: die deutsche Dorfromantik. Hier wohnen Hanna und Arno Backhaus. Ihr Mehrgenerationenhaus dominiert die Straßenzeile. Hier wohnen sie zusammen mit dem ältesten Sohn, dessen Familie und drei Singles, die zu ihrer Gemeinde gehören.

Es ist der Ort, an dem Hanna ihre Kindheit verbracht hat. Im Hof hat sich Arno seinen „Bauchladen“ eingerichtet, von dem aus er Shirts, Aufkleber und Bücher versendet. Dahinter erstreckt sich ein Garten bis an die angrenzenden Wiesen. Hanna und Arno sitzen in ihrem Wohnzimmer. Der Raum strahlt eine gemütliche Wärme aus. Vor den beiden steht eine Karaffe mit Wasser. Aus der Küche dringt der Duft von Essen, das auf dem Herd vor sich hin dünstet.

Diese Idylle steht im krassen Kontrast zu den Bildern, wie sie das Paar sonst zeichnet: Arno, der als Teil von „Arno und Andreas“ die christliche Musikszene maßgeblich mitprägte. Hanna, die zu Hause drei Kinder großzieht, davon eines mit ausgeprägtem ADHS. Arno, der als „eFUNgelist“ in Großstädten Autos auseinandernimmt. Hanna, die mit über 100 Vorträgen im Jahr von Ost nach West zieht. Die beiden, die aus dem Nichts eine Gemeinde aufbauen. Von all dem ist in dem Wohnzimmer nichts zu spüren. Hier ist nur Ruhe. Ruhe und eine liebevolle Atmosphäre. „Für mich war das hier der Himmel“, sagt Arno, wenn er über seine Jugend spricht. Das ist leicht nachzuvollziehen.

Der Unangepasste

Denn das Haus stellt auch zu Arnos Kindheit einen starken Gegensatz dar. Diese ist geprägt von Diebstahl, Lüge und Betrügereien. Familienfreunden, die zu Besuch sind, klaut er 2.000 D-Mark aus der Tasche. Weil er weiß, dass er seiner Mutter den plötzlichen Reichtum nicht erklären kann, bringt er das Geld zum Fundbüro. Nachdem ein Jahr lang „kein Besitzer“ gefunden wurde, bekommt er selbst das Geld – ganz legal. Ein andermal hat er vergessen, einen Aufsatz für die Schule zu schreiben. Und erfindet einfach einen, während er vortäuscht, ihn vorzulesen.

Arno hat das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom in der hyperaktiven Variante, kurz ADHS. Doch dieser Begriff ist den Ärzten damals noch ein Fremdwort. Seine Mutter denkt, er sei lediglich schwer erziehbar. Sie schlägt ihn. Wenn er gelogen hat, wäscht sie ihm den Mund mit Seife aus. Trotz dieser Bestrafungen bemühen die Eltern sich, dem jungen Arno das Leben so schön wie möglich zu machen, doch das misslingt. Regelmäßig eskalieren die Situationen. „Heiligabend war für mich die stressigste Zeit meines Lebens“, sagt der 68-Jährige heute.

Mit Gott hat Arno zu dem Zeitpunkt noch nichts zu tun. Er empfindet ihn als langweilig – und brutal. „Ich fand das fies, dass Gott alles sieht. Als er zum dritten Mal von der Schule fliegt, verbrennt er seine Schultasche in der Kassler Innenstadt. Er steht ohne Abschluss da, hat die Schulpflicht aber abgegolten. Sein Vater meldet ihn bei einer christlichen Jugendfreizeit an. Sie wird den Wendepunkt in Arnos Leben darstellen: Denn hier trifft er nicht nur seine Frau fürs Leben, sondern zum ersten Mal auch einen liebenden Gott.

Die Verantwortungsvolle

Das Leben von Hanna verläuft in weit geregelteren Bahnen. Und doch trifft auch sie schon früh auf das harte Leben. Sie ist das dritte von acht Kindern. Die Mutter bekommt sie im dritten Ehejahr, unmittelbar nach ihren beiden älteren Geschwistern. „Als ich mit dir schwanger war, habe ich geweint“, erzählt sie der jungen Hanna. Die wiederum versucht sich nützlich zu machen: „Ich wollte keine Last sein.“ Sie übernimmt Verantwortung – für die jüngeren Geschwister, für den Haushalt, im Betrieb ihres Vaters. Mit 13 Jahren erlebt sie hautnah, wie ihre Eltern Konkurs machen, neu anfangen müssen. „Es waren schöne Jahre, aber sie waren auch ein Kampf“, erinnert sie sich.

Und doch wächst sie mehr als Arno im Glauben auf. Ihr älterer Bruder leitet eine Jugendgruppe, die „Jugend 67“. Logisch also, dass sie mit den anderen ein Wochenende in der Jugendherberge verbringt. Es ist die Freizeit, auf die auch Arno geschickt wird. Wenn Arno und Hanna sich heute im Wohnzimmer gegenübersitzen, spricht aus jeder Geste die Liebe für den anderen. Sie verstehen sich, auch wenn der Partner nichts sagt. Es ist dieses ineinandergreifende Uhrwerk, das sich bei vielen Paaren beobachten lässt, die beinahe ihr gesamtes Leben miteinander verbringen. Wenn sie sich korrigieren, dann keifen sie nicht. Sie ergänzen sich. „Schatz, das ist das Wasser ohne Sprudel. Das magst du gar nicht“, sagt Hanna, als ihr Mann nach der Karaffe auf dem Tisch greift. Später wird Arno für seine Frau beim Fotoshooting einen Schemel suchen – damit sie gleichauf sind.

Die Verliebten

Von dieser Harmonie ist beim ersten Zusammentreffen in der Jugendherberge rund 50 Jahre früher nichts zu spüren. „Ich dachte: Was ist das denn für ein Doofer?“, sagt Hanna. Statt mit den anderen Jungs im Keller zu werkeln, verbringt der 16-Jährige seine Zeit lieber bei den Mädchen. Er erzählt ihnen von seiner Mutter, scherzt herum und spielt auf seiner Gitarre vor. Und langsam erobert er das Herz der 15-jährigen Hanna. Die entdeckt ihre Faszination für den ungewöhnlichen Kerl. Und verliebt sich Hals über Kopf. Das ADHS zeigt seine positive Seite: Es macht Arno zum Individualisten, zum Querdenker. Es macht ihn einzigartig. Arno indes lernt auf der Freizeit eine andere große Liebe kennen: die zu Gott. Abends sitzen die Jungs auf ihrem Zimmer und veranstalten einen Rülps-Wettbewerb. Anschließend beten sie. „Das war Welten entfernt von meiner Vorstellung von Gott“, sagt Arno. Noch auf der Freizeit bekehrt er sich. Für ihn ist das wie ein Rucksack voller Beton, den er plötzlich ablegen kann. Er weint. Träne über Träne. Als er danach draußen über das Tal blickt, ist er fasziniert: „Das sah plötzlich ganz anders aus. Als wenn ich neugeboren wäre.“ Es ist der Wendepunkt in seinem Leben. Noch heute kommen ihm beim Gedanken daran die Tränen.

Hanna Backhaus
Hanna Backhaus (Foto: privat)

Die Entflammten

Von nun an gibt es kein Zurück mehr. Jedes Wochenende trifft sich die Jugendgruppe im Haus von Hannas Familie. Für die beiden ist das ein Erwachen. Für Hanna, weil sie ihren Schwarm sehen kann. Für Arno, weil die Zeit in Meimbressen einen erfrischenden Kontrast zum strengen Elternhaus darstellt. Zwar lebt Hannas Familie deutlich ärmer – ist Arnos Vater doch Beamter. Zum Abendessen gibt es oft einfach Brot, über den Hof steht das Plumpsklo. Jedoch erlebt er hier ein freies, neues Christsein. Die jungen Menschen leben ihren Glauben, sie tanzen während der gemeinsamen Treffen, veranstalten erste Open-Air-Festivals, verteilen an Karneval Apfelsinen, um Spenden für die Hungersnot im afrikanischen Biafra (heute ein Teil von Nigeria) zu sammeln.

Mit seinem Wesen hat Arno indes immer noch zu kämpfen. ADHS erschwert es, die eigenen Impulse zu steuern. In Arnos Fall ist das der Impuls zu stehlen. Das tut er in dem Betrieb, in dem er eine Ausbildung zum Großhandelskaufmann macht. Das Geld spendet er gemeinnützigen Einrichtungen. Schließlich fliegt er jedoch mit einem Schwindel auf: In der Jugendgruppe gibt er ein fremdes Lied für sein eigenes aus. Dummerweise läuft das geklaute Lied später im Radio: „Die Gruppe hat mir gezeigt: ‚Wir lieben dich trotzdem‘.“ Wieder ist das etwas, was Arno nicht kennt. Fortan lässt er das alte Leben hinter sich, zahlt später das gestohlene Geld zurück. Ab 1972 studiert er Sozialarbeit, im selben Jahr heiraten Hanna und er.

Die Musiker

Wer Hanna und Arno Backhaus heute sieht, der ahnt nichts von den wilden Jugendtagen. Mit dem Karohemd und der gestreiften Bluse, den modischen Brillen und den unauffällig geschnittenen Haaren fallen sie nicht weiter auf. Es gibt Fotos, die erzählen von einer ganz anderen Zeit. Bilder, die heute noch in tausenden Haushalten in CD-Stapeln verborgen liegen: die Cover des Gesangsduos „Arno & Andreas“. Es ist die nächste große Station auf dem Weg der beiden Lebenskünstler. Durch eine kleine Konzertaktion lernen sich Arno Backhaus und Andreas Malessa kennen. Als Andreas zusammen mit anderen Musikern eine Band gründet, holen sie Arno und Hanna mit ins Boot. Zwei Jahre touren sie als „Band der Initiative Junger Christen“ von Stadt zu Stadt. Hanna steht am Tonpult, Arno und Andreas machen vorne mit den anderen zusammen Countrymusik. Doch auch nach dieser Zeit werden Arno und Andreas immer wieder gebeten, doch noch ein Ausnahmekonzert zu machen. Daraus entsteht später das legendäre Duo. „Arno & Andreas und die Dieter-Falk-Band“ soll eine Generation von Christen prägen. „Das war eine ganz neue Sprache für Glauben“, sagt Hanna heute. Auch sie findet durch die Musik ihres Mannes neu zum Glauben – bekennt ihre Sünden während einer Tour im VW-Bus. Die Band tourt durch ganz Deutschland, spielt teils vor 5.000 Leuten. 20 Jahre und sieben Platten lang soll der Erfolg anhalten.

Die Kämpfer

Währenddessen sitzt Hanna mit den Kindern oft alleine zu Hause. Es ist eine schwere Zeit. Gleichzeitig kann sie genau in diesen Tagen Gottes Nähe neu erfahren. Das zweite von drei Kindern der Backhaus-Familie hat das hyperaktive Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom seines Vaters geerbt. Hanna leitet als Sozialpädagogin einen Kindergarten. Ihr eigener Sohn jedoch scheint unerzogen. Die Frau, die seit Kindestagen gerne alle Fäden in der Hand hält, ist angesichts des Syndroms machtlos. „Aber ich habe gelernt, dass Gott auch aus Situationen heraus, die mir unangenehm waren, etwas Gutes hat wachsen lassen.“ Ihr eigenes Kind lernt erst spät mehr als nur ein paar Worte zu sprechen. Und doch hat sie eines Abends das Bild, wie er später vor hunderten Leuten sprechen wird. Darauf vertraut Hanna in dieser Zeit. Und tatsächlich: Heute ist dieser Sohn Jugendreferent und rechte Hand eines Pastors.

Auch unter den Musikern gibt es Konflikte. Mit Arno Backhaus, Andreas Malessa und Dieter Falk treffen sehr unterschiedliche Charaktere aufeinander. Das führt gerade zum Ende der zwei Jahrzehnte Bandgeschichte hin zu Spannungen. 1991 geben Arno & Andreas für 5.000 Besucher ihr Abschiedskonzert. Es ist das Ende einer Ära. Die Bandmitglieder gehen fortan ihre eigenen Wege.

Arno Backhaus
Arno Backhaus (Foto: privat)

Die Vielfältigen

Hanna und Arno erfinden sich Anfang der 90er abermals neu. Hanna schreibt Bücher über Beziehungen, Ermutigung und Geschwister und tritt immer öfter als Rednerin auf: „Das war kein Ponyhof, aber ich bin meiner Berufung gefolgt.“ Auch Arno tourt weiter mit seiner Musik, Vorträgen und seinen Büchern durch Deutschland. Zusätzlich macht er immer wieder durch Straßenaktionen auf sich aufmerksam. Mal sitzt er mit einer Schüssel voller Geld und einem Schild in der Einkaufsmeile: „Ich wurde reich beschenkt, nimm dir was raus!“, steht darauf. Mal nimmt er ein Auto mitten in der Innenstadt auseinander. 200 verschiedene Aktionen hat er mittlerweile entwickelt. Sein Ziel: mit den Leuten über Gott und die Welt ins Gespräch kommen. Dabei eckt er an. In Bamberg darf er beispielsweise kein Geld mehr verschenken. Und als er eine Leiche spielt, bekommt er von einem Passanten einen Eimer Wasser über den Kopf.

Nebenbei werden die beiden zu Gemeindegründern. Mehrere Hauskreise im Dorf schließen sich 1997 zur Christus-Gemeinde am Airport“ (benannt nach dem nahe gelegenen Flughafen Kassel-Calden) zusammen und kaufen gemeinsam eine ehemalige Diskothek. Die Gemeinde existiert außerhalb von Konfessionen und orientiert sich an einem eigenen Grundsatzprogramm. Es ist gelebte Ökumene. Jahrelang engagieren sich Hanna und Arno hier im Leitungsteam, haben sich mittlerweile jedoch in die zweite Reihe begeben.

Die Lebensfrohen

Hanna und Arno Backhaus
Hanna und Arno Backhaus (Foto: SCM Bundes-Verlag / Nathanael Ullmann)

Blicken die „Backhäuser“ auf ihr Leben zurück, haben sie eine Lektion gelernt: ADHS kann auch ein Segen sein. Zwar hat es Arno und seinen Sohn immer wieder anecken lassen. Aber es hat auch dafür gesorgt, dass der Tausendsassa stetig vor Ideen nur so sprudelt. Seine größten Aktionen wären ohne seine größte Schwäche nie möglich gewesen. „Gott, meine Frau und das ADHS sind die Dinge, die mich am meisten geprägt haben. Denen habe ich alles zu verdanken“, sagt er. Der Feind ist zum Freund geworden.

Was nun kommen mag, darauf warten die beiden voller Spannung. Zwar stören mittlerweile körperliche Beeinträchtigungen. Manches wird mühsamer. In Nostalgie schwelgen will das Paar aber nicht. „Wir leben für das Heute. Nicht für das Gestern und nicht für das Morgen. Außer im Christsein, da leben wir auf die Ewigkeit hin“, sagt Arno. Das hält sie jung. In den Augen blitzt noch die jugendliche Freude auf. Und spätestens, wenn die beiden beinahe 70-Jährigen beim Fotoshooting wie Kinder durchs Bällebad der Gemeinde tollen, ist klar: Meimbressen ist ruhig. Hanna und Arno Backhaus sind es noch lange nicht.

 

3 DIREKT-KOMMENTARE

  1. Jedes ADHS ist anders!
    Jeder Mensch mit ADHS/ADS hat seine eigene Geschichte und wir sollten auch so bei jedem Menschen agieren. Gott vertraut allen Menschen gleich. Deshalb möchte ich darum bitten, dass die ADHS/ADS-Krankheit auch als Einschränkung des Lebens wahrgenommen wird.
    Liebe Grüße, Ole

  2. Bei mir wurde ADHS festgestellt als zum zweiten Mal mein Vordiplom auf der Kippe stand. Ich sprach mit einer Person der ich vertraute über meine Probleme und sie, Mutter mit ADHS-Kids, gab mir den Rat, mich untersuchen zu lassen.
    (Mein bester Kumpel der neben mir saß und zwei Professoren hatten selbst schon einen Verdacht, aber ohne mich darauf anzusprechen…)

    Es war eine unendliche erleichterung als die Diagnose stand.
    Ich konnte mich endlich einordnen statt immer nur die Versagerin zu sein die in Schule Berufsausbildung und Studium nicht so mitkam wie die anderen trotz hoher Motivation. Und ich war nicht mehr einfach nur ein seltsamer Freak, der irgendwie komisch ist, nur weil ich auch sonst nicht so war wie die anderen.

    Es gab plötzlich einen Grund warum ich so bin wie ich bin. Ich bin nicht einfach nur falsch, schlecht, daneben.
    Ich funktioniere einfach nur anders und wenn ich das berücksichtige und z. B. Meine Berechnungen alle nochmal überprüfe, bin ich auch eine wirklich gute Ingenieurin.

    Ich bin heute allerdings nicht in Behandlung, ich komme mittlerweile auch so klar. Aufgrund eines unsteten Berufslebens als Leasingkraft war die letzten Jahre eh keine Behandlung durchzuhalten. Jetzt habe ich allerdings seit 2 Monaten eine Festanstellung.

    Aber das wichtigste war, mich selbst auch positiv sehen zu dürfen.
    Ich muss nicht funktionieren wie alle anderen, ich DARF anderst sein.

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