Die Bibel erzählt ungeschönt von einem Gott, der große Barmherzigkeit zeigt, aber auch hart durchgreift. Wie geht das überein?

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Von Philip Geck

Man kann seinen eigenen Glaubensüberzeugungen einen ganz guten Reality Check verpassen, indem man sich vorstellt, wie sie in einer Serie zum Ausdruck kommen würden. Wenn Geschichten gut sind, wenn sie sich einprägen und den Zuschauer nicht mehr loslassen, dann sind sie in der Regel eines nicht: oberflächlich und simpel.

Zwischen Tod und Vergebung

Man kann sich zum Beispiel fragen, wie man reagieren würde, wenn man, wie der junge Pfarrer Paul, mit einer Gewalttat in der eigenen Dorfcommunity konfrontiert wäre. Sein Dorf heißt, sicher nicht zufällig, „Broadchurch“ – zu Deutsch „weite Kirche“. So lautet auch der Titel der viel gelobten britischen Serie. Es ist eine klassische Kriminalgeschichte, mit dem elfjährigen Danny als Mordopfer und einer Vielzahl sympathischer Dorfbewohner, von denen jeder etwas zu verbergen hat. Sie sind genauso viel oder wenig religiös wie der britische Durchschnitt, weshalb Paul auch selten explizit von Gott spricht. Fragen nach Schuld, Vergebung, Gerechtigkeit und neuer Gemeinschaft kommen aber immer wieder auf, auch in den Gottesdienstszenen. Manchmal sieht man Paul beten. Zum Beispiel, wenn er Gott um Kraft bittet, bevor er vor die versammelte (Dorf-)gemeinde tritt, um den ermordeten Danny zu beerdigen.

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Zwischendurch versucht Paul dann doch einmal, eine schnelle Vergebungsstory zu produzieren. Er redet Dannys Mutter zu, mit ihrer geplanten Stiftung die Therapie pädophiler Männer zu unterstützen. Zögernd lässt sie sich überreden, aber als sie einige dieser Männer – die nichts mit Dannys Tod zu tun hatten − bei ihrer Therapiesitzung in Pauls Kirche dann tatsächlich trifft, rastet sie völlig aus. Gegen die brutale Endgültigkeit von Dannys Tod wirkt diese Vergebungsgeschichte zu diesem Zeitpunkt oberflächlich und klischeehaft.

Sauber, aber konsequent

Paul merkt das. Er macht Lernprozesse durch – wie alle Christen. Als sich Dannys Mörder schließlich stellt, ist Paul als treuer Seelsorger der Einzige, der ihn in der Untersuchungshaft besucht. Doch sein Gegenüber beginnt, seine Tat wieder abzustreiten, so dass ein langer Gerichtsprozess beginnt, der das Dorf extrem belastet. Paul muss erkennen, dass die Rede von Gottes Barmherzigkeit hier erst einmal gar nichts ausrichtet, und beendet seine Besuche. Letztlich ist er es, der dafür sorgt, dass der Schuldige auf saubere, aber harte und konsequente Weise aus dem Dorf verbannt wird, nachdem er wider alle Erwartungen freigesprochen worden ist. Paul steht für Gottes Vergebung und die Chance neuer Gemeinschaft ein – gerade, indem er immer mehr das Klischee des netten, harmlosen Pastors ablegt und Gerechtigkeit walten lässt.

Frei werden für Gottes Absichten

Seine Person und Geschichte machen nachdenklich. Und sie fordern heraus, über das eigene Gottesbild nachzudenken. Ein zu eindimensionales Bild von Gottes Wesen und auch von seiner Liebe, kann in solch komplexen Situationen wie in Broadchurch nicht bestehen. Das heißt nicht, dass man ins andere Extrem gehen und Gott einseitig als zornigen Richter ins Spiel bringen muss. Nein, der freie Gott will freie Menschen um sich. Und er will das nicht nur, er sorgt mit den guten Kräften seines Geistes dafür, dass Menschen befreit werden − von Zwängen, Ängsten und Selbstsucht, für Gottes gute Absichten mit ihnen und dieser Welt.

Aber gerade um Gottes Liebe zu erden, um sie mit der Realität unserer Welt zusammenzubringen, sind die vielen harten und herausfordernden Passagen der Bibel hilfreich. Auch wenn sie stören – etwa, wenn Gott brutal durchgreift, wie er es zum Beispiel in der Geschichte seines Volkes Israel tut. Es ist normal, dass wir diese Berichte lieber ausblenden – zumindest, solange es uns gut geht und wir in einem funktionierenden Rechtsystem leben.

Rohe Emotionen

In komplexen Krisenzeiten können sie aber ganz schön aktuell werden. Zum Beispiel ein Feindpsalm wie Psalm 58, der irdische Richter für ihre Korruptheit anklagt und Gott bittet, die „Bösen“ brutal zu vernichten: „Gott, zerbrich ihre Zähne in ihrem Maul.“ (V. 7 a) Das sind rohe Emotionen – mit denen der liebende Gott doch gar nichts zu tun haben kann, oder? In dem Gebet spielen sie aber eine wichtige Rolle. Die Menschen, die hier beten, setzen ihre Hoffnung gerade darauf, dass Gottes Toleranz eine Grenze hat, dass er die Bösen stoppt, ihnen sprichwörtlich ihr Maul stopft. „Die Gottesfürchtigen werden sich freuen, wenn sie sehen, dass die Ungerechtigkeit gerächt wird. Sie werden im Blut der Bösen waten. Dann werden alle Menschen sagen: Es gibt doch einen Lohn für diejenigen, die Gott gehorchen; es gibt durchaus einen Gott, der hier auf Erden gerecht richtet.“ (V. 11-12) Es geht darum, dass Gott ein Zeichen setzt und die Welt nicht einfach ihrer Ungerechtigkeit überlässt.

Ein realistischer Glaube

Der Gott, um den es in diesen Gebeten geht, ist weniger friedlich, als wir uns das vielleicht wünschen. Aber das gilt nicht nur für die Psalmen, das gilt auch für die junge, alternative Gemeinde, die in Jerusalem begann, Jesus nachzufolgen. Auch ihr wurde ziemlich schnell klar, dass Gott nicht nur eine nette Idee, sondern eine lebendige und sogar gefährliche Realität ist: In einer der ersten Szenen, in der die junge Gemeinde beschrieben wird, kommen zwei Menschen zu Tode – die beiden wollten der Gemeinde vorspielen, was für großzügige Spender sie sind (Apostelgeschichte 5). Ausgerechnet der Heilige Geist ist an ihrem Tod nicht unbeteiligt. Es ist derselbe Geist, der kurz zuvor wie Feuerbrausen auf die betenden Jünger gekommen ist und viele Menschen unterschiedlicher Sprachen zusammenbrachte – indem er klargemacht hat, dass Gott in Jesus Christus diese Welt von Grund auf versöhnt und neu macht.

Es hilft also nichts, sich auf das Neue Testament zu konzentrieren und das Alte auszublenden. Wenn man so anfängt, bleiben am Ende noch ein paar Lieblingsverse übrig, der Großteil der Bibel wird einem eher peinlich sein. Man muss sich auf das vielschichtige Gottesbild, das die biblischen Zeugnisse vermitteln, einlassen. Das wird zwar nicht alle Probleme lösen, aber sicher viele Vorurteile, die sich aus der Lektüre herausgerissener Verse und Szenen ergeben, abschwächen. Und vielleicht sogar zu einem realistischeren Glauben führen, der sich komplexen Herausforderungen, wie in Broadchurch, stellt − weil er weiß, dass Gott damit umgehen kann.

Gottes Versprechen

Gott ist kein Monster, das willkürlich sein Spiel mit seiner Schöpfung treibt. Das ist das Entscheidende, was die biblischen Zeugnisse vermitteln. Gott bindet sich selbst an die Versprechen, die er dieser Welt macht. Das beginnt schon ganz früh, nämlich in der Sintflut-Erzählung, die wie ein zweites Kapitel der Schöpfungsgeschichte wirkt. Die Welt ist ziemlich schnell voller Gewalt – dafür steht Kain, der seinen Bruder Abel ermordete, und Lamech, der andere Menschen wegen Kleinigkeiten erschlägt (1. Mose 4,23). Gott kann das nicht länger mit ansehen. Er bereut, dass er diese Welt ins Leben gerufen hat. So sehr, dass er sich zur Vernichtung seiner ganzen Schöpfung durchringt. Der Theologe Bernd Janowski bringt es auf den Punkt: Gott beantwortet menschliche Gewalt mit massiver Gegengewalt.

Und eigentlich gibt es keine Garantie, dass Gott nicht nach der Sintflut auch wieder an diesen Punkt kommen müsste – warum sollten die Nachkommen Noahs (der verschont worden war) so viel besser sein, als die Menschen vor der Sintflut? Wer sich hier ändert, ist eigentlich nur einer: Gott! Nach der Flut verspricht er: „Nie mehr will ich um der Menschen willen die Erde verfluchen und alles Lebendige vernichten, so wie ich es gerade getan habe, auch wenn die Gedanken und Taten der Menschen schon von Kindheit an böse sind“ (1. Mose 8,21). Gott rechnet nicht damit, dass nun einfach alles besser wird. Aber er beschließt, dass er in Zukunft anders handeln wird. Seine Aktion wird nicht als falsch beschrieben, aber es wird klar, dass Gott nicht die Gewalt an sich oder die Zerstörung seiner Welt will.

Die biblischen Zeugnisse präsentieren keine harmonische, simple Lösung. Sie fragen: Wie wird dieser Gott weiter mit seiner Schöpfung umgehen? Was wird er tun? Sie erzählen auch davon, wie Gott immer wieder knallhart „Nein“ sagt oder die Menschen für lange Zeit ihrem Treiben und dessen Konsequenzen überlässt. Das alles ist für uns oft verstörend, aber trotzdem hoffnungsvoll, weil sich dieser Gott mit allem, was er ist, für seine Welt einsetzt – in Liebe und Gerechtigkeit.


Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift DRAN erschienen, die wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört.

2 DIREKT-KOMMENTARE

  1. Geliebte Geschwister im Herrn!
    Durch meine Erfahrungen und mein Nachdenken bin ich zur Überzeugung gelangt, dass unser Gott ein immerwährend guter, wahrer und schöner Gott ist. Wenn wir ihn jetzt noch nicht verstehen, so können wir ihm doch von ganzem Herzen vertrauen.
    Bei allem was geschieht – Gutes oder Böses – ist es nur wichtig, wie wir damit umgehen. Sind wir barmherzig und vertrauensvoll oder verurteilen wir und zweifeln an Gottes Liebe?
    So wollen wir uns als Gottes geliebte Kinder ganz auf Gott ausrichten und mit ihm und für unserer vielen Geschwister leben und miteinander der himmlischen Heimat entgegenstreben.
    Alles Liebe, Euer Stefan Bopp

  2. Ich gebe zu, manchmal bete ich auch das Gott mach einem doch hart bestraft. Meistens tut das Gott nicht und das ist gut so. Aber trotzdem tut mir das durch Menschen entstandene leid sehr weh. Holocaust, Kosovo, Syrien. Dann wären Drogenbarone, rechtsradikale, Esoteriker, Verschwörer die anderen Angst und Leid verursachen. Da möge Gott denen wirklich mal die Zähne ausschlagen. Ja, ich darf in meinem Kämmerlein das beten. Hinter verschlossenen Türen und niemand außer Gott sieht dann doch mein Herz und doch versteht er mich.

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