Viele Hauskreise fanden in den letzten Monaten virtuell statt. Aber wenn schon digital, dann könnte man die Technik doch viel weitgehender nutzen. Tobias Lang probiert den Hauskreis 2.0.

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Ich hätte nie gedacht, dass eine Kurznachricht mal mein beeindruckendstes Hauskreis-Erlebnis sein könnte. Ich erhielt die Nachricht, während wir uns als Kleingruppe (virtuell) trafen – von einem Teilnehmer. Mein Hauskreisfreund bat mich um die Kontaktdaten einer anderen Person. Als ich diesen Namen las, schoss ein kleiner Adrenalinstoß durch mich, so sehr begeisterte mich diese Nachricht. Um meine Freude zu verstehen, muss man die Vorgeschichte kennen – dazu später mehr. Aber was soll man eigentlich von einem Hauskreis halten, in dem per Smartphone Kurznachrichten ausgetauscht werden?

Ich weiß, was gleich kommt

Ich denke, wir sind eine ganz sympathische Truppe: Drei Ehepaare, drei alleinstehende Frauen, altersmäßig zwischen Mitte 20 und Anfang 50. Im Normalfall treffen wir uns jeden Mittwoch. Wir verstehen uns gut, nehmen uns viel Zeit für den persönlichen Austausch. Es gibt Knabberkram, gemeinsames Gebet, Einheiten aus dem HauskreisMagazin und es gibt Wiederholungen. Wenn Willi beispielsweise zum x-ten Mal von der schweren Krankheit seiner 94jährigen Oma erzählt oder Mechtild mindestens einmal im Monat von ihrer intensiven Gottesbeziehung schwärmt, als ihr Dieter nach dem Lottogewinn mit Geld und Sekretärin durchbrannte. Zugegeben, Namen und Geschichten sind erfunden, aber ich wette, Sie kennen den Effekt, dass eine Frage gestellt wird und man denkt sich: Oha, gleich erzählt Gerda wieder, wie sie damals beim Ladendiebstahl ertappt wurde. Kurzum, ich mochte meine Kleingruppe wirklich. Aber hin und wieder hatte ich den Eindruck, der Abend sei weitestgehend ergebnislos an uns vorbeigezogen.

Tobias Lang
Tobias Lang

Doch manchmal braucht es einen Verstärker, um zu begreifen, dass etwas schiefläuft. Ich brauchte zwei Verstärker: Corona und Zoom. Von Corona werden die meisten schon gehört haben. Zoom ist diese angesagte Video-Chat-Software, die es dank des Virus zu Weltruhm gebracht hat. Zwei oder drei Wochen nach dem Lockdown beschlossen wir, unsere Runde ins Internet zu verlegen und uns per Zoom zu treffen. Das war ein großes Hallo, als auf dem Bildschirm nacheinander eine Übertragung nach der anderen erschien und wir endlich wieder zusammen waren. Nach einem intensiven Austausch beschäftigten wir uns auch ganz klassisch mit einer Einheit des HauskreisMagazins. Es braucht nur zwei solcher Treffen, um es zu kapieren: Ich war sehr unzufrieden! Die Wiederholungen, Schweigen oder vage Andeutungen, wenn es ans Eingemachte ging, dazu die Musterantworten. Ich vermute, dass unsere gute Gemeinschaft und das gemütliche Miteinander vor Corona unsere Schwächen gut übertünchen konnten. Im Videochat traten sie aber umso deutlicher hervor, weil ein Stück Wärme fehlte.

Mehr als ein Bildschirmtelefon

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Ich dachte nach. Über unsere Kleingruppe, über meinen Part, über die besondere Situation. Und schließlich über die Technik. Mir fiel auf, dass wir im Hauskreis Technik ganz anders nutzen, als im normalen Leben. Mit meinem Laptop lese ich Nachrichten, ich schreibe damit E-Mails, schaue Videos, speichere Fotos, höre Musik, finde Informationen oder bespaße gelegentlich meine Kinder. Nicht selten passiert all das innerhalb weniger Stunden. Ich nutze Smartphone und Rechner multifunktional, interaktiv und intuitiv. Doch in unserem Hauskreis reduzierte ich die Kiste zu einem Bildschirmtelefon. Das brachte mich auf eine Idee:

Wenn wir schon virtuelle Hauskreise 2.0 machen, dann aber bitte auch richtig. Bei unserem nächsten Hauskreis ging es dann los. Wir zeigten uns gegenseitig anhand von Fotos aus dem Internet, was wir noch unbedingt erleben wollen. Zur obligatorischen Frage nach einem persönlichen Tief suchte jeder von uns in oder mit seinem Rechner nach Krisen-Medien, also nach Musik, persönlichen Notizen, Bildern oder nach Videoclips und Facebook-Einträgen, die in schwierigen Lebensphasen eine Rolle gespielt haben oder etwas von dem verkörpern, was da passiert ist. Beide Übungen steigerten die Emotionalität enorm!

Online-Umfrage

Was hilft dir in einer Krise weiter? – In einer normalen Wohnzimmerrunde hätte vermutlich jeder ein Statement abgegeben. Nun schätzte jeder in einer selbst gestrickten Online-Umfrage die Wirkung von Gebet, Freunde, Ruhe, Sport, Genuss und 10 anderen Möglichkeiten ein. Hinterher tauschten wir uns über auffällige Ergebnisse aus. Zwischendurch gab es auch ganz normalen Austausch im Gespräch. Am Ende waren wir alle von dem Abend so begeistert, dass wir in den nächsten Wochen weitere Experimente wagen wollten. Einmal entstand in fleißiger Hintergrundarbeit die Spotify-Playlist „Osterleute singen“ mit unseren schönsten Lobpreislieden. Ein anderes Mal hatten wir eine Gebetsgemeinschaft, bei der jeder persönliche Anliegen durch eine Nachricht in unsere WhatsApp-Gruppe vor Gott bringen konnte. Wo sonst einzelne Anliegen sehr ausführlich vorgebracht wurden, kamen so etliche Sorgen und Bitten zusammen und jeder konnte sie mit nach Hause nehmen – hoffen wir, dass Gott kein Telegram-Verfechter ist.

Unsere interaktiven Online-Hauskreise weckten eine neue Lust auf die gemeinsamen Abende – das bestätigten auch die anderen Mitglieder. Durch die Einbeziehung unserer Rechner und Smartphones erlebten wir das gemeinsame Bibelstudium viel intensiver. Wir verknüpften Bibeltexte, Auslegungen und Informationen auf eine andere und doch auch vertraute Art mit unseren eigenen Gedanken und Emotionen. Unsere Sinne wurden viel stärker angesprochen. Manchmal konnten wir neue Impulse direkt umsetzen, statt sie auf der langen Bank zu parken. Und damit sind wir wieder bei der Geschichte mit der Kurznachricht.

Vergessen, aber nicht vergeben

An diesem Abend sprachen wir über die bekannte Gebetszeile aus dem Vater unser „wie auch wir vergeben unsern Schuldigern“. Ich habe bei dieser Zeile selten konkrete Fälle im Hinterkopf. Dabei gibt es Begegnungen, bei denen ich merke: Ich fühle mich unwohl, weil da eine Enttäuschung oder ein offener Streit war, der vielleicht lange zurückliegt. Nicht selten ärgere ich mich hinterher und frage mich, wieso ich eigentlich bei dem Treffen so verunsichert war. Erlebnisse wie diese wollte ich mit der Gebetszeile zusammenbringen. Also schlug ich vor, dass jeder sein Smartphone zückt, WhatsApp öffnet und einmal durch alle vorhandenen Kontakte scrollt, um solche Personen ausfindig zu machen. Wer fündig wurde, konnte kurz für die Beziehung beten und vielleicht auch eine kurze, freundliche Nachricht senden.

Nachdem ich den Modus erklärt hatte, ging bei mir die erwähnte Anfrage ein. Ein Mann aus unserer Gruppe fragte nach den Kontaktdaten eines gemeinsamen Bekannten. Er wollte ihm unbedingt eine Nachricht schreiben. Zwischen beiden hatte es einen ziemlich unschönen Zwist gegeben; ein Zwist, der damals gerichtlich geklärt werden musste; ein Zwist unter Brüdern; ein Zwist, von dem wir alle die bitteren Hintergründe kannten, wenn auch nur aus einer Perspektive. Und nun sollte daraus vielleicht eine Versöhnungsgeschichte werden. Ich bekam regelrecht eine Gänsehaut. Wie großartig, wenn man Gottes Einfluss virtuell und doch hautnah miterleben darf!

Mittlerweile haben bereits einige Lockerungen in der Corona-Krise gegriffen. Wenn es gut läuft, werden wir uns in ein paar Wochen endlich wieder im Wohnzimmer sehen können. Wir freuen uns darauf, weil uns die Nähe wirklich fehlt. Im Moment habe ich noch keine Idee, wie es dann weitergeht. Vielleicht sitzen wir zusammen wie Gestrandete aus einem Internetcafé, mit dem Laptop statt der Bibel auf dem Schoß. Vielleicht brauchen wir dringend mal wieder analoge Einheiten. Aber ich bin mir schon jetzt sicher, dass wir auf jeden Fall anders weitermachen werden als vor unseren Online-Hauskreisen. Dafür haben uns die Erfahrungen zu gutgetan.

Tobias Lang ist Geschäftsführer der *dzm Deutsche Zeltmission e.V. und lebt mit seiner Familie in Siegen.


Der Artikel erscheint auch im HauskreisMagazin, das wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört.

1 DIREKT-KOMMENTAR

  1. Ich werde es nie begreifen wie man so dumm sein kann und sich verzoomen lässt. Es gibt datenschutzfreundliche Alternativien wie jisi meet.

    Lutz

    [Wir haben das freigeschaltet. Künftig Tipps aber gerne ohne beleidigende Wörter / VG, die Redaktion]

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