Karl Barth (links) und Martin Niemöller
Karl Barth (li.) und Martin Niemöller im Jahr 1947 (©epd-bild / Hans Lachmann)
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Der Theologe Martin Niemöller, „persönlicher Gefangener“ Hitlers von 1938 bis 1945, gilt als Ikone des protestantischen Widerstands in der NS-Zeit und der Friedensbewegung in der Bundesrepublik Deutschland. Obwohl Brüche in seinem Leben bekannt sind, sei er gerade von Seiten der Kirchen zur „Leitfigur verklärt worden“, schreibt der Historiker Benjamin Ziemann in der Zeitschrift „zeitzeichen“. Dabei gebe es gute Gründe für kritische Anfragen.

Link: Kein Kronzeuge – Gründe für die Rehttps://zeitzeichen.net/node/8253vision eines verklärenden Bildes von Martin Niemöller

 

3 DIREKT-KOMMENTARE

  1. Wenn ich den Zeitzeichen-Artikel von Benjamin Ziemann lese, bin ich überrascht, wie negativ, fast schon heuchlerisch, Niemöller in dem Artikel dargestellt wird. Ich bin zwar bei Weitem kein Geschichtsprofessor, sodass ich die Hintergründe seiner Argumentation nur unzureichend kenne. Die Argumentation des Artikels schlägt jedoch immer wieder in die gleiche Kerbe: Niemöllers nationalistische Einstellung bis in die 1930er Jahre. Das ist aus meiner Sicht etwas einseitig, zumal wir als Gesellschaft des 21. Jahrhunderts vergessen, dass nationalistisches Denken zu dieser Zeit weit verbreitet und fast schon alternativlos war. Da spielt auch die Erziehung eine gewisse Rolle, von der sich die meisten von uns erst mit der Zeit emanzipieren. Niemöller war in gewisser Weise schlicht Kind seiner Zeit, so wie wir es heute in gewisser Weise ebenso sind.
    Niemöller erkannte jedoch unter Hitler als einer der Ersten, wozu der deutsche Nationalismus schließlich führen muss, und predigte bis 1937 öffentlich und illegal gegen Hitlers Faschismus. Niemöllers Vorkriegszeit muss im Licht der Zeit betrachtet werden. Und deshalb interessieren mich Herr Ziemanns genaue Gründe, die ihn in Niemöller nicht den aufrichtigen, geläuterten Pastor sehen und dessen Sinneswandel in den 1930er Jahren für wenig bedeutend oder gar geheuchelt halten lassen. Dabei hat er als Dahlemer Pastor unter Lebensgefahr gegen Hitler gepredigt und ist dafür acht Jahre eingesessen. Ohne Verurteilung der rücksichtslosen Politik und diametral entgegengerichtete Ansichten gegen die Nazis ergibt Niemöllers Widerstand keinen Sinn.
    Nach dem Krieg setzte sich Niemöller weiterhin konsequent für die Ziele der Bekennenden Kirche ein, zu der auch Karl Barth und Dietrich Bonhoeffer gehörten. In den drei Nachkriegsjahrzehnten Niemöllers aktiven Wirkens galt er nicht ohne Grund als einer der international angesehendsten, weisesten Kirchenvertreter. Vor allem was seine Offenheit gegenüber anderen Kirchen (katholisch, orthodox) und Fokus auf Jesus als Vereiniger der Christen war aus heutiger Sicht wegweisend. Das Niemöller nicht in allen Fragen richtig lag und seine deutsch-kaiserliche Prägung nie vollkommen ablegte, ist unbestreitbar. Und ich gebe Herrn Ziemann recht, dass man Niemöller, genauso wenig wie jede andere Person, zu einer Lichtfigur verklären sollte.
    Nichtsdestotrotz sollte das Wirken Niemöllers gewürdigt werden. Eine kritische Auseinandersetzung kann da nur gut tun. Aber bitte eine wohlwollende, keine missgünstige.

    • Niemöller hat lange den Widerstand gegen die „Deutschen Christen“ mit einer Hitler-Verehrung vereinbaren können. 1933 war er der erste, der Hitler zur Ernennung als Reichskanzler gratulierte, und auch stolz darauf – bis er 1936 verhaftet wurde.

      Und man darf sich auch die Frage stellen, ob nach 1945 die Nähe Niemöllers zum Ostblock (die ihm einen Leninorden einbrachte) nicht aus der antidemokratiekritischen Handlung (die Ziemann beklagt) entsprang, die vor 1945 eine nur teilweise Distanz (insbesondere in der „Judenfrage“) zur Folge hatte.

      Mag sein, dass Ziemann die Schattenseiten zu sehr betont. Aber Brocksieper scheint sie ausblenden zu wollen.

  2. Es ist immer problematisch, Menschen zu „Lichtgestalten“ zu verklären. Vielleicht hängt das mit unserer menschlichen Tendenz zusammen, etwas oder jemanden anzubeten. Als Christen müssen wir uns immer klar machen, das Anbetung nur in Bezug auf Gott geht, ansonsten ist das Götzendienst.
    Der Artikel von Herrn Ziemann ist daher eine notwendige Ent-Täuschung und kann das Bild von Martin Niemöller erden.
    Für mich zeigt er auf, das Herr Niemöller eben kein Held und Heiliger ohne Tadel war und auch sein Wirken kritisch betrachtet werden muß.
    Es kommt darauf an, in der Nachfolge zu bleiben. Und dazu gehört, das wir aus dem Glauben heraus Faschismus, Nationalismus und Hass überwinden müssen. Das sind Ideologien, die Lebensfeindlich sind. Das fromme Fachwort dafür ist Sünde.
    Wenn ich in meinem Umfeld sehe, wie Christen heute zu eben diesen Ideologien tendieren, die sich bei AfD, Pegida etc. manifestieren, weis ich, das uns ein nüchterner Blick auf Menschen wie Niemöller sehr guttut.
    Denn ich fürchte, das gerade in Evangelikalen und Charismatischen Kreisen- zu denen ich mich auch zähle- ein Konservativismus die Sinne verblendet, der anfällig für diese Ideologien macht.
    Martin Niemöllers war ein glühendenrNationalist der einige Balken in seinem Auge erkannte und sie sich entfernen lies. Er konnte so dem Götzendienst namens Nationalismus auf die Schliche kommen. Das ihm dessen Überwindung wohl nur teilweise gelungen ist, schmälert nicht seine Verdienste.
    Es sollte uns heutigen Zeitgenossen und Jesus Nachfolgenden demütig machen, denn auch wir haben Balken in den Augen.
    Wir müssen uns bewußt sein, das auch der entschiedenste Christ auch Zeitgenosse ist. Und Zeitgenossenschaft macht nun mal mindestens partiell blind. Nichts, auch nicht der Heilige geist befreit uns von der Aufgabe, zu denken und kritisch gegen Vorbilder zu sein.

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