Zuversichtlich in die Zukunft zu blicken, ist in diesen Tagen der Corona-Pandemie keine leichte Übung. Hoffnung – mal vorsichtig, mal kämpferisch, mal trotzig – ist dennoch Kern-DNA des Lebens und Glaubens.

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Von Annette Penno

Ich konnte es rascheln hören. Ein leises Huschen über den Boden. Unterdrücktes Getuschel. Dann war es plötzlich still. Ich drückte mich noch näher heran und lauschte einen weiteren Moment. Nichts. Alles, was ich jetzt noch vernahm, war die kribbelige Aufregung, die in meinen Adern sprudelte wie gut geschüttelte Zitronenlimonade. Dann wurde plötzlich die Tür von innen aufgerissen und ich flog mit ihrem Schwung fast direkt auf meinen Geburtstagstisch.

Weihnachten, ein ganz ähnliches Szenario. Nur, dass sich dann die Nasen meiner Geschwister noch dazugesellten, die wir uns vor dem Schlüsselloch plattdrückten, um schon etwas von dem geheimen Zauber zu erhaschen, den unsere Eltern hinter verschlossenen Türen für uns vorbereiteten.
Vorfreude. Hoffnung. Zuversicht. Dieses gespannte Warten in der Gewissheit, dass irgendetwas Wunderbares kommt. Auch, wenn man nicht genau weiß, was, und man sich fühlt, als säße man in einer Konfettikanone kurz vor dem Abschuss. Zum Platzen vorfroh eben. Herrlich.

Hoffnung braucht Gewissheit

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Von dieser süßen Stimmung konnte die junge Frau nichts für sich in ihrem Alltagskampf finden, die mir an einem Mittwochmorgen gegenübersaß. „Ich weiß nicht, worauf ich hoffen soll. Hoffnung. Dieses Wort ist für mich so unfassbar vage. Woher soll ich wissen, was kommt? Wie kann ich denn darauf vertrauen, dass diese Situation ein gutes Ende nehmen wird?“

Ehrliche Fragen. Kluge Fragen. Und die ehrlichen wie kläglichen Antworten darauf lauten: Wir können es nicht wissen. Es gibt keine Garantie für die Erfüllung all unserer Wünsche. Und die Perspektive, die uns in diesem Moment bleibt, ist ein orientierungsloses Umhergeworfensein im Strudel völlig sinnloser Ereignisse. Es ist hoffnungslos.
Außer wir kennen jemanden, der mehr weiß als wir. Der uns etwas vom Ende verraten kann. Der uns verspricht, dass Gutes kommt – wie auch immer es aussehen wird. Einen, dem wir glauben können, dass er hinter der Tür unseres Lebens in liebevoller Vorbereitung und Planung voll damit beschäftigt ist, uns seine Liebe zu zeigen. Der uns hereinholt in dieses Zimmer, das uns verzaubert und unser Herz erweicht, weil sich da jemand so viele Gedanken um uns gemacht hat.
Ansonsten bleibt uns optimistisches Herbeigewünsche, ein grundloses Schönreden und Zurechtlegen, ein kognitiver Zauber, der am Ende des Tages wieder verpufft und kein Mittel gegen die Kälte der Nacht dalässt. Aber Hoffnung braucht etwas anderes. Hoffnung braucht die Gewissheit, dass etwas Wunderbares wartet.

Wie wir Mut im Dunkeln schöpfen können

Eine Freundin sagte dazu neulich: „Das Leben ist wohl so. Mit all seiner Schönheit und dem Schmerz. Aber irgendwie geht es auch immer weiter. Ist das nicht seltsam? Ich denke in diesen abscheulich dunklen Momenten, jetzt kann ich wirklich nicht mehr … aber dann geht’s doch wieder, weil von irgendwoher neuer Mut um die Ecke kommt.“ Es schien, als hätte ihre Erfahrung ein Muster des Lebens aufgedeckt. Könnte es wahr sein, dass wir in ein Prinzip der Auferstehung eingebettet sind, ob es uns bewusst ist oder nicht? Dass sich das Leben letztlich immer durchsetzt, egal, wie es gerade in uns und um uns herum aussieht? Auch durch das Versagen, Verzagen, den Schmerz, den Abschied und alles Sterben hindurch? Was wäre das für eine erleichternde Aussicht! Wissen zu können, dass die Tiefe der Ort ist, an dem etwas Neues entsteht! Dass sich die Auferstehung wiederholt und der Stein ins Rollen kommt.

Mich traf diese Möglichkeit wie ein Erkenntnisschlag, als ich meine erste Tomatenpflanze ziehen wollte. In der einen Hand die Tüte mit den Samen, in der anderen die Hand meines Vaters. Wir buddelten diese winzigen Dinger ins Beet unterm Holzhochhaus und jeden Morgen sprang ich vergnügt aus dem Bett und lief zur Pflanzstelle, um zu gucken, ob ich endlich ein paar runde rote Früchte ernten konnte. Aber nach einiger Zeit kam die Ernüchterung und ich überlegte, warum das so lange dauerte. Und was die denn da unten jetzt eigentlich so machten … „Sterben“, hörte ich meinen Vater sagen, als wäre das das normalste der Welt. Ich war völlig entsetzt. „Was?! Meine erste, eigene, wunderschöne Tomate, die ich sehen würde, war nur über den Tod zu kriegen?“

Auf die Kreuzigung folgte die Auferstehung

Dieser Schreck entpuppte sich als geheimnisvoller Augenöffner. Denn seitdem konnte ich es plötzlich überall sehen: Die Blätter fallen von den Bäumen, bevor etwas Neues sprießt. Die Adler werden aus dem Nest in den Abgrund gestoßen und lernen so fliegen. Raupe, Kokon – Schmetterling! Winter, Schneedecke – Krokusspitzen! Sonnenuntergang, Nacht – Sonnenaufgang!

Genauso wie: Golgatha, Karsamstag – Auferstehung! Es war, als würden mir das gesamte Universum und sein Schöpfer in einer bombastischen Sinfonie das wiederkehrende Hauptmotiv entgegenschleudern: „Halte durch, halte durch! Du sollst leben! Geh weiter, das hier ist noch nicht das Ende deiner Geschichte.“
Wenn ich dieses Prinzip erkenne und glauben kann, dass es sich auch in meinem Leben weiter fortsetzt, dann kommt nach dem Aus meiner unerfüllten Wünsche und enttäuschten Erwartungen zur rechten Zeit das Leben zurück. Dann wird das, woran ich zu zerbrechen glaube, zu dem, was mich neu macht und verändert. Ich werde danach nicht mehr dieselbe sein. Aber ich werde nicht verkümmern oder nur überleben, sondern aufleben und wachsen. Deswegen braucht Hoffnung das Ausharren, Abwarten – Ausdauer, bis sich das Versprechen der Metamorphose erfüllt.

Wenn die Hoffnung fehlt

Aber manchmal – wenn es mal wieder länger dauert – dann fühlt es sich auf der Schattenseite des Lebens ja leider noch so gar nicht nach Durchgangsstation an. Sondern eher nach Sackgasse, Endstation, Abstellgleis. In solchen Momenten ist es verlockend, genau das zu glauben, was einem die Stimmen der Nacht einreden wollen: „Das schaffst du nicht. Aus diesem Loch kommst du nicht wieder heraus. Dies ist dein Ende. Dein neues Normal. Alles, was jetzt noch auf dich wartet, ist ein Leben ohne Wende, voller Trauer, Schmerz und Schwere.“

Dann braucht Hoffnung Widerstand. Dann ist die Entscheidung nötig, sich davon nicht kleinkriegen zu lassen. Wie eine strahlende Halsstarrigkeit, eine post-dramatische Trotzphase, wie eine royale Rebellion, die sich weigert, dem Schatten zu gestatten, einem das Vertrauen, die Vorfreude und den Frieden zu rauben.

Wenn ich mich in den Momenten, in denen ich drauf und dran bin aufzugeben, mit meinem Herzen einlogge, kann ich meine inneren Fanfaren hören, die zum Kampf rufen – und kurz darauf tief in mir ein dunkles Donnern, das sich drohend nähert, immer lauter heranrollt und sich schließlich zu wildem Löwengebrüll aufbäumt und gegen die Verzagtheit anhetzt, weil mir jede Faser meines Seins signalisiert, dass das hier nicht der Ort ist, an dem meine Seele verharren soll. Ich fahre Klauen aus, von denen ich nicht wusste, dass ich sie habe, und jage allen Zorn, Kampfgeist und Trotz auf die Lügengeister: „Niemand wird mich an diesem Ort festhalten und mir meine Hoffnung und Zukunft stehlen!“

In solchen Momenten erlebe ich, wie Hoffnung zu einer Gewalt wird, die mich zurück ins Leben zieht. Wie ein Erdbeben in jeder meiner Zellen, ein Aufrütteln und Abschütteln aller Steine, die mein Inneres mit falschen Annahmen über das Leben und meine Zukunft verstopfen, und meine Seele wird von Sauerstoff geflutet. So, als hätte ich unsterbliche DNA in mir, die sich mit Macht ihren Weg bahnt.

Mit neuer Kraft ins Morgen starten

Und es könnte genau so sein – wenn ich mir ansehe, was Jesus, dieser Hoffnungsträger des Himmels, dieser Grabräuber von Golgatha, dieser unfassbar Unnachgiebige in Sachen Unheil so gesagt und gelebt hat. Dass er für mich ist! Dass er niemals von mir weicht! Dass er alles neu macht!

Wenn ich darauf vertraue, dann lerne ich, mich in der Gewissheit dieses Versprechens auszuruhen. In der Enttäuschung und im Schmerz übe ich, mich vor der Tür auf die Lauer zu legen, hinter der er Wunderbares für mich vorbereitet. Ich kann etwas Wunderbares erwarten, das schon durch den Spalt strahlt, mit dem er mich berühren wird. Ich erlebe, dass ich nicht immer alles bekomme, was ich wollte. Aber ich erfahre wieder und wieder, dass er meine Bedürfnisse, die als Kern hinter den Wünschen liegen, immer besser versorgt, als ich es mir vorher vorstellen konnte. Er macht es gut. Ich mache dieses Wissen von Gestern in meinem Jetzt fest und werfe den Anker ins Morgen. Und werde am Ende überwältigt von einer Güte, die mich vor Staunen sprachlos macht. Manchmal zart und leise. Manchmal umwerfend.

Wenn ich eine erlebte Wahrheit aus dem Wahnsinn meines Lebens in die Welt schleudern könnte, dann wäre es diese: „Du wirst es schaffen!“ Ich würde sie als Fanal der Vorfreude in Knallfarben auf alle Hauswände sprühen, würde sie nachts um die Sehenswürdigkeiten meiner Stadt wickeln und sie von allen Stadionbühnen in die Massen rufen, damit wirklich niemand mehr verzagt durch die Schattenseiten des Lebens gehen muss: „Das ist noch nicht das Ende! Egal, was passiert: Du wirst es schaffen. Denn es gibt jemanden an deiner Seite, der sich darum kümmert. Auf, das Leben wartet!“


Dieser Artikel erschien zuerst in der Zeitschrift Joyce (04/2020). Die Frauenzeitschrift Joyce erscheint regelmäßig im SCM Bundes-Verlag, zu dem auch Jesus.de gehört.

 

 

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