Die individuelle Berufung für das eigene Leben führt in Kombination mit der Berufung als Eltern zu Spannungen, meint Annegret Schumacher. Täglich lernt sie, ihre Prioritäten abzuwägen.

Wozu bin ich berufen? Was ist meine besondere Aufgabe auf dieser Erde? – Mit dieser Frage beschäftige ich mich nicht erst, seitdem ich Christin bin. Schon als Teenager wollte ich wissen, warum es genau mich gibt, was mich auszeichnet, wer ich bin. Diese Fragen zu unserer Identität stellen wir uns alle irgendwann. Auf manche davon finden wir Antworten, andere sind auch als Erwachsene noch mit großen Fragezeichen verbunden. Zu wissen, wozu ich geboren bin, was meine besonderen Begabungen sind und wozu ich berufen bin, das ist eine große Sehnsucht in uns Menschen.

Ich bin davon überzeugt: Jeder Mensch ist berufen. Zuallererst dazu, ein Kind Gottes zu sein. Dann folgt die Berufung als Ehemann oder Ehefrau, als Vater oder Mutter, als Sohn oder Tochter und schließlich eine individuelle Berufung, die wir ehrenamtlich oder hauptberuflich leben können. In „Berufung“ steckt das Wort „Ruf“. Berufung bedeutet für mich: Ich folge dem Ruf Gottes in meinem Leben und für mein Leben. Ich bin bereit, mich leidenschaftlich für diese Sache einzusetzen. Ob ich mich in meiner Freizeit um minderjährige Flüchtlinge kümmere, als Lehrerin meinen Schülern eine Perspektive mitgebe oder sonntags in meiner Gemeinde beim Auf- und Abbau helfe: All das kann meine Berufung sein.

Was hat Priorität?

Der Wunsch, einem solchen Ruf Gottes nachzugehen, führte dazu, dass mein Mann und ich 2012 beschlossen, unser altes Leben hinter uns zu lassen. Wir zogen um, gaben unsere Jobs als Architekt und Redakteurin auf und entschieden uns, als Pastoren eine Gemeinde zu gründen.

Wir merkten beide: Unser neuer Beruf ist mehr als nur ein Job. Es ist unsere Leidenschaft, einen Rahmen zu schaffen, in dem Menschen Gott begegnen, Kirche neu erleben und Jesus ähnlicher werden. Dass es unsere Leidenschaft ist, ist großartig, führt aber gleichzeitig auch in Spannungen. Wann hat welche Berufung Priorität? Wann darf mein Mann, wann darf ich Zeit investieren? Wer als Familie mit kleinen Kindern lebt, muss da viele Lösungen finden.

„Bei der Frage, wer eine bestimmte Aufgabe in der Kirche übernehmen darf, flackert der Konkurrenzkampf zwischen uns auf.“

Wir persönlich definieren anhand der Reihenfolge der Berufungen die – zumindest theoretischen – Prioritäten in unserem Leben: zuerst Gott, dann der Partner, dann die Kinder und dann der Job. Klingt toll in der Theorie, im Alltag ist die Umsetzung nicht so einfach. Da bringt beim Familienabendessen eine WhatsApp alles durcheinander. Und bei der Frage, wer eine bestimmte Aufgabe in der Kirche übernehmen darf, flackert der Konkurrenzkampf zwischen uns auf. Den anderen höher achten als sich selbst, meinen Partner freisetzen für seine Berufung – oft eine Einstellung, um die man in seinem Herzen mit Gott ringen muss.

Und wie gehen wir damit um, dass an unserem freien Familientag ein wichtiger Gemeindetermin liegt? Wir versuchen, Gott bei solchen Entscheidungen nach seiner Meinung zu fragen und entsprechend zu handeln. Und auch, die Priorität unserer Berufungen nicht aus den Augen zu verlieren. Uns beiden gelingt es sehr gut, vor lauter Leidenschaft für die Gemeinde die Familie zu „vergessen“, den Feierabend nach hinten zu schieben, weil eine dringende Aufgabe gerade noch erledigt werden möchte oder weil wir gerade im Flow sind.

Zeit mit Gott, dem Partner und den Kindern kann ich doch auch noch nächste Woche haben. Zeit für diese eine Aufgabe brauche ich aber genau jetzt. Eine Falle, in die ich immer wieder tappe. Ich sollte es besser wissen: Wie viele Menschen haben schon bereut, in den entscheidenden Jahren zu wenig Zeit mit ihrer Familie verbracht zu haben? Und prompt mahnt mich ein Spruch auf einem Mama-Blog: „Die Tage mit Kindern sind lang, aber die Jahre sind kurz.“ Autsch, das sitzt!

Gesundes Maß

Ich bin überzeugt: Jeder Job kann eine Berufung sein. Meine Freunde Tim und Miriam Boeker sind Ärzte aus Leidenschaft. Ihre Berufung: Den Glauben in die Tat umsetzen, Gottes Liebe praktisch weitergeben. Im Moment leben die beiden mit ihren drei Kindern in Peru und arbeiten als Ärzte im Missionshospital Diospi Suyana. „Für uns beide ist die größte Schwierigkeit, dass wir nicht vergessen, dass die Familie die oberste Priorität hat, vor unserem Beruf. Und dass wir auf der anderen Seite uns aber auch von der Familie nicht abhalten lassen, unsere Berufung als Ärzte zu leben. Beides muss in einem gesunden Maß zueinander stehen.“

Eine Spannung, die vermutlich fast alle Eltern kennen, auch wenn sie einen Job haben, in dem sie nicht ihre individuelle Berufung leben. Ein „Brotjob“ dient vorrangig dazu, die Familie zu finanzieren und hat in vielen Fällen einen klaren Anfang und ein klares Ende. Dann kommt vielleicht am Abend noch das Ehrenamt in der Gemeinde oder einem Verein dazu, in dem man seine individuelle Berufung lebt.

„Ich will treu sein in allen Berufungen, die du mir gegeben hast, Gott!“

Wer seiner Berufung hauptberuflich nachgehen kann, weiß, dass die eigene Finanzierung nicht das Zentrale ist, dass es nicht nur darum geht, den Chef, die Kollegen oder Kunden zufriedenzustellen. Es ist ein Auftrag darüber hinaus. Das ist das Schöne, das Erfüllende, aber gleichzeitig auch das Schwierige daran. Für mich ist meine Berufung mein Herzschlag, mein Auftrag, der keinen Anfang und auch kein Ende hat. Das ist mit meinen Kindern und meinem Mann so und auch in meiner pastoralen Aufgabe. Und deswegen entdecke ich über die Jahre einen Schatz: Meine individuelle Berufung kann ich überall leben. Menschen mit Jesus bekanntmachen, ihnen Freiheit und Liebe zusprechen – das kann ich überall tun, auf dem Spielplatz mit anderen Eltern, in der Gemeinde, im Freundeskreis oder beim Sport. Egal, was ich tue: Wenn ich achtsam durch den Tag gehe, kann ich meine Berufung überall mitnehmen und ausüben.

Um Lösungen ringen

Früher diskutierten mein Mann und ich darüber, wer am Wochenende nach dem Ausschlafen zum Bäcker gehen muss, heute manchmal darum, wer um acht Uhr zur Arbeit gehen darf. Dass wir beide eine individuelle Berufung leben möchten, bringt uns in Spannungen.

Wie gut ich mit diesen Spannungen in meinem Leben umgehen kann, entscheidet sich auf meinem „inneren Schlachtfeld“. Bin ich heute bereit, meinem Partner den Vortritt zu lassen, ihn wirklich ohne Vorwürfe und schlechtes Gewissen freizusetzen für seine Berufung? Bin ich heute bereit, mit der inneren Einstellung zu leben, dass ich Gott an jedem Ort und in jeder Situation gleichwertig dienen kann, dass seine Prioritäten für mein Leben mehr zählen als meine eigenen? Immer wieder formuliere ich in diesen Situationen im Gespräch mit Gott bewusst: „Ich will treu sein in allen Berufungen, die du mir gegeben hast, Gott!“

Ein spannender Gedanke kommt mir im Gespräch mit Freunden über dieses Thema. Niemand, mit dem ich mich darüber unterhalte, sagt: „Ich bin berufen dazu, Pastorin oder Arzt zu sein.“ Die eigene Berufung verstehen alle grundsätzlicher: „Ich bin berufen, Gottes Liebe praktisch weiterzugeben.“ „Ich bin berufen dazu, einen Rahmen zu schaffen, in dem Menschen Jesus begegnen können.“ Und eine andere Freundin formuliert es so: „Ich bin berufen, das zu tun, was Gott mir in meiner aktuellen Lebensphase vor die Füße legt. Ich habe kleine Kinder, also engagiere ich mich in meiner Gemeinde in diesem Bereich. Und wachse mit meinen Kindern auch wieder aus dieser Aufgabe heraus.“

Gemeinsam eine Berufung leben

Um alle unsere Aufgaben in Balance zu halten, denken wir immer wieder über die konkrete Gestaltung unseres Arbeits- und Familienlebens nach. Wer arbeitet wann wie lange? Welche meiner beruflichen Aufgaben muss wirklich ich erledigen? Wo verstecken sich Zeitfresser? Wann haben wir feste Familien- und Paarzeiten? Das ändert sich immer wieder, und wir treffen Vereinbarungen für ein halbes oder ein Jahr. Wir denken in Phasen und planen entsprechend.

Ganz bewusst stellen wir uns auch die Frage: Gibt es Möglichkeiten, Berufung und Familie zu verbinden? Freunde von uns leben das in Perfektion: „Blending“, die Durchmischung von verschiedenen Lebensbereichen. Ein Meeting nicht im Büro machen, sondern beim Sport. Als Familie im Urlaub sein und dort berufliche Termine wahrnehmen. Sicher, das geht nicht mit jedem Beruf, jeder Berufung und auch nicht in jeder Lebensphase. Bei uns ist es immer wieder möglich und dort, wo es uns gelingt, merken wir: Es ist schön, es fühlt sich gut, fast natürlich an. Die Kinder sind dabei, wir sind gemeinsam unterwegs. „Family on Mission“ statt „Family or Mission“ ist unsere Devise. In unserem speziellen Setting gelingt sie immer besser, je älter die Kinder sind.


Dieser Artikel ist zuerst im Magazin Family erschienen, das ebenfalls zum SCM Bundes-Verlag gehört.

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