Liebenswert, ungewohnt und oft mit einem so ganz anderen Blick auf das Leben – drei angehende Diakoninnen aus Ludwigsburg teilen sich ihre Wohnung mit einem jungen Mann mit Down-Syndrom.

Von Sabrina Schaal

„Erkennt ihr mich noch?“ – „Ja, warum?“ – „Ich habe heute eine andere Hose an!“ So kann sich ein Gespräch an einem ganz normalen Morgen in unserer scheinbar so gar nicht normalen WG anhören. Seit Oktober 2017 wohnt Daniel bei uns. Er ist 24 Jahre alt, arbeitet in der Küche einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung und hat das Down-Syndrom. Wir drei, das sind Mirjam, Robina und Sabrina, sind 22 Jahre alt und Studentinnen der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg.

Wie das Abenteuer begann

Am Anfang unseres Studiums haben wir alle noch oder wieder zu Hause gewohnt, bei Eltern und Geschwistern. Wir spielten mit dem Gedanken, eine WG zu gründen. Im Raum Stuttgart/Ludwigsburg eine Traumvorstellung, die sich nicht zu erfüllen schien. Als Robina ihre Bewerbung für einen Wohnheimplatz abschickte, bekam sie prompt eine E-Mail zurück: „Wir hätten eine inklusive WG in der Ludwigsburger Innenstadt, da könntet ihr schon vor dem neuen Semester einziehen.“
In einem Gespräch informierte man uns über die Rahmenbedingungen. Geplant war, drei Zimmer an Studierende zu vergeben und die anderen beiden an Menschen mit leichter geistiger Behinderung. Wir hätten ihnen gegenüber keine Verantwortung, Betreuer oder Betreuerinnen würden sich um sie kümmern. Dass es so schnell ging, hat uns überrascht, aber wir waren bereit, uns auf das Abenteuer, mit ungewöhnlichen Menschen zusammenzuleben, einzulassen.
Unsere erste Begegnung mit Daniel war bei der Wohnungsbesichtigung, zu der auch Tobias mit seiner Familie kam. Daniel und Tobias kannten sich vom Fußball und freuten sich schon sehr, bald zusammenzuziehen. Am liebsten wären sie in eines unserer Zimmer eingezogen, die sie so schön eingerichtet fanden. In der Küche musste alles aufgemacht werden: Schubladen, Schränke, Kühlschrank … danach wussten wir: Es wird auf jeden Fall lustig werden!
Wenige Wochen danach erreichte uns die Nachricht, dass Daniel unser neues WG-Mitglied würde. Tobias‘ Antrag auf Grundsicherung war leider noch nicht angenommen worden. Somit waren wir komplett. Daniel übernachtete am Anfang nur ab und zu in der WG, damit er sich langsam eingewöhnen konnte. Nach einer Besprechung, mit allen Bewohnern und der Betreuerin von Daniel hatten wir einen Putzplan und grundsätzliche Dinge geklärt.

Turbulentes Zusammenleben

Mit Daniel ist immer etwas los: Eines Tages hat sich Daniel einen Hammer und einen sehr langen Nagel genommen. Denn er wollte sein Zimmerschild aufhängen. Wir hörten plötzlich Schläge und sahen nach, was da im Flur geschah. Daniel zu erklären, dass es nicht so gut sei, den Nagel in die Tür zu hämmern, der außerdem viel zu lang war, brachte nichts. Knallhart hämmerte er weiter, das Schild musste ja irgendwie hängen.
Ein anderes Mal ist er mit weißem Hemd, Jacke, Anzughose und festlichen Schuhen aus seinem Zimmer gekommen. Wir waren ganz verwundert: „Wow, du bist ja richtig schick! Wo gehst du denn hin?“ Daniel: „Ich geh mit meinem Freund Sven Döner essen.“ Und als Daniels Geburtstag anstand, sind dieser und die anschließende Kreuzfahrt bereits Wochen vorher große Themen gewesen. Jeder Gast musste darüber informiert werden – ganz egal, wie fremd er Daniel war.
Nach seinem Urlaub ist es oft vorgekommen, dass Daniel einfach so umkippte – und von seinen Eltern aus der Notaufnahme abgeholt werden musste. Ihn selbst verwirrt das und weder wir, noch die Betreuerin oder die Eltern wissen, was mit ihm los ist. Deshalb wohnt er jetzt wieder bei seinen Eltern – zumindest vorerst.
Seither ist es leerer in der WG. Der Tisch ist immer geputzt und klebt nicht mehr von Daniels überzuckertem Tee. Im Bad hängt das Gästehandtuch an seinem Platz und wird nicht verbannt, damit Daniel für seine Waschlappen und Handtücher genug Platz hat. Samstags können wir in Ruhe ausschlafen, denn wir werden nicht um halb neun von lauter Schlagermusik und Daniels schrägem Trällern geweckt. Abends müssen wir alleine „Sturm der Liebe“ anschauen. Es sitzt kein Daniel mehr neben uns, der immer schon weiß, wie die nächste Folge ausgeht. Ruhe ist eingekehrt – aber wie sehr vermissen wir unseren Daniel, der uns vor allem eines beigebracht hat: Man kann sich auch an den kleinen Dingen im Leben freuen und alles etwas entspannter sehen!


Selbstbestimmung und Geborgenheit – das bieten seit fast 30 Jahren integrativen WGs, die von verschiedenen sozial-diakonischen Trägern angeboten werden: Menschen mit und ohne Behinderung teilen sich eine barrierefreie Wohnung – mit Einzelzimmern und Gemeinschaftsräumen. Die nicht behinderten WG-Bewohner zahlen entweder keine oder eine relativ geringe Miete, nehmen dafür aber abwechselnd einige Gemeinschaftsaufgaben wahr (Essen kochen, Nachtwache, Wochenenddienst). Meist handelt es sich um Auszubildende oder Studierende. Bei einigen integrativen WGs gibt es keine Altersbeschränkung.

Informationen gibt es zum Beispiel hier www.bruderhausdiakonie.de und info.gll-muenchen.de.

Ein ähnliches Konzept steht hinter der Idee „Wohnen für Hilfe“, bei der Studenten kostenlos in einem Seniorenheim wohnen, sich dafür aber fünf Stunden pro Woche für die älteren Bewohner engagieren.

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