Werbung

Eine evangelische und eine islamische Theologin sowie ein katholischer Theologe gehen in Hessen beim Religionsunterricht neue Wege: Sie unterrichten in der Klassenstufe elf eines beruflichen Gymnasiums alle Schüler gemeinsam.

Nicht getrennt durch den konfessionellen Religionsunterricht diskutieren Mustafa, Wesley, Luam, Dragana und ihre 13 Klassenkameraden miteinander über ihre verschiedenen Glaubensüberzeugungen.

Möglicherweise einzigartig in Deutschland ist das Projekt des Theodor-Heuss-Berufsschulzentrums in Offenbach mit dem Namen «Verschiedenheit achten – Gemeinschaft stärken». «Wir haben die Welt hier in der Schule», sagt eine der Initiatoren, die evangelische Pfarrerin und Religionslehrerin Carolin Simon-Winter. An dem Schulzentrum mit rund 2.000 Schülern gibt es nahezu alle Glaubensrichtungen der Welt. «Es muss eine Institution in der Gesellschaft geben, wo man sich ernsthaft damit auseinandersetzt, was Toleranz heißt», findet Simon-Winter.

Werbung

In der Religionsstunde zu Schuljahrsbeginn erzählen die Elftklässler, was Religion ihnen bedeutet: «Ich bin sunnitisch, meine Großväter in der Türkei waren Hodschas», sagt Mustafa. «In Deutschland ist die Religion nicht so streng; ich bin von ihr abgekommen, versuche aber wieder reinzukommen.» Wesley bezeichnet sich entsprechend seiner thailändischen und philippinischen Elternteile als Buddhist und Katholik, während Dragana einräumt, mit den Vorschriften der serbisch-orthodoxen Kirche Probleme zu haben.

«Üblicherweise erfahren die Schüler, dass Religionszugehörigkeit etwas ist, was trennt», erklärt Simon-Winter. «Wir wollen dieser Botschaft entgegentreten, ohne die Unterschiede der Religionen zu verwischen oder gar aufzuheben.» Die islamische Theologin und Religionswissenschaftlerin Gonca Aydin weist auf die Vorbildfunktion des interreligiösen Lehrerteams hin: «Wir leben Toleranz und ein gutes Miteinander vor.» Das Unterrichtsjahr beginne mit der Biografie der Teilnehmer und nehme dann den evangelischen und den katholischen Lehrplan fast vollständig und den für Ethik größtenteils auf, erläutert der katholische Teamkollege Stephan Pruchniewicz.

Die Kirchen reagieren zurückhaltend bis ablehnend: «Ein interreligiöses Schulprojekt handelt außerhalb jeder Rechtslage», sagt der Leiter des Schulreferats der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Jens Feld. Der Religionsunterricht müsse nach Grundgesetz Artikel sieben, Absatz drei konfessionell erteilt werden. Dabei stehe der evangelische Religionsunterricht anders als der katholische für Schüler aller Konfessionen und Religionen offen. Auch dort werde die Begegnung mit anderen Religionen gesucht. Wenn aber der gesamte Religionsunterricht interreligiös erteilt würde, könnte das eigene konfessionelle Profil verloren gehen. Auch die katholische Deutsche Bischofskonferenz lehnt ein derartiges Projekt ab.

Das Offenbacher Lehrerteam hält die Befürchtung für unbegründet: «Unsere religiösen Unterschiede werden bis ins Kleinste deutlich», sagt Simon-Winter. «Und anders als im konfessionellen Unterricht erfahren die Schüler in der gemischten Klasse, wie man Fremdsein aushält und ein gutes Zusammenleben gestaltet.» Der Referent für Schule im Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Matthias Otte, hält immerhin ein zeitweilig begrenztes «Teamteaching» für akzeptabel, aber der Rahmen müsse der konfessionelle Religionsunterricht sein.

Der Schulleiter der Theodor-Heuss-Schule, Heinrich Kößler, hält indes große Stücke auf den Unterricht des interreligiösen Lehrerteams: Er erfülle einen wichtigen Teil des Leitziels der Schule, die interkulturelle Vielfalt als Stärke zu entwickeln. «Im Alltag haben wir nicht mehr Konflikte als an einer rein deutschen Schule», sagt Kößler. «Und die Konflikte, die es gibt, lassen sich lösen und führen zu mehr Erkenntnis.» Außerdem gebe es fast keine Abmeldungen aus dem Religionsunterricht. Schließlich werde der größten Religionsgruppe an der Schule, den Muslimen, ein Glaubensunterricht nicht länger vorenthalten.

Das Lehrerteam hat in den vergangenen zwei Projektjahren die Erfahrung gemacht, dass in den religiös gemischten Klassen die Sensibilität für die eigene Religiosität und die der anderen gewachsen ist. Als Luam in der Einführungsstunde mit «Salam» grüßt, wird sie von Mitschülern gefragt, ob sie Muslimin sei. «Nein, auch wir orthodoxe Christen in Eritrea sagen Salam», entgegnet sie. Eine muslimische Mitschülerin ergänzt: «Nicht alle Araber sind Muslime.» Simon-Winter berichtet: «Die Schüler staunen, wie unterschiedlich sie sind. Ein Blockdenken über die Muslime als solche oder die Christen bricht auf.»

(Quelle: epd)