Die Terrorgruppe "Islamischer Staat" ist nach Darstellung von Amnesty International für schwerste Menschenrechtsverletzungen im Nordirak verantwortlich. Kirchenvertreter fordern ein internationales Sondertribunal.

Menschenrechtler und Kirchen prangern brutale Kriegsverbrechen der sunnitischen Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS) im Nordirak an. Dazu gehörten Massenmorde, Entführungen und die systematische Vertreibung ethnischer und religiöser Minderheiten, heißt es in einem am Dienstag in London veröffentlichten Bericht der Menschenrechtsorganisation Amnesty International. Der Weltkirchenrat forderte ein Sondertribunal zur Ahndung der Kriegsverbrechen der IS-Terroristen. Die Täter dürften nicht straffrei davonkommen, teilte der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) in Genf mit.

 Die IS-Kämpfer halten seit Monaten Teile Syriens und des Irak besetzt. Allein seit dem 10. Juni hätten die Terroristen mehr als 830.000 Menschen aus ihrer Heimat vertrieben, teilte Amnesty mit. In dem Report werden unter anderem zwei Erschießungen in Qiniyeh und Kocho am 3. und 15. August geschildert. In Qiniyeh südöstlich von Sindschar fiel den Angaben nach eine Gruppe von mindestens 300 Jesiden den Terroristen in die Hände. 85 bis 90 von ihnen, darunter zwölfjährige Jungen, seien sofort erschossen worden. Das Schicksal der Frauen und Kinder sei ungewiss.

 Die IS-Terroristen hätten abscheuliche Verbrechen begangen und die Sindschar-Region in ein blutgetränktes Schlachtfeld verwandelt, sagte die Amnesty-Beauftragte für Krisenregionen, Donatella Rovera. Allein unter den Jesiden seien möglicherweise Tausende Menschen verschleppt worden, heißt es in dem Bericht. Jesiden sind Kurden mit einer eigenen Religion.

 Der Weltkirchenrat sprach sich für die Einrichtung eines internationalen Sondertribunals aus, das die IS-Terroristen zur Verantwortung ziehen soll. In einer Petition an den UN-Menschrechtsrat verlangte der Dachverband von knapp 350 Kirchen auch, dass die internationale Gemeinschaft die Finanzierungsquellen der Terroristen trockenlegt. Der UN-Sicherheitsrat solle dazu geeignete Maßnahmen ergreifen.

 Weiter appellierte der ÖRK an muslimische Würdenträger, den IS in die Schranken zu weisen. Der "Islamische Staat" wende im Namen der Muslime unmenschlich brutale Mittel an, um religiöse, kulturelle und soziale Vielfalt zu vernichten, hieß es nach der Rückkehr einer ÖRK-Delegation aus dem Irak.

 Deutsche Islamwissenschaftler distanzierten sich von der "Ideologie des Hasses und der Gewalt". "Die Deutungshoheit über den Islam darf nicht Extremisten und Gewalttätern überlassen werden", hieß es in einer Erklärung der sechs Zentren für islamische Theologie.

 Derweil wird in Deutschland weiter über die Aufnahme von Notleidenden aus dem Nordirak debattiert. Pro Asyl forderte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) auf, ihre Ankündigung, zusätzliche Flüchtlinge aus dem Irak aufzunehmen, schnellstmöglich zu verwirklichen. Vor allem Jesiden und Christen sollten sofort nach Deutschland ausgeflogen werden, erklärte die Organisation. Von besonderer Dringlichkeit sei es, Verletzte, Witwen und Waisenkinder aus der Krisenregion zu holen. Merkel hatte am Montag im Bundestag gesagt: "Dort, wo Menschen in Not sind, werden wir helfen, auch durch zusätzliche Aufnahme von Flüchtlingen."

 Die SPD sprach sich dafür aus, 15.000 Menschen aus dem Irak in die Bundesrepublik zu holen. "Deutschland sollte Vorbild sein, wenn es konkret darum geht, in Lebensgefahr geratenen Menschen Schutz zu gewähren", sagte Eva Högl, stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, in Berlin. Ein Bundesprogramm solle die Kommunen bei der Versorgung der Flüchtlinge unterstützen, sagte Högl. Die Forderungen ihrer Fraktion seien mit den SPD-Innenministern abgestimmt.

(Quelle: epd)