Die evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat der kontrovers diskutierten Judenmission eine Absage erteilt – aus theologischen Gründen. Christen seien „ungeachtet ihrer Sendung in die Welt nicht berufen, Israel den Weg zu Gott und seinem Heil zu weisen.“ Unterschieden wird in der Erklärung zwischen „Bekenntnis“ und „Mission“.

Menschen könnten den Widerspruch zwischen den unterschiedlichen Bekenntnissen von Christen und Juden nicht lösen: Das „stellen wir Gott anheim“, heißt es in der „Erklärung zu Christen und Juden als Zeugen der Treue Gottes„, die nach intensiver Diskussion von der EKD-Synode in Magdeburg einstimmig beschlossen wurde.

Auch wenn in Deutschland kaum Fälle bekannt seien, dass Christen versucht haben, Juden zu ihrem Glauben zu bekehren, sei die Erklärung „ein Markstein im Verhältnis der EKD zum Judentum“, sagte der Vorsitzende des Synodenausschusses „Schrift und Verkündigung“, der niedersächsischen Landessuperintendent Detlef Klahr, bei der Vorstellung des zweiseitigen Papiers. Die Bezeichnung Judenmission treffe heutzutage nicht mehr zu, sagte Klahr, deshalb stehe „sogenannte Judenmission“ in der Kundgebung.

Die Frage, ob Christen Juden davon überzeugen dürfen, dass der Weg zum Heil nur über den gekreuzigten Juden Jesus Christus führt, den sie als Messias betrachten, ist in den vergangenen Jahrzehnten kontrovers diskutiert worden. Einige der 20 evangelischen Landeskirchen haben sich bereits in eigenen Erklärungen gegen die Mission von Juden ausgesprochen, in anderen gibt es unterschiedliche Ansichten dazu. Nachdem sich die EKD-Synode im vergangenen Jahr vom Antijudaismus des Reformators Martin Luther (1483-1546) klar distanziert hatte, kam die Forderung auf, sich noch vor dem 500. Reformationsjubiläum auch zur Judenmission zu positionieren.

Theologische Argumentation

Die Synode der EKD argumentiert in ihrer Kundgebung theologisch und weniger historisch. Sie beruft sich auf die „bleibende Erwählung Israels“: die Überzeugung, dass Gott zunächst mit dem Volk Israel einen Bund geschlossen hat und dann mit den Christen – und beide Vereinbarungen in Treue hält: „Alle Bemühungen, Juden zum Religionswechsel zu bewegen, widersprechen dem Bekenntnis zur Treue Gottes und der Erwählung Israels.“ Somit hat das Präsidium unter Bezug auf Psalm 146 das Papier „… der Treue hält ewiglich.“ genannt.

Da die 20 Landeskirchen innerhalb der EKD eigenständig sind, ist die Kundgebung der EKD-Synode für sie nicht bindend. Synodenpräses Irmgard Schwaetzer indes äußerte sich zuversichtlich, dass die Erklärung in Landeskirchen und Gemeinden Wirkung haben wird. Die Kundgebung sende eine klare Botschaft, die ihrer Ansicht nach nicht überhört werden wird.

Das historische Argument, dass sich nach dem Holocaust eine Judenmission sowieso verbiete, wird in nur einem Satz angesprochen: Das Bekenntnis zu „christlicher Mitverantwortung“ am nationalsozialistischen Völkermord und das damit verbundene Umdenken habe auch Konsequenzen für ein christliches Zeugnis gegenüber Juden.

Nicht in der Kundgebung erwähnt werden die messianischen Juden, ihre Situation prägte aber die lange und intensive Diskussion in der Synode. Obwohl der Ausschussvorsitzende Klahr betonte, die Formulierungen böten „kein Schlupfloch“, kamen bei einigen Synodalen Befürchtungen auf, dass die Mission, die diese Gruppe betreibt, nicht genügend kritisiert wird. Messianische Juden glauben, dass Jesus ihr Messias ist, sehen sich aber selbst weiterhin als Juden. Auch in Deutschland existieren Vereine wie der „Evangeliumsdienst für Israel“, die jüdisch-messianische Gemeinden in Israel und Deutschland unterstützen.

Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, sagte in einer ersten Stellungnahme, die „eindeutige Abkehr von der Judenmission“ bedeute der jüdischen Gemeinschaft sehr viel. Die lange erwartete Erklärung sei Ausdruck der freundschaftlichen Verbundenheit von Judentum und evangelischer Kirche. „Die EKD anerkennt damit auch das Leid, das die über Jahrhunderte praktizierte Zwangskonversion vieler Juden verursacht hat“, sagte Schuster.