„Ist da jemand?“, fragt der Sänger Adel Tawil in seinem neuesten Song. Oliver Kallauch, evangelischer Theologe, hat sich dazu seine Gedanken gemacht – und Adel Tawil einen offenen Brief geschrieben:

Lieber Adel Tawil,

habe eben wieder deinen Song im Radio gehört: „Ist da jemand?“ Das frage ich mich auch. Ich lauf zwar eher selten „durch die Straßen, durch die Nacht“, aber ich glaub, ich weiß, welches Gefühl du meinst. „Ist da jemand? Jemand, der mein Herz versteht, mit mir bis ans Ende geht und noch an mich glaubt? Der mir den Schatten von der Seele nimmt und mich nach Hause bringt?“ Das sind ziemlich hohe Ansprüche an diesen „Jemand“. Vielleicht zögere ich deswegen intuitiv. Ich will weder meine Freunde noch meine Partnerin mit dem ganzen Gewicht dieser Ansprüche konfrontieren. Natürlich will ich mein Leben in allen Facetten mit ihnen teilen und ich bin reich beschenkt mit ihrer Gesellschaft und Liebe, aber trotzdem will und kann ich nicht einfach mein gesamtes Bedürfnis nach Lebenssinn bei ihnen abladen. Und auch dein Blick, lieber Adel Tawil, weicht nach oben aus, aber der Himmel ist ohne Farben …

Besonders im Dezember. „Ist da jemand?“ Weihnachten ist ein Fest für genau diese Frage. Danke, dass du sie stellst! Gleich 14 Mal in deinem Lied. Du singst von einer lauten Welt und einem tauben Herzen. Ich glaube, momentan ist es vor allem ein Bilder- und Lichtersturm, der mich blendet, aber laut ist es auch. Ziemlich laut sogar … Auf den Weihnachtsmärkten, in den Shopping-Centern, auf der Arbeit, wo allenthalben die Hysterie ausbricht, weil „das ALLES!?“ noch bis zu den Feiertagen fertig werden muss. Aber deine Frage geht über den Stress in Phasen hinaus.

„Ist da jemand?“ Du singst von Einsamkeit inmitten einer Menschenmenge, geschlossenen Türen und schlaflosen Nächten. Die kenne ich durchaus, ich nehme dir sogar ab, dass du weißt, was Depression bedeutet. Dann kippt die Stimmung in deinem Song: Mit einem Mal geht es um eine hell scheinende Sonne, einen neuen Tag. Ausgelöst von einer Stimme, die sagt: Da ist jemand. Jemand, der mein Herz versteht, mit mir bis ans Ende geht und noch an mich glaubt. Der mir den Schatten von der Seele nimmt und mich nach Hause bringt. Die Stimme, von der du singst, schafft eine neue Welt in dir. Mit der Beteuerung „Da ist jemand“ ergeben sich völlig neue Chancen! Auf einmal sind dein Musikvideo und dein Leben keine Possen mehr, die du Szene für Szene erträgst, schwermütig, von Grenzen bestimmt, irgendwie suggestiv, sondern sehnsüchtig, von Trost erfüllt, real.

Ich fühl mich am Ende des Jahres meistens eher gestrandet als angekommen. Im Normalfall lande ich dann irgendwann auf einem Stuhl oder einer Bank in der Kirche und höre das Versprechen, das in Weihnachten steckt. Man kann es in einem Wort zusammenfassen: Immanuel. Das ist hebräisch und bedeutet: „Gott ist mit uns.“ Ein Satz wie eine warme Decke. Oder ein Kuss. Ein Satz wie ein erleichterter Seufzer, der die Schultern nach unten sinken lässt und den Blick hebt. Ein Satz wie der Anblick eines Kindes, in dem eine unwiderstehliche Hoffnung auf Zukunft steckt, einfach nur, weil es da ist. Ein Versprechen, das meine Welt neu erschafft. Da ist jemand. Nicht irgendjemand, sondern jemand, der mir glaubhaft und aufopferungsvoll zeigt: Ich bin mit dir. Mit euch allen, jeder Zweiflerin und jedem Alltagshelden. Mit jedem Erschöpften und jeder Tapferen.

Da ist jemand.

Dein Oliver Kallauch


Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift Lebenslust – das Heiligabend-Special erschienen. Lebenslust wird vom SCM Bundes-Verlag herausgegeben, zu dem auch Jesus.de und Amen.de gehören.