Evangelikale und Postevangelikale streiten häufig über den Wahrheitsanspruch der Bibel und den richtigen Umgang mit ihr. Wie umgehen mit schwierigen Bibelstellen?

Dr. Markus Till diskutiert das Konzept der „progressiven Theologie“ – und plädiert für eine gemeinsame gedankliche Basis: Die Bibel muss der Maßstab der Kirche bleiben, auch wenn wir sie nicht komplett verstehen.

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1 DIREKT-KOMMENTAR

  1. Gott ist progressiv

    Die Frage, ob die Bibel progressiv sei, ist meines Erachtens nicht ganz falsch und auch nicht ganz richtig. Ich habe die Bibel als Kanon vieler Schriften, mit unterschiedlichen Literaturformen, von Menschen sortiert und ausgewählt, mit menschlicher Meinung verwoben – als nicht vom Himmel gefallen betrachtet. Sie ist vielmehr die Überlieferung von Gotteserfahrung aus mehreren Jahrtausenden. Aber Gott erfahren und begegnen kann jeder Mensch nur mit der Brille seiner Weltsicht, durch seine individuelle Person und durch seinen Stand der Erkenntnis. Dabei ist eine Begegnung mit Gott Glaubenserfahrung im eigentlichen Sinne, etwas was man nur selbst erlebt haben kann. Sie ist ein Wunder ansich. Davon berichtet die Bibel in vielen Kapiteln. Das ist das eine.

    Das andere ist , (wovon ich felsenfest überzeugt bin), dass der alles Erschaffende, alles Umfassende, der ewige liebende Gott gewollt hat, dass es unser Heiliges Buch als Bibel gibt. Aber die Bibel ist so gesehen immer Gotteswort durch Menschenwort. So auch, wie jeder Prediger bzw. Pfarrer/in zwar die frohe Botschaft der Liebe Gottes und die Erlösung durch Jesus verkündigt, dass auf der Kanzel aber eine konkret einen Bibeltext auslegende Person steht, die immer auch sich, ihre Erfahrungen und speziellen Meinungen mit einbringt Es gibt also das Gotteswort durch den Menschen nie
    chemisch rein, sondern immer – um es poetisch auszudrücken – in irdenen Gefäßen. Viele biblische Texte verstehen sich so wie eine Predigt, die zunächst für Menschen in einer frühen Zeit gehalten, jetzt von uns in die eigene Wirklichkeit übertragen werden soll. Deshalb ist mE Textauslegung so wichtig. Wer sich ihr verweigert, schafft sich selbst große Verständnisprobleme.

    Der Streit zwischen Evangelikalen und Postevangelikalen ist (oft) ein Scheinstreit. Ich bin mir ziemlich sicher, so weit man dies als Mensch sein kann, dass Gott in jedem Zeitalter, in der jeweiligen Entwicklungsphase der Menschheit, anders spricht. Mit einem Eingeborenenstamm, der noch in der Steinzeit lebt, kann man nicht über Ethik und Raumfahrt reden. Auch mit einem vierjährigen Kind muss man anders (auch über Gott) reden als mit einem Teenager und mit einem Erwachsenen anders als mit einem Menschen beispielsweise mit einem Handikap. Das tut auch Gott. Insofern, wenn wir die Bibel als ein Mittel betachten, aus dem wir Wahrheit schöpfen, auf einer deutlichen Entwickungslinie. Am Ende steht Jesus Christus, der uns sogar zumutet, unsere Feinde zu lieben. Am Anfang stand eher Kain, der seinen Bruder mit einem Stein erschlug. Welch eine thematische Ausweitung. Vor 4000 Jahren hätte niemand Feindesliebe verstanden, zur Zeit des Römischen Reiches war die Zeit dazu reif. Die Nachfolger von Jesus jedenfalls haben angefangen ein neues Leben zu praktizieren, als Urgemeinde. Wenn wir heute unsere Feinde lieben wollen, müssen wir sie zu Freunden machen. Das ist schwer, aber möglich. Dazu muss man viel Geduld haben und – um es salopp zu sagen – auch ganz kleine Brötchen backen.

    Einsteins Relativitätstheorie hätte ein Mensch im Mittelalter nicht verstanden. Auch nicht, dass wir in einem fast unendlichen Universum leben und Gott der Schöpfer einer riesigen Natur istund nicht nicht auf heiligen Bergen wohnt. Aber dass er zu Moses aus dem Brennenden Dornbusch sprach, musste so sein. Nicht weil die Bibel progressiv ist, sondern Gott. Heute könnte er durch einen Wissenschaftler reden, etwa durch eine neue Sichtweise der Quantenphysik. Oder aber viel näherliegend: Durch Menschen, die mit anderen Menschen teilen und ein Beispiel dafür geben, dass das Medium der Erkenntnis Gottes vielmehr praktizierte uneigennützige Liebe ist. Es geht vielleicht überhaupt nicht darum, die Wunder der Natur durch Gott zu erklären, sondern dass Gott ein Mensch wurde und seiner Liebe ein Gesicht gab. Das ist noch eine bessere Erklärung (des Wesens) Gottes und seiner eigenen Wunder. Liebe ist das Wunder.

    Der Streit zwischen Evangelikalen und Postevangelikalen bzw. sogar mit Fundamentalisten müsste nicht sein. Gott hatte die Absicht, dass wir die Bibel auslegen. Wenn wir sie wörtlich nehmen, müssen wir alle Wissenschaft über Bord werfen, weil dann die Welt in sechs Tagen geschaffen, Eva aus der Rippe Adams, der Mensch aus einem Lehmklumpen gemacht wurde und das Weib in der Gemeinde schweigen müsste. Letzteres hat immerhin Paulus gesagt, als seine Meinung, nicht im Sinne einer allgemeinen und für alle Zeiten verbindlichen Wahrheit. Auch muss man seine Aussage im Zusammenhang des Bibeltextes lesen.

    Gott ist schon deshalb progressiv, weil er uns einen freien Willen, Vernunft und Verstand gegeben hat. Ein Mensch hätte das an der Stelle Gottes nicht getan. Denn bisher sind wir mit unserem freien Willen, mit Vernunft und Verstand nicht gut umgegangen. Aber Gottes Wege führen immer zum Ziel. Das ist auch meine und hoffentlich unser aller christliche Hoffnung.
    Er gebe uns bitte auch Vernunft, Verstand und Liebe, die Spaltungen in der Christenheit durch eine neue Sprache zu überwinden. Dann würde aus den Spaltungen eine Einheit in der Vielfalt. Jeder Mensch glaubt anders, aber alle an den Einen. Gott kann man nicht erklären. Aber man kann ihm begegnen, als Schatten über unserer rechten Hand.

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