Fast dreißig Jahre gehörte Tobias Ain zu Jehovas Zeugen, bis er Jesus fand und ausstieg. Heute bietet er Zweiflern und Aussteigern Hilfe an. Er ist überzeugt: „Das Problem ist das System, nicht der Einzelne.“

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Ich kann da nicht mehr hingehen – ich habe Jesus gefunden“, sagte Tobias Ain Anfang 2019 zu seiner Ehefrau Simona. Mit „da“ meinte er Jehovas Zeugen. Tobias hatte sich dieser Organisation mit 17 Jahren angeschlossen, er ist heute 47. Simona (46) wurde in eine Familie der „Zeugen“ hineingeboren. Tobias hatte damals Angst vor ihrer Reaktion. Er musste mit Trennung rechnen, die Mitglieder dürfen ja keinerlei Kontakt mit Ausgeschlossenen oder Aussteigern haben. Soziale Ächtung selbst durch die engsten Familienangehörigen ist Vorschrift bei der Organisation.

„Simona hat mir aber stundenlang zugehört. Sie wusste nicht, dass mich schon vier Jahre lang immer wieder Zweifel geplagt hatten. Ich habe das ganz alleine mit mir ausgemacht.“ Tobias war entschlossen, andere Christen und Gottesdienste kennenzulernen. „Aus dem Internet hatte ich die FeG Kiel rausgesucht. Ich war unglaublich dankbar, als Simona sagte, dass sie mich dorthin begleitet. Der Gottesdienst hat uns tief berührt, wir sind immer wieder hingegangen.“ Im August 2019 sind die beiden dann dort getauft worden.

Auf der Suche nach Gott

Tobias ist in der ehemaligen DDR aufgewachsen. Über die Prager Botschaft floh er 1989 mit seinen Eltern nach Westen und landete in Norddeutschland. „Wir waren eine atheistische Familie. Trotzdem faszinierte mich die Frage: Gibt es einen Gott? In der DDR hatte ich mal ’ne Bibel auf dem Müll gefunden. Ich habe neugierig drin gelesen und nur Bahnhof verstanden. Dann kam ich in Kontakt mit Zeugen Jehovas und war begeistert, wie gut sie die Bibel kannten und auslegten. Ich fand auch die übrige Literatur der Organisation eingängig und interessant. So bin ich dort eingestiegen – mit dem Predigtdienst von Haus zu Haus, später wurde ich Ältester. Einerseits ist ein Leben als Zeuge sehr anstrengend, verbunden mit einem hohen Leistungsdruck. Man muss zum Beispiel jeden Monat einen Berichtszettel ausfüllen: über abgeleistete Predigtdienststunden und Literaturabgabe. (Letzteres meint, wie viele Zeitschriften und Bücher der Wachturmgesellschaft man beim Predigtdienst abgegeben hat.) Andererseits ist die Gemeinschaft dort durchaus etwas Schönes. Wegen der scharfen Abgrenzung nach außen ist es innen eben kuschelig.“

Im Zweifel Jesus gefunden

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Dass Tobias anfing zu zweifeln, hatte mehrere Gründe: Er fragte sich, ob Einsatz für Gott tatsächlich mit Einsatz für die Organisation gleichgesetzt werden kann. Und ob es wirklich sein kann, dass ausschließlich ein Gremium von acht Männern in den USA die gesamte Lehre der Zeugen bestimmen darf. Vor allem aber kam er nicht mehr mit seinem Ältestenamt klar. Zu seinen Aufgaben gehörte es, über die Sünden anderer Mitglieder zu befinden. Dazu gehörte außerehelicher Sex oder Rauchen. „Ich konnte es nicht mehr mit meinem Gewissen vereinbaren, über andere zu richten. Und ich wollte auch auf unsere Kinder keinen Druck ausüben. Die sind jetzt 22, 17 und 12 Jahre alt. Als der Mittlere nicht mehr mit in die Versammlungen wollte, habe ich ihn nicht gezwungen. Dafür wurde ich  gemaßregelt.“

Was den Ausstieg für Tobias schwer machte, war die Tatsache, dass er keine Alternative zu den Zeugen finden konnte. Vieles, was er so von Kirche hörte, war ihm zu liberal. Er suchte Christen, die sich ernsthaft mit der Bibel beschäftigen und von ihr leiten lassen wollen. Weil er so eine Gemeinde zunächst nicht fand, beschloss er eines Tages: „Ich werde jetzt nur noch die Bibel lesen und beten. Und ich nehme eine andere Übersetzung – nicht die ‚Neue-Welt-Übersetzung‘ der Wachturmgesellschaft.“ Und dann hatte er sein „Bekehrungserlebnis“: „Plötzlich traf mich ein Satz aus dem Johannesevangelium mitten ins Herz: ‚Wir haben den Messias gefunden‘. Da wusste ich ganz sicher: Ich habe Jesus gefunden! Es geht um ihn, nicht um Jehova. Jesus ist unsere Rettung!“

Hilfe für Zweifler und Aussteiger

Tobias Ain möchte andere Zweifler, Ausstiegswillige und Ausgeschlossene bei den Zeugen Jehovas dabei unterstützen, Jesus als Sohn Gottes, als Retter und Wahrheit kennenzulernen. Deshalb hat er eine Broschüre entwickelt und an ehemalige Glaubensgenossen geschickt. „Ich weiß, dass die von den Adressaten kaum einer angeguckt hat. Zeugen Jehovas dürfen ja nur Publikationen der Organisation zum Thema Glauben lesen. Aber einer hat es gelesen. Er hat mich angeregt, meine Geschichte auch auf YouTube zu erzählen.“

Das hat Tobias dann gemacht. Innerhalb kürzester Zeit hat sich daraus ein Livestream entwickelt, der alle 14 Tage gesendet wird. Inzwischen gibt es schon 160.000 Downloads. Dazu gibt es im Wechsel Online-Hauskreise, die von zweifelnden Zeugen besucht werden. Auch eine Webseite ist entstanden (betesda-hilft.de). Tobias Ain, der sein Geld als Trainer für Verkauf und Führung verdient, investiert viel Freizeit in diesen Dienst. Er beantwortet Fragen aus seiner Zielgruppe im Chat, per E-Mail und am Telefon. Immer wieder zitiert er dabei die Bibel. „Oft fließen Tränen, wenn Menschen zum ersten Mal begreifen, dass Gott uns Sündern gnädig ist. Wenn sie den Römerbrief mal ganz lesen oder die Geschichte von Jesus und der Ehebrecherin verstehen. Dass Gott uns liebt, auch wenn wir versagen.“

Das Problem ist das System, nicht der Einzelne,
der dazu gehört.

Es ist ihm ein Herzensanliegen, Menschen wertzuschätzen, die den Zeugen Jehovas angehören. „Das Problem ist das System, nicht der Einzelne, der dazu gehört. Viele ehemalige Zeugen reden alles schlecht, verurteilen pauschal und übertreiben aus lauter Frust. Dabei ist es doch so, dass die Einzelnen aus guten Motiven dabei sind. Sie möchten das Richtige tun, Gott gefallen, den Menschen zur Wahrheit helfen. Deshalb ermutige ich sie, die Bibel selbst vorbehaltlos zu lesen. Dann können Sie die Wahrheit entdecken, die wirklich frei macht.“

Freiheit in Christus

Weil das nicht nur für Zeugen Jehovas wichtig ist, engagiert sich Tobias in einer freien evangelischen Gemeinde in Kiel ebenfalls im Bereich Evangelisation. „Outreachteam“ nennt sich dort dieser Arbeitszweig. Simona und Tobias fühlen sich weiterhin wohl in ihrer Gemeinde, genießen die Vielfalt, den ehrlichen Austausch, die Freiheit in Christus.

Der Ausstieg ist also gut gelaufen für Familie Ain. Eine Traurigkeit bleibt allerdings: Die Eltern von Simona wünschen keinen Kontakt mehr zu ihrer Tochter und dem Schwiegersohn. Aber ihre drei Kinder tolerieren den neuen Weg der Eltern. „Unser ältester Sohn ist Autist. Er hat ja so seine eigene Welt. Unser Mittlerer geht ab und zu mal mit uns mit. Und der Jüngste ist begeistert dabei.“


Dieses Porträt schrieb Annekatrin Warnke zuerst für die Zeitschrift Christsein Heute (Ausgabe 04/21). Christsein Heute erscheint regelmäßig im SCM Bundes-Verlag, zu dem auch Jesus.de gehört.

 

 

Weiterführende Informationen:

Die Zeugen Jehovas sind in allen Bundesländern als „Körperschaft öffentlichen Rechts“ anerkannt. Vielen gilt sie als „die“ Sekte schlechthin. Die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen schreibt auf Ihrer Webseite: „Jehovas Zeugen beeindrucken durch ihr persönliches Engagement, ihre Rastlosigkeit und ihr oftmals glaubwürdiges Auftreten.  […] Hinter ihrer Fassade erweist sich diese Gemeinschaft sehr schnell als restriktive Organisation, die von den Anhängern blinden Gehorsam erwartet und für kritische Rückfragen, Einwände oder Bedenken keinen Raum hat.“ Weiter wird der „innere Druck“ kritisiert, außerdem die theologische Lehrmeinung, dass die Errettung ausschließlich den Mitgliedern der eigenen Glaubensgemeinschaft versprochen wird. Andere Kirchen werden abgelehnt.

5 DIREKT-KOMMENTARE

  1. Sehr informativ, mein bester Freund ist auch Zeuge Jehova und wir haben eine Vereinbarung getroffen, wir tolerieren jedem seine Anschauung, ich habe ihm gesagt, Jesus ist nicht gekommen um Religionen zu gründen, sondern um uns frei zu machen von allen Sünden. Ja dafür bin ich unsagbar dankbar und es macht mich frei und hoffnungsvoll .Gemeinde finde ich wichtig, da kann man Jesus ähnlicher werden, wenn man seine Brüder und Schwestern beistehen kann und seine Nächstenliebe weiter geben kann. Man kann auch im Glauben wachsen, immer hat einer einen guten Bibelvers zur Hand.

    • Schön, dass dir meine Geschichte gefällt. Und ja, streiten bringt nichts. Gemeinsamkeiten suchen und die Nächstenliebe in den Vordergrund stellen, bringt immer noch am meisten.

  2. Ich habe jahrelang mit unserer Nachbarstochter, die bei den Zeugen Jejovas gelandet ist, Bibel gelesen. Wir waren uns in den meisten Dingen einig. der wichtigste Unterschied war: für die Zeugen Jehovas ist Jesus nicht Gott!

  3. Das Problem ist das System der Zeugen Jehovas

    Das Problem ist das System der Zeugen Jehovas. Als ganz normaler evangelischer Christ glaube ich, dass Gott mich gefunden hat, mir begegnete und ich eine personale Beziehung zu dem habe, der alle Wirklichkeit umfasst. Gott ist Liebe und in Jesus Christus wird diese Zuwendung und Freundlichkeit des Schöpfers zu uns allen manifest. Der christliche Glaube ist eine große Freiheit, weil der Himmel zwar nicht meine Fehler liebt, sondern mich – und zwar vorbehaltlos und ohne jegliche Vorbedingungen. Das Geschehen Golgathas ist die größte Befreiung aller Zeiten und für alle Menschen vorgesehen. Kirche ist eine Befreiungsbewegung, weil Jesus mich befreit von meiner Schuld. Ich bin versöhnt mit Gott. Dies ist ein völlig unverdientes Geschenk, und ich ein freiwilliges Mitglied der himmlischen Familie. Ich darf nämlich auch jederzeit weggehen. Genauso darf ich aus der Kirche austreten und werde trotzdem nicht aus meiner Familie verstoßen. Ich darf auch noch in den Gottesdienst kommen und die Türen sind nach beiden Seiten offen. Sogar Atheisten haben Nächstenliebe verdient.

    Das System der Zeugen Jehovas besteht in Unfreiheit. Ein Jugendlicher meiner Nachbarn, zu den Zeugen gehörend, traf sich in einer uneinsehbaren Nische im Restaurant mit seiner Freundin – alleine mit ihr war das verboten. Wer austritt wird aus der Familie verstoßen, ein gegebenenfalls vorhandenes Auto den „Geschwistern“ gegeben. Der besagte Nachbarsjunge, dann irgendwann kein Glaubensangehöriger mehr, musste in einem abgesonderten Zimmer unter Einhaltung des Kontaktverbotes im ehemaligen Elternhaus unterkommen, weil er seine Tochter brachte, die Oma und Opa besuchte. Dabei sind die Zeugen Jehovas freundliche hilfsbereite Nachbarn. Sie müssen alles bis auf Punkt und Komma glauben, was als Glaubenslehre in der amerikanischen Zentrale festgesetzt wird. Es gibt mE hier eine Art abgemilderte Form einer „Banalität des Bösen“, denn sind sind ausgesprochen freundliche und hilfsbereite Nachbarn.

    Übrigens: Es werden meistens jene eingesammelt, die mit ihren Kirchen unzufrieden sind. Das kann aber nur gelingen, wenn wir als Christ*innen sehr wenig über unsere Bibel, den Glauben und theologische Auffassungen wissen. Eine Cousine trat Mitte der 1950er Jahre aus den Zeugen Jehovas aus. Die Zeugen suchten uns noch einige Jahre öfters sonntags auf und saßen verzweifelt in unserem Wohnzimmer: Nicht nur weil sie unsere Verwandte nicht zurückholen konnten, sondern mein Vater ihnen Fragen stellte, die nicht in das Fragen-Antwortschema der Glaubensgemeinschaft passten. Einmal waren es drei Männer, die – weil damals noch erlaubt – unsere Wohnzimmer verrauchten. Als das Rauchen verboten wurde, warfen alle Zeugen weltweit sofort ihre Zigaretten in die Mülltonne. Uns haben sie von ihrer Anwesenheit erlöst.

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