Jerusalem ist nicht nur die nationale jüdische Hauptstadt seit Jahrtausenden. Für die Bibel ist sie auch theologisch von großer Bedeutung. Gottes Handeln setzt immer wieder an diesem Ort an.

Von Julius Steinberg

Jerusalem – ein Ort mit Geschichte. Orte sind wichtig: Sie stiften Identität, geben uns Heimat, stellen wichtige Bezugspunkte in unserem Leben dar. Auch Gottes Geschichte mit den Menschen ist mit konkreten Orten verbunden. Schon auf den ersten Seiten der Bibel werden uns einige davon vorgestellt: die Erde und der Garten Eden als Räume, in denen Leben in der Gemeinschaft mit Gott möglich ist. Nur wenig später kommt das Land Kanaan in den Fokus, in dem Abraham zunächst noch als Fremder lebt. Die Geschichte zwischen Gott, seinem Volk und dem Land der Verheißung ist durchaus wechselvoll. Die Bibel erzählt davon, wie Räume zum Leben eingenommen werden, wieder verlorengehen und neu in Besitz genommen werden dürfen.

Die umzingelte Stadt

Jerusalem im Jahr 701 v. Chr.: Die Lage ist beinahe aussichtslos. Der assyrische König Sanherib ist mit seinem Heer durch das Land Juda gezogen und hat eine Stadt nach der anderen eingenommen. Die letzte von ihnen ist Lachisch, 40 Kilometer vor Jerusalem gelegen. Sie ist die am besten befestigte Stadt des Reiches. Sanherib lässt einen Damm aufschütten, dann greifen die von seinen Ingenieurszügen entwickelten Belagerungsmaschinen an. Die Mauer wird so lange bearbeitet, bis sie fällt. Später lässt Sanherib die Eroberung von Lachisch mit all ihren Grausamkeiten in Ninive auf einem großen Relief verewigen.

Jetzt ist Jerusalem an der Reihe. Die assyrische Armee rückt an und die Belagerung beginnt. Dann aber geschieht das Überraschende. Sanherib muss seinen Feldzug abbrechen und kehrt in seine Heimat zurück. Jerusalem hat überlebt – und genießt anschließend unter Hiskija eine ihre größten wirtschaftlichen Blütezeiten.
Der Kriegsbericht Sanheribs endet merkwürdig unklar:

„Und Hiskija vom Land Juda, der sich meinem Joch nicht gebeugt hatte, 46 seiner mit Mauern befesten Städte und zahllose kleine Städte in ihrer Umgebung eroberte ich: mit Rampen, Belagerungsmaschinen, durch Ansturm von Fußtruppen, durch Tunnel und Mauerbreschen nahm ich sie ein. 200.150 Menschen, jung und alt, männlich und weiblich, Rosse, Maultiere, Esel, Kamele, Rinder und Kleinvieh ohne Zahl führte ich von ihnen heraus und rechnete sie als Beute. Hiskija selbst – wie einen Käfigvogel, inmitten der Stadt Jerusalem, der Stadt seines Königtums, schloss ich ihn ein. Befestigungen gegen ihn warf ich auf, und denjenigen, die aus seinem Stadttor herauskamen, vergalt ich ihre Übertretung.“ (Annalen des Sanherib, König von Assur, ca. 700 v. Chr.)

Schon damals verstanden sich Politiker darauf, Niederlagen möglichst nicht als solche erscheinen zu lassen. Eine Belagerung hat zwar stattgefunden, aber offensichtlich war sie nicht erfolgreich. Aus dem biblischen Bericht (2. Könige 18–19) erfahren wir, dass König Hiskija das Menschenmögliche tut, um den Angriff abzuwenden. Aber er weiß auch, dass es nicht das menschliche Handeln ist, das den Lauf der Geschichte letztendlich bestimmt. Gemeinsam mit dem Propheten Jesaja geht der gottesfürchtige König ins Gebet. Gott erhört ihn und hält seine schützende Hand über seiner Stadt. Er sendet seinen Engel, um das assyrische Lager zu dezimieren (heute kann man spekulieren: eine Seuche?), und die Assyrer geben auf.

Fest gemauert – und völlig hilflos

Gottes machtvolle und schützende Gegenwart, die Erfahrung der Errettung aus höchster Not, dies wird von jetzt an für immer mit dem Namen Jerusalem verbunden sein. In der prophetischen Verkündigung Jesajas wechseln Gericht und Heil in harten Schnitten ab: Jerusalem, die kümmerliche Wachhütte im verwüsteten Gurkenfeld (Jesaja 1,8); Jerusalem, die fest gegründete Stadt, von der Gottes Weisung und Frieden für alle Nationen ausgehen werden (Jesaja 2,1-5); Jerusalem, die von der Lebensmittelversorgung abgeschnittene hilflose Stadt (Jesaja 3,1); Jerusalem, die Stadt, über die Gott seine Wolke und sein Feuer als Schutzdach aufspannt (Jesaja 4,5); das drohende Gericht durch die Nation aus der Ferne (Jesaja 5,26); die Geburt des Davidsohnes, der Frieden bringt (Jesaja 9,5); die Assyrer als Werkzeug des Gerichts gegen Jerusalem (Jesaja 10,5) und ihr Ende (Jesaja 10,12). Die Prophetien Jesajas beziehen sich gerade in Kapitel 1–12 an vielen Stellen deutlich auf die Situation vor und um 701 v. Chr. Immer wieder greift die Verkündigung aber auch weiter aus, bis hin zu einem kommenden messianischen Friedensreich.

„Jerusalem, Zankapfel zwischen den Nationen, wird zum Ort des Gerichts und des Neuanfangs zugleich, zum Zentrum für Gottes weltweites Friedensreich.“

Jerusalem ist der Ort, an dem sich alles entscheidet. An dem Menschen zur Entscheidung für Gott herausgefordert sind – wie Hiskija, der ganz auf Gott vertraute – und an dem Gott für Menschen in entscheidender Weise handelt. Ein Thema, das auch bei anderen biblischen Propheten aufgenommen ist: Jerusalem, Zankapfel zwischen den Nationen, wird zum Ort des Gerichts und des Neuanfangs zugleich, zum Zentrum für Gottes weltweites Friedensreich.

Wie Jerusalem zur Hauptstadt wurde

Die Geschichte Jerusalems als der Hauptstadt Israels beginnt schon dreihundert Jahre vor Hiskija. König David regiert bereits einige Jahre in Hebron im Süden. Um seine Akzeptanz bei den nördlichen Stämmen Israels zu erhöhen, benötigt er einen neuen Regierungssitz. Jerusalem bietet sich in mehrfacher Hinsicht an: Der Ort ist zentral und strategisch gut gelegen. Auch war er bisher noch nicht im Besitz eines der israelitischen Stämme. David kann seine Fähigkeiten als Feldherr unter Beweis stellen. Er nimmt die Bergfestung auf dem Zion im Handstreich ein. Der Weg seiner Soldaten über den Wasserschacht (2. Samuel 5,6-10) ist heute noch archäologisch nachvollziehbar. Auch Grundmauern und Stützstrukturen alter Festungen hat man archäologisch gesichert.

Zwei „Häuser“ in der Heiligen Stadt

Theologisch ist Jerusalem seit der Zeit Davids mit zwei „Häusern“ verbunden: dem Haus, das Gott für David baut, und dem Haus, das Davids Sohn für Gott baut (2. Samuel 7). Mit dem Haus Davids ist die Königsdynastie gemeint: Gott sagt David zu, dass für alle Zeiten einer seiner Nachkommen regieren wird. Das Haus Gottes meint den Tempel, der von Salomo errichtet wird. Die Bedeutung der beiden „Häuser“ wird auch in den Chronikbüchern ausführlich behandelt. In ihnen finden sich zwei zentrale Reden Gottes und zwei zentrale königliche Gebete zum Thema (1. Chronik 17; 2. Chronik 6–7). Faszinierend ist auch die Psalmgruppe 120–134, die eine Wallfahrt nach Jerusalem beschreibt. In ihr behandeln die Psalmen 122 und 132 die theologische Bedeutung der Stadt und ihrer beiden „Häuser“.
Letztendlich steht das „Haus Davids“ für Herrschaft, auch für die Herrschaft Gottes. Der Tempel ist demgegenüber ein Ort der Gemeinschaft. Gottes Herrschaftsanspruch wie auch sein Gemeinschaftszuspruch gehen von Jerusalem aus. Noch kürzer hat der Theologe Georg Fohrer die Mitte des Alten Testaments definiert als „Gottesherrschaft“ und „Gottesgemeinschaft“.

Zion, der Berg Gottes

In der Theologie wird dieser Zusammenhang auch als Zionstheologie bezeichnet. Beispielsweise handelt Psalm 2 von der Einsetzung des Königs auf dem Zion: „Ich selber habe meinen König eingesetzt auf Zion, meinem heiligen Berg.“ Die Aussage bezieht sich auf David und blickt zugleich voraus auf einen kommenden Davidssohn.

„Israels Gott ist nicht weit weg auf einem abgelegenen Berg, sondern gegenwärtig inmitten seines Volkes.“

Auch Psalm 48 feiert den Zion: „Groß ist der Herr und sehr zu loben in der Stadt unseres Gottes. Sein heiliger Berg ragt schön empor, eine Freude der ganzen Erde; der Berg Zion, im äußersten Norden, die Stadt des großen Königs.“ In der Umwelt des alten Israel stellte man sich abgelegene Berge als Wohnsitze von Göttern vor, und es gab auch die Vorstellung von einem Götterberg hoch im „Norden“. Der Psalm spielt darauf an, verändert aber das Bild: Israels Gott ist nicht weit weg auf einem abgelegenen Berg, sondern gegenwärtig inmitten seines Volkes.
All diese wunderbare Theologie rund um die Stadt Jerusalem und den Berg Zion hat allerdings auch ihre Gefahren. Sie kann dazu führen, dass Menschen auf prunkvolle Gebäude mehr vertrauen als auf Gott. Dass sie Glaube und Politik verwechseln. Sie kann das Gefühl vermitteln, Gott sei greifbar und verfügbar und Jerusalem unverwundbar.

Die gottverlassene Gottesstadt?

Dass dem nicht so ist, müssen die Menschen auf furchtbare Weise erleben. Rund hundert Jahre nach der wundersamen Rettung der Stadt unter Hiskija kommt es zur Katastrophe. Noch berufen sich die Einwohner Jerusalems darauf, dass Gott in ihrer Mitte sei. Doch der Prophet Hesekiel teilt ihnen mit, dass der Zion kein heiliger Ort mehr ist: Die Herrlichkeit des Herrn hat den Tempel verlassen, Gott hat sich abgewendet, Jerusalem ist preisgegeben. Dreimal geht das babylonische Heer gegen Jerusalem vor, nämlich in den Jahren 605, 597 und 586 v.Chr. Der dritte Angriff ist der schlimmste. Die Schreckensberichte am Ende der Königebücher lesen sich wie eine Aufkündigung aller Bundeszusagen Gottes: Der Tempel, der Ort der Gemeinschaft mit Gott, wird bis auf die Grundmauern zerstört. Die Königssöhne aus der Davidsdynastie werden hingerichtet. Viele Menschen aus dem (Abraham verheißenen) Volk sterben, andere werden verschleppt, müssen das Land verlassen, das Gott ihnen zum ewigen Besitz zugesagt hatte. Einige fliehen schließlich nach Ägypten – zurück an den Ort, wo alles begonnen hatte. Damit ist der letzte und tiefste aller Bundesflüche eingetroffen (5. Mose 28,68).
Die Feldzüge der Babylonier führen zum Zusammenbruch der gesamten Wirtschaft in der Region. Auf den Krieg folgen Hungersnöte und Seuchen. Es dauert Jahrzehnte, bis sich das Land zu erholen beginnt. Alle kleinen Völker der Region, die Philister, Moabiter, Ammoniter, Edomiter usw., sind verschwunden. Es ist ein Wunder Gottes, dass es den Judäern nicht genauso ergeht. Mit den Heimkehrern aus Babylon gelingt ein, wenn auch bescheidener, Neuanfang.
Die erste Zeit des Neuanfangs ist bestimmt vom Ringen um die eigene Identität. Nur wenige physische Verbindungen zur Vergangenheit sind vorhanden. Zu ihnen gehören die Tempelgeräte, die die Heimkehrer aus dem Beuteschatz der Babylonier zurückerhalten. Der Brandopferaltar wird auf seinen alten Fundamenten wiedererrichtet (Esra 3,3). Orte sind wichtig.

Opferstätte von alters her

Mit dem Ort des Tempels hat es noch eine besondere Bewandtnis. In den Chronikbüchern findet sich dafür eine ungewöhnliche Bezeichnung, nämlich „Berg Morija“ (1. Chronik 3,1). Der Tempelberg ist sonst nicht unter diesem Begriff bekannt, der Name erscheint aber nicht zufällig, sondern hat eine tiefere Bedeutung. Viele Jahrhunderte vor dem Tempelbau wurde schon einmal ein besonderes Brandopfer dargebracht: „Gott prüfte Abraham“ (1. Mose 22) – und forderte ihn auf, seinen eigenen Sohn Isaak zu opfern. Ort des Geschehens war damals das „Land Morija“, auf „einem der Berge“ (1. Mose 22,2). Isaak, der das Feuerholz tragen muss, fragt seinen Vater, wo denn das benötigte Opfertier sei. Abraham antwortet ihm mit prophetischen Worten: „Gott wird sich das Schaf zum Brandopfer ersehen“ (Vers 8). Am Ende braucht Abraham seinen Sohn nicht zu opfern. Ein Widder hat sich im Gestrüpp verfangen.

„Den Liebesbeweis, den Gott von Abraham am Ende nicht verlangt hat, gibt Gott nun selbst: seinen einzigen, geliebten Sohn.“

Gott hat niemals ein Menschenopfer von Israel gefordert. Im Jerusalemer Tempel, auf dem „Morija“, werden Tiere als Brandopfer dargebracht, die „Gott sich ersehen hat“, zur Wiedergutmachung von Schuld und um die Bundesgemeinschaft zu feiern. So finden die Worte Abrahams ihre tiefere Erfüllung.
Aber damit nicht genug. Jerusalem wird noch einmal zum Ort eines ganz besonderen Geschehens: Gott sendet in Jesus Christus seinen eigenen Sohn in die Welt. Er ist das letztgültige Opfer (Hebräer 10,10), das Gott „sich ersehen hat“. Auch er hat das Holz für seine eigene Hinrichtung – das Kreuz – zum Exekutionsort getragen. Den Liebesbeweis, den Gott von Abraham am Ende nicht verlangt hat, gibt Gott nun selbst: seinen einzigen, geliebten Sohn. Jerusalem, Golgatha, wird zu dem Ort, wo Gott erneut auf entscheidende Weise handelt. Gericht und Gnade fließen zusammen, wo Gott Gerechtigkeit schafft im stellvertretenden Sühnetod des Gottesknechts – aus Liebe zur Welt und zur Versöhnung für alle, die an ihn glauben.

Der Berg, an dem Gott handelte

Der Hügel, auf dem der historische Kern von Jerusalem liegt, wird auf diese Weise zum theologischen Spannungsbogen über die Jahrtausende. Auf dem Berg Morija sprach Abraham prophetisch vom Opferlamm Gottes. Auf demselben Berg wurde dann der Tempel errichtet (2. Chronik 3,1). Und ganz in der Nähe, auf einem „Nebenhügel“ – oder, wie der Hebräerbrief sagt, „außerhalb der Stadtmauern“ (13,2) – wurde Jesus auf Golgatha gekreuzigt. Das Handeln Gottes kehrt immer wieder zu diesem Berg zurück.
Gottesherrschaft und Gottesgemeinschaft sind für Christen nicht mehr mit einem Ort verbunden, sondern mit einer Person: Jesus Christus. Er will für uns beides sein: Herr und Freund. Er ist der König des kommenden Friedensreiches Gottes.
Und Jerusalem? Jerusalem bleibt ein Ort mit Geschichte – und die Geschichte Gottes mit Jerusalem ist sicher noch nicht zu Ende.

 


Dieser Artikel ist zuerst in der Faszination Bibel erschienen, die wie jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört.

4 DIREKT-KOMMENTARE

  1. „Gottvater hat seinen Sohn in die Welt geschickt, um ihn für die Sünden der Menschen kreuzigen zu lassen.“
    Ach, bete ich zu einem Gott, er müsste tanzen und Liebesgedichte aufsagen können und dürfte nie einen Vater erwähnen, der sein einziges Kind auf die Schlachtbank schickt.

  2. …. Und dass er tanzt wenn er an sein Volk denkt ist im Buch Zephania nachzulesen, Kap. 3,17…..

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