Die Zahl der Singles in Deutschland steigt kontinuierlich, in vielen Gemeinden spielt das Singlesein jedoch thematisch kaum eine Rolle. Dies ist eine von vielen Erkenntnissen der Studie „Lebensweisen christlicher Singles“.
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Von Artur Wiebe

„Diese Singlestudie will bewegen und Auswirkungen auf die christlichen Gemeinden haben“, betonte SCM-Verlagsleiter Hans-Werner Durau zu Beginn des Fachtags „Christliche Singles – wie sie leben, glauben und lieben“ in Kassel. Veranstalter war der CVJM Deutschland in Kooperation mit der Stiftung Christliche Medien (SCM). Anlass  war das Erscheinen des gleichnamigen Buches zur christlichen Singlestudie des Forschungsinstitut empirica mit Sitz an der CVJM-Hochschule in Kassel. In dem Buch werden die Ergebnisse veröffentlicht und interpretiert.

Für die Studie befragte das Institut 3.225 „hochreligiöse“ Singles zwischen 18 und 65 Jahren, die seit mindestens 2,5 Jahren in keiner festen Partnerschaft leben. Die thematischen Schwerpunkte lauteten Zufriedenheit und Selbstverständnis, Alltagsleben und Sozialleben, Partnerwunsch und Partnersuche sowie Sexualität. Dazu kamen noch 15 ausführliche Telefoninterviews. Die Studie wurde von der Stiftung Christliche Medien (SCM) finanziert, zu der auch Jesus.de gehört.

„Singles lieben Gemeinde“

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Tobias Künkler, Professor für interdisziplinäre Grundlagen der Sozialen Arbeit und Leiter des Institutes empirica an der CVJM-Hochschule, und Johanna Weddigen, Referentin bei Alpha Deutschland, stellten den Teilnehmerinnen und Teilnehmern die Ergebnisse in den Bereichen Lebenszufriedenheit, Gemeindebindung, Alltagsgestaltung und Sexualität vor. Dabei bescheinigten sie den hochreligiösen Singles eine „große Lebenszufriedenheit“ sowie ausgeprägte Gemeindebindung. „Singles lieben Gemeinde“, lautet ein Ergebnis der Studie, „aber sie fühlen sich ausgegrenzt!“ Ihr Lebensstand entspräche nicht dem christlichen Ideal von Ehe und Familie und sie kämen in Themen, Beispielen und Gebeten der christlichen Gemeinschaft kaum vor. Die gelebte Norm des christlichen Gemeindelebens beachte sie nicht, der Stand „Single“ oder „alleinstehend“ sei mit einem defizitären Makel belegt, dem Abhilfe geschaffen werden müsse.

„Überdurchschnittlich vernetzt, hoch engagiert“

Dire Autoren der Studie sehen Singles in Ambivalenz zwischen einer großen persönlichen Freiheit und der schmerzlichen Erfahrung des Alleinseins. Sie seien digital „überdurchschnittlich vernetzt“, kulturell interessiert sowie ehrenamtlich und beruflich hoch engagiert. Beruf sei für sie Berufung und intensiver Bestandteil des Alltags. Doch besonders an Wochenenden, Feiertagen sowie im Urlaub werde das Singledasein als anstrengend erfahren. Singles um das Alter 30 herum erlebten der Studie zur Folge ihr Alleinsein als schmerzlich, wenn Befreundete in ihrem Umfeld heiraten, Familien gründen und in die Randgebiete der Städte ziehen. Dadurch verändere sich das Freundschafts- und Freizeitgefüge deutlich. Von daher pflegten sie intensiven Kontakt zu den Herkunftsfamilien. Singles müssten eine erhöhte häusliche Arbeitslast stemmen, die sich sonst auf mehrere Personen verteile – gerade für geschiedene Männer und alleinerziehende Frauen stellt dies eine besondere Herausforderung dar. Ebenso sei ihr soziales Sicherheitsnetz in Krisenzeit und im Alter weniger eng gestrickt.

Christliche Werte widersprüchlich gelebt

Christliche Singles haben laut der Studie hohe moralische Werte. Sie wünschen sich Weddigen und Künkler zur Folge einen Partner bzw. eine Partnerin, der oder die ihre christlichen Überzeugungen teilt. Gelebte Sexualität gehöre für sie in den Rahmen der Ehe. Der „Faktor Gott“ spiele bei der Partnersuche eine entscheidende Rolle, denn sie flankierten ihre Suche auf christlichen Singleportalen, auf Besuchen in verschiedenen Gemeinden und Kongressen mit Gebet und glaubten durchaus an eine Vorherbestimmung des Partners. Allerdings verändere sich der Wunsch nach einem festen Gegenüber um das Alter 45 herum und damit einhergehend auch das Gottesbild: Der Partnerwunsch nehme ab und damit interessanterweise auch der Glaube an eine göttliche Vorherbestimmung. Die Studie offenbare eine gelebte Diskrepanz zwischen den geäußerten Werten und der gelebten Praxis. Die Befriedigung der sexuellen Bedürfnisse steht nicht selten in Spannung zu eigenen Überzeugungen.

Die Schlussfolgerung der Autoren für die christliche Gemeindepraxis: Das Singlesein müsse in der Gemeinde häufiger zum Thema werden. Singles müssten mehr gefragt, Angebote für sie geschaffen und sie darin integriert werden. Gerade auch das Thema Sexualität müsse im geschützten Rahmen Thema in der Gemeinde werden.

Fachtag zum Thema Singles in Kassel
Fachtag zum Thema Singles in Kassel (Foto: Artur Wiebe)

Singles sollen sich einmischen

Im Rahmen des Fachtages wurden die Ergebnisse der Singlestudie durch Impulse aus drei verschiedenen Blickwinkeln ergänzt. Stephan Baas, Dozent an der Berufsakademie für Gesundheits- und Sozialwesen im Saarland, setzte als Singleforscher die vorliegenden Ergebnisse ins Verhältnis zu anderen, allgemeinen Singlestudien. Diese kämen zu ähnlichen Ergebnisse, sagte er. Deutliche Unterschiede bestünden jedoch in der größeren Ambivalenz zwischen Norm und gelebter Praxis bei den hochreligiösen Singles sowie in den oft „konservativen Partnerschaftsbildern von alleinstehenden christlichen Männern“, die ein Hindernis dafür seien, eine Partnerin zu finden.

Pfarrerin Astrid Eichler, Theologin, Autorin und selbst Single, hob als Gründerin und Referentin von Solo&Co, einem Netzwerk für christliche Singles, in ihrem Statement die Bedeutung der Studie für die Kirche und das Reich Gottes hervor. Mit Blick auf den Fachtag betonte sie ihre Hoffnung: „Über diesem Thema kommen Kirchen zusammen!“ Singles würden jetzt besser wahrgenommen, weil es Daten und Fakten gebe. Dies mache Singles Mut, sich selbst zu engagieren und zu organisieren sowie ihren Lebensstand in den Kirchen und Gemeinden zum Thema zu machen.

Michael Diener, Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes und Mitglied im Rat der EKD, betonte in Blick auf die christliche Gemeindeleitung, dass es „den“ Single nicht gebe. Er regte eine theologisch-geistliche Durchdringung des Lebensstands als Single an, die nicht nur das Ideal der christlichen Familie vor Augen hat. „Singles sind Leitungsaufgabe“, appellierte Diener und betonte eindringlich, eine Gesprächskultur zu fördern, die nicht tabuisiere und diskriminiere, sondern eine „ehrliche Auseinandersetzung ohne Spaltung von Werten und Leben“ möglich mache. Leitungen sollten ein gesundes Gemeindeleben fördern, das den „Geist der Freiheit und Vielfalt“ atme, anstatt sich dogmatisch zu verengen und in Schubladen zu denken, was bei Singles die Unzufriedenheit mit dem eigenen Lebensstand fördere. Die Singles ermutigte Diener, sich vor Ort in den Gemeinden und darüber hinaus bemerkbar zu machen, damit die kirchenleitenden Ebenen das Bedürfnis nach Ressourcen für diese Gruppe erkenne und sie zur Verfügung stellt.

Artur Wiebe ist Referent für Medien und Öffentlichkeitsarbeit sowie Pressesprecher des Bundes Freier evangelischer Gemeinden (FeG) und Redaktionsleiter der Zeitschrift CHRISTSEIN HEUTE.


Ressourcen und Downloads:

Christliche Singles StudieDas Buch zur Studie: Tobias Künkler, Tobias Faix, Johanna Weddigen: Christliche Singles. Wie sie leben, glauben und lieben. (Verlag SCM R. Brockhaus)

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