Auf der Bühne gibt der Schlagzeuger mit seinen Sticks den Rhythmus vor. Prompt erstrahlt das Bühnenbild in Neonfarben und der Rest der Band steigt mit in den Song ein. „Er hat auf dich gewartet, sich Tag für Tag nach dir gesehnt“, schallt die kräftige Stimme der Sängerin über leere Papphocker hinweg. In einer Stunde startet „JesusHouse“ in der Veranstaltungshalle der evangelischen Gemeinde Nierenhof.
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Von Laura Schönwies

Aufbau und Deko lassen mich erahnen, was mich heute Abend erwartet: ein Mix aus Kirche und Popkonzert. Trotz vieler Kontakte zu evangelischen Gemeinden ist das eine Mischung, die mir als katholische Christin nicht allzu häufig begegnet. Statt in filigranen Glasvasen stecken die Rosen hier in zerbeulten, angemalten Cola-Dosen auf den Stehtischen im Foyer. Das Kreuz wird modern durch Scheinwerfer-Traversen interpretiert. Statt Kirchenbänken stehen hier aufgereihte Pappkartons. Auf jedem liegt ein buntes Bibel-Exemplar. Mitarbeiter in schwarzen Kapuzen-Pullis mit einem dicken weißen „Jesus House“-Aufdruck wuseln durch die Reihen und überprüfen, ob auch keiner vergessen wurde.

Das Lied, das die Band probt, wird später noch eine wichtige Rolle spielen, denn „JesusHouse“ ist eine Jugendevangelisation. Junge Leute sollen durch Lobpreis, Dialog und Bibellesen zum Glauben an Jesus Christus kommen lautet das Konzept.
Erstmal Fahrt aufnehmen 280 Teenager strömen an diesem Abend in die Halle – fast alle Hocker sind besetzt. Los geht es mit dem Vorprogramm: Es geht noch nicht direkt ans Glaubens-Eingemachte. Die Moderatoren Tilli Linz und Tobi Schöll brechen das Eis erst einmal mit simplen Alltagsgeschichten: Tilli erinnert sich daran, niemals in der Schule gespickt zu haben und weiß auch noch ganz genau, wie Tobi einen Haufen Mädels in die Eisdiele einlud, als sei es erst gestern gewesen. Das Prinzip kommt an: „Die Prediger haben in unserer Sprache geredet“, lobt Anton (15) später. „Manchmal ziehen sich Predigen schon sehr in die Länge“, weiß Nils (15). „Das war heute viel besser. Die beiden waren nah an uns dran.“

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Themen wie Seriengucken oder eine Runde „Bubble-Catching“ in der Halle, in der die mutige Joy aus dem Publikum und Tilli in riesigen Plastikbällen aufeinander prallen, lassen noch nichts vom thematischen Verlauf des Abends erkennen. Nur das „JesusHouse“-Logo, das groß an die Bühnenleinwand geworfen wird, verrät, um wen es heute Abend eigentlich geht.

Los geht’s: Lobpreis und Bibelarbeit

Der Lobpreis beginnt – aber von den meisten Jugendlichen wird er wohl eher als Konzert empfunden. Die Band animiert dazu, die Hände in die Luft zu reißen und zum schnellen Beat des Drummers zu klatschen. Doch alle bleiben auf ihren Kartons sitzen. Da ich selber solche Formen nicht so oft erlebe, hatte ich mich darauf gefreut, begeisterten Lobpreis zu erleben. Doch selbst die Ansage von vorne „Vielleicht könnt ihr sogar mitsingen“ geht in der Musik unter.

Trump und Jesus: Weihnachtsgeschichte einmal anders

Beim Bibelteil werden die Teenager aktiver. Das Thema des Abends sind „die Seiten 18-19“. Alle blättern in ihrer Bibel: Die Weihnachtsgeschichte! „Schon wieder“, findet Victoria (17). Andere lassen sich auf das Thema ein: „Also, wenn ich ein Hirte gewesen wäre und ich hätte in der Nacht gefroren, hätte mich doch kein Engel von meinem Feuer wegbewegen können“, tuschelt ein junges Mädchen ihrer Freundin zu.

„Im Prinzip gestalten die Jugendlichen ihren Abend heute selber“, erklärte mir Michael Klitzke, Geschäftsführer von ProChrist vor der Veranstaltung, Der Verein veranstaltet Jesushouse seit 1998. Als Hauptveranstaltung hätte der Abend aus Nierenhof eigentlich für andere JesusHouse-Programme deutschlandweit per Video übertragen werden sollen, aber Teenager, die ihre Köpfe zusammenstecken und das Knistern dünner Bibelseiten geben für das Auge doch nicht so viel her, überlegte sich die Gemeinde im Vorfeld zum Bedauern von Klitzke.

Im Anschluss an die Leserunde stellte sich Tobias Schöll den Fragen der Teenager. „Warum wurde Jesus als König der Welt in einer Krippe geboren“. „Weil Jesus ein anderer Herrscher ist als Donald Trump“, gibt Schöll zu bedenken. Gelächter.

Entscheidung zwischen „Leben und Tod“

Und plötzlich nimmt das Thema Glaube rasant Fahrt auf: Schöll schnappt sich ein Flipchart. Der Filzstift quietscht auf dem Papier, als er das „System des Todes“ in Form von Kreisen skizziert. Der Mensch ist darin gefangen, erklärt Schöll, doch Gott bricht mit Jesu Tod und Auferstehung ein großes Stück aus den Zwängen des Systems heraus.

Schließlich hält Schöll fest: Unterm Strich kann sich jeder nur zwischen Leben und Tod entscheiden. Eine Entscheidung für das Leben bedeutet eine Entscheidung für Jesus. Die Band stimmt das zuvor geprobte Lied an: „Er hat auf dich gewartet“. Tobis Stimme wird immer lauter, als er die jungen Leute dazu einlädt, zum Scheinwerferkreuz zu kommen und das Übergabe-Gebet sprechen: „Heute ist die Gelegenheit!“

Doch heute traut sich niemand. „Ok, das kann peinlich sein“, zeigt Tobi am Ende des Liedes Verständnis und lädt alle ein, das Gebet gemeinschaftlich aufzusagen. Damit klingt das offizielle Programm aus.

„Natürlich ist es enttäuschend, wenn man sich richtig reinhängt und keiner kommt nach vorne“, gesteht mir Tilli später bei einer Fassbrause. Dennoch: „Ich habe gehört, wie zwei Mädels sich ausgetauscht haben, ob sie zum Kreuz gehen sollen. Ich kannte die beiden nicht. Offensichtlich hat es was mit ihnen gemacht.“

„Da geht noch mehr“

Linz glaubt an die Wirkung des Konzepts: „Ich habe selber durch ‚JesusHouse‘ zu Gott gefunden. Vorher dachte ich, dass Christen langweilig sind und keinen Style haben, aber heute weiß ich, dass man die Gute Nachricht auch angesagt und cool verpacken kann.“ Was sie den Teens vermitteln möchte? „Christsein bedeutet Leben pur“. Auch wenn auf mich persönlich nach der anfänglichen Offenheit manches zu gelenkt wirkte, würde ich mir für meine katholische Kirche mehr von diesem Mut und dieser Begeisterung für den Glauben wünschen – gerade in der Jugendarbeit.

Das war ein guter Start, resümiert Tilli, während sich ein Mitarbeiter mit hochrotem Kopf zwischen den Teenagern hindurchschlängelt. Hotdog-Nachschub. „Aber da geht noch mehr“, ist sie überzeugt.

Das JesusHouse-Programm läuft noch bis diesen Samstag (25.2.) in Nierenhof und bis zum 2. April bundesweit an 250 Orten.