Johannes Falk: „Die Melancholie liegt mir einfach im Blut.“

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Bild: Sergej Falk
Mit seinem dritten Soloalbum „Von Mücken und Elefanten“ will der christliche Musiker Johannes Falk auch in der säkularen Musikszene Fuß fassen. Ohne den neuen Plattenvertrag mit Sony wäre es wohl dazu nie gekommen. Ein Interview aus DRANNEXT über Herausforderungen, Hoffnung und Höhenmeter.
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„Hoffnung bleibt, sie hat den längeren Atem“, heißt es in einem Lied deines neuen Albums. Trotzdem spricht aus vielen Songs Enttäuschung, Resignation und Zerbruch. Die Vergangenheit kommt nicht gut weg. Bist du ein Unglücklicher?

Johannes Falk: Nein. Aber ich war in den vergangenen Jahren schon mit vielen Dingen unzufrieden. Zwischen dem letzten Album und dem neuen sind fünf herausfordernde Jahre vergangen. Diese Zeit zu überbrücken – musikalisch wie finanziell – war sackanstrengend. Dann Songs ins Blaue hineinzuschreiben, ohne zu wissen, wie und ob es überhaupt weitergeht, war extrem anstrengend. Ich würde dennoch nicht sagen, dass das den überwiegenden Teil der Platte ausmacht.

Ist das neue Album ein Befreiungsschlag von dem, was hinter dir liegt?

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Ich würde eher sagen, es sind Momentaufnahmen meines Lebens. Und ich kann gar nicht anders, als diese in Lieder zu packen. Das habe ich immer schon so gemacht. Die Songs sind sehr ehrlich und reflektieren die vergangenen Jahre. Aber sie sind keine Therapie für mich. Ich breche auch nicht meine Zelte ab, sondern stelle mich vielmehr der Vergangenheit, schließe Frieden mit ihr. Denn sie ist Teil meiner Biografie.

Thematisch geht es ums Suchen und Finden, ums Selbst-Sein, den Mut zu haben, Masken abzulegen, die kleinen Dinge wertzuschätzen, authentisch zu leben. Themen, die du auch auf deinen vergangenen beiden Alben bereits besungen hast. Was ist also neu?

Das erste Album war ganz klar ein spirituelles. Auf dem zweiten habe ich versucht, meine religiöse Geschichte, meine Erziehung und mein Leben in Einklang zu bringen. Beim dritten steht vor allem mein Ringen, ob ich weiterhin Musik mache oder nicht, im Fokus. Deshalb schwingt auch viel Schwermut mit. Insgesamt haben die Songs darum viel mehr mit meinem Leben zu tun als früher. Ich bin jetzt 40 und habe meine Familie mit zwei Kindern.

„Die haben alle dieselben Baustellen – egal, ob Christen oder Nichtchristen.“

Da versuchst du, dein Leben mit Job, Familie und Kindererziehung unter einen Hut zu bekommen, willst es allen recht machen. Irgendwann kommt zwangsläufig der Punkt, an dem du dich fragst: Ist das schon alles, was ich in meinem Leben erreichen will? Gehe ich den eingeschlagenen Weg weiter oder besteht noch mal die Chance, dem Ganzen eine neue Wendung zu geben? Als ich mich darüber mit Freunden, Familie und Bekannten unterhalten habe, stellte ich fest: Die haben alle dieselben Baustellen und stellen sich dieselben Fragen. Die stecken da genauso drin wie ich – egal, wo sie herkommen, welche Biografie sie haben, ob Christen oder Nichtchristen.

Warum hast du mit dem Gedanken gespielt, deine Musikkarriere aufzugeben?

Bild: Sergej Falk

Einerseits aufgrund der finanziellen Komponente: Nach dem zweiten Album bin ich drei Jahre lang getourt und habe rund 10.000 Platten verkauft, dann war Schicht im Schacht. Da haben wir uns – meine Frau und ich – hingesetzt und mal ganz grundsätzlich überlegt, wie viel ich in den drei Jahren zur Finanzierung unserer Familie beitragen konnte. Das stand in keiner Relation zu dem, was ich an Zeit und Geld investiert hatte. Da war mir klar: Unter diesen Voraussetzungen kann ich beim besten Willen nicht noch einmal ein Album rausbringen. Natürlich habe ich zu den erfolgreichsten Solokünstlern der christlichen Musikszene gehört – da will ich mich auch überhaupt nicht beklagen, aber dieser Markt ist so klein, dass ich davon keine vierköpfige Familie ernähren kann. Und dann fragst du dich: Laufe ich meinem Traum sinnlos hinterher? Wenn dann nicht Sony auf mich zugekommen wäre – ich weiß nicht, ob ich noch ein Album gemacht hätte.

Du hast für erfolgreiche Musiker wir Max Giesinger oder Laith al Deen Sings geschrieben. Wie stark ist der Wunsch bei dir, jetzt auch mal was vom großen Kuchen abzubekommen?

Das ist ja die Krux am Beruf des Musikers: Du kannst nur dann gut davon leben, wenn du auch Erfolg hast. Ich schlage mich nun schon seit vielen Jahren so durch. Natürlich will ich auch mal ein Stück vom großen Kuchen abhaben. Ich bin aber auch realistisch genug, um zu wissen, dass da viel Glück dazugehört — da kann man noch so viel planen und tolle Alben veröffentlichen. Innerlich habe ich mir darum gesagt, dass ich mit dem Majordeal noch mal bei Null anfange. Wenn „Von Mücken und Elefanten“ ein Achtungserfolg wird, bin ich schon echt happy. Denn dann bekomme ich die Chance auf ein zweites. Und so ein zweites Album wäre ganz sicher ein weiterer, wichtiger Schritt. Wenn sich der Erfolg aber nicht einstellen sollte, werde ich wieder in mich gehen, reflektieren und dann neu entscheiden, ob ich weitermache oder nicht.

Im großen Angebot deutschsprachiger Popmusik ist es nicht einfach, als Künstler herauszustechen. Was hebt deine Musik von den anderen ab?

Ich kenne keinen deutschsprachigen Künstler, der einen Song über die aktuelle Flüchtlingskrise oder die Situation mit den ganzen Terroranschlägen geschrieben hat – also politische Ereignisse, die uns alle beschäftigen. Das mache ich auf „Von Elefanten und Mücken“.

Ich habe mich bei manchen Songs an Herbert Grönemeyer erinnert gefühlt. Wer sind deine musikalischen Vorbilder?

Als 12-Jähriger hatte ich nur ein altes Transistorradio. Als ich damals „Was soll das?“ von Herbert Grönemeyer hörte, wusste ich: Das ist ein genialer Typ! Von da an habe ich seine Musik – bis vor wenigen Jahren – intensiv verfolgt. Er ist einer der großartigsten deutschen Künstler, der unglaublich viel für die Popkultur getan hat. Mich fasziniert, wie er sich gesellschaftlich und politisch positioniert in seinen Songtexten und dabei noch eine unglaubliche Vielfalt an den Tag legt. Deshalb gehört er auf jeden Fall zu meinen Vorbildern. Aktuell finde ich Bosse und Clueso sehr inspirierend. Bei Bosse mag ich die Leichtigkeit, mit der er mit der deutschen Sprache umgeht. International stehe ich zum Beispiel auf Bon Iver, auf großen Sound, Orchester und Melancholie. Ich bin halt – ganz unabhängig von meinen persönlichen Baustellen – ein Melancholiker. Das ist mein Sound, das steckt mir im Blut. Selbst wenn ich der glücklichste Mensch auf der Welt wäre, würde ich noch traurige Lieder schreiben. Weil ich’s einfach mag.

Aus welchem Elefanten möchtest du in Zukunft ganz persönlich eine Mücke machen?

Ich möchte gelassener werden. Meine Leidenschaft zur Musik ist immer noch viel größer als Angst, Sorgen und Druck. Und trotzdem habe ich manchmal das Gefühl, dass mir der Erfolgsdruck zu viel wird. Da möchte ich lernen, gelassen zu sagen: Es wird schon seinen Weg gehen. Auf viele Dinge habe ich sowieso keinen Einfluss, da kann ich noch so viel arbeiten und planen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Simon Jahn, Freier Journalist und Chefredakteur des gomagazins.


Am 08. Februar ist Johannes Falk drittes Studioalbum „Von Mücken und Elefanten“ (Sony) erschienen.