„Judenhass“: Scharfe Kritik an Gewalt vor Synagogen

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Synagoge "Yeghia-Kapay" in Jewpatoria, Krim (Foto: Sapozhnikov Pavel / iStock / Getty Images Plus)

Angesichts der Gewalteskalation in Nahost kommt es vor deutschen Synagogen zu antisemitischen Ausschreitungen. Stimmen aus Politik und Kirchen verurteilen die Gewalt.

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Die antisemitischen Ausschreitungen und Gewalt bei Protesten gegen die Eskalation im Nahost-Konflikt sind von Spitzen der deutschen Politik und Religionsgemeinschaften scharf verurteilt worden. „Judenhass – ganz gleich von wem – wollen und werden wir in unserem Land nicht dulden“, sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier der „Bild“-Zeitung (Freitag). Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bewertete die antisemitischen Parolen und Angriffe als Missbrauch des Demonstrationsrechts. „Antisemitische Kundgebungen wird unsere Demokratie nicht dulden“, erklärte Regierungssprecher Steffen Seibert am Freitag in Berlin. Scharfe Kritik kam auch von den Kirchen. Der Zentralrat der Muslime distanzierte sich von den Ausschreitungen.

Bund bietet Unterstützung an

Angesichts der Eskalation der Gewalt im Nahost-Konflikt war es in den vergangenen Tagen bundesweit an mehreren Orten zu antisemitischen Demonstrationen und Gewalt gegen jüdische Einrichtungen gekommen, unter anderem in Münster und Gelsenkirchen. Dabei wurden Israel-Flaggen verbrannt und antisemitische Parolen gerufen. Ein Sprecher des Bundesinnenministeriums erklärte am Freitag, nach ersten Hinweisen seien die Täter dem islamistischen und linken Milieu zuzurechnen. Die Sicherheitsbehörden beobachten nach seinen Worten die derzeitige Lage aufmerksam. Zudem bot der Bund Unterstützung durch die Bundespolizei zum Schutz von jüdischen Einrichtungen an.

„Unser Grundgesetz garantiert das Recht auf Meinungs- und Demonstrationsfreiheit. Wer aber auf unseren Straßen Fahnen mit dem Davidstern verbrennt und antisemitische Parolen brüllt, der missbraucht nicht nur die Demonstrationsfreiheit, sondern der begeht Straftaten, die verfolgt werden müssen“, sagte Steinmeier. Ähnlich äußerte sich Seibert im Namen der Kanzlerin: Wer Proteste nutze, „um seinen Judenhass herauszuschreien, der missbraucht das Demonstrationsrecht“.

„Widerliche Szenen“

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Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, sagte zu den Ausschreitungen: „Das ist purer Antisemitismus.“ Er rief die muslimischen Verbände auf, sich von der Gewalt zu distanzieren und deeskalierend auf die muslimische Gemeinschaft in Deutschland einzuwirken. Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, verurteilte die Eskalation. In der „Rheinischen Post“ (Samstag) sprach er von „widerlichen Szenen“. „Wer Rassismus beklagt, selbst aber solch antisemitischen Hass verbreitet, hat alles verwirkt“, sagte er.

Auch NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) verurteilte die antisemitischen Proteste in mehreren nordrhein-westfälischen Städten. Es sei „erschreckend, nicht akzeptabel, unerträglich, wenn auf deutschem Boden antisemitische Parolen skandiert werden“, sagte er am Freitag im WDR5-„Morgenecho“. Reul erklärte, man habe als Reaktion auf die Vorkommnisse im Nahen Osten den Schutz der jüdischen Einrichtungen in NRW hochgefahren. Der Innenausschuss des Landtags will die Vorfälle nächste Woche auf einer Sondersitzung thematisieren.

„Antisemitismus ist keine Meinung“

Eine Verurteilung der Szenen vor Synagogen kam auch aus den Kirchen. „Mit Meinungsfreiheit hat das nichts zu tun. Denn Antisemitismus ist keine Meinung, sondern eine menschenverachtende Haltung“, sagte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm. Der derzeit stattfindende Ökumenische Kirchentag äußerte sich besorgt. „Die Angriffe auf die Synagoge in Bonn, das Verbrennen von Israelflaggen vor der Synagoge in Münster oder die gebrüllten Hetzparolen in Gelsenkirchen sind alarmierend“, erklärten die Präsidenten Bettina Limperg und Thomas Sternberg: „Vor diesem Hass dürfen wir die Augen nicht verschließen oder ihn klein reden.“

5 DIREKT-KOMMENTARE

  1. Was wollen die Protestierenden erreichen? Was werfen sie den Israelis vor? Das sie den Gaza-Streifen bombardieren. Das ist unschön, klar. Jedoch werden von dort seit Jahrzehnten Raketen auf Israel abgefeuert. Man versetze sich in die Lage der Israelis! Die Hamas kann froh sein, dass ich in Israel nicht beim Militär arbeite. Ich hätte den Gazastreifen schon lange annektiert und sämtliche Milizen des Landes verwiesen.
    Die Gewalt dort wird erst wieder abnehmen, wenn die Hamas keine Raketen zum Abfeuern mehr hat. So läuft das doch immer. Erst dann werden sie „das Feuer einstellen“ und zu den Friedensverhandlungen zurückkehren. Während dessen wird fleißig weiter an den nächsten 1000 Raketen geschraubt, die man dann abfeuert, wenn die Lager voll sind. Wozu? Das hat militärisch nicht den geringsten Aussicht auf Erfolg. Es ist blinder, tiefsitzender und rasender Hass gegen das Volk Gottes und letztlich gegen ihn selbst.
    Es ist der selbe Hass, der die Menschen zu allen Zeiten Synagogen anzünden ließ. Die Rebellion gegen Gott: Das war und ist der Grund für das, was jetzt wieder geschieht. Angesichts unserer Geschichte treffen mich die Parolen, die hierzulande zu hören waren, besonders hart. Was ist das Strafmaß für sowas? Es liegt in unserer historischen Verantwortung, Übergriffe gegen jüdische Gotteshäuser mit aller Härte des Gesetzes zu ahnden. Es sollte nicht sein, dass man wegen Sachbeschädigung mit einer Geldstrafe davonkommt.

    • „Ich hätte den Gazastreifen schon lange annektiert und sämtliche Milizen des Landes verwiesen.“

      Wohin verweisen? Ägypten will die nicht – die würden dort nur Ärger machen. Die Fatah hätte die auch sicher auf Abstand. Und wär es eien gute Idee, die nach Somalia zu lassen, wo sie sich im Machvakuum relativ bequem breit machen können (mit Unterstützung von al-Schabab, nehme ich an)?

      Ich vermute, Israel ist froh dass die im Gaza-Streifen sind und nicht in der ganzen Welt frei herumreisen könne, um Anschläge gegen Israel oder gegen Juden in aller Welt zu planen.

  2. Man darf Israel kritisieren (auch als Freund, Sp 27,6), zum Beispiel weil es oft überreagiert – nur gerade wir Deutsche sollten uns das zweimal überlegen, schließlich haben wir für Holocaust verübt, ohne den Israel vermutlich gelassener reagieren könnte.

    Und wer das Existenzrecht des Staates Israel bestreitet, ist ein Judenhasser, egal ob er das religiös, rassistisch oder „antizionistisch“ begründet. Bei den aktuellen Protesten wird es vor allem religiöser (islamischer) Antijudaismus und Antizionismus sein.

    Gut, dass sich der ZMD gegen den Antisemitismus wendet. Leider vertritt der nur eine Minderheit aller Muslime (ca. 1% laut Wikipedia). Die DİTİB, die durchaus Antisemitismus predigt, ist deutlich größer. Und das ist ja bei weitem nicht der einzige problematische Islamverband.

  3. Antisemitismus ist keine Meinung

    Antisemitismus ist keine Meinung. Unsere jüdischen (und moslemischen) Mitbürger*innen berufen sich wie wir Christinnen und Christen auf Moses und Abraham. Juden betreiben keine Mission, weil sie – eigentlich wie wir auch – fest davon überzeugt sind, dass Gott ein Schöpfer und Herr über das Universum, die Erde und ein liebevoller Vater aller Menschen ist. Ich wurde von Gott bereits geliebt als ich noch nicht auf dieser Erde war und seine Zuwendung ist bedingungslos. Jesus als Jude und in der Tradition des Judentums – siehe die Gleichnisse von den 99 Schafen und vom Verlorenen Sohn – ist schon barmherzig zu uns allen, bevor wir etwas dazu beitragen können. Wir sind Ebenbild bzw. Stempelabdruck Gottes – oder sollten es sein. Meine kath. Geschwister sagen: Wir sind Geist aus Gottes Geist. Daher ist jeder Mensch, dem wir begegnen so, als begegneten wir dem Schöpfer aller Dinge persönlich. Menschen auszugrenzen aus der menschlichen Gemeinschaft geschah bereits einmal in unserer Geschichte, durch den Antichristen aus Braunau am Inn, mittels der vielen Bürger*innen in Deutschland, die Heil gerufen haben. In einem alten Schulheft, beschrieben im Tausendjährigen Reich, war zu lesen: Juden haben ein anderes Gehirn. Schlussfolgerung: Sie sind keine Menschen. Dabei ist jeder der jemals über diese Erde ging, von Gott geliebt. Antisemitismus und Rassismus ist für jede/n Christ*in eine absolute Grenzüberschreitung.

    Wir Christinnen und Christen glauben, dass das Judentum einen eigenen Heilsweg beschreitet bzw. beschreiten kann, denn die dem jüdischen Volk geltenden Versprechungen des Himmels sind weiterhin vollgültig. Dass Jüdinnen und Juden in Israel, wo es sie in der Zeit dazwischen immer gab, nach 3000 Jahren aus der ganzen Welt wieder ins gelobte Land zurückkommen, hat sich als biblische Prophetie bereits erfüllt. Wir glauben als Moslems, Juden und Christen, dass Gott ein Gott der Geschichte ist. Gewalt in seinem Namen ist daher abgrundtief falsch – absurd ist dabei zu milde ausgedrückt.

    Politische Kritik an der israelischen Regierung ist wie an jeder anderen Regierung in dieser Welt erlaubt. Dies hat nichts mit Antisemitismus zu tun. Hass, Bedrohungen, Gewalt und antisemistische Demonstrationen sind nicht nur strafbar, sondern sie sind zutiefst unreligiös und unchristlich. Wer jüdische Menschen angreift oder ihre Gotteshäuser, greift auch Gott an und richtet Gewalt an gegen Jesus Christus, der ein Jude war. Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe, Religion, einer politischen Überzeugung und geschlechtlichen Orientierung abzulehnen, auszugrenzen oder mit Hass und Gewalt zu überziehen, ist ein absolutes Tabu.

    Krieg ist gegen den Willen Gottes, so hat es die Ev. Kirche in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg feierlich gekündet. Auch der Krieg der Hamas mit Raketenbeschuss gegen Israel ist durch nichts zu rechtfertigen. Aus Gewalt entsteht Gegengewalt. Man darf Israel nicht Unrecht unterstellen und mit anderen Maßstäben messen als bei allen anderen Staaten, die sich ein Notwehrrecht gegen einen Angriff vorbehalten. Aber Ziel kann nur der Frieden sein und politische und soziale Probleme lassen sich durch Gewalt und Krieg nicht wirklich lösen. Die Probleme im Heiligen Land und in Jerusalem sowie in der Westbank bzw. in Gazastreifen können nur sozial/politisch gelöst werden. Jeder der hier kriegerischer Gewalt erleidet, ist einer zuviel. Die Bergpredigt Jesus gilt für alle Menschen, Völker und Nationen. Gott ist daher immer Liebe, ein Friedefürst.

  4. Die derzeitige Situation in Israel, auch was die unmittelbare Vorgeschichte dieser aktuellen Konflikts angeht, ist verworren, vielschichtig und hat sicher nicht nur eine Ursache und einen Schuldigen. Eines aber ist klar und sollte unbestritten sein: Raketen wahllos auf Zivilisten zu feuern ist ein Verbrechen.

    Aber im Text geht es um die derzeitigen Konflikte in Deutschland. Laut Presseberichten (ich meine, es war die ZEIT, wo ich darüber einiges gelesen habe) gehen diese derzeit vor allem von türkisch-stämmigen Muslimen und einigen linken Gruppierungen aus. Demonstrieren ist okay, auch natürlich gegen Israel.
    Aber warum werden deutsche Juden bedroht? Warum werden antisemitische Parolen gebrüllt? Das hat mit Meinungsfreiheit und Demonstrationen nichts zu tun. Wieder einmal werden Juden pauschal beschuldigt, sind pauschal die Bösen. Gleich welcher Nationalität, gleich welcher persönlichen Einstellung. Wozu mit so solchen Kleinkram aufhalten, wenn man sich so herrlich im altbekannten Antisemitismus suhlen kann?

    Waren es vor kurzem noch die Rechtsextremen und Coronaleugner, die auf ihrem Demos entsprechend aufgefallen sind, kommt der Antisemitismus dieses Mal aus muslimischer und linker Ecke. Wahrlich, Antisemitismus ist eine verbindende Kraft. Es gibt in links, rechts und in der Mittel, christlich, muslimisch, atheistisch, oben und unten. Die Wortwahl mag sich unterscheiden, der Inhalt nicht.

    Gut tut es, wenn sich Menschen davon klar distanzieren. So wie der Zentralrat der Muslime. Auch tat es gut, gestern im TV 2 hohe Vertreter von FDP und LINKEN zu sehen, die ja sonst wohl wenig gemeinsam haben, hier aber absolut einig waren. Da passte kein Blatt zwischen ihrer klaren Verurteilung dieser antisemitischen Ausschreitungen hier bei uns und in ihrer Verurteilung des Raketenbeschuss durch die Hamas.

    Corona erschwert es, unseren jüdischen Mitbürgern im Demonstrationen zur Seite zu stehen. Wo es die Möglichkeit aber gibt, sollte sie genutzt werden.

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