„Judensau“-Schmähplastik darf weiter an Stadtkirche bleiben

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Eine Skulptur zeigt Menschen, die an den Zitzen eines Schweins saugen. Ein Rabbiner schaut dem Tier in den After.
Die Plastik der Judensau sorgt für Aufregung. Foto: epd / Norbert Neetz
Im Gerichtsstreit um die Schmähplastik in Wittenberg hat der jüdische Kläger eine weitere Niederlage erlitten. Das Relief muss vorerst nicht abgenommen werden.
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Die als Wittenberger „Judensau“ bekannte Schmähplastik muss vorerst nicht von der Stadtkirche der Lutherstadt abgenommen werden. Der 9. Zivilsenat des Oberlandesgerichts Naumburg wies am Dienstag eine Berufungsklage zurück und bestätigte somit ein Urteil des Landgerichts Dessau-Roßlau. Der Kläger, Mitglied einer jüdischen Gemeinde, hatte die Abnahme der Plastik aus dem 13. Jahrhundert verlangt, weil er sich durch diese als „Saujude“ und das „ganze Judentum“ diffamiert sieht. Dagegen urteilte der Senat, das Gedenkensemble mit dem Relief stelle heute keine Missachtung von Juden mehr dar. Die Stadtkirchengemeinde habe ihre Distanzierung von dem schmähenden Charakter des Reliefs deutlich gemacht.

Dem Kläger stehe ein Beseitigungsanspruch nicht zu, weil das Relief aktuell weder beleidigenden Charakter habe, noch das Persönlichkeitsrecht des Klägers verletze, führte der Vorsitzende Richter Volker Buchloh zur Urteilsbegründung aus. Unstreitig sei aber, dass das Relief zur Zeit seiner Entstehung Juden verächtlich machen sollte. Das Relief sei aber durch die beklagte Stadtkirchengemeinde heute in ein Gedenkensemble eingebunden. Eine Info-Tafel zeige, dass sich die Stadtkirchengemeinde unmissverständlich von den Judenverfolgungen und den antijudaistischen Schriften Martin Luthers (1483-1546) distanziere. Seit 1988 gibt es auch ein Mahnmal an der Stadtkirche.

Widersprüchliches Argument

Der Kläger hatte argumentiert, dass eine Beleidigung eine Beleidigung bleibe, auch wenn sie kommentiert werde. Aus Sicht des Gerichtes widerspricht dieses Argument der vom Kläger geforderten Unterbringung der „Judensau“ im Museum. Die Gefahr, dass die Plastik als Teil der religiösen Verkündung wahrgenommen werde, besteht nach Einschätzung des Gerichts eben durch das Gedenkensemble nicht mehr. In dem Zusammenhang verwies der Vorsitzende Richter auch darauf, dass Sprüche an KZ-Gedenkstätten wie „Arbeit macht frei“ ebenfalls heute nicht mehr als Beleidigung zu sehen seien, weil sie umgestaltet Teil eines Gedenkomplexes seien. Hier seien durchaus Parallelen zu sehen.

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Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Binnen eines Monats nach Zustellung des Urteils kann noch Revision beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe eingelegt werden. Das Oberlandesgericht in Naumburg ließ die Revision zu, wegen der grundsätzlichen Bedeutung und der Frage, wie mit der Herabwürdigung von Personengruppen in solchen zivilrechtlichen Fragen zu verfahren sei. Der Vorsitzende Richter wies darauf hin, dass es neben dem Relief in Wittenberg auch an zahlreichen anderen Kirchen in Deutschland solche Schmähplastiken gebe.

Klage bereits zum zweiten Mal abgewiesen

Die beklagte Kirchengemeinde ist Eigentümerin der unter Denkmalschutz stehenden und zum Unesco-Welterbe gehörenden Stadtkirche in Wittenberg. In der Vorinstanz hatte das Landgericht Dessau-Roßlau am 24. Mai 2019 die Klage abgewiesen, weil es den Tatbestand der Beleidigung nicht als erfüllt ansah. Das Relief sei Bestandteil eines historischen Gebäudes und befinde sich nicht unkommentiert an der Mauer der Stadtkirche.

Die Plastik zeigt eine Sau, an deren Zitzen sich Menschen laben, die Juden darstellen sollen. Ein Rabbiner blickt dem Tier unter den Schwanz und in den After.

 

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Das Oberlandesgericht hat entschieden, dass die antisemitsche Schmähplastik vorerst weiter an der Wittenberger Stadtkirche hängenbleiben darf. Findest du das gut?

8 DIREKT-KOMMENTARE

  1. In Zeiten eines zunehehmendes Antisemitismus, oft getarnt ala „Israelkritik“, von rechts, links, christlich und islamisch-arabisch, ist dieser Dreck nicht nur ein Überbleibsel aus vergangener, überwundener, Zeit.
    Er Symbolisiert Hass auf Juden aktueller den je.
    Deshaln “ weg damit“

  2. Von mir aus kann diese Plastik gern entfernt werden.

    Ich muss zugeben, dass ich früher achtlos daran vorbeigelaufen wäre: ein Schwein drauf und irgendwelche Leute, interessiert mich nicht. Aber wenn man sich das mit Bewusstsein anschaut, ist das einfach grob, widerwärtig, beleidigend und diskriminierend. Und es bleibt auch als Teil eines Ensembles, das zum UNESCO-Kulturerbe gehört, grob, widerwärtig, beleidigend und diskriminierend. Um dem kulturellen Aspekt zu genügen, würde es meiner Meinung nach reichen, dieses Relief in irgendeinem Keller oder Lagerraum für die Forschung verfügbar zu halten.

    • Jesus ist Jude

      Das Gericht hat in einem juristischen Sinne sicherlich recht. Aber bei dem Bildnis „Judensau“ geht es um eine Beleidigung und eine Beleidigung bleibt was sie ist. So kann beispielsweise auch eine eklatante religiöse Geschmacklosigkeit durchaus (in einem juristischen Sinne) den Rahmen der Kunstfreiheit nicht sprengen, sie bleibt aber auch was sie ebenfalls ist. Wir als Christinnen und Christen glauben zumeist an die drei Säulen, durch die uns die Liebe und Realität Gottes verkündigt wird: Erstens durch das Wunder der Schöpfung, zum Zweiten durch das Handeln Gottes in und durch sein jüdische Volk Israel und letztendlich drittens durch das Kommen, Leben, Sterben und Auferstehen des Menschensohnes Jesus Christus: Einem Juden – zu der Erlösung aller Menschen guten Willens. Jesus war keine Judensau, genauso wie ein Katholik keine Katholikensau, ein Sozialdemokrat keine Demokratensau ist – und so könnte man fortfahren. Natürlich sind solche steinernen Abbildungen deutliche Hinweise auf Rassismus/Antisemitismus in der früheren Verkündigung der Christenheit – und unabhängig von der Ebene des Glaubens auch menschlich abseitig. Andererseits sind diese Kunstgegenstände leider auch demkmalgeschützt. Aber dann sollte jede christliche Gemeinde bzw. Konfession darum kämpfen, daß sie ins Museum kommen.oder an andere Stellen des Gedenkens und des Mahnens. Das sollte schnell geschehen. Wenn wir einen Menschen lieben, stellen wir ja auch in unser Wohnzimmer nicht sein Bildnis und versehen es mit der Wortergängung „-sau“. Mit Jesus Christus sollte man, insofern man ihn liebt, auch nicht so umgehen. Wir haben ihn schon einmal ans Kreuz gebracht. Liebe ist nicht nur ein intensives Bauchgefühl, sondern auch das Bemühen um Wertschätzung: Den jüdischen Geschwistern genauso wie gegenüber anderen Menschen und Gott. Das gilt auch für Namenszeichen des Antichristen Adolf Hitler auf einer Kirchenglocke, auch wenn sie nicht jeder sehen kann.

      • Ja, JESUS ist Jude! Er ist der Sohn Gottes! Der wiederkommende Herr! Das liest doch jeder Christ im Wort Gottes, der Bibel.

  3. Wenn wir alle Fehler der Vergangenheit einfach aus unserem Blick entfernen ist damit nichts gewonnen. Wir müssen zu unserer Geschichte stehen, auch, wenn wir uns von den Inhalten distanzieren.

  4. Auch wenn das Relief zu einem Gedenkensemble wurde, finde ich es genauso widerwärtig wie es die anderen Kommentatoren finden. Ich bin nicht dafür, dass man alles entfernt, was „irgendjemanden“ stören könnte, weil das in unserem Land wirklich übertrieben wird. Aber bei dieser Sache ist es so gravierend, dass es „weg kann“, genauso wie die Gesinnung, die nicht nur im Dritten Reich so viel Leid über Jüdinnen und Juden gebracht hat. Hier bin ich für „Aus dem Auge, aus dem Sinn“ – was man nicht mehr sieht, vergisst man mit der Zeit, was für diesen Müll durchaus angemessen ist. Solange Menschen mit Glatzen, Springerstiefeln und schwarzen Klamotten mit eindeutigen Symbolen und Aufschriften oder gar Fahnen durch die Städte ziehen und ihre Kinder auch noch so fehlprägen, muss man Zeichen setzen, auch wenn sie Denkmale betreffen. Die Kirche hat durch ihre Verachtung dem Judentum gegenüber, z.B. durch die „blinde Synagoge“ gegenüber der „sehenden Christenheit/Kirche“ genügend kunsthistorische Bezugspunkte in den Kirchen auf diese dunkle Zeit.

  5. Wäre das „meine“ Kirche, ich hatte schon lange dafür gesorgt, dass dieses Werk verschwindet. Egal ob das ein Kulturdenkmal oder Kunst ist. Es würdigt Menschen herab.
    Das ist mit Sicherheit keine Darstellung die Christen gut heißen können.

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