Foto: Thinkstock / Mike Watson Images
Jugendliche in die Kirche einladen – wie kann das heute aussehen? Dr. Michael Domsgen, Professor für Evangelische Religionspädagogik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, spricht mit dem 3E Magazin über ein „Alter des Experimentierens“ und hofft auf mehr positive Überraschungen.
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3E: Wer sind Jugendliche und was macht sie aus?

Michael Domsgen: Das ist gar nicht so einfach zu beantworten, weil Sie von den Jugendlichen sprechen. Letztlich gibt es ja die Jugendlichen nicht, so wie es die Jugend nicht gibt. Es sind einzelne Jugendliche, mit denen wir es zu tun haben. Gleichzeitig gibt es Entwicklungsaufgaben, die sich für die meisten Jugendlichen stellen. Wir nennen das Exploration und Identitätssuche. Dabei geht es darum, die Umwelt zu erkunden, Dinge zu testen, ohne gleich Verpflichtungen eingehen zu müssen, und so zu sich selber zu finden und auf dem Weg zur Identität voranzukommen. Das geht mit einer gewissen Offenheit Neuem gegenüber einher. Man verhält sich experimentell – auch in Sachen Religion – und kann das auch, weil wenig äußerer, sozialer Druck besteht, Verpflichtungen einzugehen.

Wie ist es möglich, mit Jugendlichen über Gott ins Gespräch zu kommen?

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Zunächst einmal ist es wichtig, sich die eben skizzierte Ausgangslage vor Augen zu halten. Auch das Reden von Gott steht unter dem Vorzeichen einer experimentellen Annäherung. Der entscheidende Maßstab liegt dabei in der Relevanz des Gesagten. Jugendliche klopfen unser Reden von Gott gleichsam ab hinsichtlich seiner Bedeutung für ihren Lebensglauben. Die entscheidenden Fragen sind dabei: Was bedeutet das für meine eigene Lebensführung? Was habe ich davon? Jugendliche haben ein großes Gespür dafür, ob ihnen Richtiges erzählt wird und ob das, was ihnen da gesagt wird, für diejenigen, die es sagen, Wahrheitscharakter hat. Sie sind sehr empfindlich, wenn sie merken, dass ihnen etwas aufgezwungen wird und sie in eine bestimmte Richtung gedrängt werden, die sie vielleicht gar nicht wollen. Das ist ein wichtiger Aspekt. Es geht darum, erkennbar zu sein und gleichzeitig einen Distanzspielraum zuzulassen, auch auszuhalten, der dann spezifisch von den Jugendlichen gefüllt werden kann.

Michael Domsgen, Professor für Evangelische Religionspädagogik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (Bild: Ulrich Mang)

Als Wissenschaftler müssen Sie bestimmte Zusammenhänge analysieren und bewerten. Wie sieht Ihre Bewertung der Jugendarbeit aus?

Eine pauschale Bewertung ist letztlich nicht möglich. Da sind die Profile und Konstellationen in den einzelnen Regionen zu unterschiedlich. Was mehrheitlich gut läuft, ist die Konfirmandenarbeit. Wir haben zwei bundesweite Studien zur Konfirmandenarbeit, die zeigen, dass die Jugendlichen selbst, ihre Familien und auch die kirchlichen Mitarbeiter zum größten Teil damit zufrieden sind. Das ist erst einmal sehr erfreulich. Vielen scheint klar zu sein, dass eine Jugendarbeit zu initiieren ist, bei der die Jugendlichen selbst im Mittelpunkt stehen. Gleichzeitig gibt es aber Aspekte, die mich etwas beunruhigen. Wenn zum Beispiel ein reichliches Drittel der Konfirmanden und Konfirmandinnen kurz vor der Konfirmation sagt: „Wir würden uns gerne konfirmieren lassen, ohne die Konfi-Zeit absolviert zu haben“, dann zeigt das, dass Jugendliche die Konfi-Zeit eher durchleiden – oder anders ausgedrückt, dass sie nicht positiv überrascht werden konnten.

Haben wir hier Nachholbedarf?

Hier ist das Potenzial, das in dieser Zeit steckt, nicht ausgeschöpft worden. Die Hälfte der Konfis sagt zudem, dass das, was sie in der Konfi-Zeit gelernt haben, mit ihrem Leben wenig zu tun hat. Das sind alarmierende Befunde, weil hier deutlich wird, dass Jugendliche dem Gelernten nichts oder nur wenig Relevantes für ihre Lebensführung abgewinnen können.

Macht die Kirche falsche Angebote für Jugendliche?

Auch das lässt sich nicht pauschal beantworten. Vor Ort gibt es viele Initiativen, die großartig sind. Aber letztlich ist es nicht nur eine Angebotsfrage. Denn kirchliches Handeln geschieht in einem Kontext, der von bestimmten Trends geprägt wird. Momentan beispielsweise verlieren die Institutionen allgemein an Prägekraft. Gegen diesen Trend wird man erst einmal nicht ankommen können. Man kann nur innerhalb dessen agieren. Mit Blick auf kirchliche Angebote im Feld der Jugendarbeit ergibt sich als wesentlicher Aspekt eine gewisse Selbstlosigkeit. Mit Jugendlichen Evangelien zu kommunizieren, heißt nicht automatisch, sie für kirchliche Belange zu gewinnen. Anders ausgedrückt: Die Attraktivität von Kirche erhöht sich dann, wenn Kirche ganz in ihrer Funktion aufgeht und ihre eigenen Belange zurückstellt. Letztlich geht es darum, dass Menschen sich entfalten können. Dass sie merken: In der Begegnung mit Gott kann ich wachsen, kann ich reifen, komme ich voran. Das betrifft mich selbst. Das betrifft meine Beziehungen zu anderen und letztlich auch die Beziehung zu Gott. Das ist die entscheidende Perspektive. Die Frage der Relevanz ist also grundlegend.

Grafik: Pixabay / Jesus.de

Welche Rolle kommt dem Religionsunterricht allgemein, aber auch ganz besonders im Osten Deutschlands zu?

Der Religionsunterricht stellt das kirchliche Angebot mit der größten Reichweite dar. Es gibt kein anderes Aufgabenfeld, das so viele Kinder und Jugendliche wöchentlich und über Jahre hinweg kontinuierlich erreicht. Auf diese Weise werden für viele Jugendliche, die überhaupt nicht religiös sozialisiert sind, Gesprächsanlässe geboten. In Sachsen- Anhalt beispielsweise sind über die Hälfte der Schülerinnen und Schüler im Religionsunterricht konfessionslos. Sie würden sonst aller Wahrscheinlichkeit nach nicht oder eben nur zufällig mit religiösen Themen in Berührung kommen. Dabei hat die Schule den Vorteil, dass Schüler die Möglichkeit haben, sich dem Ganzen experimentell in einem transparenten Raum zu nähern. Zwar finden Jugendliche auch außerhalb des Religionsunterrichts ihre eigenen Wege zum Thema Religion. Aber dennoch stellt dieses Unterrichtsangebot einen wesentlichen und wichtigen Faktor in der Auseinandersetzung mit Religion dar.

Welche Fragen muss sich die Gemeinde vor Ort stellen, damit es in der Jugendarbeit wieder erfrischt und neu losgeht?

Ich habe ein bisschen Probleme mit der Formulierung „wieder erfrischt und neu“, weil ich überlege, ob es tatsächlich diesen Punkt gab, an den wir zurückkehren könnten. Vielleicht könnte man es so sagen: „Frisch und neu“ geht es dann los, wenn Menschen ihre eigenen Zugänge finden, wenn sie etwas für sie Relevantes entdecken. Das ist anzustreben, bleibt aber didaktisch unverfügbar. Insofern gilt: Jugendliche sind zu begleiten, und zwar in einer nicht vereinnahmenden, sondern unterstützenden Art und Weise. Ideal wäre, wenn sie dann Menschen begegnen, die auch auf der Suche nach einem gelingenden Leben sind. Wenn Kirche das möchte, hat sie einerseits zu den Orten zu gehen, wo Jugendliche sich zusammenfinden, und andererseits Orte zu schaffen, wo das möglich ist. Die Medien spielen für Jugendliche hier übrigens eine große Rolle, werden aber in der kirchlichen Jugendarbeit zu wenig beachtet. Hier sehe ich viel Potenzial, das momentan viel zu wenig genutzt wird.

Vielen Dank für das Gespräch!


Die Fragen stellte Ulrich Mang

Dieses Interview ist zuerst im Magazin 3E erschienen, das wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört. 

1 DIREKT-KOMMENTAR

  1. Ich kenne landeskirchliche Gemeinden mit guter und mit schlechter Jugendarbeit.
    Mit guter – da engagieren sich Heranwachsende und junge Erwachsene in der Jugendleiterarbeit, führen Gruppen, nehmen an Gottesdiensten Teil, gestalten Gottesdienste.
    Mit schlechter – da engagieren sich Heranwachsende und junge Erwachsene in der Jugendleiterarbeit, führen Gruppen, nehmen selten an Gottesdiensten Teil, gestalten kaum Gottesdienste.
    Wo ist der Unterschied?
    Ganz einfach: In der Präsenz als Ansprechpartner/in und Mitarbeit der Pfarrerin/des Pfarrers.
    Wie „die Kirche ins Dorf“ gehört, gehört „Pfarrer/in ins Dorf“ ganz einfach als Zeichen von Anwesenheit, als Angebot zur Kommunikation – und wenn’s nur übers Wetter wäre…
    Das fehlt leider zu oft.

    Ich kenne auch freikirchkliche Gemeinden – mit so gut wie immer auffällig guter Jugendarbeit.

    Na, sowas!

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