Der neu gewählte Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, hält die Entfremdung der Menschen vom christlichen Glauben für unumkehrbar.

Unsere religiöse Welt hat sich vollständig verändert", sagte Marx. Viele Familien hätten heute keinen Kontakt mehr zur Kirche, die Weitergabe des Glaubens von Generation zu Generation sei keine Selbstverständlichkeit mehr. Der evangelische Theologieprofessor Ulrich Körtner sagte, die Hoffnung, Kirche könne gegen den Trend wachsen, habe sich als Irrtum erwiesen.

 Der Münchner Erzbischof Marx, der vor wenigen Tagen an die Spitze der katholischen Bischofskonferenz gewählt wurde, sagte der "Welt am Sonntag": "Früher sind wir in geschlossenen religiösen, sogar konfessionellen Welten geprägt worden und groß geworden." Diese Situation sei unwiderruflich vorbei: "Deswegen wäre es verheerend, anzutreten und zu sagen: So oder so, wir kriegen das wieder hin, wie es war. Das würde die Frustration noch einmal erhöhen."

 Eine Säkularisierung dieses Ausmaßes in der westlichen Welt können die Kirche "nicht mit ein paar Maßnahmen verändern, mit einigen Programmen oder Marketing-Aktionen". "Man kann die Welt des Glaubens nicht einfach organisieren wie ein Produkt, das man verkaufen will", sagte Marx.

 Der in Wien lehrende Theologe Körtner sagte in einem Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd), Säkularisierung sei keineswegs überholt, sondern harte Realität. Körtner bezog sich auf die Situation in der evangelischen Kirche und rief die deutschen Protestanten auf, aus ihrer jüngsten Mitgliederstudie selbstkritisch Konsequenzen zu ziehen. Angesichts eines verbreiteten Gewohnheitsatheismus sei von der Kirche eine zeitgemäße Rechtfertigung des christlichen Glaubens gefragt, sagte Körtner. Die Kirche müsse sich dem religiösen und weltanschaulichen Pluralismus stellen und dürfe dabei auch die kritische Auseinandersetzung nicht scheuen.

 Nicht wenige Menschen vermissten die "pointierte Rede von Gott". "Wir brauchen eine neue Theologie des Wortes Gottes", sagte der Professor für Systematische Theologie.

 Die Mitgliederbefragung der Evangelischen Kirche in Deutschland hatte ergeben, dass der Anteil der Kirchenfernen wächst und die Weitergabe des christlichen Glaubens zwischen den Generationen nicht mehr selbstverständlich ist. Aus diesem Traditionsabbruch ergäben sich Herausforderungen für die kirchlichen Bildungsangebote und den Religionsunterricht, folgerte Körtner. Anlass zur Selbstkritik sieht er bei den Theologen, die der evangelischen Kirche einen «angeblichen Megatrend Religion» eingeredet hätten.

(Quelle: epd)