Veränderung, Wandel, Abschied gibt’s in der Bibel en masse. Was man aus dem Buch der Bücher übers Loslassen lernen kann.

Von Lara Piepiora

Adam und Eva verspielen das Paradies, Kain verlässt die Familie, Noah plus Anhang müssen auf die Arche. Abraham wird von Gott aus Haran weggeschickt, Isaak zieht wegen Hungersnot nach Gerar, Josef wird nach Ägypten verschleppt. Keiner der Genannten geht so richtig freiwillig. Kennen die biblischen Figuren Aufbruch und Loslassen? Und ob. Der Wandel ist eine der großen Konstanten in der Bibel. Ohne Abschied kein Neuanfang: Auf dieser Welt gibt es nichts, was wir behalten können – wir haben hier keine bleibende Stadt (Hebräer 13,14).

Menschen sind Veränderungsmuffel

Wem das Abschiednehmen Unbehagen bereitet, befindet sich bei den biblischen Protagonisten in bester Gesellschaft: Mose z. B. möchte viel lieber einfach sein friedliches Wüstendasein führen, statt als heldenhafter Retter des Volkes Israel aus Ägypten in Erscheinung zu treten. Auch das gerettete Volk zeigt deutliche Anzeichen von Überforderung: Kaum entkommen und dem ersten größeren Hindernis ausgesetzt, hört man sie in 2. Mose 16 jammern: „Wären wir doch durch die Hand des HERRN im Land Ägypten gestorben, als wir bei den Fleischtöpfen saßen, als wir Brot aßen bis zur Sättigung! Denn ihr habt uns in diese Wüste herausgeführt, um diese ganze Versammlung an Hunger sterben zu lassen.“ (2. Mose 16,3)

So ist er, der Mensch. Alles ist besser als das, was gerade da ist. Wer kennt das nicht? Fängt man an zu studieren, tituliert man die Schulzeit als den entspanntesten Lebensabschnitt überhaupt. Wer mit dem Studium fertig ist und seinen Hintern acht Stunden täglich auf einen Bürostuhl pflanzt, vergisst ganz schnell die schlaf- und freizeitlosen Klausurphasen und sehnt sich zurück in die miefenden Hörsäle. Wer mit gebrochenem Herzen der Verflossenen hinterhertrauert, erinnert sich allzu oft an die rosigen Momente – die sicher nicht Grund für die Trennung gewesen sind.

Das Vergangene zu verklären, ist Teil der Abschiedsschmerztherapie. Aber es führt zu nichts. Das Beispiel der Israeliten in der Wüste zeigt uns, wie destruktiv das sein kann. In ihrer Lähmung sehen sie nicht mehr, welcher Aufgabe sie sich zwangsläufig stellen müssen: Wo findet ein Volk in der Wüste auf die Schnelle etwas Brauchbares zu essen? Das ist nicht der richtige Zeitpunkt zu diskutieren, ob es ein Fehler war, aus Ägypten wegzuziehen. Resignation ist keine gute Strategie gegen den nahenden Hungertod. Da spielt es keine Rolle, ob sie sich das anders vorgestellt haben. Dann wäre jetzt eben der perfekte Zeitpunkt, diese Vorstellungen loszulassen.

Für die Israeliten damals wie für uns gilt: Wir sind nun mal genau da, wo wir gerade sind. Auch wenn es wehtut. Weder in der Vergangenheit noch im Konjunktiv können wir leben. Wenn wir diese Zeit also fruchtbar erleben wollen, dann müssen wir auch gedanklich in ihr ankommen: Nein, ich bin nicht mehr oder noch nicht da, wo ich gerne wäre. Aber wie kann ich genau jetzt – im übertragenen Sinne – meinen Hunger stillen?

„Gott verspricht nirgendwo, dass wir seine Versorgung im Voraus bekommen. Er gibt uns genau soviel, wie wir jetzt brauchen.“

Wie kann ich meinem „Jetzt“ begegnen und es so annehmen, dass daraus ein gutes Morgen wird?
In einer hochgradig bedrohlichen Situation müssen sich die Israeliten entscheiden, sie als gottgegeben hinzunehmen. Sie befinden sich in einer von Gott initiierten Veränderung. Er hat sie aus Ägypten geführt, um sie ins gelobte Land zu bringen. Warum läuft dann nicht alles wie am Schnürchen? Vielleicht gibt auch das eine Stütze für die Veränderungen, die wir in unserem Leben durchmachen: Wenn es gerade bescheiden läuft und wir in einer metaphorischen Wüste stehen, heißt das noch lange nicht, dass wir auf dem falschen Weg sind und Gott unterwegs verloren haben. Im Gegenteil: Selbst der Weg ins gelobte Land kann gepflastert sein mit Unsicherheit und Mangelerscheinungen.

Veränderung bedeutet Vertrauen auf Gottes eigenwillige Versorgung

Veränderung erfordert ein großes Maß an Vertrauen. Wenn ich den Schritt in die Wüste gehe (oder in sie hineingeworfen werde), muss ich darauf vertrauen, dass Gott es gut mit mir meint und am besten weiß, wo ich hingehöre. Er will mich nicht in die Versklavung, sondern in die Befreiung – mein persönliches gelobtes Land – führen. Er wird mich auf dem Weg durch die Wüste mit dem Wichtigsten versorgen, damit ich nicht zwischendurch verhungere. Den Israeliten fällt es schwer, darauf zu vertrauen, obwohl sie es eigentlich besser wissen müssten. Als Gott ihnen Manna und Wachteln als Nahrung zusichert, hängt er das an eine simple Bedingung: Sie sollen nur so viel einsammeln, wie sie für genau einen Tag brauchen. Für ein hungerndes Volk, das nach Sicherheit dürstet, ist das zu viel. Sie trauen dem Braten nicht so richtig und sammeln mehr ein, um sich für die Zukunft aufzustellen.

Auch uns fällt die Ungewissheit vor dem, was kommen wird, meist am schwersten. Wie oft hindert uns die Angst daran, Veränderungsprozesse mit Haut und Haaren anzugehen und sie aktiv zu gestalten: Was, wenn es schiefgeht? Was, wenn ich nicht genug haben werde? Wo soll ich wohnen, was soll ich essen, werde ich Freunde haben und eine Gemeinde und überhaupt? Gott verspricht uns zwar an etlichen Stellen, dass er uns mit allem versorgen wird, was wir brauchen (z. B. der Klassiker: Matthäus 6,26–34), er verspricht aber nirgendwo, dass wir seine Versorgung im Voraus bekommen. Er gibt uns genau soviel, wie wir jetzt brauchen. Das erfordert viel Mut und ein Loslassen des eigenen Sicherheitsbedürfnisses. In der Veränderung sind wir zu 100 Prozent auf Gott geworfen und nicht mehr auf uns selbst.

Das Falsche festzuhalten führt zum Verfaulen

Was mit dem Manna passiert, als die Israeliten versuchen, es festzuhalten, ist symptomatisch: Es bekommt Würmer und wird faul. Sie wollen etwas behalten, das nicht für sie gemacht ist, vielleicht sind sie auch gierig, aber vor allem verlassen sie sich nicht auf Gottes Versorgung. Fast jeder hat in seinem Leben auch schon einmal Menschen beobachtet, die sich an etwas festgeklammert haben, das nicht zum Festhalten gemacht war. Das Resultat: Die Dinge werden schal und manchmal auch eklatant faul: Promis, die ihr eigenes Älterwerden nicht akzeptieren wollen und durch Botox & Co. wie eine verzerrte Karikatur ihrer selbst aussehen. Gemeinden, die so in ihrer Routine einschlafen, dass seinerzeit gute und fruchtbare Gemeindearbeit zur traurigen, sinnentleerten Tradition verkommt. Menschen, die um jeden Preis an anderen Menschen klammern, im Notfall auch an einer verkabelten und verschlauchten leblosen Version des anderen, weil sie Angst vor dem Loslassen haben. Wieder andere, die vergrämt an einer gescheiterten Idee für ihr Leben hängen und sich immer wieder in den „Was wäre gewesen, wenn …?“ – Gedanken verbohren, statt neue Wege zu gehen.

„Alles hat seine Zeit“, mahnt der Prediger. Wenn Gott uns dazu auffordert, etwas loszulassen, tut er das nicht aus bösem Willen, sondern weil es genau jetzt das Beste für uns ist. Als Reaktion auf Gottes Impuls kann ich es loslassen, weil es jetzt für mich vorbei ist. Das „Timing“ ist entscheidend. Ich muss das Vergangene gar nicht verurteilen oder per se für schlecht erklären, nur weil ich es gehen lasse.

Für eine solche Haltung muss ich mit Gott im Gespräch über das bleiben, was mein Leben bestimmt. Ohne bleibende Stadt führen wir als Christen ein ewiges Nomaden-Dasein. Unser Leben hat also wenig mit Routine und viel mit immer wiederkehrender Neuausrichtung zu tun; mit dem Fragen danach, was Gott heute (nicht gestern und nur selten morgen) mit mir vorhat. Und wahrscheinlich wird es immer wieder wehtun, wenn die Dinge vorüberziehen; wenn der Herr gibt, aber auch nimmt, weil wir erst in der zukünftigen Stadt vollkommen angekommen sein werden und nichts mehr vergeht. Tröstlich ist, dass wir mit dem einen gehen, der derselbe bleibt, gestern, heute und in Ewigkeit. Und damit wird die Neuausrichtung, das Loslassen zu einem Akt der Befreiung – weil ich nichts zusammenhalten muss. Denn da gibt es jemanden, der eine weitere Perspektive auf mein Leben hat und am besten weiß, woran es sich bei all dem Loslassen noch festzuhalten lohnt.


CoverDieser Artikel ist zunächst in der Zeitschrift DRAN NEXT erschienen, die wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört.

 

1 DIREKT-KOMMENTAR

  1. BEI GOTT GIBT ES KEIN LEISTUNGSPRINZIP

    Loßlassen können – und auf Gott vertrauen, sind wichtige persönliche Schritte. Ich halte es aber für etwas prozesshaftes, also einen langsamen Lernprozeß. Hierzu gehört auch, nicht einseitig zu werden. Die Sorgen, das Vorsorgen, die Verantwortung, das Engagement, das Kommunizieren (auf deutsch miteinander reden und zuhören) und auch das Finden einer eigenen Ethik soll ja nicht reduziert werden oder gar aufhören. Loßlassen bedeutet nicht, nichts mehr zu tun und Gott alles erledigen zu lassen. Die Nachfolge Jesu ist eigentlich ein zutiefst eigener Akt – nämlich sich auf Gott einzulassen. Heute geht (fährt) Jesus nicht (mehr) über unsere Straßen und wir treten daher nicht aus unseren Türen, verlassen unsere Arbeitsstellen und Familien, um nachzufolgen. Aber – um im bildlichen ein anderes Bild zu gebrauchen: Die Vorstufe zum Loslassen von den Sorgen und dem Leistungsdruck ist, sich von Gott in den Dienst nehmen zu lassen. In diesem Dienst kann es aber sein wie in der Gerechtigkeit, die Jesus neu formuliert und allen Arbeitern (im Weinberg Gottes) den gleichen Lohn gibt, egal ob sie in der dritten, sechsten oder neunten Stunde kommen. Es geht meiner Meinung nach bei unserer Arbeit im Weinberg Gottes, also in der Nachfolge Christi, nicht um die Dauer bzw. Quantität, um die Stundenzahl, um das Abarbeiten eines Leistungskataloges, um den Wettkampf „wer ist der Frömmste“?! Es geht darum, dass Gott alle Menschen ohne Ausnahme unendlich liebt. Liebe kann man sich bei Gott nicht verdienen oder erarbeiten; sie ist immer ein Geschenk.

    Das müsste uns als Christenmenschen eigentlich alle befreien von der Sorge, die schon Martin Luther quälte und deren Erkenntnis heute bereits konfessionsübergreifend Konsens ist: Wir brauchen nicht mehr durch fromme Leistung, durch gute Taten oder durch ein bestimmtes möglicherweise aufgesetztes Verhalten Gott gnädig zu stimmen. Gott ist gnädig, er ist die Liebe und er vergibt uns 77 x 7. Gott ist sehr geduldig und seine Welt ist noch nicht fertig . Wir gehen einem Neuen Himmel und einer Neuen Erde entgegen, einer Neuschöpfung des Universums. Der Eintritt ist kostenlos, Jesus hat bereits für uns bezahlt. Leider fühle ich mich nicht jeden Tag wie ein Freigesprochener oder als Hauptgewinner einer Lotterie. Gefühl ist durchaus erlaubt, Freude ist etwas sehr christliches. Insbesondere, wenn wir andere in diese Freude mit einladen.

    Aus dem Vertrauen und sich in Dienst nehmen lassen kann Gelassenheit entstehen. Dies brauchen wir als Christen, weil es eigentlich allen Menschen guten Willens so geht wie einem Zeitgenossen, der eine absteigende Rolltreppe hinaufzulaufen versucht. Der Streit der Politiker nicht in friedlicher Weise, sondern um den Kaiser Barth, um Prinzipien, Ideologien und vorallem um Macht wird genauso wenig aufhören wie Morde, Anschläge, Kriege, Hungersnöte, Wettrüsten und Mißbrauch von Religion für andere Zwecke. Als Christen pflanzen wir heute nach dem Prinzip Hoffnung unsere Apfenbäumchen, kämpfen für eine bessere Welt und für etwas mehr Liebe, Toleranz und Zusammenhalt der Menschen. So findet unsere Teilnahme am Gottesdienst auch statt, wenn wir am Werktag durch eine Straße gehen, wenn wir Auto fahren, wenn wir lieben, wenn wir (friedlich) streiten und wenn wir beten. Wir sind im Dienst, aber wir werden dafür nicht bezahlt, müssen davon keinen Urlaub nehmen und bekommen keine Abmahnung. Ein Christ kann gelassen sein, weil er nie tiefer fallen kann als in die geöffnete Hand Gottes. Er will alle Menschen und die ganze Schöpfung erlösen und es wird ihm gelingen. Die Hölle, deren Geschäftsbereiche wir auf Erden bereits lange betreiben, hat seit der Auferstehung Jesu in Wirklichkeit bereits Insolvenz angemeldet. Aber da Gottes Schöpfung gewaltig ist, wird dieser Insolvenzprozeß nach irdischer Zeitrechnung möglicherweise noch lange dauern. (Bitte dies alles sinnbildlich verstehen. Fromm ausgedrückt kann man auch sagen, dass wir noch nicht im Paradies sind)

    Weil Gott immer größer ist, können wir gelassen bleiben und gut schlafen, mit gutem Gewissen, auch wenn wir immer Sünder bleiben und uns hoffentlich nie wie Perfektionisten vorkommen. Ich darf bleiben, wie Gott mich gemacht hat.

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