Evangelische und katholische Kirche in Deutschland wissen nicht, wie die Regeln des Kommunizierens funktionieren. Diese These vertrat der Kommunikationsberater und Buchautor Erik Flügge beim Christlichen Medienkongress in Schwäbisch Gmünd. Einer seiner Tipps: „Gebt den Fragenden eine Bühne.“
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Von Daniel Wildraut

Flügge hat sich als provokanter Kritiker kirchlicher Sprache in den vergangenen Jahren einen Namen gemacht. Er schrieb die Bücher Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt und Nicht heulen, sondern handeln. Sein Vortrag zum Thema „Kann man uns noch glauben?“ bildete den Abschluss des Medienkongresses. Und diese Frage beantwortete er zum Einstieg kurz und knapp mit „Nein.“

Das Problem bestehe darin, dass sich weder die evangelische noch die katholische Kirche an Grundregeln der Kommunikation hielten, so Flügge. Pro Jahr gäben sie rund eine halbe Milliarde Euro für Kommunikation aus, jedoch ohne große Wirkung. Es gebe allgemein gültige Regeln dafür, wie Kommunikation gelingen kann – hinsichtlich Quantität, Qualität, Relevanz und Stil. Doch diese würden von kirchlichen Akteuren häufig missachtet.

Gebt den Fragenden eine Bühne

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Die Medienarbeit der Kirchen sei häufig gar keine Kommunikation, „sondern eine Sendung ohne Kompetenz“, kritiserte Flügge. Dazu handele es sich viel zu oft um eine reine Senderbeziehung. „Baut die Kommunikation einfach mal anders herum auf“, regte Flügge an. „Um die Fragenden, nicht um die Sender.“

Als praktisches Beispiel nannte er das Projekt Valerie und der Priester, das er mit seiner Agentur für die Deutsche Bischofskonferenz initiierte. „Lasst mal jemanden über Kirche schreiben, der da nicht drinsteckt, darum ging es“, erzählte Flügge. Und so begleitete die linke feministische Journalistin Valerie Schönian ein Jahr lang den katholischen Priester Franziskus von Boeselager und kommunizierte Glaubensthemen aus der Sicht einer Außenstehenden. „Die Zugriffszahlen waren unfassbar hoch“, erklärte Flügge. „Alle haben darüber berichtet.“

Erik Flügge beim Christlichen Medienkongress (Foto: Daniel Wildraut / Jesus.de)

So kann eine Predigt gelingen

Flügge ist ein erklärter Gegner der Predigt. Aber wenn man in der Kirche am Prinzip der Predigt schon nicht rütteln wolle, so der Kommunikationsberater, warum dann nicht einmal kürzer sprechen und Gelegenheit für Rückfragen geben? „Oder eine gute Predigt in fünf anderen Gemeinden noch einmal halten?“ Ein Beispiel für eine gelungene Predigt habe Pfarrerin Sandra Bils auf dem Kirchentag geliefert: „Man lässt keine Menschen ertrinken. Punkt.“ Diese Aussage erfülle alle Regeln der Kommunikation, betonte Flügge und fragte anschließend: „An welche Predigt ihres Pfarrers können sie sich noch erinnern?“

Kirchliche Sprache habe oft nichts mit dem Alltag und den Emotionen der Menschen zu tun. Oft seien das „einlullende Gutbotschaften“. Niederlagen fehlten, man wolle „konfliktarm“ dastehen. Als Positivbeispiel nannte Flügge die ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann: „Warum hat sie diese Kraft? Weil sie gefallen und wieder aufgestanden ist. Ihre Geschichte hat Brüche. Siehe Martin Luther. Siehe Jesus.“

„Medialität wird zur Kernkompetenz“

Die Kirchensoziologie ändere sich, erklärte Flügge. Durch Ortswechsel komme es zum Gemeindewechsel und dadurch zum „Zusammenbruch“ bestehender Kommunikationsbeziehungen. „Mit jedem Ortswechsel sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass sich jemand gemeindlich engagiert“, so Flügge. Jede größere Gemeinde brauche Medien, um mit ihren Mitgliedern zu kommunizieren. Glaubenskommunikation müsse eine eigene Profession werden, denn: „Medialität wird zu einer theologischen und seelsorgerlichen Kernkompetenz.“

Kirchliche Kommunikationsarbeit brauche mehr professionelle Akteure, bilanzierte Flügge. Er selbst arbeite daran, einen Studiengang für kirchliche Kommunikation zu etablieren. Details nannte er noch nicht.


Der Christliche Medienkongress versteht sich als Gesprächsforum für christliche Medienschaffende. Träger der Veranstaltung sind sind unter anderem die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), das Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (GEP), Bibel.TV, die württembergische Landeskirche, die Stiftung Marburger Medien, ERF Medien, die Christliche Medieninitiative pro, die Nachrichtenagentur idea und die SCM Verlagsgruppe, zu der auch Jesus.de gehört.

 

9 DIREKT-KOMMENTARE

  1. Danke für diesen Beitrag! Es besteht wirklich der Verdacht, dass keine Fragen gestellt werden, weil sich vor der Antwort gescheut wird. Das ist schade und zugleich ernüchternd. Es sollte auch nicht immer jede Anregung oder Frage so weit kommentiert und beantwortet werden, dass dem „Gegenüber“ der Raum für eigene Gedanken genommen wird. Es sind mündige Menschen.

  2. Sehr wichtige Ansage an die kirchlichen Akteure! Meine Antwort an Priester und Bischöfe: Wenn alle Menschen auf gleicher Augenhöhe miteinander kommunizieren würden, gäbe es ein solches Problem überhaupt nicht! Gerade das hat uns doch Jesus gepredigt und gleichzeitig vorgelebt – es nenne sich niemand Hert des anderen, sagte er, und der geringste Diener unter Euch sei der größte. Allein der Vergleich zwischen Käßmann und Jesus hat mich doch sehr. irritiert. Wann hat Jesus einen Bruch in seinem Leben gehabt, einen Menschen verlassen und im Regen stehen gelassen, dem er vorher ein lebenslanges Treueversprechen gegeben hatte? Wann hat er Lieblosigkeit, Egoismus oder ein hartes Herz gepredigt oder gut geheißen? Ich will nicht einen Menschen beurteilen, nur den Tatbestand. Jesu Botschaft war die Liebe, die am Ende sogar Folter und Tod überwindet. Eine andere Botschaft lebte er nicht!

  3. Einer der wichtigsten Glaubwürdigkeitskiller für die Kirche und für Theologen bei mir ist die Ignoranz gegenüber den Naturwissenschaften und naturwissenschaftlich-technischem Denken, die bis weit in sog. liberale theologische Kreise hinein anzutreffen ist. Klar, wenn man die Existenz ausnahmefreier Regelmäßigkeiten in der Natur zugesteht, gibt es Probleme beim Wunderglauben und Wunder sind nun mal der Gläubigen liebstes Kind. Aber auf der anderen Seite wäre moderne Technik ohne diese ausnahmefreien Naturgesetze weder möglich noch verantwortbar, und wenn man das nicht ernstnimmt, wird man sehr selbst außerhalb der eigenen Filterblase nicht mehr ernstgenommen. Das ist nur mit einer anderen Kommunikationsstrategie nicht zu beheben.

    • Gott hat das Universum erfunden
      Thomas Jakob hat einerseits recht – andererseits auch wieder nicht. Der christliche Glaube kann absolut in keinem Nichtverhältnis zur Naturwissenschaft stehen: Gott schuf ein sehr großes oder sogar unendliches Universum und alles Existierende sind die Materalisierung der Gedanken Gottes. Daß in den Predigten nicht oder nur selten hierüber etwas gesagt wird ist schade. Ich glaube aber auch, dies hängt damit zusammen, daß sich die Akteure auf beiden Seiten, also auf jener der Wissenschaft und derjenigen der Theologie, nicht wirklich grün sind. Wir kennen aber überhaupt nicht alle ausnahmefreien Regelmäßigkeiten in der Natur bzw. im Universum und diejenigen die bekannt sind, bleiben im Letzten oft nicht erklärbar. Hinsichtlich der Wunder sagte sogar eine Prädikantin (also gar keine Theologin) in ihrer Predigt, daß es drei mögliche Erklärungen für Wunder gibt (sie können auch nebeneinander stehen und sich nicht gegenseitig ausschließen). Wunder sind nicht gegen die Naturgesetze, sondern lediglich noch nicht oder nie erklärbare Vorgänge oder Geschehnisse.
      Außerdem erlebe ich Wunder vorallem dann, wenn ein sehr großer Zufall geschieht und mein Gebet damit erhört wird.
      Allerdings ist der christliche Glaube mE kein Welterklärungsmodell wie etwa der Hinduismus oder Budhismus. Zudem sollte man unseren Glauben an einen unendlichen und liebenden Gott erstens auch wirklich universell verstehen und zweitens sich eines geistlichen Verständnisses von Glaubens- oder Wundererfahrungen befleißigen. Die Glaubenserfahrung eines Moses am Brennenden Dornbusch oder auf dem Berg der zehn Gebote sind nicht exclusiver als von heutigen Zeitgenossen: Wir würden es nur in eine andere Sprache fassen. Es gehört zur Glaubenserfahrung, daß man ganz tief in seiner Seele seinem Gott und Jesus Christus begegnen kann. Für die Predigt braucht man erstens etwas mehr Enthusiasmus und eine bessere Sprache ist auch erforderlich. Wer nur Worthülsen predigt darf sich nicht wundern, daß ich als Teilnehmer im Gottesdienst sofort vergesse, was der gute Mann oder die gute Frau vor dem Altar erzählte. Als Ehrenamtlicher in mehr als 40 Jahren habe ich schon soviele wirklich phantasielose und schlechte Predigten gehört, sodaß ich mich über jede Gute sehr freue. Der ganz normale Christ bzw. Christin ist auch kein Mensch, der irgend etwas völlig unlogisches oder abwegiges mit aller Gewalt zu glauben versucht, sondern er hat sich unsterblich in Gott verliebt. Will sagen: Die Ansprache in der Kirche braucht vorallem mehr Herz. Allerdings bitte ich alle Mitdenkenden und Glaubenden, das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten. Der Gottesdienst und die Predigt gehören nicht abgeschafft, aber mehr Akteure und Kommunikation. Ein völlig unmodernes und dennoch probates Mittel wäre auch das Predigtnachgespräch. Auch wenn man die Gemeinde dann ein Stück weit zum Jagen tragen müsste. Zum Schluß ein kleiner argumentativer Salto rückwärts: Gott kann man nicht in eine Formel über alles einbauen, er ist schlicht unerklärbar, aber eine alles umfassende Wirklichkei . Vielleicht ist dies das Problem der Wissenschaftler.

      • @ Bernd Hehner

        Sie schreiben: „Wir kennen aber überhaupt nicht alle ausnahmefreien Regelmäßigkeiten in der Natur bzw. im Universum und diejenigen die bekannt sind, bleiben im Letzten oft nicht erklärbar.“

        Das stimmt. Schwierig wird es aber dann, wenn biblisch berichtete Wunder sehr gut gesichertem, erprobtem und praktisch genutztem Wissen widersprechen. Bei der Hochzeit zu Kana z. B. wird berichtet, Wasser (H2O) sei in Wein verwandelt worden. Darin wäre Alkohol enthalten gewesen (C2H5OH). Wo soll der Kohlenstoff (C) denn hergekommen sein? Das kann so unter diesen Bedingungen nicht passiert sein.

        Sie schreiben: „Hinsichtlich der Wunder sagte sogar eine Prädikantin (also gar keine Theologin) in ihrer Predigt, daß es drei mögliche Erklärungen für Wunder gibt (sie können auch nebeneinander stehen und sich nicht gegenseitig ausschließen). Wunder sind nicht gegen die Naturgesetze, sondern lediglich noch nicht oder nie erklärbare Vorgänge oder Geschehnisse. Außerdem erlebe ich Wunder vorallem dann, wenn ein sehr großer Zufall geschieht und mein Gebet damit erhört wird.“

        Es gibt eine vierte Möglichkeit. Das Wunder ist so nicht passiert. Es handelt sich z. B. um eine zeittypische Erzählung.

        Der mittelalterliche Gelehrte Maimonides war im Bezug auf den Umgang mit Wunderglauben bereits klüger als viele heute. Er schrieb: Widersprechen biblische Wunder wissenschaftlichen Erkenntnissen, so sind sie allegorisch zu deuten.

  4. Ich würde sogar noch weiter gehen und nicht nur die kirchliche Sprache hier auf den Prüfstand stellen sondern auch die Sprache mancher Gläubiger.

    Schaut man hier ins Forum, so kann man -in Anlehnung an Orwell- manche Postings nur noch als Christsprech bezeichnen. beinahe eine eigene Sprache mit Wörtern und Begriffen, die teilweise nur in der eigenen christlichen Nische verstanden wird und wo schon manche andere Christen nachfragen müssen, was damit gemeint ist.

    Diese quasi Geheimsprache unterstützt natürlich das Gruppenzugehörigkeitsgefühl (und vielleicht auch ein gewisses elitäres Selbstbild?) , weshalb sie wohl auch in bestimmten christlichen Nischen verbreiteter ist als in den großen Volkskirchen.

    Aber wenn einen Nichtchristen schon nicht mehr verstehen, dann kann man sich das Gespräch mit ihnen auch gleich schenken.

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