Der große Wurf ist gescheitert – aus der "Evangelischen Kirche in Niedersachsen" wird vorerst nichts. Die fünf Landeskirchen schaffen stattdessen jetzt schlanke Strukturen für ihre Zusammenarbeit auf Landesebene.

Die Idee war ambitioniert, aber eine Nummer zu groß. Mehr als vier Jahre lang haben die fünf evangelischen Kirchen in Niedersachsen darüber diskutiert, wie ihre zukünftige Zusammenarbeit aussehen soll. Seit Donnerstag ist endgültig klar: Eine einheitliche "Evangelische Kirche in Niedersachsen" wird es auf absehbare Zeit nicht geben. Stattdessen wollen Braunschweig, Hannover, Oldenburg, Schaumburg-Lippe sowie die Evangelisch-reformierte Kirche ihre 1971 gegründete Kirchen-Konföderation abspecken und in vereinfachter Form fortführen. Sie einigten sich damit auf eine Art kleinsten gemeinsamen Nenner.

 Alle fünf Landeskirchen haben sich inzwischen für einen Vertrag entschieden, nach dem unter anderem das Parlament der Konföderation ersatzlos wegfallen soll. Dies bringe immerhin "Bewegung und Fortschritt", und das sei besser als Stillstand, sagte der Vorsitzende des Landessynodalausschusses in der hannoverschen Landeskirche, Jörn Surborg.

 Mit der Idee einer gemeinsamen Landeskirche für rund vier Millionen Protestanten in Niedersachsen hatte vor viereinhalb Jahren der braunschweigische Landesbischof Friedrich Weber für Aufsehen gesorgt. Vor der Synode der Konföderation brachte er den Verdruss über die komplizierten Abstimmungsprozesse zwischen den Kirchen und die schleppenden Beratungen in der gemeinsamen Synode zum Ausdruck. Weber skizzierte vier Zukunftsmodelle, von denen eines auf eine gemeinsame Kirche hinauslief.

 Der Widerhall war groß: Mit einem Mal wäre die mit Abstand größte Landeskirche in Deutschland entstanden. Nach mehr als 60 Jahren hätten die Kirchen einen Schritt nachvollzogen, den die Politik 1946 mit der Vereinigung der Länder Braunschweig, Hannover, Oldenburg und Schaumburg-Lippe zum Land Niedersachsen schon gegangen war. Und sie hätten zumindest für ihr Bundesland einen Schlussstrich unter die historische Kleinstaaterei gezogen, die in den Kirchengrenzen fortlebt. Denn diese gehen noch auf den Wiener Kongress von 1814/15 zurück.

 Vor allem die hannoversche Landeskirche setzte große Hoffnungen in diese Idee, denn sie umfasst drei Viertel Niedersachsens. Doch die vier kleineren Kirche zogen nicht mit. Sie hätten in diesem Fall ihre Eigenständigkeit aufgeben und sich damit im Prinzip selbst abschaffen müssen. Sie verwiesen darauf, wie tief sie in ihren jeweiligen Regionen verwurzelt seien. Dort sind die Kirchen heute noch fast die einzigen Organisationen, die weiter die alten Grenzen abbilden. Sie tragen damit zur regionalen Identität bei.

 Zudem bringen ihnen die alten Grenzen handfeste Vorteile: Das Verhältnis von Pfarrern und Gemeindemitgliedern ist bei ihnen nach Zahlen meist besser als in der hannoverschen Kirche mit ihren Großstädten. Der Bischof der kleinen Landeskirche Schaumburg-Lippe, Karl-Hinrich Manzke, brachte es auf den Punkt: Seine Kirche sei "hochinteressiert", Geld und Personal weiter eigenständig zu verwalten.
 Eine Sonderrolle spielt die Evangelisch-reformierte Kirche mit Sitz in Leer: Sie orientiert sich anders als die vier lutherischen Nachbarkirchen theologisch am Reformator Johannes Calvin (1509-1564). Deshalb kooperiert sie in einigen Arbeitsfeldern wie der Pastorenausbildung oder der Mission lieber mit Kirchen in Nordrhein-Westfalen.

 So wird es in Zukunft in Niedersachsen ein Zusammenwachsen in unterschiedlichen Geschwindigkeiten geben. Wie es geht, hat die Diakonie vorgemacht. Vier der fünf Kirchen schließen sich im nächsten Jahr zu einem gemeinsamen Diakonischen Werk zusammen. Nur Oldenburg geht weiter eigene Wege.

 In der abgespeckten Konföderation bekommt künftig der Rat mit zehn Mitgliedern eine stärkere Rolle, und die gemeinsame Gesetzgebung soll vereinfacht werden. 2023 wollen die fünf Kirchen auswerten, ob sich diese Form der Zusammenarbeit bewährt hat. Dann kommt die Idee einer landesweiten Kirche vielleicht erneut auf die Tagesordnung.

(Quelle: epd)