Klima-Experte warnt: „Ich fürchte, uns läuft die Zeit davon!“

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Foto: pixabay
Der Klima-Ökonom und engagierte Christ Prof. Dr. Ottmar Edenhofer (56) im Interview mit unseren Kollegen vom Magazin lebenslust über Möglichkeiten, dem Klimawandel entgegenzuwirken und Verantwortung der Schöpfung gegenüber.

Herr Edenhofer, Sie waren zum Jahresbeginn auf ungeplanter Dienstreise. Was war das Ziel?

Ottmar Edenhofer: Ich habe zwei Tage im Vatikan verbracht. Ich kann dazu nicht viel sagen, nur so viel: Es ging um die Umwelt-Enzyklika „Laudato si“ von Papst Franziskus und um Klimawandel.

Was müsste sich politisch ändern, um dem Klimawandel entgegenzuwirken?

Die Preise für den Ausstoß von CO² müssen die soziale, die ökologische und die wirtschaftliche Wahrheit ausdrücken. Nur wenn die Preise steigen, zum Beispiel bei Kohlestrom, wird sich etwas ändern. Ethische Motive allein reichen meist nicht aus.

Das Thema „Kosten“ ist interessant: Sie sind Klima-Ökonom, also ein Mensch, der sagt: „Umsteuern rechnet sich“?

Ja, Umsteuern ist auf jeden Fall billiger, als den gefährlichen Klimawandel in Kauf zu nehmen.

Und wie steuert man praktisch um?

Wir haben drei große Optionen. Erstens: den Ausbau der erneuerbaren Energien. Zweitens: eine Effizienz-Strategie. Unter dem Stichwort „Smart Home“ gibt es große Effizienz-Potenziale: Dass zum Beispiel automatisch das Licht ausgeschaltet wird, wenn niemand mehr im Raum ist. Und drittens: die sogenannten negativen Emissionen. Diese sollten der Atmosphäre wieder CO2 entziehen. Eine relativ simple Option sind Aufforstungsprogramme. Und das Portfolio der Technologien bietet viele weitere Möglichkeiten.

Ottmar Edenhofer (Thomas Trutschel/ photothek.net)

Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren beruflich mit dem Thema Klimawandel. Wie ist es zu Ihrem „Herzensanliegen“ geworden?

Hätten Sie mich vor 25 Jahren gefragt, ob ich Klima-Ökonom werden will, hätte ich wahrscheinlich Nein gesagt. Als ich dann meine Doktorarbeit abgeschlossen hatte, bekam ich das Angebot, am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung zu beginnen. Und je mehr ich mich dort wissenschaftlich mit diesem Thema beschäftigt habe – und je mehr ich gesehen habe, dass wir mit dem Klimawandel irreversible Prozesse auslösen –, desto stärker war ich davon überzeugt, dass man hier umsteuern muss! Ich habe früh kapiert, dass es sich hier nicht etwa um lokale Umweltprobleme handelt.

Sind Sie nicht manchmal frustriert, weil Sie etwas bewegen möchten, aber nur so wenige ziehen mit?

Ja, schon. Mir geht alles viel zu langsam! Allerdings: Noch im Jahr 2000 hat kaum jemand vom Klimawandel Notiz genommen. Nun habe ich im letzten Jahr zusammen mit dem Nobelpreisträger Joseph Stiglitz und einem Kollegen einen Bericht zur CO²-Bepreisung veröffentlicht. Daraufhin hat die Weltbank deutlich gemacht: Wir werden keine Kohlekraftwerke mehr finanzieren. Ich finde es motivierend, dass es gelungen ist, dieses Thema in großen internationalen Organisationen zu verankern. Als ich 2008 im Vatikan das erste Mal Beratungsgespräche geführt habe, war die Reaktion auf das Stichwort Klimawandel geradezu feindlich! Und wenige Jahre später schreibt der Papst eine Umwelt-Enzyklika. Ich habe ihn mehrmals in der Frage beraten. Also: Wir haben eine Wirkung! Es geht aber alles zu langsam voran. Und ich fürchte, uns läuft die Zeit davon.

Sie haben vom Papst gesprochen. Ist aus Ihrer Sicht Klimaschutz auch eine christliche Frage oder vielleicht sogar gerade eine christliche Frage?

Ich denke, für uns Christen ist das Entscheidende, dass es eine Schöpfung gibt, die nicht wir gemacht haben. Trotzdem heißt das auch, dass wir für die Schöpfung eine Verantwortung tragen. Der Papst spricht in seiner Enzyklika davon, dass wir nicht aus Blindheit, Gier oder Verantwortungslosigkeit unser „gemeinsames Haus“ ruinieren dürfen. Er mahnt mit Recht: Wir könnten als die verantwortungsloseste Generation in die Geschichte eingehen! Dagegen hoffe ich, dass wir die Generation werden, der es gelingt, das Steuer noch einmal herumzureißen.

Wo sehen Sie denn bei den Kirchen besondere Chancen, wo können gerade Kirche und Christen etwas beitragen zum Klimaschutz?

Viele verbinden Klima- und Umweltschutz mit der Vorstellung: „Wir müssen gucken, dass der Müll weggeräumt ist.“ Aber es geht nicht bloß um Müll, es geht um die Gestaltung des ganzen „Hauses“, aller Menschen. Um das Zusammenleben. Wir brauchen für dieses „gemeinsame Haus“ eine gemeinsame Vorstellung davon, was Gerechtigkeit bedeutet. Klimaschutz betrifft zentrale Werte und Bezugspunkte für Christen: „Wie ist unser Verhältnis zu Gott?“, „Wie das Verhältnis zum Nächsten?“, „Wie wollen wir eigentlich leben? Wie mit Mitgeschöpfen umgehen?“ Wir müssen begreifen, dass wir die Grundfesten, die Beziehungen der Menschen im Haus erneuern müssen.

Im Frühjahr wirken Sie mit bei der „proChrist“-Veranstaltung. Sie haben die Grundhaltung erwähnt: Die göttliche Schöpfung ist uns Menschen anvertraut. Welche Gedanken möchten Sie den Menschen vermitteln?

Klimaschutz ist nicht etwas, das man tun, aber auch lassen kann, sondern eine ganz zentrale Aufgabe. Ich glaube, Christen haben heute eigentlich zwei simple Aufgaben, oder vielleicht drei. Die erste: Christen betonen, dass alle Menschen die gleiche Würde haben, weil wir alle Kinder Gottes sind. Das zweite Thema: die Beziehungen zwischen Menschen. Man kann sie nur sinnvoll denken, wenn man wirklich die Auffassung teilt – und lebt: Wir stehen alle in dem gleichen Verhältnis zu dem einen Gott. Daran schließt sich an: Die Beziehung zwischen Menschen lässt sich nur unter Berücksichtigung der Schöpfung, der Natur richtig ordnen. Wir können uns nicht als Menschen von der Natur abkoppeln. Diese gesamtheitliche Sicht muss im Zentrum stehen. Das zu vermitteln, scheint mir eine wichtige Aufgabe.

Wir kommen gerade aus dem „Lutherjahr“. Martin Luther wird das Zitat zugeschrieben: „Wenn morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Was würden Sie dann noch machen?

(überlegt) Ich weiß es nicht genau. Vielleicht würde ich in der Verzweiflung auch einen Apfelbaum pflanzen. Aber ich würde noch eher beten, glaube ich.

Und was?

(lacht) Wenn morgen wirklich die Welt unterginge, würde ich um Gnade und Vergebung bitten. Denn im christlichen Glauben geht es wesentlich um Versöhnung: zwischen Menschen, aber auch zwischen Gott und Mensch. Aber weil ich glaube, dass Gott mit uns einen Heilsplan hat, bin ich relativ sicher, dass morgen die Welt nicht untergeht; dass wir eine Chance haben, uns als verantwortungsbewusst zu erweisen. Und ich glaube, wir haben auf dieser Welt noch einige Aufgaben vor uns. Und beten können wir ja trotzdem. Nicht trotzdem! Sondern das ist die unbedingte Voraussetzung für alles andere.

Vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Lydia Rieß, Jörg Podworny


Bild: Thomas Trutschel/ photothek.net

Der Klima-Ökonom Prof. Dr. Ottmar Edenhofer (56) leitet das „Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change“ in Berlin, hat den Papst, die deutsche Bundesregierung und die Europäische Kommission in Klimafragen beraten. Er war im Führungskreis des Weltklimarats. Und: Vor seiner Karriere als Wirtschaftswissenschaftler hat er katholische Theologie studiert und war Mitglied des Jesuitenordens. Im März diesen Jahres ist er an der christlichen Großveranstaltung „proChrist“ beteiligt.

4 DIREKT-KOMMENTARE

  1. Der Zeitpunkt um unseren Planeten zu retten ist längst verstrichen.
    1975 schrieb der CDU Abgeordnete Herbert Gruhl den Bestseller „Ein Planet wird geplündert“. Auszüge aus diesem Buch hätten auf der Kanzel verkündet werden müssen. Oder Professor Edenhofer hätte es lesen sollen und diese Weisheiten verbreiten müssen.
    Ein Jahr vor seinem Tode 1992 zog Gruhl Bilanz mit seinem letzten Buch „Himmelfahrt ins Nichts“, (Der geplünderte Planet vor dem Ende)

    In unseren Lügenmedien wird dieses alles verschwiegen. Wer gegen Wachstum ist hat in unserem System nicht die geringste Chance. Hier noch Zitate aus diesem Buch:

    Der Mensch kommt aus der Industriegesellschaft, die eine Gesellschaft zur Bestattung unserer Erde ist, nicht mehr heraus. Er kann nicht einmal die Produktion sinnloser Güter aufgeben. Täte er das, dann würden sofort einige Millionen arbeitslos, während einige hundert Millionen schon geborener und noch ungeborener Arbeitssuchender zusätzlich anstehen. Der Satz vom „ökologischem Umbau der Industriegesellschaft“ ist dummes Geschwätz. Denn das ganze Wesen der Industriegesellschaft besteht darin, dass sie anti-ökologisch ist. Retten könnte uns nur der „Ausstieg aus der Industriegesellschaft“. Dazu sind aber schon fünfmal zu viel Menschen auf diesem Planeten- und nach einer Generation wird es bereits achtmal zu viel sein! Sie ohne Arbeit zu lassen, schüfe brodelnde Dampfkessel überall in der Welt, die in Kettenreaktionen explodieren würden. Also werden alle Völker dieser Welt weiter an ihrer Selbstvernichtung arbeiten, und ihre Regierungen werden sie dabei anleiten- ungeachtet dessen, dass sie damit nur eine geringe Galgenfrist gewinnen.
    Es ist müßig, das Thema „Ökologische Gesellschaft zu vertiefen. Denn für ein ökologisches Leben könnte man nur einige Versprengte finden, die auch bald von den uneinsichtigen Massen niedergewalzt werden würden. Und ein derartig großer Planet auf dem fünf bis 10 Milliarden Menschen ein ökologisches Leben führen könnten, müsste erst noch gefunden werden.

    • Ich weiß nicht an welchen Gott Sie glauben, er scheint recht desinteressiert wenn nicht sogar inkompetent und verantwortungslos.

      Der Gott an den ich glaube und den die Bibel bezeugt hat Pläne des Friedens und Wohlstands. Und er ist souverän, dass er sie auch durchzieht.

      Was ist eigentlich aus dem Waldsterben geworden? Pest? Kindersterblichkeit? Schweinegrippe? Unzählige Probleme der Menschheitsgeschichte sind bereits gelöst worden.
      Jeden Tag bekommen ca 300.000 Menschen erstmals Zugang zu Trinkwasser. Und ca 320.000 Menschen erstmals elektrischen strom. Die Weltarmut hat sich seit den 90er Jahren halbiert, z.a. durch die aufstrebenden Märkte in Asien. Die medizinische Versorgung, Forschung und Technologien sind auf dem höchsten Stand seit Menschengedenken. Und nehmen stetig zu.

      Mein Gott befähigt und beauftragt Menschen wie Prof. Edenhofer um auf Herausforderungen aufmerksam zu machen und selbstverständlich ruft dies Menschen auf den Plan, entsprechende Maßnahmen einzuleiten.

      Ich freue mich auf die Zukunft unseres Planeten!

  2. Gottes Wort sagt in Ps. 135,6 „Alles, was er will, das tut er im Himmel und auf Erden, im Meer und in allen Tiefen; der die Wolken lässt aufsteigen vom Ende der Erde, der die Blitze samt dem Regen macht, der den Wind herausführt aus seinen Kammern;“ In Nahum 1,6 heißt es: „Wer kann vor seinem Zorn bestehen, und wer kann vor seinem Grimm bleiben? Sein Zorn brennt wie Feuer, und die Felsen zerspringen vor IHM.“ Micha 5,14 „Und ich will mit Grimm und Zorn Vergeltung üben an allen Völkern, die nicht gehorchen wollen.“ Jes. 29, 6 „dass Heimsuchung kommt vom Herrn Zebaoth mit Wetter und Erdbeben und großem Donner, mit Wirbelsturm und Ungewitter und mit Flammen eines verzehrenden Feuers.“ „Siehe, es wird ein Wetter des Herrn kommen voll Grimm und ein schreckliches Ungewitter auf den Kopf der Gottlosen niedergehen. Und des Herrn Zorn wird nicht ablassen, bis er tue und ausrichte, was er im Sinn hat; zur letzten Zeit werdet ihr es klar erkennen.“
    Was mich persönlich von Tag zu Tag trauriger macht, ist, dass die Menschen nicht glauben und erkennen können, dass sich Gott niemals ändert. Gott als der Schöpfer und der majestätische Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, erwartet von den Menschen, dass sie seinen Geboten und Weisungen folgen, jedoch kann jeder von uns zwischen Fluch und Segen wählen. Solange die Menschen nicht bereit sind, von ihren falschen Wegen umzukehren und Buße zu tun, wird es den Menschen so gehen, wie einst in Sodom und Gomorra – es ist ganz dringend Zeit aufzuwachen! In 2.Petrus2,6 heißt es uns zur Warnung: „und hat die Städte Sodom und Gomorra zu Asche gemacht, umgekehrt und verdammt und damit ein Beispiel gesetzt den Gottlosen, die hernach kommen würden. Gott möchte, dass die Menschen umkehren und gerettet werden, darum hat er seinen kostbaren Sohn Jesus in die Welt gesandt (Joh. 3,16)

    So möchte ich in diesen Raum hinein posaunen, kehrt um von Euren falschen Wegen, fangt wieder an in den Ordnungen Gottes zu leben.

    Auch heute noch hat der allmächtige Gott die Naturgewalten unter seiner Kontrolle.
    Gott ändert sich niemals!

    lieber Gruß Martin

  3. Ich vermisse in diesem Interview zum Klimawandel wie in den meisten anderen jegliches kritisches Hinterfragen. Es kommt leider wieder nicht zur Sprache, inwieweit wir das Klima überhaupt beeinflussen können.

    Bei der Bezeichnung „Klima-Ökonom“ musste ich schmunzeln, denn die Wortpaarung kannte ich noch nicht: Prof. Dr. Ottmar Edenhofer ist Ökonom und ist beim Potsdam-Institut für Klimaforschung in leitender Position (das habe ich „gegoogelt“). Macht ihn das zum Klima-„Experten“?

    Ich weiß, wie das ist, eine solche Kapazität vor das Mikrofon zu bekommen. Da ist man ganz brav. Aber wir sollten als Christen in den Medien nicht nur das nachplappern, was wir sowieso jeden Tag vorgesetzt bekommen.

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