Der sächsische Landesbischof Carsten Rentzing hat am vergangenen Freitagabend unter starkem öffentlichem Druck seinen Rücktritt angekündigt. Er wolle sein Amt zum nächstmöglichen Zeitpunkt zur Verfügung stellen, heißt es in einer öffentlich-verbreiteten Erklärung. Eine Entscheidung über den Zeitpunkt und die Bedingungen des Ausscheidens aus dem Amt will die Kirchenleitung am 21.10. fällen.

Der als konservativ geltende Bischof war durch 30 Jahre alte Beiträge in einem rechtspopulistischen Medium öffentlich in die Kritik geraten. Die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsen distanzierte sich in einer am Sonntag veröffentlichten Erklärung von den Schriften, die sie als „elitär, in Teilen nationalistisch und demokratie-feindlich einstuft. Sie seien aus damaliger und heutiger Sicht unvertretbar.

Zugleich stellt sich die Kirchenleitung in ihrer Stellungnahme hinter ihren Landesbischof. Seine Distanzierung von seinen Positionen vor 30 Jahren halte sie in Anbetracht seiner Arbeit in der Sächsischen Landeskirche für glaubwürdig.

Rentzing selbst hatte sich gegenüber der Kirchenleitung von den Texten, die er zwischen 1989 und 1992 als Student angefertigt hatte, distanziert und betont, der Weg in die Kirche habe ihn verändert. „Positionen, die ich vor 30 Jahren vertreten habe, teile ich heute nicht mehr.“ Zu dem Inhalt der kritisierten Magazinbeiträge haben sich bislang weder Rentzing noch seine Landeskirche öffentlich geäußert.

Rentzing begründete seinen Rücktritt mit dem Wunsch, Schaden von der Kirche abzuwenden. „Mein oberstes Ziel war und ist die Einheit der Kirche. Ich muss mit großem Bedauern feststellen, dass die aktuelle Diskussion um meine Person diesem Ziel schadet.“

LINK: Erklärung der Sächsischen Landeskirche im Wortlaut

24 DIREKT-KOMMENTARE

  1. nicht alles ist 30 Jahre her, was man ihm vorwirft:
    https://www.tagesschau.de/investigativ/bischof-rentzing-101~_origin-3bced206-4470-45a5-914c-496355de24e2.html
    – bis heute Mitglied der pflichtschlagenden Verbindung „Alte Prager Landsmannschaft Hercynia“.
    – Vortrag 2013 in der „Bibliothek des Konservativismus“, die als eine der Denkschulen der „Neuen Rechten“ gilt.
    – Weigerung, sich kritisch gegenüber der AfD zu positionieren

    Für mich wirft das ein anderes Bild auf die früheren -in der Tat ungeheuerlichen (siehe Link Tagesschau.de)- Äußerungen und der Glaubwürdigkeit seiner Distanzierung.

    • Das was der Bischof erlebt, ist links-grünes Mobbing. Dann müsste Angelika Merkel auch zurücktreten, weil sie in der DDR-Zeit für die FDJ tätig war. Und die Briefe des Apostel Paulus müssten aus der Bibel entfernt werden, weil er vor seiner Bekehrung Christen töten liess, u.a. Stephanus. — Von Bekehrung, Vergebung und echter Toleranz haben die Mobber absolut keine Ahnung, geschweige denn von westlicher Demokratie. Das sind Fremdworte für sie.

      Wann soll dieser ganze Irrsinn endlich mal enden!!?? ‚Christen jedenfalls sollten sich an diesem Schwachsinn nicht beteiligen, sondern den Verursachern dieses Mobbings sagen, wohin es laufen muß.

      • Aus dem Beitrag von Jörg geht doch hervor, dass es nicht lediglich „Jugendsünden“ waren und dass er sich allem Anschein nach noch nicht bekehrt hat.

        Und was hat ein Christ mit solchem Unsinn wie schlagenden Verbindungen zu schaffen?

    • an Jörg: was haben Sie vor 30 Jahren gedacht und getan? Außerdem sollte man der ARD- Tagesschau denkend und prüfend zuhören.

      • Ich? Nichts rechtsextremes (und auch nichts linksextremes)

        Ich würde das von ihm geäußerte von vor 30 Jahren auch verzeihlich finden, wenn ich eine glaubwürdige Abkehr von diesen in der Tat extrem rechten Gedankengutes erkennen könnte.

        Wie aber von mir geschrieben: Es geht hier um aktuellere Äußerungen/Handlungen, übrigens auch bei der kircheninternen Kritik an ihm.

        Es ist etwas zu einfach an Verschwörungs- und Mobbingtheorien gestrickt, wenn man einfach sagt ‚ist doch 30 Jahre her‘, dabei aber ignoriert, dass es eben um Aktuelleres geht, in dessen Licht diese alten Äußerungen dann eben doch nicht ganz so weit entfernt scheinen.

        Ich finde den Rücktritt daher absolut richtig und notwendig.

    • Da stimme ich dir zu. Wie kann die Kirche so kurzsichtig sein und unbiblisch. Das ist der wahre Grund, warum die Leute aus der Kirche austreten. Sie wollen nicht angelogen werden und nicht mit solchen Figuren als Vorbild für dumm verkauft werden.

      • wenn ich sehe, was von bestimmten Christen in Richtung Homosexuelle an Steinen geworfen wird, …; davon könnte man in Norddeutschland die Alpen neu errichten.

        Aber seltsamerweise kommt aus den Kreisen, die hier mit diesem Gleichnis argumentieren, das bei dem anderen Thema deutlich seltener.

        Und sagt Jesus nicht auch zur Ehebrecherin‘ aber sündige nicht mehr‘? Sprich kehr ab von den Sünden. Eben das wird hier in diesem Fall eben bezweifelt.

        Und: Die Steinigung war eine besonders grausame Todesart. Das hier mit dem in sicherlich gute finanzielle Verhältnisse fallenden Rentzing zu vergleichen, nunja … Dann darf man wirklich gar nichts mehr kritisieren.

        • Ich begreife es nicht, warum das Thema Homosexualität immer so große Wellen schlägt, obwohl es doch nur für einen Bruchteil relevant ist.
          Sie sind in diesem Punkt anderer Meinung als Hr. Rentzing, ok.
          Es geht sicherlich nicht um die finanziellen Verhältnisse des Landesbischofs oder darum „wirklich gar nichts mehr (zu) kritisieren“, ich finde es eher schade, dass Kritik auf rollende Köpfe und Rücktritte ausgerichtet ist.

          • >Ich begreife es nicht, warum das Thema Homosexualität immer so große Wellen schlägt, obwohl es doch nur für einen Bruchteil relevant ist.
            Weil es für diesen Bruchteil enorm relevant ist, wenn Du bedenkst, wie lange schwuler Sex (lesbischer übrigens nicht) in Deutschland z.B. strafbar war oder was das heute noch z.T. an gesellschaftlicher Ausgrenzung, gerade in manchen Gemeinden, bedeutet.

            Die finanziellen Verhältnisse habe ich eingeworfen, weil in manchen Beiträgen schon fast der Eindruck erweckt wird, Herr Rentzing wird jetzt einen Kopf kürzer gemacht. Dabei ist nur etwas völlig normales passiert: Jemand ist von einem Amt zurück getreten, weil er offensichtlich die Ansprüche an dieses Amt nicht (mehr) erfüllt.
            Denn nicht jede Kritik ist auf Rücktritt ausgerichtet, aber es gibt Grenzen dessen, was ein hoher kirchlicher Repräsentant eben noch machen darf und was nicht. Und nach Meinung wohl vieler hat Rentzing diese Grenze überschritten.

  2. „Landesbischof Dr. Rentzing hat vor der Kirchenleitung eine Erklärung abgegeben, in welcher er auch auf die Texte eingegangen ist und auf Rückfragen dazu geantwortet hat. Er stellte es so dar, dass er diese Zeit in seinem Leben und diese Texte verdrängt habe und äußerte großes Unverständnis und Scham über das, was er damals geschrieben hat. Ob der Landesbischof gegenüber der Öffentlichkeit selbst noch zu diesen Texten Stellung nehmen wird, muss ihm überlassen werden. Momentan ist er dazu nicht in der Lage.“
    Schade, dass es einigen in der heutigen Kirche weiterhin um Intrigen und Nebensächlichkeiten geht, anstatt um das Evangelium und die Gemeinschaft. Es scheint als ob die vor 4 Jahren in der Wahl „Unterlegenen“ nur auf eine „passende Gelegenheit“ gewartet haben.
    Das Stichwort Vergebung und Versöhnung scheint nicht bekannt und gewollt zu sein. Schade. Hier wäre wieder eine gute Gelegenheit gewesen.

  3. Jammerschade! Diese moderne Heuchelei, die einen der besten Bischöfe unseres Landes aus dem Amt bringt, ist eine Schande. Wie gottlos muss unser Land noch werden, um endlich klare Gegenstimmen hervor zu bringen? Ich bin froh, kein Mitglied der evangelischen Kirche zu sein, denn sie hat ihren Ursprung in der Reformation und in Luther anscheinend völlig vergessen. Modern sein wollen, ist ein Irrweg, wenn es auf Kosten der klaren biblisch/christlichen Grundlagen geht. Ich möchte meinem Bruder in Christus Mut zu sprechen, bei den gewonnenen Einsichten und Grundlagen zu bleiben und weiterhin das zu zu tun und reden, was Christus treibet.

    • >denn sie hat ihren Ursprung in der Reformation und in Luther anscheinend völlig vergessen. Modern sein wollen, ist ein Irrweg, wenn es auf Kosten der klaren biblisch/christlichen Grundlagen geht.

      Selbst wenn, … wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.

      Oder gilt das nur in deinem Sinne? (siehe oben) 😉

      • Lieber Jörg,
        „wer ohne Sünde ist …“ dieses Argument ist ein Totschlagargument, das jede Diskussion erwürgt. Wenn das das Maß aller Dinge ist, können wir das be-urteilen sein lassen. Wir sind aber dazu aufgerufen weise und in (der göttlichen Agape-)Liebe zu pürfen und zu be-urteilen (aber nicht zu ver-urteilen). In den Sendschreiben der Offenbarung kommt die zerstörerische Gefahr aus der Gemeinde selbst, nicht von außen

        • „wer ohne Sünde ist …“ dieses Argument ist ein Totschlagargument, das jede Diskussion erwürgt.

          Eben darauf wollte ich den Mitdiskutanten hinweisen, der genau damit weiter oben argumentiert hat.

          Da sind wir einer Meinung.

  4. …früher wurde sowas geköpft:
    Saulus –> Paulus –> Märtyrertod unter Kaiser Nero
    nix verändert seit 2000 Jahren in der säkularen Weltgesellschaft,
    Vergebung der Sünden? Nur bei GOTT, aber erst an Amargeddon. 40Tage vor Weihnachten oder so…

  5. Kirchliche Würdenträger, die vor 30 Jahren die DKP unterstützt haben, dürfen natürlich im Amt bleiben. Auch Kontakte zur militanten Antifa sind für die Kirche kein Problem. Die evangelische Kirche ist zum spirituellen Arm von Linken und Grünen verkommen. Wohltuende Ausnahmen werden angegriffen und rausgemobbt. Carsen Rentzing ist leider kein Einzelfall…

    • > Kirchliche Würdenträger, die vor 30 Jahren die DKP unterstützt haben, dürfen natürlich im Amt bleiben.

      Mal vorausgesetzt, das stimmt (das Benennen eines vergleichbaren Würdenträgers wäre da nicht schlecht von dir gewesen; so sieht das einfach nur als schlicht unbewiesen behauptet aus) und diese hätten sich, um vergleichbar zu bleiben, auch heute noch nicht von diesen Positionen glaubhaft distanziert.

      Ich gehe davon aus, dass Du das dann aus Gründen der Gleichheit gut findest, dass diese DKP-Würdenträger dann noch im Amt wären, da du das ja bei Rentzing offensichtlich bist.

      Ich sehe das anders. Für mich ist Extremismus mit einem hohen kirchlichen Amt (gleich welcher extremistischen Prägung) nicht vereinbar.

  6. Klar sein muss: Rentzing ist kein zuverlässiger Linker, und die Mehrheit des evangelisch-landeskirchlichen Klerus will nun mal eine zuverlässig linke Kirchenführung, mit klarer Kante gegen rechts.
    Das müssen sie dann halt auch kriegen. Das ist schon so in Ordnung.
    Was das Kirchenvolk will, weiß der Himmel. In der DDR-Zeit sind so viele ausgetreten, und es ist schwer zu beurteilen, wer da übrig geblieben ist.
    Ich würde mir bloß wünschen, dass man da offen von „links“ reden würde und nicht von „demokratisch“. Erinnern wir uns: Die West-Landeskirche hat Jahrzehnte lang vernmieden, sich zum Thema Demokratie zu äußern, weil man damit den Ost-Brüdern in den Rücken gefallen wäre. Und Roman Herzog hat ihr dann sehr spät eine Art Demokratie-Denkschrift abgeluchst, in der es eigentlich nur darum ging, die Vorherrschaft des Parlaments (also die SPD) gegen die Anarchie der Straße (damals die Grünen) zu verteidigen – was heute auch schon wieder obsolet ist. Da fallen Rentzings Äußerungen zur Demokratie gar nicht aus dem Rahmen.

    • Um klare Kante gegen rechts(extrem) zu fordern, muss man aber kein Linker sein.

      Auch die CSU positioniert sich z.B. klar gegen Rechtsextrem. Gut, manchmal etwas halbgar, aber gegen rechtsextreme demokratiefeindliche Äußerungen und Taten sollten doch eigentlich alle im rechtsstaatlichen Spektrum sein, von rechts bis links.

      Und das waren Rentzings frühere Äußerungen eindeutig nicht und auch seine heutige Abgrenzung zur AfD (die ich in Teilen nicht mehr zum rechtsstaatlichen Spektrum zähle) lässt wohl zu wünschen übrig.

      Diese schlagende Verbindung, in der er bleiben will, kann ich nicht einschätzen, da ich diese selbst nicht kenne. Die schlagenden Verbindungen, die ich kenne, sind zumindest teilweise schon sehr grenzwertig. Und man bedenke: Er ist dort eingetreten, als er diese demokratiefeindlichen Ansichten vertrat. Das war offensichtlich dort kein Hinderungsgrund.

  7. Ich möchte ein Zitat weitergeben, weil hier meiner Meinung nach wichtige Aspekte genannt werden:
    „Der angekündigte Rücktritt des sächsischen Landesbischofs Carsten Rentzing erhitzt die Gemüter. Rochus Leonhardt, Professor für Systematische Theologie an der Universität Leipzig, findet, die Petition, die kürzlich gegen Rentzing gestartet worden war, ist ein Unding, und hofft, dass so etwas keine Schule macht.

    „Wir müssen die Meinung des anderen aushalten können, ohne sie sofort zu verunglimpfen oder persönlich zu werden.“ – Dieser Satz stammt aus einem Interview, das die Fernsehmoderatorin Dunja Hayali im März 2017 der Wochenzeitung „Junge Freiheit“ gab. Ob Frau Hayali heute noch mit dieser „Rechtspostille“ (taz) reden würde und ob sie selbst sich regelmäßig an diesen Grundsatz hält, kann dahinstehen; die eben zitierte Formulierung ist in jeden Fall uneingeschränkt zustimmungsfähig.

    Allerdings: Wenn Selbstverständlichkeiten explizit eingefordert werden, sind sie zumeist so selbstverständlich nicht mehr. Und in der Tat: Das dezidiert kritische, dabei aber respektvolle Aushalten der Meinung des anderen ist derzeit in den meisten öffentlich geführten gesellschaftspolitischen Diskursen ein Gut, das zunehmend knapper wird.

    Die evangelische Kirche ist ein Teil der Gesamtgesellschaft, und daher ist es nicht überraschend, dass sich die allenthalben zu beobachtenden Prozesse der politischen Polarisierung auch in ihr niederschlagen. Als ein derzeit akutes sowie – in Sachsen und darüber hinaus – viel debattiertes Indiz für diesen Niederschlag kann die kürzlich erfolgte Rücktrittsankündigung des sächsischen Landesbischofs Carsten Rentzing gelten. Der im Mai 2015 mit äußerst knapper Synodenmehrheit gewählte Rentzing war nie unumstritten. Die Kritik an seiner Person entzündete sich zunächst an seinem theologischen Konservatismus, konkret: an seiner Ablehnung einer Segnung gleichgeschlechtlicher Ehen und des Zusammenlebens homosexueller Pfarrer/innen im Pfarrhaus. Allerdings hat er sich in dieser Frage seit der Amtsübernahme äußerst kompromissfähig und beweglich gezeigt – und sich dadurch mit den Schriftfundamentalisten der Sächsischen Bekenntnisinitiative überworfen.

    Zu Fall gebracht hat den sächsischen Bischof deshalb auch nicht (s)eine theologische Auffassung etwa zur Relevanz bestimmter biblischer Texte für sexualethische Fragen der Gegenwart. Gestolpert ist Rentzing vielmehr darüber, dass von einigen politischen Positionierungen der Vergangenheit auf seine gegenwärtige politische Meinung geschlossen wurde. Den Stolperstein ins Rollen gebracht hat dabei eine online-Petition, die maßgeblich von drei Leipziger Pfarrern und einem Kirchvorsteher initiiert wurde und – Stand: 16. Oktober 2019 – von knapp 1.000 Personen unterzeichnet wurde.

    Mir geht es hier, das sei in aller Klarheit gesagt, nicht um Rentzing-Apologie, sondern um Petitions-Polemik. Zwar kenne ich den Landesbischof, schätze ihn auch und habe ihn stets als deutlich liberaler und toleranter erlebt als viele seiner Kritiker. Aber dass er im Blick auf die nun ans Licht gekommenen Leichen aus dem Keller der Vergangenheit souverän agiert hätte, wird man nicht sagen können. Es irritiert durchaus, dass er in seiner herausgehobenen Stellung dem berechtigten Interesse der kirchlichen und gesellschaftlichen Öffentlichkeit an vollständigen und sachgerechten Informationen über seine früheren Aktivitäten und Auffassungen nicht entsprechen konnte; damit hat er auch die eigene Kirchenleitung enttäuscht und verunsichert. Ich hätte dem Bischof mehr Mut zur Ehrlichkeit gewünscht. Dieser Mut hätte womöglich sein Standvermögen angesichts des aktuellen Gegenwinds gesteigert. Aber es gilt nun einmal: „If you can‘t stand the heat, get out of the kitchen.“ Und in der Dresdener Bischofskanzlei waren die Temperaturen spätestens am 12. Oktober in schwer erträgliche Höhen geschossen.

    Nun aber zur Petitions-Polemik, zuerst zu zweien der Akteure. Einer der Initiatoren, Frank Martin, ist mir persönlich recht gut bekannt. Ich habe Ende 2013 mit ihm gemeinsam eine Veranstaltung organisiert, bei der der Publizist Henryk M. Broder sein damals aktuelles Buch vorgestellt hat – die Idee dazu kam von Martin, ich habe gern mitgemacht. Broder ist ein Autor, dem von seinen (in der Regel politisch links angesiedelten) Kritikern ein islamophob-rechtskonservativ-antieuropäischer Gesinnungsjournalismus vorgeworfen wird. Wir haben ihm nicht nur ein Forum geboten, sondern ihn anschließend sogar zum Essen eingeladen. Daher habe ich den damaligen ESG-Pfarrer Martin eigentlich für jemanden gehalten, für den jene „Toleranz für Andersdenke“, die kürzlich auch Alt-Bundespräsident Joachim Gauck (ausdrücklich den Linken) abgefordert hat, kein Problem ist.

    Ein zweiter Initiator, Andreas Dohrn, ist mir nur sehr flüchtig bekannt. In die Medien geschafft hat es der bei der Leipziger Stadtratswahl im Mai dieses Jahres nicht gewählte Grünen-Kandidat durch seine Verteidigung des Auftritts von Gregor Gysi bei einer Veranstaltung (ausgerechnet) am 9. Oktober 2019 in der Peterskirche. Die Kritiker dieses Auftritts würden, so Dohrn in einem Interview, indem sie „den Aspekt des Unrechts“ in der DDR betonen, „die Person Gregor Gysi“ nicht „mehrdimensional genug“ beschreiben. – Eine diskutable These, denke ich, sehe die Dinge freilich anders. Aber wenn sich Dohrn dann gegen „eine prinzipielle Abwertung von Positionen, Personen und Programm der Linken“ wendet, bin ich ganz bei ihm.

    Nun aber zur Petition. Der der mit dem Slogan „Nächstenliebe verlangt Klarheit“ überschriebene Text ist von jakobinischem Furor geprägt. Die dabei leitende Haltung wird in der Überschrift einer online-Meldung des „MDR Sachsen“ vom 27.09.2019 treffend auf den Punkt gebracht: „Online-Petition fordert Abbitte von Sachsens Landesbischof“. Und in der Tat: Hier wird nicht sachlich begründet kritisiert, sondern hier rufen die moralisch total Guten den moralischen Total-Versager zur Buße. Allerdings: Da sie ihn am Ende des Textes ganz grundsätzlich als ungeeignet dafür erklären, die Evangelisch-Lutherische Landeskirche zu repräsentieren, würden dem Bischof auch die geforderten Bußübungen keine Duldungsperspektive verschaffen. Insofern wäre „Rentzing muss weg!“ das ehrlichere Petitionsmotto gewesen.

    Auffällig ist auch: Die Petition benennt an keiner Stelle empirisch nachvollziehbare Auswirkungen der politischen Haltung Rentzings auf seine Amtsführung als Landesbischof. Der inkriminierte Auftritt in der „Bibliothek des Konservativismus“ gehört in das Jahr 2013, hat also (noch) nicht zu tun mit seiner Funktion als Repräsentant der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, auf die im Petitionstext abgehoben wird. Auch die Mensuren, die Rentzing als Mitglied einer pflichtschlagenden Landsmannschaft zu absolvieren hatte, lagen erkennbar in der Zeit vor seinem Amtsantritt. Ob eine – wohl auf Beitragszahlungen beschränkte – Aufrechterhaltung der Mitgliedschaft mit dem Amt eines Landesbischofs vereinbar ist, darüber kann man ebenso unterschiedlicher Auffassung sein wie über die Frage, ob durch Parteimitgliedschaften und Kandidaturen explizit gemachte Identifikationen mit bestimmten politischen Parteien mit dem Verkündigungsauftrag von Pfarrern verträglich sind.

    Als hätten die Petenten gespürt, dass sie Rentzing die Amtseignung nicht durch Hinweise auf vielleicht streitbare Aktivitäten vor dem Amtsantritt absprechen können, legen sie noch einmal grundsätzlich nach. Und erst hier wird deutlich, worum es eigentlich geht. Vorgeworfen wird dem Bischof die fehlende „Abgrenzung von der rechtsnationalistischen AfD“. Aufgrund dessen dränge sich „die Vermutung einer inhaltlichen Nähe [zur AfD] auf“. – Man muss sich diese Formulierungen auf der Zunge zergehen lassen. Rentzing soll sich erstens von etwas distanzieren, was er nie gesagt hat, um „die Vermutung“ auszuräumen, er würde es vielleicht denken. Zweitens, und das ist fast noch schlimmer, wird hier das Bekenntnis zu einer bestimmten politischen Agenda als Eignungsvoraussetzung für ein kirchliches Amt behauptet. Mit dieser Agenda ist gemeint – ich knüpfe an das oben zitierte Votum Dohrns an – „eine prinzipielle Abwertung von Positionen, Personen und Programm“ (allerdings nicht „der Linken“, sondern) der AfD, weil man nur so „den befreienden Glauben an das Evangelium bezeugen“ könne.

    „Ausgrenzung ist der falsche Weg, damit spaltet man die Gesellschaft.“ Diese Formulierung stammt von Eva-Maria Stange (SPD), der Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst im Freistaat Sachsen. Den Kontext des Zitats bilden Aussagen der Ministerin zum politisch motivierten Ausschluss des der AfD nahestehenden Malers Axel Krause von der 26. Leipziger Jahresausstellung 2019. Stange weiter: „Ich kann sehr verstehen, dass man ihre Positionen [die der AfD] nicht teilt und aus guten Gründen ablehnt. Aber wir leben zum Glück in einer Demokratie, und die fordert uns auf, uns mit Positionen auseinanderzusetzen.“ Wenn nicht alles täuscht, stand hinter Rentzings in der Tat zurückhaltenden Voten, was den Umgang mit AfD-affinen Christinnen und Christen in Sachsen angeht, genau dieses Interesse an einer Vermeidung pauschaler Ausgrenzung.

    Allerdings dürfte Rentzing hier weniger Frau Stange gefolgt sein als bestimmten Grundorientierungen des evangelischen Christentums. Dazu gehört der dezidierte Verzicht auf eine Gleichsetzung von Glaubenswahrheit und politischer Einstellung, mit Bonhoeffer gesprochen: die Wahrung der Differenz zwischen Letztem und Vorletztem. Wie etlichen anderen Akteuren im gesamtdeutschen kirchenamtlichen Protestantismus ist daher auch den Leipziger Petenten vorzuwerfen, dass sie dazu neigen, ihre – als solche respektablen – politischen Auffassungen religiös zu überhöhen, indem sie die von ihnen affirmierte AfD-Ausgrenzungs-Agenda als alternativlose handlungspraktische Folge des christlichen Glaubens ausgeben.

    Mit Nächstenliebe hat das alles nichts zu tun, eher mit einer denunziatorischen Leitkultur, in der sich kleingeistige Blockwartmentalität als vom Glauben getragene demokratische Gesinnung ausgibt. Und von Klarheit kann erst recht keine Rede sein. Es sei denn, man versteht darunter die filterblasentypische fensterlose Helle einer voll ausgeleuchteten politischen Homogenität. Ich hoffe, dass in dieser Art von Klarheit nicht die Zukunft des evangelischen Christentums in Deutschland liegen wird.

    Rochus Leonhardt

    Rochus Leonhardt, Jahrgang 1965, ist seit 2011 an der Theologischen Fakultät der Universität seiner Geburtsstadt Leipzig Professor für Systematische Theologie mit dem Schwerpunkt Ethik.“

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