Stefanie Diekmanns Jahr war voller Hürden, die sie mir ihrer Familie meistern musste. Sie hat dadurch das Genießen neu erlernt. 

Von Stefanie Diekmann

Oft hört man, dass wir Menschen durch Krisen reifen. Wenn das stimmt, müsste ich mega tiefsinnig und weise sein. Aber an manchen Tagen wäre ich lieber ein oberflächlicher Mensch…

Beim Erzählen unserer „Lowlights“ am Ende des Jahres füllen sich manchmal die Augen des Gegenübers mit Tränen. Oder es kommt ein Ausruf: „Das könnte ich nicht! Ich würde verrückt werden!“ Ich zücke ein distanziertes Lächeln. In mir rattern Fragen, die ich mich nicht zu stellen traue: Würdest du deinen Mann verlassen, weil es anstrengend wird? Würdest du in ein leichteres Leben wechseln? Weinen? Dir die Haare ausreißen?

Unerklärliche Lebensfreude

Seit drei Jahren jagt eine recht diffuse Erkrankung meinem Mann Angst ein, und er bietet ihr gelassen und auf Jesus fokussiert die Stirn. Er sieht von außen aus wie immer, was Menschen in unserem Umfeld irritiert. Schnell ist bei der Frage um Hilfe („Kannst du beim Umzug mitmachen?“) vergessen, dass er alle drei Wochen zu belastenden Infusionen muss und eine stetige Verschlechterung seines Gesundheitszustands uns fordert: Schmerzen, Gangbildunsicherheiten, fehlende Kraft, Taubheit.

Der Alltag hat für uns nun mit Arztbriefen, Krankenkassenanrufen und vielen halbwissenschaftlichen Ratschlägen zu tun. Wir bestätigen bei Nachfragen brav: Vergiftungen und übermäßiger Alkoholkonsum sind ausgeschlossen. Nach drei Jahren ungefragter Ratschläge werden wir etwas zynisch, wenn jemand Henrik vorschlägt, täglich Magnesium einzunehmen. Ja, wir haben schon mal probeweise auf Gluten verzichtet, mehr vollwertig gegessen, den Vitaminstatus überprüft und auch Osteopathie genutzt. Natürlich neben diversen Gebeten.

Denn: In allem sind wir nicht allein. Wir leben als Christen in einem Netz von Gebeten und merken das durch viel unerklärliche Lebensfreude. Wir sind in allem LebensGenießer. Als in einer unserer schwierigen Phasen meine Schwester ihren Mann mit 29 Jahren wegen einer Krebserkrankung gehen lassen muss, habe ich kurz Angst, dass mir die Trauer und die Zukunftssorgen den Boden unter den Füßen wegziehen.

„Wir leben als Christen in einem Netz von Gebeten und merken das durch viel unerklärliche Lebensfreude.“

Tatsächlich aber sind wir am Tag seines Todes mit den Vorbereitungen für einen kreativen Jugendgottesdienst beschäftigt und stehen schließlich mit aufgewühltem Herzen in einer Menge von singenden Christen am Grab, weil mein Schwager im Glauben an Jesus ganz gehalten gestorben ist. Auch ich suche einen Halt und Jesus‘ Blick findet mich. Weil Worte es kaum beschreiben, drücke ich es so aus: Es gibt nun ein Oben in meinem Denken. Der Strudel unter mir tönt und zerrt, aber er bekommt mich nicht. Und plötzlich ist ein trotziges Feiern in mir. Ich habe Grund dazu. Grund in doppeltem Sinn: Weil ich als Christin eine Gehaltene bin in allen Abgründen des Kummers, der Sorgen und der Schmerzen. Und weil ich eine Gehaltene bin, habe ich Grund zu danken und Gott auszudrücken, wie erstaunt ich über diese Tatsache bin.

Das Sinnvolle entdecken

Monate später ringe ich im Urlaub mit depressiven Gedanken und sogar mit Todessehnsucht. Wo ist mein Grund? Mein Lebensgenuss? Was hilft mein Glaube, wenn ich ihn nicht tragend werden lasse oder ihn nicht tröstend erlebe? Was bringt das Sorgen? Im Sprechen und Schreiben Fragen zu stellen, hilft mir, neu das Sinnvolle zu entdecken. Meinen Kindern beim Baden im knallblauen Meer zuzusehen oder ihre selbstgebackene Pizza zu probieren, macht mich empfindsam für Lebensfarben und Fülle. Ich schaue ganz bewusst hin, was ist, wo ich Gutes erlebt habe, inwiefern ich eine Beschenkte bin. Und schließlich ahne ich sogar, was mir selbst guttut. Und ich genieße – in allem Ungeklärten.

Wegen einer Fehlmedikation hat Henrik plötzlich einen Totalausfall seines Körpers und ist bis zum Hals gelähmt. Dieser Moment hat in mir einen tief sitzenden Schreck ausgelöst. Tatsächlich spüre ich den Schock noch immer. Mein großer Held regungslos. Und doch: Es scheint, als haben wir das „in allem“ schon gut geübt. Wir sind oft unnormal fröhlich. Ich genieße es, Blickkontakt zu meinem Mann aufzunehmen, Scherze zu machen, ihn zu berühren. Ich genieße den wissenden Blick einer Freundin, eine Nachricht oder die gekochte Mahlzeit vor der Tür.

Das Leben klein nörgeln

Henriks Lähmung geht zurück, aber ich bewahre mir das bewusste Ansehen Gottes und meines Mannes. Ich will Gutes erleben. Ich will leben – nicht nur mit Blick auf die ewige genussvolle Zeit bei Gott. Schon lange ist Henrik überzeugt, dass wir uns das Leben oft klein und farblos nörgeln. Wir sprechen von Stress, wenn wir etwas zu erledigen haben oder etwas anstrengend wird. Dabei ist es doch eine Chance, sich neu kennenzulernen: die Fähigkeiten zu reizen, sich zu fordern, Faulheit zu ignorieren und die eigenen Unterstützer wahrzunehmen.

„Ich will leben – nicht nur mit Blick auf die ewige genussvolle Zeit bei Gott.“

Bisher habe ich dem voll zugestimmt, weil ich eher solche Lebenssituationen vor Augen hatte: für eine Mathearbeit lernen, das Auto verkaufen, einen Magen-Darm-Virus überstehen…

Nun sehe ich auf Reha-Anträge und Bewerbungsabsagen, als Henrik versucht, sich neu aufzustellen. Ich sehe auf meine neue volle Stelle, um uns als Familie finanziell abzusichern. Das ist Stress! Ich gebe Freiheiten auf, weil ich arbeiten muss. Ich verliere Freundschaften, da diese sich weiter zu Frühstücksrunden treffen. Je mehr ich dem Stress Raum gebe, desto düsterer wird mein Lebensraum. Da einen stärkenden Blickkontakt zu erleben, ist schwierig. Wo sind mein Lebensgenuss und die Feierlaune hin?

Tägliche Übung

Doch mein Jammermodus macht mich müde. Und ich habe mich bewusst entschlossen, mutig und waghalsig zu sein. Ich putze weniger. Ich lasse Menschen an mein Herz – und andere nicht mehr. Ich mache im Internetbattle um geistliche Erkenntnisse und hübsche Essensteller nicht mehr mit. Ich blicke auf Charakterzüge, die ich schon als unveränderlich abgestempelt habe. Und ich wage es, den sicheren Job zu kündigen, um mit Henrik zusammen das zu tun, was wir lieben und können: Menschen im Glauben an Jesus ermutigen und kreativ sein. Und: Ich will endlich wieder mit meinem Mann morgens Kaffee trinken – ein Luxus, den ich sehr vermisse. Meine Umstände kann ich nicht alle ändern: Unsere Finanzen bleiben übersichtlich, die Krankheit bleibt präsent. Aber ich kann den Blick schärfen und darauf achten, dass ich den Lebensgenuss nicht verliere oder hindere.

„Ganz motiviert gehe ich als Gehaltene ins Ungewisse.“

Leben genießen ist meine tägliche Übung. Wir üben als Familie, langsamer zu leben und uns im Blick zu behalten. Bewusst zu streiten und Gutes zu sagen sind dabei unsere Lernfelder. Manchmal gelingt es. Manchmal scheitert das Genießen beim gemeinsamen Essen daran, dass alle schlecht gelaunt sind oder ich vergessen habe, dass die Kinder Training oder Bandprobe haben.

Zurückschauen

Am Ende des Jahres sehen wir uns als Familie jeden Monat des Jahres an. Zu jedem Monat bekleben, bemalen und beschriften wir ein Blatt. So haben wir vor Augen, wie oft wir gefeiert und gelacht haben und wann wir gestrauchelt sind. Wir sagen uns ein Lob oder bitten um Vergebung. Wir freuen uns über Menschen und lassen andere bewusst los. Als ich einer Freundin vom Jahresrückblick erzähle, reagiert sie traurig: „Ich wünsche mir das auch so sehr. Bei uns geht so was nicht!“ Lachend habe ich den romantischen Schleier in ihren Vorstellungen gelüftet. Wir haben uns gegenseitig fast gezwungen, weil wir lieber die angefangene Serie weitergeschaut hätten. Nach dem „Februar“ musste ich auf Toilette, nach „Mai“ kam ein Anruf, ab „September“ war Henrik so gefrustet, dass er abbrechen wollte. Nach einem kleinen Streit ging es dann weiter.

Das Auswerten des Jahres hat meinen Blick gefestigt. Ich bin durch Krisen gegangen, habe Leid miterlebt und erfahren, war gefordert und überfordert. In allem bleibt Gottes Halt. In allem bleibt meine Chance, in kleinen Spielräumen aktiv zu werden und Leben sinnlich aufzusaugen, zu genießen! Irgendwie stimmt der Spruch mit dem Wachsen an Krisen also doch. Auch wenn ich heute froh bin über einen durchschnittlichen Wochentag.


Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift Family erschienen, die wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört.

4 DIREKT-KOMMENTARE

    • Wenn es keine Menschen gäbe, gäbe es kein Leid und keine Kriege.
      Gott hilft den Menschen, die oft so viel Leid erzeugen immer wieder. Gibt Kraft und Lebensfreude.

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