Als Marieluise Bierbaum für Renovierungsarbeiten ihr Wohnzimmer komplett ausräumen muss, erkennt sie, welche Fülle in so einem leeren Raum steckt. Und was dieser Minimalismus mit Gott zu tun hat.

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Ich liebe mein Arbeitszimmer – besonders den schönen, alten englischen Schreibtisch und den Blick aus dem von Kletterrosen umrankten Fenster. Ich freue mich über den Anblick der vielen schönen Dinge mit kostbarem Erinnerungswert auf Regal und Fensterbank. Ich sehe gern die sorgfältig ausgesuchten Bilder an den Wänden an und bin stolz auf die vielen Bücher in den geerbten Schränken. Das alles macht die unverwechselbare, persönliche Atmosphäre meines Zimmers aus, in dem ich mich wohlfühlen kann. Und doch überkommt mich von Zeit zu Zeit – und in der letzten Zeit immer öfter – ein unbezwingbares Gefühl der Flucht. Bloß weg von all den Dingen! Und damit meine ich nicht die aufgestapelten Klassenarbeitshefte, die unbeantwortete Post oder die halb fertige Übersetzung. Ich denke vielmehr an die vielen Gegenstände, die alle eine Geschichte haben, die mir alle so wertvoll waren, dass ich sie aufheben wollte, und die jetzt meine Schränke und Regale füllen: wertvolle Dinge, wunderbare Kleinigkeiten, interessante Bücher.

Aber ich kann auch von einem Übermaß an Kostbarkeiten erdrückt werden.

Ich erlebe sie als einen Ballast, eine Last, die ich abwerfen möchte, um freien Raum zu gewinnen.

Ruhe im leeren Raum

Vor einiger Zeit wurde in unserem Wohnzimmer der Parkettfußboden renoviert. Dazu musste das Zimmer völlig ausgeräumt werden, eine mühevolle Arbeit. Das Abschleifen und neue Versiegeln dauerte dann nur ein paar Stunden. Anschließend musste der Raum einige Tage ruhen. Er war noch zu frisch, man durfte die schweren Möbel noch nicht wieder hinstellen. Ein wunderbar leerer Raum! Nach einigen Tagen habe ich einen kleinen Teppich und einen Sessel hineingestellt. Dort zu sitzen, in dem großen, leeren Raum war für mich wie eine Erholung, eine Ruhe, ein Zu-mir-selbst-kommen. Ich habe das unvermeidliche Einräumen der Möbel solange hinausgezögert wie möglich. Schließlich musste es sein. Diese Erfahrung allerdings geht mir nach und wurde mir zum Bild für vieles.

Vorgegaukelte Fülle

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In unserer materialistischen und hektischen Zeit müssen Dinge oft Inhalte ersetzen. Das fängt bei vollgestopften Kinderzimmern an und endet Samstag für Samstag auf den zahlreichen Flohmärkten, wo man sich bemüht, den überflüssigen Ballast wieder loszuwerden. Ich habe Sehnsucht nach einem leeren Raum. In der Vielfalt, der Zerstreuung und Zersplitterung meines Lebens habe ich das Bedürfnis nach Einfachheit, nach Stille, Leere. Ich möchte Ballast abwerfen, mich befreien von den vielen Dingen, die ich zwar schön finde, die ich aber eigentlich gar nicht brauche. Sie belasten mich, gaukeln mir eine Fülle vor, die gar nicht existiert, vernebeln den Blick für das Einzigartige. Und das eben ist das Wesen des Einzigartigen, dass es sich nur im freien Raum entfaltet.

Erst die leere Fläche gibt dem einzelnen seine unersetzliche Bedeutung.

Wahrscheinlich hängt es auch mit meinem Alter, meiner Lebensphase zusammen, dass ich dem Sammeltrieb der jüngeren Jahre nicht mehr folge, dass ich keine Stöckchen mehr zusammentragen muss für das Nest. Das Nest ist gebaut, und ich weiß längst, dass es mehr auf das innere Leben im Nest ankommt. Ich möchte nicht ablenken vom Wesentlichen, möchte innerlich gesammelt bleiben in der Vielfalt meines äußerlich hektischen, stressigen, unruhigen Lebens. Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als ich mein Leben toll, abwechslungsreich und interessant fand, weil kein Tag wie der andere war – immer neu, nie langweilig. Jetzt suche ich oft die lange Weile für die Konzentration auf das Wesentliche.

Erfüllt sein ist etwas anderes als Überfüllung, und erst in der Leere des Raumes entdecke ich die Fülle der Gedanken.

So erlebe ich es in einem stereotyp, zweckmäßig eingerichteten Ferienhaus an der See, in einem unpersönlichen, nüchternen Hotelzimmer und besser noch am leer gefegten Strand im Winter und in der Einfachheit einer Klosterzelle.

Fülle in der Leere

Ein weiß getünchter Raum, ein Kreuz, ein einfaches Bett, ein Tisch, ein Stuhl, ein guter Ausblick. So wenig wie möglich! Kein Lärm. Stille. Und dann eine einzelne Rose auf dem Tisch und eine Kerze vielleicht. Was für ein Reichtum! Hier lenkt nichts ab. Hier ist Raum zur Begegnung. Zur Begegnung mit mir selbst, zur Begegnung mit meinen Erinnerungen, Plänen, Wünschen, Enttäuschungen und Hoffnungen. Zur Begegnung mit Gott vor allem, zum Gespräch mit ihm, zum Hören auf ihn.

Ich habe Sehnsucht nach einem leeren Raum, gefüllt mit Gottes Gegenwart und nicht vollgestopft mit den tausend anderen Dingen dieser Welt. Einmal wird die Zeit kommen, wo ich ganz ohne diese Dinge sein werde.

Marieluise Bierbaum ist Lehrerin und Referentin.

Dieser Artikel ist Teil unserer Themenwoche „ANDERS LEBEN. Alle weiteren Artikel, Informationen & Literaturtipps zum Thema finden Sie >>> hier.

Marieluise Bierbaum schrieb diesen Artikel für die Zeitschrift AUFATMEN, die ein Produkt des SCM Bundes-Verlags ist, zudem auch Jesus.de gehört.

4 DIREKT-KOMMENTARE

  1. Das passt ja mal gar nicht mit Gott zusammen!! Leerer Raum gibt Fülle? Wo soll das in der Bibel denn auch so gewesen sein? Minimalismus ist einfach gerade bei der Gesellschaft in Mode und anstatt als Gemeinde Gott im Ziel zu haben, richtet sich alles nur noch um das Denken der Gesellschaft – Minimalismus hat voll was mit Gott zu tun, – Eheschließung zwischen dem gleichen Geschlecht ist ja plötzlich total legitim, als ob all unsere gesitigen Lehrer die ganzen Jahre über blind gewesen wären, was diese Themen betrifft. Der Glaube an Jesus sollte sich nicht an die Gesellschaft anpassen sondern ungekehrt. Durch den Glauben, soll unser Denken und Fühlen erneuert werden. Also, wenn ich in der Bibel lese, lese ich von einem Gott, der immer im Überfluss gibt und mehr als nötig! Wie das minimalistisch sein soll, ist mir wirklich nicht klar..

    • Hallo Marina,

      ich glaube, Sie haben die Autorin missverstanden. Sie hat lediglich eine Situation erlebt, in der alles plötzlich leer – minimalistisch – war. Und dieser leere Raum bot ihr dann viel Platz, um Gottes gegenwart zu erfahren. Weil nichts störte. So wie Gott sich je bekanntlich auch in der Stille finden lässt. Im „sanften sausen“ – siehe Elia. Viele Grüße, Daniel vom Jesus.de-Team

  2. Bravo liebe Marieluise Bierbaum,

    ich finde den Artikel gut. Er hat mich – etwas vom Thema abkommend – immerhin auch erinnert, dass Jesus in die Wüste gegangen ist um zu fasten (obwohl der kein Asket war). Wir leben nicht nur materiell in einer Überflussgesellschaft, sondern
    jammern auf hohem Niveau. Aber noch bedenklicher ist die Sturmflut der Überinformation. Bereits in den 1970-1980er Jahre kam in meiner Ev. Kirche die richtige These auf, dass der Markt der Möglichkeiten ( neben der Werbung wie man sein Leben überhaupt unterhaltsam ausgestalten kann), uns als Christen mit den vielen Sinn-Botschafter*innen in Konkurrenz setzt.

    Es gab ja als religiöse Angebote nicht nur jene der Psychosekten wie die „Kinder Gottes“, die Vereinigungskirche mit ihrem neuen Messias aus Korea, sondern auch die Jesus-People-Bewegung und vieles mehr. Damals war ein Freund wie ein Wanderer zwischen den Welten. Denn gerade 18 geworden war er heute glühender Kommunist, am übernächsten Tag ist er plötzlich ein Jesus-Hippie und wenige Monate später ein Verkünder der damals modernen Apologetik einer „freien Liebe“, wobei fast jede/r unter diesem Motto etwas anderes verstand. Auch solche Orientierungslosigkeit fordert ihre Deutung.

    Die großen Demonstrationen der Apozeit ebbten ab, aber alle unterschiedlichen Lehren verströmten auch unausgesprochen eine Sehnsucht nach Freiheit, Lebenssinn, Gemeinschaft und einer Hoffnung, dass sich alle Dinge und Zustände ändern müssten. Das propagierte mit Recht die Friedensbewegung. Damals dachte ich – und sprach es in der Gemeinde aus – „wir müssen etwas sehr viel besseres anbieten, und es auch leben“. Ich sehe noch meine Mitchristen die Stirn runzeln?!

    Es geht nicht darum, dass wir Christ*innen nicht nur ein weiteres Angebot für Lebenssinn und -bewältigung sind, sondern dass wir besser, attraktiver und noch liebevoller sind und an die Stelle einer politischen Revolution eine solche der Liebe Jesu setzen. Als Taize-Fan habe ich dann erfahren, was wirklich wichtig ist: Das Gemeinschaft- haben, beten, in die Stille gehen dürfen, viele Kerzen anzünden und uns nicht zum Lachen im Keller verstecken. Es kann für jede/n wichtig sein, sich in die Stille zurück zu ziehen, die vielen lauten Stimmen des Internets, der Nachrichten, der Katastrophen, der Kirmes und Feste, einmal für kurze Zeit auszublenden. Damals ging ich – ein Novum für nachpubertäre Jünglinge – nicht wie Jesus in die Wüste, sondern stundenlang durch menschleere Wanderwege in unseren schönen und kaum besuchten Wäldern. Da erlebte ich, dass Gott wie der Schatten über meiner rechten Hand ist. Ich konnte ihm alles über mich erzählen, was er längst viel besser wusste. Dann anschließend erlebte ich mich wie neugeboren. Es gibt keinen besseren Psychotherapeuten als Gott selbst.

  3. Ja weniger ist oft mehr und im weglassen liegt die Kunst. Aber viel wichtiger ist, dass wir CHRISTEN generell aufwachen. Was meine ich damit ? Jede Familie ist nur dann eine Richtige, wenn Vertrauen und Einheit sie bestimmt. So ist es aber überhaupt nicht in unsren Gemeinden. Denn selbst in kleinen Dörfern sind wir ein gespaltener durch Konfessions- und Dogma-Gewürge. Und das in ganz Europa und USA. Wir sind weit entfernt ein LEIB des CHRISTUS pro Wohnort zu sein. Wenn wir also nicht endlich beginnen alles was der EINHEIT pro Wohnort entgegensteht zu demontieren, werden uns zurecht die Nicht-Christen und der Islam überrennen … Wenn der HERR auf unsre Wohnorte und Land schaut, sucht ER gelebte EINHEIT unter uns (extra Thema, was die Details betrifft), ansonsten wir mehr als nur unglaubwürdig, nämlich eine Schande … Auch wenn das schon vielen Jahrhunderte so ist, unsre Gedankenarmut muß aufhören. Sonst kann uns nur CHRISTENverfolgung oder dergl. zum aufwachen bringen …

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