Manu Theobald: Stille ist

0

Manu Theobald hat ein Buch über die Stille veröffentlicht, ohne einen Text beizutragen. Denn sie ist nicht Schriftstellerin, sondern Fotografin und eine aufmerksame Zuhörerin.

Dafür lässt sie 25 andere Menschen – Menschen mit außergewöhnlichen Begabungen von fast überall auf der Welt – zu Wort kommen. Alleine die Liste der Beteiligten übt schon eine gewisse Faszination aus: Astronaut, Höhlenforscherin, Umweltaktivistin, Sterbebegleiter. Und die Spannung steigt: dass ein Akustikingenieur in seinem Beruf mit Stille zu tun hat, ist nachvollziehbar – aber was wird uns ein Koch oder eine Paartherapeutin darüber verraten können?

Tatsächlich sind die gemachten Aussagen über die Stille sehr persönlich. Jede der zu Wort kommenden Persönlichkeiten ist auf ihrem Gebiet ein Experte, eine Berühmtheit; doch in ihren Darlegungen sind diese Auszeichnungen und Rekorde höchstens Randerscheinungen. In der Stille verlieren sie nämlich ihre Bedeutung. Die Stille scheint so sehr im Inneren eines Menschen versteckt zu sein, dass man sich ihr nur auf eine sehr tiefschürfende, ja intime Weise nähern kann.

Werbung

Wie unterschiedlich diese persönlichen Erfahrungen aussehen können, zeigen schon die Kapitelüberschriften, welche die jeweilige Kernaussage in sich tragen: „Stille ist eine Null“, „Stille ist Übergang“ oder „Stille ist eine Kette aus Kreuzungen“ heißt es da beispielsweise. Die einzelnen Erfahrungen sind so interessant zu lesen, dass man sich unweigerlich fragt: Könnte es sein, dass die Stille, die uns so langweilig vorkommt, die wahren Abenteuer birgt? Jede Stimme steht für sich und trägt ihre eigene Wahrheit. Hier wird nichts gedeutet, nichts bewertet, nichts diskutiert. Die verschiedenen Ansichten stehen nicht im Widerspruch zueinander, sondern ergänzen sich und zeigen die beeindruckende Bandbreite des Themas Stille.

In einem jedoch sind sich die Persönlichkeiten einig: Die Stille macht viele außergewöhnliche Leistungen erst möglich. Sie ist es, die Sinne öffnet, die einen zu sich selbst finden lässt, die Kraft spendet. Obwohl in einem christlichen Verlag erschienen, findet man in diesem Buch allerdings keinerlei biblische Begründungen, ja nicht einmal sonstige religiösen Aussagen. Doch gerade für Christen, für die eine „Stille Zeit“ quasi zum Pflichtprogramm gehört, kann es sehr inspirierend sein, sich der Wichtigkeit und der Vielschichtigkeit der Stille an sich neu bewusst zu werden.

Allein schon bei der Lektüre macht sich eine Ruhe breit, denn das Konzept dieses Buches ist wahrlich simpel. In jedem Kapitel erzählt eine dieser Personen, was Stille für sie bedeutet. Zwei Fotos und eine Kurzbiografie des Erzählers runden es ab. Die ganzseitigen Porträtfotos machen deutlich, dass auch Manu Theobald Expertin ist: mit einer großen Liebe zu ihren Objekten zeigt sie uns ohne Effekthascherei vom Leben gezeichnete und trotzdem zufriedene, ausdrucksstarke Gesichter. Diese Eindrücke werden vom minimalistischen, luftigen Design des Buches noch unterstrichen. Es kommt einem so vor, als würde diese schlichte, unaufgeregte Gesamtkomposition selbst die titulierte Stille atmen.

Auf sehr eindrückliche Weise lädt dieses Buch seine Leser*innen ein, selbst innezuhalten und sie auf eigene Faust zu suchen – diese faszinierende, unheimliche, verstörende, bereichernde, formende, energiespendende, tiefgründige Stille.

Von Karin Engel

Leseprobe (PDF)

Verlag: Adeo
ISBN: 978-3-86334-271-5
Seitenzahl: 224
ÜBERBLICK DER REZENSIONEN
5

HINTERLASSE EINEN KOMMENTAR

Please enter your comment!
Bitte gib deinen Namen ein