Ich biege am Weihnachtsbaum mit den fair gehandelten und selbst gestalteten Kugeln ab und bleibe vor dem Brunnen stehen, an dem gerade zwei Damen die Füße gewaschen werden. Der Markt der Möglichkeiten auf dem Kirchentag ist mehr als ich mir vorgestellt habe – und mehr als ich brauche.

Von Rebekka Buchholz

Über fünf Stunden habe ich heute auf dem Markt der Möglichkeiten verbracht und trotzdem das Gefühl, die Hälfte verpasst zu haben. Ich weiß jetzt, dass ich die Größe eines Gummibärchens hatte, als ich sechs Wochen alt war, dass TdU die Abkürzung für Tage der Utopie ist und an wen ich mich wenden muss, wenn ich ein FSJ in Bolivien machen möchte. Der Markt der Möglichkeiten macht seinem Namen alle Ehre: Noch nie habe ich so viele Lebensgeschichten, so viele unterschiedliche Perspektiven und so viele Optionen, was auch ich mit meinem Leben machen könnte, auf so kleinem Raum gesehen. Stand an Stand aneinander gereiht.

Eucharia aus Nigeria stellt mir die STUBE vor, ein Studentenbegleitprogramm für Studierende aus Afrika, Asien und Lateinamerika. In gebrochenem Deutsch erzählt sie mir, wie sie und ihre zwei Kolleginnen nach Deutschland gekommen sind und wie wichtig ihnen das Projekt ist. „In der STUBE treffen wir Studenten, die so wie wir weit von zu Hause weg sind und lernen, wie wir uns hier integrieren können.“

Nur einige Meter weiter und immer noch den fremden Akzent im Ohr drückt mir plötzlich jemand einen orangen Zettel in die Hand. „Gott wohr di Lief un Leven nu un all de Daag.“, steht darauf. „Können Sie das lesen?“, fragt mich ein älterer Herr. Eigentlich kann ich Plattdeutsch recht gut verstehen, aber bei diesem Text stocke ich. Er hilft mir beim Übersetzen. „Gott bewahre dir Leib und Leben jetzt und alle Tage.“ heißt der Vers aus Psalm 121 auf Hochdeutsch. „Dat is dat Wichtigste. Nich vergeeten.“, sagt er.

Holzbausteine und Playmobilfiguren

Und da gibt es „Hinz und Kunzt“–Das Hamburger Straßenmagazin. „Mit dieser Zeitschrift helfen wir Obdachlosen, sich aktiv aus ihrer Lage zu befreien.“, erklärt mir der Standmitarbeiter. Die Obdachlosen können das Magazin für 90 Cent erwerben und dann für 1,90 Euro weiterverkaufen. Außerdem hilft die Initiative bei der Wohnungsbeschaffung und berät bei Suchterkrankungen und sozialen Problemen. 500 aktive Verkäufer hat das Projekt.

Nachdem ich in einem Sandkasten mit Holzbausteinen und Playmobilfiguren meine Wunschkirche gebaut habe, komme ich an den Stand eines Frauenprojektes in Indien. Der Glasschmuck und die bunten Taschen und Seidentücher, die am Stand verkauft werden, wurden eigens für den Kirchentag von Frauen aus dem Projekt hergestellt. Der gesamte Erlös kommt ihnen zugute. Eigentlich wollte ich mir einen blauen Kirchentagsschal kaufen. Jetzt erwerbe ich doch ein Tuch an diesem Stand. 10 Euro für einen guten Zweck. Und schön sieht er auch aus.

Mit tausend Flyern in der Tasche komme ich in unserem Quartier an. Beim Durchgucken merke ich, wie viele Informationen an diesem Tag meinen Kopf passiert haben. So viele Möglichkeiten, so viele Geschichten. Was davon brauche ich jetzt wirklich? Mein Blick durchschweift den Haufen. Dann nehme ich den Schal heraus und betrachte die bunten Fische darauf. Selbst in Indien denken Menschen an unsere Zeit hier in Hamburg. Für mich macht das Tuch meinen Kirchentag international. Der Rest der Ausbeute wandert in meine Tasche. Mit diesen Möglichkeiten beschäftige ich mich ein anderes Mal – vielleicht.