Mit ihrem Album „Beautiful Things“ lösten Gungor sich von dem Zwang, allen Menschen gerecht werden zu müssen. Und wurden dafür mit viel Aufmerksamkeit und Grammynominierungen belohnt. Wir trafen Michael Gungor beim Himmelfahrtfestival in Bochum und haben mit ihm gesprochen – über Gemeinde als Inspirationsquelle, die Gefahr einer religiösen Blase und die Nichtexistenz „christlicher Musik“.
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Michael, wolltest du schon immer professionell Musik machen?
Nun ja, ich habe immer Musik geliebt. Und ich habe früh mit dem Gedanken gespielt, professioneller Musiker zu werden. Aber es fiel mir lange schwer, mich echt darauf einzulassen. Mit Musik Geld zu verdienen ist eben nicht so einfach. Aber als ich mich entschieden habe, am College in Jazz meinen Abschluss zu machen, habe ich mich im Prinzip auch dafür entschieden, damit Geld zu verdienen, denn man kann nicht viel anderes mit einem Musikabschluss machen.

Was hältst du von der Musik, die wir im Moment in unseren Gemeinden hören und singen?
Es gibt vieles, von dem ich gelangweilt bin, aber im Großen und Ganzen habe ich kein Problem damit. Wir müssen nur vorsichtig sein mit den Begriffen, die wir in unseren Kirchenliedern singen. Wir vermitteln durch sie bestimmte Ideen von Gott. Menschen nehmen viel durch Lieder auf, mindestens genauso viel wie durch Predigten. Wir müssen einfach umsichtig sein, was wir schreiben.

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Und da gibt es noch viel Raum einzunehmen. Viele der Psalmen sind zum Beispiel Klagelieder. Das findet sich in unseren heutigen Lobpreisliedern nicht wieder. Es muss alles seinen Platz haben: Natürlich „Gott, du bist groß“ und „Ich liebe dich, Jesus“. Aber damit darf es nicht aufhören. Wie können wir in einer Welt, wo es so viel Schmerz gibt, nicht auch mal klagen? Ich komme mir dann isoliert vor, als hätte ich mich in eine religiöse Blase zurückgezogen, wo ich Gott nicht auch Fragen stellen darf. Ich glaube wir sind keine Christen, wenn wir nicht auch mal Klagen. Ohne ein Zeichen von Klage verlieren wir meiner Meinung nach den Bezug zur Welt, in der wir eigentlich Salz und Licht sein sollen.

Du bist mit deiner Frau Lisa nicht nur verheiratet, sondern ihr arbeitet auch zusammen. Wie schafft ihr es, beide Rollen unter einen Hut zu bringen?
Mmh, ich weiß nicht. Ich glaube, das passiert ganz natürlich. Mal sprechen wir über Bandsachen, dann aber auch wieder nicht. Ich meine, uns beiden ist die Band und die Musik wichtig, darum fühlt es sich für uns auch nicht nach Zwang an. Es ist für uns ja nicht nur Arbeit, sondern es ist unser Leben. Aber es gibt auch Zeiten, wo wir zwar über Musik diskutieren, es aber eigentlich um unsere Beziehung geht. Insbesondere Lisa ist da sensibel. Da müssen wir dann aufmerksam sein. Aber es ist toll, das alles gemeinsam zu erleben.

Als Band seid ihr viel unterwegs. Gleichzeitig ist es euch wichtig, eng mit der von euch gegründeten Gemeinde verbunden zu bleiben. Wie schafft ihr das?
Grundsätzlich versuchen wir jeden Sonntag zuhause zu sein, um am Gottesdienst und am Gemeindeleben teilnehmen zu können. Wir versuchen da eine gute Balance zu finden zwischen Reisen und zuhause sein. Denn immer wenn wir in unseren Songs von einem „Wir“ singen, dann ist damit unsere Gemeinde gemeint. Ich schreibe nicht von irgendwelchen gesichtslosen Personen, sondern ganz konkreten Menschen und Geschichten aus meinem Umfeld. Sie inspirieren das Schreiben. Also präsent zu sein in unserer Gemeine ist wirklich wichtig für uns. Ich glaube, wir waren im letzten Jahr echt zu viel unterwegs, aber dieses Jahr versuchen wir das besser zu machen.

Wie sollte Gemeinde in deinen Augen sein?
Ich habe mehrere Jahre den Lobpreis in einer Megagemeinde geleitet. Irgendwann entwickelte sich das aber mehr und mehr zu einem Job und ich fühlte mich nicht mehr als Gemeindemitglied, sondern nur noch in der Rolle des Musikers. Darum haben meine Frau und ich dort aufgehört und sind nach Denver gezogen, wo wir erst mal niemanden kannten. Dort haben wir einige Zeit nach einer Gemeinde gesucht, haben dann aber einen Freund getroffen und eine Art Hausgemeinde gestartet. Seit dem haben sich viele kleinere Hausgemeinden entwickelt, die sonntags zusammen kommen. Wir machen da nichts Verrücktes oder Besonderes. Wir kommen einfach zusammen, versuchen Gemeinschaft zu leben, Gerechtigkeit auszuüben und solche Menschen zu sein, wie es Jesus gelehrt hat. Es ist sicherlich nicht perfekt, aber es ist ein Grund, warum ich immer noch ein Christ sein will.

Die Texte eurer Lieder sind sehr spirituell und mit viel Tiefgang. Was inspiriert dich zu solchen Zeilen?
Alles, was wir erleben, fließt da rein. Auch vieles, das wir mit unserer Gemeinde erleben. Musik ist einfach eine Art, uns auszudrücken. Die Inspiration zu einem Song kann im Prinzip von allem kommen, einem Film, einem Gespräch mit einem Freund, einer Geschichte, die passiert. Auch wenn viele unsere Lieder am Ende eine theologische Note haben und vom Glauben reden, basieren sie letztendlich auf Geschichten. Wenn ich unsere Musik höre, hat das viel Autobiografisches. Wenn ich zum Beispiel in einem Lied „Gott sei meine Stärke“ singe, ist das natürlich ein Gebet, aber es kommt vor allem auch aus einer Zeit, wo ich ausgebrannt war und keine Kraft mehr hatte.

Welche Rolle spielt dein Glaube für deine Musik?
Mmh, so wie ich Glauben sehe, kommt Musik bei jedem irgendwie vom Glauben her. Es gibt eine Art von Glauben, bei der es um bestimmte Überzeugungen geht. Und es gibt diese andere Art von Glauben, die wir wirklich in unserem Herzen haben. Es braucht immer Glauben, um etwas zu tun. Es braucht Glauben, um morgens aufzustehen, zu glauben, dass es wert ist, aufzustehen, denn du hast ja letztendlich keine Ahnung, ob es nicht vielleicht ein richtig schlechter Tag wird. Oder der Tag könnte auch der beste sein. Aber du brauchst einfach Glauben, um es zu tun. Glaube ist für mich etwas, von dem alles kommt und durch den alles kommt. Als Gungor sind wir in mancher Hinsicht vielleicht etwas deutlicher, was den theologischen Gehalt unseres Glaubens angeht. Aber eigentlich drücken alle Künstler ihren Glauben durch ihre Kunst aus, ob sie es realisieren oder nicht.

Warum willst du deiner Musik nicht das Label „christlich“ geben?
„Christlich“ ist ein schwaches Adjektiv. Ein Christ ist eine Person, die Jesus nachfolgt. Also wie kann eine Sache, wie Musik, dann als „christlich“ bezeichnet werden? Für mich schafft das eine gefährliche Spaltung zwischen weltlich und heilig. Diese Annahme, dass manche Dinge heilig sind und andere nicht – dadurch beraubt man meiner Meinung nach Gott der Tatsache, dass ihm die gesamte Erde gehört und alles was darin ist, jeder Bereich unseres Lebens sollte spirituell sein. Ich finde einfach die Begrenzung durch die Vergabe des Labels „christlich“ schwierig.

Was wir aber tun – und das versuchen die meisten Bands bei Festivals, die übrigens häufig christlich genannt werden (lacht): Wir versuchen, Musik zu machen, die Menschen näher zu Gott bringt. Häufig adressieren wir mit unserer Musik direkt Gott. Wir nennen das gerne „liturgisch“, weil es dieses Wir-Element beinhaltet, diese gezielte gemeinsame spirituelle Erfahrung. Das ist für mich dann andere Musik als solche, die manchmal als christlich bezeichnet wird, eigentlich aber einfach nur Pop- oder Rock-Musik ist, die zufälligerweise Wörter wie Jesus enthält.

Warum haben wir oft dieses Bedürfnis, Dinge in christlich und nicht-christlich einzuteilen?
Vielleicht ist es ein bisschen Angst. Vielleicht ist es auch dieses typische „Wir und Ihr“-Ding in der Welt, das echt übel ist. Wie separieren uns von anderen, vielleicht aus einem Sicherheitsbedürfnis heraus. Das ist der Grund, warum Kriege geführt werden, warum es Rassismus gibt, die schlimmsten Dinge in der Welt gehen häufig auf dieses Wir-und-Ihr-Denken zurück. Und das gibt es im Bereich Religion auch: Wir verkriechen uns in unserer kuscheligen Welt, haben unsere eigene Musik, so dass wir separat von allen anderen sein können. Und das ist meiner Meinung nach eben nicht christlich. Wenn man das historisch betrachtet, sollen wir in der Welt sein – nicht von dieser Welt, sondern wie eine neue Kreatur, die eben dazu berufen ist, Liebe zu verbreiten in dieser Welt.

Auf eurer Webseite schreibst du, dass ihr als Band versucht, „ehrliche“ Musik zu machen – was macht Musik für dich ehrlich?
Es gibt hunderte verschiedener Stimmen, die uns als Künstler beeinflussen wollen: Das Label will Musik von dir, die im Radio funktioniert, andere wollen Musik, die in der Kirche gut ankommt, manche Fans wollen Musik, die leicht nachzuspielen ist und deine Band will wieder was anders. Für eine Weile fiel es mir echt schwer, zwischen all diesen Stimmen zu navigieren. Schließlich wollte ich wirklich anderen mit meiner Musik dienen und nicht nur mein eigenes Ding durchziehen.

Aber irgendwann kam ich an dem Punkt, dass ich verstanden habe, dass ich einmalig von Gott erschaffen bin. Und wenn ich daran glaube, kann und sollte ich die Musik machen, die aus meinem Innersten kommt. Und ich sollte primär auf meine Stimme hören und nicht auf die Stimme von anderen. Ich sollte Musik machen, die mir etwas bedeutet und die wahrhaftig das wiedergibt, wer ich bin und was mich ausmacht. Und eben ohne all die Filter, mit denen ich versuche, allen anderen gerecht zu werden.

Euer Album „Beautiful Things“ hat viel Beachtung gefunden und ist mehrfach ausgezeichnet worden – hast du mit dieser positiven Resonanz gerechnet?
Nein, absolut nicht. Ironischerweise war es das erste Album, bei dem ich aufgehört habe, mir Gedanken zu machen, was andere von meiner Musik halten und mit dem ich nicht mehr jeden gleichzeitig glücklich machen wollte. Bei dem Album sind wir nicht ins Studio gegangen, wo jeder hätte dazukommen und seine Meinung sagen können. Sondern wir sind in die Berge gefahren, wo wir kaum Handyempfang hatten und haben ein Album gemacht, das wahrhaftig ist. Und wenn es dann niemand gemocht hätte, wäre das auch ok gewesen. Denn das Machen an sich war für uns schon Lobpreis und nicht erst das Ergebnis. Und klar bevorzugen wir, dass es auch andere Menschen mögen, aber wir wollten uns eben nicht davon abhängig machen. Ironischerweise haben es die Menschen so besser gefunden als jedes andere davor. Auf diesem Weg wollen wir bleiben.

Euer aktuelles Album „Ghosts upon the earth“ ist ein Konzept-Album…
Es ist irgendwie die Geschichte von allem. Es beginnt mit der Schöpfung, dann handelt es vom Sündenfall und danach von der Hoffnung einer neuen Schöpfung. Das Album ist fast eine Liturgie in sich selbst: Es geht darum, kleine Geschichten zu erzählen und dabei eigentlich die eine große Geschichte zu reflektieren, in der wir alle eine Rolle spielen.

Was hoffst du, dass wir als Zuhörer von diesem Album mitnehmen?
Ich weiß nicht. Ich glaube als Künstler, dass die Menschen immer viele Dinge mitnehmen können und es nicht nur eine einzige Botschaft gibt. Ich erzähle einfach eine Geschichte, aus der Menschen eine Million von Dingen mitnehmen können. Und das ist es auch, was ich an Kunst so liebe. Ich meine, wir könnten Lied für Lied, Zeile für Zeile durchgehen und ich könnte sagen, was ich damit verbinde, aber ich liebe es auch zu hören, was andere Menschen daraus interpretieren, was sie glauben, dass wir ausdrücken wollen. Kunst ist für mich wie Freiwild (lacht).

Gibt es Zukunftspläne?
Ja, wir werden eine Live-DVD rausbringen. Im Moment nehmen wir die verschiedensten Konzerte auf und es gibt noch kein konkretes Datum, aber wir hoffen, dass wir das im Herbst auch fertig haben. Ich glaube dieser liturgische Aspekt bekommt bei einem Live-Album noch mal eine ganz andere Ebene, weil mehr Menschen involviert sind als nur wir. Ich meine, wir versuchen etwas zu erschaffen, dass auch etwas besonderes mit den Studio-Alben macht, aber diese Lieder vor einem Publikum zu spielen hat einfach noch eine andere Dimension. Naja, und dann wir werden auch noch während des Sommers ein paar Mal in Europa sein.

Darauf freuen wir uns! Vielen Dank für das Gespräch.