Viele sehnen sich nach kleinen Abenteuern im Alltag. Wie das ohne viel Aufwand und Geld geht, wissen Beate und Olaf Hofmann, denn sie haben es selbst ausprobiert.

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Sie haben ein Jahr lang jeden Monat mindestens eine Nacht in der Natur verbracht. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Beate Hofmann: Dazu gibt es eine Vorgeschichte. Nach einem Sabbatjahr in Westkanada haben wir uns mit dem Thema Grüne Resilienz beschäftigt: Wie nutzen wir die Kraft der Natur, um seelisch und körperlich stark zu bleiben? Daraus ist unser Buch „Einfach raus!“ entstanden.

Olaf Hofmann: 75 bis 80 Prozent dieses Buches haben wir in einem heißen Sommer draußen in der Natur geschrieben. Zwei, drei Nächte haben wir draußen übernachtet. Die Erinnerung daran brachte meine Frau an einem Silvesterabend auf diese Schnapsidee. Wir waren zurückgezogen an einer Hütte, die Sterne funkelten, das Feuer knisterte … Für mich kam diese Idee völlig überraschend. Und ich habe gedacht: Das macht sie nie!

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Beate Hofmann: Mein Mann ist ja der Wildnistyp. Ich bin eher die Stadtfrau, liebe es, in einem schönen Café einen Cappuccino zu trinken. Aber eine Nacht pro Monat – dieses Risiko erschien mir überschaubar. Es war dann aber schwierig, den Einstieg zu finden, denn im Januar wurde es echt ungemütlich und stürmisch.

Warum haben Sie nicht im Sommer begonnen?

Beate Hofmann: So lange wollten wir nicht warten. Eine gewisse Verrücktheit gehörte dazu. Allerdings ist ein Start im Frühjahr wesentlich einfacher oder nicht jeden Monat draußen zu übernachten.

Olaf Hofmann: Wir wollten aber den gesamten Jahreslauf in der Natur wahrnehmen. Wegen der Mücken ist eine Augustnacht vielleicht, obwohl das Wetter super ist, eine große Plage. Und wenn der erste Nachtfrost einsetzt, kann es draußen total schön sein. Im Winter ist es sehr lange dunkel. Draußen, ohne Licht und Steckdose, weiß man erst mal gar nichts mit der Zeitfülle anzufangen. Also fängt man wieder an, Kinderlieder zu singen oder sich Witze zu erzählen.

Wo haben Sie denn übernachtet?

Olaf Hofmann: Der Grundsatz ist: So nah wie möglich. Bei uns ist das ein See mit einer Halbinsel, der einen knappen Kilometer entfernt liegt. Im Juli haben wir aber in Kanada Urlaub gemacht und deshalb dort übernachtet, am West Coast Trail.

Beate Hofmann: Witzig war die Nacht im Humboldthain, mitten in Berlin. Wir waren abends bei einem Stehempfang. Danach sind wir zum Auto gegangen, haben das Sakko gegen die Fleecejacke getauscht, die Stöckelschuhe gegen Wanderschuhe und sind in den stockdunklen Humboldthain gelaufen. Als wir dort lagen, war ich recht angespannt und bin beim leisesten Geräusch hochgeschreckt. Mein Mann meinte: „Entspann dich, ich pass auf dich auf.“ Zwei Minuten später hörte ich ihn schnarchen …

Ich kann nicht durch die Erfahrung anderer glücklich werden, sondern muss selbst aufbrechen.

Übernachten Sie nach diesem einen Jahr weiterhin draußen?

Beate Hofmann: Ja! Das ist so bereichernd gewesen, dass wir auf gar keinen Fall darauf verzichten wollen. Es bringt tatsächlich mitten in den Alltag ein Gefühl von Freiheit. Und es ist immer wieder ein Feuerwerk für die Sinne. Im Dezember habe ich tolle Sternschnuppen gesehen – eine einzigartige Erinnerung.

Olaf Hofmann: Diese Nächte graben sich mit allen Emotionen in unser Gedächtnis ein und bereichern unser Zusammenleben. Darüber muss man einfach reden! Mit jeder Draußen-Nacht werden wir ein Stück gelassener. Wir wissen, dass wir nicht viel brauchen, um klarzukommen: eine Isomatte, ein Kissen, einen Schlafsack und einen Schluck Wasser.

Worin liegt sonst noch der Wert solcher Naturerfahrungen?

Beate Hofmann: Sie machen gesund, gelassen und glücklich. Rausgehen bringt eine enorme Kraft für unsere Seele mit sich – das erlebt man oft in Zeiten von Krise oder Trauer. In der Natur bin ich inmitten von Gottes Schöpfung, erlebe mich als Teil von ihr. Es gibt keinen, der mir sagt: „Das hast du gut oder schlecht gemacht.“ Wenn ich draußen übernachte, muss ich für konkrete Probleme eine Lösung finden und erfahre: Ich kann für mich sorgen. Damit wird die seelische Widerstandskraft mobilisiert.

Olaf Hofmann: Für eine solche Auszeit muss ich nicht bis zum nächsten Jahresurlaub warten. Selbst wenn mein Tag so voll war, dass ich zwischen 9 und 17 Uhr nicht rauskomme, bleibt mir noch die Zeit zwischen 17 Uhr und 9 Uhr. Das Draußen-Schlafen ist für mich so faszinierend anders, dass ich morgens wie ausgewechselt zurückkomme.

Beate Hofmann: Ich kann nicht durch die Erfahrung anderer glücklich werden, sondern muss selbst aufbrechen. Und wenn ich erst mal draußen bin, stellt sich die Wirklichkeit meistens viel entspannter dar, als wenn ich drinnen sitze. In der Natur bin ich offline und entwickle das Gefühl, ganz bei mir und ganz bei Gott zu sein.

Vielen Dank für dieses Gespräch!

Dieser Artikel ist Teil unserer Themenwoche „ANDERS LEBEN. Alle weiteren Artikel, Informationen & Literaturtipps zum Thema finden Sie >>> hier.

Micro-Abenteuer für den vollgestopften Alltag:

– Eine Lichtdusche pro Tag (mindestens fünf Minuten Tageslicht tanken) erhöht die Konzentration des Wohlfühlhormons Serotonin und steigert das Wohlbefinden. Besser: Einmal am Tag für mindestens eine halbe Stunde raus ins Grüne gehen, zum Beispiel in den Park.

– Die Arbeitszufriedenheit steigt, wenn der Blick vom Schreibtisch aus ins Grüne schweifen kann. Ist das nicht möglich, helfen Grünpflanzen auf dem Schreibtisch oder Regal.

– Mahlzeiten im Freien. Ein Picknick auf einer Wiese stabilisiert das Leistungsvermögen.

– Verbringen Sie die erste Nacht unter freiem Himmel in vertrauter Umgebung: im Garten, auf der Terrasse/ dem Balkon. Sie brauchen dafür eine gute Isomatte, einen Schlafsack und ein kleines Kopfkissen.

– Wer sich ins Unbekannte vorwagt, benötigt außerdem: Karte, Stirnlampe, Messer, Toilettenpapier, Feuerzeug, Verpflegung, eine Plane zum Unterlegen und faltbare Sitzkissen als Schutz vor Feuchtigkeit und Dornen.


Dieses Interview erschien (in längerer Form) zuerst in der Zeitschrift lebenslust. lebenslust ist wie andersLEBEN ein Produkt des SCM Bundes-Verlags, zu dem auch Jesus.de gehört. 

1 DIREKT-KOMMENTAR

  1. Herrlich! Toll!
    Wir sind auch so ein Draußen-Paar. In den letzten Monaten, mit all ihren Unvorhersehbarkeiten und Unwägbarkeiten, musste ich mich selbst von Zeit zu Zeit daran erinnern, was immer hilft: Rausgehen! Die Natur hat immer noch geöffnet. Egal zu welcher Jahreszeit, auch im kahlsten Winter und dem schmuddeligsten Nebel, gibt es so viele kleine Wunder wahrzunehmen. Sogar in der nächsten Umgebung, die wir schon hunderte Male abgelaufen sind, gibt es immer noch Neues zu entdecken. Meine Empfehlung: Das Rausgehen möglichst nicht vertagen. Die Sonnentage, Neuschneeabende und Apfelblütennachmittage feiern wie sie fallen. Nur mal 15 Minuten durchs Feld stapfen, eine kurze Runde durch den Wald drehen, Moos anfassen, schöne Äste finden und wilde Wolken sehen, und schon fühlt sich der Alltag an wie ein besonderer Tag. So einfach kann das sein. Und so oft vergesse ich das.
    Während ich die letzten Buchstaben tippte, hörte ich plötzlich das unverkennbare Rufen von Kranichen draußen. Ich öffnete die Terrassentür, suchte mit Augen und Ohren die späten Flugreisenden am Abendhimmel, und fühlte mich wieder einmal reich beschenkt. Ja, so einfach kann das sein. Es mag ein wenig mystisch klingen, aber mir begegnet Gott so oft in der Faszination und dem Staunen über die Natur, im Rauschen der Bäume, in einem Schwarm Vögel, der mir nahe kommt, während ich über Sorgen grüble…

    Wir haben auch schon immer wieder draußen im Wald geschlafen. Gerade in der letzten Zeit kam manchmal Lust in mir auf, auch im Winter mal draußen zu schlafen, in der herrlich klaren Luft. Ich habe mich aber noch nicht so recht getraut. Eure Aussagen machen mir Mut dazu. Schlaft ihr im Winter auch ohne Zelt draußen? Ich weiß, ein Zelt ist je nach Bundesland eine Grauzone… Nehmen wir mal an, es sei euer eigener Grund und Boden. Wie klappt es mit dem Warmhalten im Winter? Nehmt ihr wirklich nur Isomatte, Kissen und Schlafsack und einen Schluck Wasser mit? Ich habe einen Dreijahreszeitenschlafsack. Reicht das? Wärmflasche? Tee?

    Über ein paar Tipps würde ich mich sehr freuen und sende herzliche Grüße aus dem Taunus,
    M

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