Miriam Maertens: „Verschieben wir es auf morgen“

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Die Schauspielerin Miriam Maertens nimmt uns zu Beginn des Buches mit auf eine Zeitreise in den kleinen Hamburger Stadtteil Osdorf in den 70er Jahren, in dem sie eine behütete Kindheit verbrachte. Gemeinsam mit dem Leser blickt sie literarisch in ein Kaleidoskop der Erinnerungen, die den ebenfalls in dieser Zeit Geborenen mutmaßlich ein nostalgisch verklärtes Wiedererkennen bescheren werden. Auf humorvolle und kurzweilige Art beschreibt sie ihre liebevollen, teils chaotischen Familienmitglieder und die lebensbejahende Kraft, die sie von ihnen individuell mit auf den Weg bekommt.

Die kontraproduktiven Methoden der sie behandelnden Ärzte, um die Symptome ihrer Stoffwechselkrankheit Mukoviszidose zu lindern, sind der noch in den Kinderschuhen steckenden Erforschung seltener Krankheiten geschuldet. Im Alter von knapp einem Jahr diagnostiziert man bei ihr diese seltene, unheilbare Erkrankung und gibt ihr noch fünf Jahre zu leben. Den Eltern wird empfohlen sie wegzugeben, um sich und ihre Geschwister nicht unglücklich zu machen. Was folgt, ist ein Parforceritt durch ein Leben mit allen Höhen und Tiefen. Der Untertitel des Buches wird zum Tenor der Lebensgeschichte der Protagonistin: Wie ich dem Tod ein Schnippchen schlug.

Blick hinter die Kulissen

Den Befürwortern der vorgeburtlichen Gendiagnostik zwecks Erschaffung des perfekten Menschen dokumentiert diese Autobiografie eindringlich, dass sie einem Trugschluss aufsitzen. Der Mensch ist Körper und Geist und die Lebensfreude der Schreiberin leuchtet aus jeder Zeile. Durch die Kraft ihres Geistes, einem unbändigen Willen und eiserner Disziplin erfüllt sie sich den Traum einer Karriere als Schauspielerin. Dem Leser beschert das einen informativen Blick hinter die Kulissen des anstrengenden, aber für die Darsteller erfüllenden Theateralltags. Dem Wert wahrer Freundschaften und kompetenter Ärzte wird gehuldigt und auch die Liebe zu ihren Partnern, mit allen Unwägbarkeiten angesichts einer ständigen Bedrohung durch eine unbarmherzige Erkrankung, wird gnadenlos ehrlich beschrieben.

Allen Unkenrufen zum Trotz erfüllt sich die Autorin gegen jeden ärztlichen Rat den Kinderwunsch. Irgendwann jedoch führt kein Weg mehr an einer Lungentransplantation vorbei. Der Leser wird somit durch die authentische Schilderung einer Betroffenen, der ein neues Leben geschenkt wurde, mit dem aktuellen Thema Organspende konfrontiert. Das Geschriebene dümpelt nicht an der Oberfläche, sondern lässt teilnehmen an einem Leben, das durch Entscheidungen des Bauches und des Herzens der unkonventionellen Hauptdarstellerin dem Tod mehr als einmal ein Schnippchen schlägt.

Trotz der immer anwesenden Bedrohung durch die potenziell tödliche Krankheit Mukoviszidose und aller begleitenden, schwerwiegenden Symptome ist das Buch eine Hymne an das Leben. Leser, die den Schwerpunkt auf explizit christliche Themen legen, werden jedoch nicht fündig werden. Die Lektüre sei aber jedem wärmstens ans Herz gelegt, der glaubt, mit einer Erkältung am Wochenende die Notfallambulanz blockieren zu müssen.

Von Hans-Georg Wigge

Leseprobe

Verlag: Ullstein
ISBN: 978-3963660023
Seitenzahl: 272
ÜBERBLICK DER REZENSIONEN
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