Der Kölner Weihbischof Dominikus Schwaderlapp räumt „Versagen und Schuld“ im Umgang mit Missbrauchsfällen ein. Auch andere Bischöfe belastet das heute veröffentlichte Rechtsgutachten schwer.

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Schwaderlapp, der mit acht Pflichtverstößen aus seiner Zeit als Generalvikar im Rechtsgutachten des Kölner Strafrechtler Björn Gercke aufgeführt ist, sprach im Anschluss an die Präsentation des Gutachtens von „ernsten Versäumnissen“, die er zu verantworten habe. Die Versäumnisse beträfen „zum einen meine Pflicht, zu kontrollieren und Aufsicht auszuüben“, sagte Schwaderlapp. So sei etwa die Prüfung in seine Verantwortung gefallen, ob Missbrauchsfälle der Ordnung entsprechend nach Rom gemeldet wurden. „Tiefer noch beschämt mich, zu wenig beachtet zu haben, wie verletzte Menschen empfinden, was sie brauchen und wie ihnen die Kirche begegnen muss. Das ist ein Versagen als Seelsorger und als Mensch.“

Da er nicht Richter in eigener Sache sein könne, habe er Papst Franziskus um sein Urteil gebeten, erklärte der Geistliche. Bereits im Vorfeld habe er den Kölner Erzbischof Kardinal Rainer Maria Woelki über diesen Schritt informiert und ihn gebeten, „mich vom heutigen Tag an bis zu einer Entscheidung aus Rom von meinen bischöflichen Aufgaben freizustellen“. Schwaderlapp war bislang Domkapitular und Weihbischof im Erzbistum Köln. Von 2004 bis 2012 war er Generalvikar.

Der Strafrechtler Björn Gercke
Der Strafrechtler Björn Gercke (Bild) hat das Rechtsgutachten zu Missbrauchsfällen im Erzbistum Koeln vorgelegt. Es belastet mehrere Bischöfe schwer. (epd-Bild / AFP / Ina Fassbender)

„Systembedingte Vertuschung“

Der Kölner Rechtsanwalt Björn Gercke hatte am Donnerstag sein Gutachten über den Umgang der Bistumsleitung mit Missbrauchsfällen aus den Jahren 1975 bis 2018 vorgestellt. Darin kommen die Gutachter auf 75 Rechtsverstöße im Zusammenhang mit 24 Aktenvorgängen. Insgesamt hatte die Kanzlei Gercke Wollschläger 236 Aktenvorgänge untersucht. Laut Gercke sei zwar keine „systematischen Vertuschung“ erkennbar gewesen, aber es habe eine „systembedingte Vertuschung“ von Missbrauchsfällen im Erzbistum gegeben. Gercke sprach von „chaotischen Zuständen“ in der Aktenführung.

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Erzbischof Woelki hat seine Pflichten nach den Erkenntnissen der Gutachter nicht verletzt. Dagegen soll sein Amtsvorgänger, der verstorbene Kardinal Joachim Meisner, 24 Mal seine Pflicht verletzt haben: sechs Verstöße gegen die Aufklärungspflicht, ein Verstoß gegen die Verhinderungspflicht und fünf Verstöße im Bereich der Opferfürsorge. Pflichtverletzungen habe sich auch der heutige Hamburger Erzbischof Stefan Heße zuschulden kommen lassen.

Woelki hatte massiv in der Kritik gestanden, weil er ein erstes Gutachten der Münchner Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl nicht veröffentlicht hatte. Der Erzbischof erklärte am Donnerstag, er habe diesen Tag herbeigesehnt und zugleich gefürchtet, „wie nichts anderes“. Gercke sagte: „Uns wäre es ein leichtes gewesen, Kardinal Woelki zum Schafott zu führen, aber die Aktenlage und auch die Befragung haben das nun mal nicht hergegeben.“

Fakten zum Missbrauchsgutachten:

* AUFTRAG: Das Erzbistum Köln hatte den Kölner Strafrechtler Björn Gercke und dessen Kanzlei am 26. Oktober 2020 mit der Untersuchung beauftragt, ob es im Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger und Schutzbefohlener in der Bistumsspitze zu Fehlern gekommen ist. Das Gutachten umfasst die Jahre 1975 bis 2018.

Teilweise reichen die Missbrauchsfälle aber auch bis in die frühe Nachkriegszeit zurück. Rund 800 Seiten stark ist das Dokument, das Gercke am Donnerstag an Woelki und den Kölner Betroffenenrat übergab.

* QUELLEN: Das Gutachten stützt sich vor allem auf Akten, Protokolle und Befragungen. Die Gutachter hatten Einsicht in 236 sogenannte Interventionsakten, die erst angelegt wurden, nachdem die Interventionsstelle des Erzbistum im Jahr 2015 ihre Arbeit aufnahm.

Die Rechtsanwälte lasen fallbezogene Personalakten, Sitzungsprotokolle und die Unterlagen der Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl aus München, die zunächst mit einem Gutachten beauftragt worden war. Zudem wurden zehn noch lebende Personen befragt, darunter Erzbischof Woelki und der Hamburger Erzbischof Stefan Heße zu seiner Zeit als Kölner Generalvikar und Leiter der Hauptabteilung Seelsorge/Personal.

Nicht befragt wurden Betroffene und Beschuldigte. Die Arbeit der Gutachter wurde dadurch erschwert, dass es im Untersuchungszeitraum mindestens zwei Aktenvernichtungen gegeben hat, die dem kanonischen Recht entsprechen. Außerdem waren viele Akten unvollständig, bemängelte Gercke.

* PFLICHTVERSTÖSSE: Zur besseren Einordnung haben die Gutachter fünf Kategorien gebildet, um die Pflichtverstöße zu beschreiben.

Untersucht wurden Verstöße gegen Aufklärungspflichten, wie die Pflicht, einem Verdacht nachzugehen, Anzeige- und Informationspflichten, die Pflicht zur Sanktionierung, zur Verhinderung weiterer Taten und zur Opferfürsorge. Von den 236 Aktenvorgängen weisen 24 mindestens einen eindeutigen Pflichtverstoß auf, in weiteren 104 sind sie nicht sicher zu rekonstruieren. Bei 108 Vorgängen war die Bearbeitung von Missbrauchsfällen laut erkennbarer Aktenlage nicht zu beanstanden. Insgesamt wurden 75 Pflichtverletzungen gezählt, die von acht Personen begangen wurden.

* VERANTWORTLICHE: Für den Untersuchungszeitraum wurde das Verhalten einzelner Bischöfe, Generalvikare und weiterer Verantwortlicher geprüft. Pflichtverstöße stellten die Gutachter bei dem ehemaligen Erzbischof Joseph Höffner, dem ehemaligen Erzbischof Joachim Meisner, dem ehemaligen Generalvikar Norbert Feldhoff, dem ehemaligen Generalvikar und heutigen Weihbischof Dominik Schwaderlapp, dem ehemaligen Generalvikar, Diözesanadministrator und Leiter der Hauptabteilung Seelsorge/Personal, Stefan Heße, und dem Offizial Günter Assenmacher fest. Der derzeitige Kölner Erzbischof Woelki soll seine Pflichten im Umgang mit Missbrauchsfällen in keinem Fall verletzt haben.

* BESCHULDIGTE: Die Gutachter fanden Hinweise auf insgesamt 243 Beschuldigte und mögliche Missbrauchstäter. Nach der Auswertung und Aussortierung von Fällen, die weder Kinder noch erwachsene Schutzbefohlene betrafen, ergaben sich Hinweise auf 202 Beschuldigte im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch. Unter den Beschuldigten sind 127 Kleriker. Diese machen 63 Prozent aller beschuldigten Missbrauchstäter aus, weitere 33 Prozent sind Laien.

* BETROFFENE: Die Akten ergeben Hinweise auf insgesamt 386 Betroffene, 314 Betroffene konnten nach weiterer Auswertung als Opfer sexuellen Missbrauchs identifiziert werden. Die Betroffenen waren zum Tatzeitpunkt mehrheitlich jünger als 14 Jahre und männlich. Ein Viertel der Taten fand im privaten Bereich statt, die mit Abstand meisten Betroffenen befanden sich aber in einem Betreuungsverhältnis zu den Tätern.

* TATEN: Das Gutachten macht auch Angaben zu den einzelnen Missbrauchsfällen und Beschuldigten. In 100 Fällen (31,8 Prozent) kam es zu sexuellem Missbrauch, weitere 48 Fälle (15,3 Prozent) betreffen schweren sexuellen Missbrauch, in 53 Fällen kam es zu Verletzungen des körperlichen Nähe- und Distanzverhältnisses (16,9 Prozent). In 112 von 314 Fällen wurde ein Missbrauchsgeschehen beschrieben, das sich vor 1975 ereignet haben soll.

* BEKANNTWERDEN: Der größte Teil der Verdachtsfälle (229 von 314) wurde erst nach dem 1. Januar 2010 bekannt, nachdem in Deutschland der Missbrauchsskandal am Berliner Canisiuskolleg offengelegt wurde. Die Untersuchung zeigt, dass ein großer Teil der erfassten Verdachtsfälle (135) dem Erzbistum erst mehr als 20 Jahre nach dem Vorfall angezeigt wurde.

 

6 DIREKT-KOMMENTARE

  1. Und nun? Müssen sich die Täter, sofern sie noch leben, für ihre Verbrechen vor einem ordentlichen Gericht verantworten wie bei anderen christlichen Denominationen? Oder stehen sie wieder einmal über der „weltlichen“ Rechtsprechung und alles wird unter der Hand intern geregelt?

    • Ein Geschmäckle

      Ein Geschmäckle: So nennt der Schwabe ein Geschehen, das zweifelhaft ist und kommuniziert wird. Da stellt sich erstens die Frage, warum das erste Gutachten (nur) rechtliche Mängel hatte. Zwangsläufig kommt dann das zweite Gutachten für den sexuellen Missbrauch aufgrund einer eigenen Beauftragung durch Kardinal Woelki. Es ist dann fast jedem vollkommen verständlich, dass der Inhalt des ersten Gutachtens Phantasien weckt, etwa ob etwas vertuscht werden soll. Nun kann man vielleicht annehmen und voraussetzen, dass sich der Erzbischof an kirchengesetzliche Vorgaben hielt, ein tatsächlich rechtsfehlerhaftes Gutachten nicht zu veröffentlichen. Aber das macht die Angelegenheit nicht weniger problematisch. Die ganze Angelegenheit auf dieser eher formalen und rechtlichen Ebene bedarf daher dringend einer Untersuchung.

      Auf der menschlichen Ebene muss nun möglichst zeitnah ein Aufarbeitsprozess zwischen den Opfern, so weit sie noch leben, und der Kirche stattfinden. Ich bin mir sicher, dass dies alles sehr schwierig ist, materiellen Schadenersatz dringend erforderlich wird und den Betroffenen eine Psychotherapie angeboten werden muss. So viel Missbrauch in der christlichen Kirche zeigt sicherlich sehr deutlich, dass wir Christ*innen grundsätzlich keine besseren Menschen sind als andere und jede bzw. jeder einen Abgrund des Bösen in sich trägt. Ich halte sexuelle Gewalt in christlichen Kirchen und Gemeinschaften für fatal und völlig unentschuldbar. Andererseits wird kein vernünftiger Mensch, der nur einigermaßen mit dem Thema vertraut ist, in Abrede stellen können dass diese Problematik ein gesamtmenschliches und gesamtgesellschaftliches Problem ist.

      Leider gibt es überall dort, wo sich Menschen sehr nahe sein wollen und kommen, auch sexuelle Gewalt. gibt. Diese Seuche ist leider nicht auszurotten, niemand kann dagegen geimpft werden oder einen Schnelltest durchführen lassen. Aber für uns Jesusnachfolger geht es ganz zentral darum, uns in noch mehr Achtsamkeit und Emphatie zu begegnen. Beides kann durchaus gelernt werden und wenn wir uns in ein Gegenüber hineindenken könnten, wie er an unserer Gewalt und auch nur Lieblosigkeit leiden kann, ist dies die beste Notmaßnahme. Zudem dürfen wir vom kirchlichen Bodenpersonal jeden Tag aus der Vergebung (Gottes) leben. Ganz am Anfang der Bibel steht in der Schöpfungsgeschichte, dass die Sünde vor der Tür lauert. Leider hat Kain aber doch seinen Bruder erschlagen, es hat nichts genutzt. Mit sexueller Gewalt wie mit jeder anderen Gewalt werden Seelen erschlagen. Mehr Kommunikation ist in allen Kirchen und gesellschaftlichen Gruppen notwendig. Dann ist ein solches menschliches und organisatorisches Versagen nicht so schnell möglich.

      • > Andererseits wird kein vernünftiger Mensch, der nur einigermaßen mit dem Thema vertraut ist, in Abrede stellen können dass diese Problematik ein gesamtmenschliches und gesamtgesellschaftliches Problem ist.

        Nun, ich denke, ich bin ein vernünfitger Mensch und ich lasse diese Argumentation hier als quasi Entschuldigung aus folgenden Gründen nicht gelten:
        – Die Vertrauenssituation bei kirchlichen Einrichtungen war eine sehr besondere
        – Die moralische als auch weltlich-politische Macht (Verquickung mit Parteipolitik) der Kirche wurde benutzt, um die Fälle unter der Decke zu halten, teilweise unter Diskreditierung der Opfer. Das hätte kaum eine andere Organisation so machen können
        – Jede andere Organsiation wäre schon früh von Staatsanwälten durchsucht worden, de RKK darf sich selbst untersuchen und das auch erst jetzt.
        – Jeder anderen Organisation hätte man bei diesem strukturellen Missbrauch und dieser jahrzehntelangen strukturellen Vertuschung untersagt, weiter Kinder zu betreuten (Kitas, Schulen, etc.). Nicht so bei der RKK

        Und: Der religiös-moralische Druck war gegenüber den eigenen missbrauchten Kindern und ihren Eltern so groß wie es wohl bei keiner anderen Organisation gewesen sein kann.

        Zusammengefasst: Wir haben bei der RKK eine Sonderrolle des jahrzehntelangen Missbrauchs, den es so wohl nirgends gab. Und das gilt bis heute. Da gibt es nichts zu relativieren mit ‚gesamtgesellschaftlich‘.

        Die Strukturen und die Verankerung in den Machtstrukturen des Staates sind das besondere. Etwas, was es den Opfern besonders schwer macht.

        • Antwort an Jörg:

          Ich habe keinesfalls etwas quasi entschuldigt, sondern finde sexuelle Missbrauch als eines der schlimmsten Verbrechen. Dennoch ist es trotzdem ein Problem, welches es nicht nur bei uns Christen gibt. Aber das Thema einer weltlich-politischen Macht, (oder überhaupt der Rolle, die hier das katholische Amtsverständnis spielt um Macht auszuüben), habe ich in meinem Kommentar nicht weiter ausgebreitet. Das hier angeschnittene Problem wird sich nur ändern, wenn der katholische Priester, und jedes höhere Amt hierüber, nicht mehr quasi die Schnittstelle ist zwischen Gott und den Menschen. Übrigens ticken diejenigen katholischen Geistlichen, die ich in Laufe meines Lebens kennengelernt habe, nicht so. Manche würden sich eher freuen, nicht auf einen so hohen (gedachten) Sockel gestellt zu werden. Als Protestant glaube ist, dass es auch jesusgemässer ist, wenn sich die Gläubigen mit oder ohne Amt auf Augenhöhe begegnen. Die Macht Jesu war die des Dienstes und nicht der Herrschaft. Der jetzige Papst Franziskus ist mehr aus dem Holz dieses Geistes, er will eine die nicht reich an Macht ist, und die nicht überheblich auf Menschen zu wirken vermag. Leider werden wir alle von unserer Umgebung geprägt, auch wenn wir das gar nicht möchten. Deshalb muss sich die Kath. Kirche und ihr Bodenpersonal ändern.

      • Das war nicht meine Frage, Bernd Hehner. Als Christen sind wir zweifellos nicht „besser“ als andere Menschen. Das können Sie, wie Sie es offenbar gerne tun, noch so ausführlich von allen Seiten beleuchten.

        Die eigentliche Frage ist die, wann endlich auch die römische Kirche sich der weltlichen Rechtsprechung beugt! Es kann nicht angehen, dass Vertreter einer christlichen Denomination Verbrechen begehen um dann lediglich mit mehr oder weniger zweifelhaften Mitteln ihrer eigenen Kirche gemaßregelt zu werden! Sexueller Missbrauch und Vergewaltigungen gehören vor ein ordentliches Gericht des Landes, in dem diese Verbrechen verübt wurden! Dies ist allgemeine Praxis in der internationalen Rechtsprechung. Ein katholischer Geistlicher dagegen wird in aller Regel nur mit neuen Aufgaben in einer anderen Region vertraut, wo er im ungünstigsten Fall irgendwann weitermacht wie vorher. Wo bitte bleibt hier Römer 13,1?

    • Es wird keine Verurteilungen geben, da (meines Wissens bis auf einen Fall) die RKK diese Untersuchung ja so lange vertuscht und verhindert hat, bis alles verjährt und/oder die Betroffenen oder die Schuldigen verstorben waren.

      Auch bemängeln die Opfervereinigungen zu Recht, dass hier die Organisation der Täter quasi sich selbst untersucht hat und sie haben nicht mal ihren eigenen Gutachtern eine vollständige Akteneinsicht gegeben. Es war weder vollständig noch unabhängig. Insofern ist auch der quasi-Freispruch für Woelki nichts wert, weil er nicht auf einer vollständigen unabhängigen Untersuchung basiert.

      Wobei man der untersuchenden Kanzlei keinen Vorwurf machen kann. Sie haben den von der RKK erteilten Auftrag abgearbeitet. Ich habe Teile der Pressekonferenz gesehen. Da wurde durchaus Klartext gesprochen von der Kanzlei, was die Mängel und Grenzen ihrer Untersuchung betrifft.

      Es ist ein desaströses Zeugnis eines völligen Versagens der RKK.

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