In der Bibel lesen wir, dass Jesus an einem Freitag am Kreuz gestorben ist – und am Ostersonntag wieder lebendig war. Das war schon für die Menschen vor 2000 Jahren unvorstellbar. Annekatrin Warnke versetzt sich in die Situation einer Frau, die unvermutet in dieses Geschehen hineingezogen wurde.

Von Annekatrin Warnke

Jerusalem, im siebten Jahr der Statthalterschaft von Pilatus. An meine geliebte Freundin Antonia in Rom von Claudia Procula, Ehefrau des Pontius Pilatus.

Liebste Antonia,
sicher wunderst du dich, dass du schon wieder einen Brief von mir erhältst. Aber seit meinem letzten Schreiben ist unglaublich viel passiert. Mein ganzes Leben, meine Überzeugungen und Werte – alles steht auf dem Kopf. Ich hoffe, dass du aus der Ferne in der Lage sein wirst, Ordnung in das Chaos zu bringen.
Vor drei Wochen habe ich mich noch bei dir darüber beklagt, dass das Leben in der ärmlichen Provinz Judäa tödlich langweilig ist. Wie sehr habe ich das gesellschaftliche und kulturelle Leben in meinem geliebten Rom vermisst! Es gibt hier keine Theater, keine Gladiatorenkämpfe, noch nicht mal schöne Geschäfte. Alles ist so kärglich und kunstfeindlich. Das liegt vor allem an der merkwürdigen Religion hier. Die Judäer kennen unsere sinnliche, bunte Götterwelt nicht. Sie verehren einen einzigen Gott, der sehr streng ist. Er stellt hohe moralische Ansprüche und erließ kleinliche Vorschriften – sogar Speisegesetze! Und die Priester hier versuchen, diese Gesetze mit aller Härte durchzusetzen. Ehebrecherinnen werden zum Beispiel gesteinigt – stell dir das vor! Leider darf mein Ehemann diese Provinz zwar weltlich regieren, aber er ist von Rom gehalten, sich nicht in das religiöse Regiment einzumischen. Aber gut. Über diese unerträglichen Zustände habe ich schon genug bei dir geklagt.

Lass mich berichten, was Neues passiert ist.
Ungefähr vor einer Woche hat meine jüdische Magd Judith mich überredet, mich einfach mal unter die Leute zu mischen. Sie meinte, ihr Volk sei dem Feiern gar nicht so abgeneigt, wie ich das immer behaupte. Ich habe mich also als jüdische Bäuerin verkleidet und bin mit Judith auf die Straßen Jerusalems gegangen. Sie wusste, dass der populärste Wanderprediger des Landes gerade auf dem Weg in die Stadt war. Sie führte mich in den kleinen Garten ihrer Familie, auf halber Höhe eines Hügels. Auf der Straße darunter hatte sich eine große Menschenmenge versammelt. Die Leute hatten ihre Oberkleider auf den staubigen Weg gebreitet und hielten Palmwedel in den Händen. Dann näherte sich ein Mann, ungefähr 30 Jahre alt, der auf einem Eselfohlen ritt.

„Gepriesen sei Gott! Heil dem, der in seinem Auftrag kommt! Heil dem König Israels!“

Bevor du jetzt lachst bei dieser Vorstellung: Ja! Das hätte lächerlich wirken müssen. Ein ausgewachsener Mann auf einem Eselfohlen! Aber so war das nicht. Dieser Mann auf dem staksigen Tier wirkte königlicher als so mancher Feldherr, der im Triumphwagen bei uns in Rom eingezogen ist. Obwohl er ganz einfach gekleidet war. Sein weißes Obergewand war nicht mal besonders sauber, er hatte klobige Sandalen an den schmutzigen Füßen und schulterlange Haare! Und trotzdem hatte er eine außergewöhnliche Ausstrahlung.
Die Volksmenge hat das genauso empfunden. Sie jubelte ihm zu. Judith hat mir übersetzt, was sie riefen: „Gepriesen sei Gott! Heil dem, der in seinem Auftrag kommt! Heil dem König Israels!“ Die Menschen schwangen ihre Palmwedel und tanzten auf der Straße. Ich hätte nie gedacht, dass die Juden so ausgelassen und fröhlich sein können. Judith allerdings war bedrückt. „Ich fürchte, dieser Jesus ist in Gefahr“, sagte sie. „Die Priester und Schriftgelehrten werden diese Verehrung nicht dulden. Die sind schon lange neidisch auf seine Popularität.“

Ach, Antonia! Nur ein paar Tage später wusste ich, wie recht sie gehabt hatte. Donnerstagnacht hatte ich einen schrecklichen Traum. Mein Mann stand vor einem Gericht, das nicht von dieser Welt war. Die schrecklich gefolterte Leiche von Jesus lag vor dem Richter. Der zeigte auf Pilatus und rief: „Du bist schuld am Tod dieses Gerechten!“ Ich erwachte am Freitag früh, weil vor unserem Haus ein großer Tumult ausgebrochen war. Als ich aus dem Fenster schaute, sah ich, dass die jüdische Priesterschaft Jesus in Fesseln auf unseren Vorplatz gezerrt hatte. Sie klagten ihn der Volksaufwiegelung und der Gotteslästerung an und verlangten von Pilatus, dass er Jesus kreuzigen lassen sollte.
Natürlich hat mein Mann den Ball zunächst zurückgespielt. „Verurteilt ihn doch nach euren eigenen Gesetzen“, hat er gesagt. Aber der Hohepriester bestand auf ein ordentliches römisches Todesurteil. Ich merkte, dass Pilatus Schwierigkeiten hatte, sich dem Urteil zu entziehen. Die Order Roms ist ja, die religiösen Gefühle in den besetzten Provinzen nicht zu verletzen. Gleichzeitig sah ich, dass mein Mann von der positiven Ausstrahlung des Gefangenen genauso fasziniert war wie ich. Also schickte ich Pilatus eine Botschaft: „Lass die Hände von diesem Gerechten! Seinetwegen hatte ich letzte Nacht einen schrecklichen Traum!“
Liebste Antonia – meine Einmischung hat nichts gebracht. Am Ende hat Pilatus den Priestern und der von ihnen aufgewiegelten Volksmenge ihren Willen gelassen. Ob es ihm vor diesem geheimnisvollen Gericht in meinem Traum etwas nützt, dass er seine Hände öffentlich in Unschuld gewaschen hat? Ich hoffe es für ihn.

„Heute Morgen hat man fest- gestellt, dass die Grabhöhle leer ist!“

Jesus jedenfalls wurde noch am Vormittag dieses Freitags ans Kreuz geschlagen.
Um 12 Uhr wurde es mitten am Tag für drei Stunden im ganzen Land stockfinster. Das war wirklich unheimlich! So gegen 15 Uhr muss Jesus gestorben sein. Dein Neffe Longinus war der abkommandierte Hauptmann, der die Kreuzigung zu beaufsichtigen hatte. Er hat mir noch am Freitagabend von den letzten Worten Jesu berichtet. Unter anderem hat er, als er am Kreuz hing, im Blick auf seine Peiniger gebetet: „Vater, vergib ihnen. Denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Kannst du dir sowas vorstellen? So eine Vergebungsbereitschaft, so eine Großherzigkeit, so eine Liebe? Jesus ist wahrhaftig ein Gerechter gewesen!
Longinus ist sogar überzeugt davon, dass Jesus göttlich gewesen ist. Seine Worte waren: „Er war wirklich Gottes Sohn!“ Mit dem Begriff kann ich nicht viel anfangen. Aber Longinus ist auf jeden Fall sicher, dass vorgestern nicht einfach nur ein guter Mensch zu Unrecht gestorben ist.
Noch bevor Freitagabend dieser langweilige wöchentliche Festtag der Juden – sie nennen ihn „Sabbath“ – anbrach, wurde sein Leichnam vom Kreuz genommen und in eine Grabhöhle gelegt. Ja, Antonia, ich weiß, dass es meistens viel länger dauert, bis der Tod am Kreuz eintritt. Aber Jesus war durch die Folterungen schon sehr geschwächt und außerdem wurde er nicht einfach an das Kreuz gebunden, sondern sie haben ihn dort festgenagelt! Wie grausam! Es macht mich krank, dass mein Mann diese Schandtat nicht verhindert hat – und dass ich nicht überzeugender für Jesus eingetreten bin.

Seitdem sind zwei Tage vergangen. Es ist Sonntagabend, und in Jerusalem brodelt die Gerüchteküche.
Heute Morgen hat man festgestellt, dass die Grabhöhle leer ist! Obwohl das Grab von unseren Soldaten bewacht wurde, ist Jesus daraus verschwunden. „Jesus ist auferstanden“, erzählen die Leute. Stell dir vor, das wäre wahr! Dann könnte ich wirklich nicht mehr sagen, in der langweiligsten Provinz des Römischen Reiches leben zu müssen. Dann wäre ich mittendrin in der aufregendsten Weltgeschichte aller Zeiten! Wenn der Tod nicht mehr endgültig ist – dann beginnt jetzt etwas völlig Neues! Hoffnung wird real!
Ich werde mich wieder als jüdische Bauersfrau unters Volk mischen – mit Judith an meiner Seite. Sei gewiss, dass ich dir alles berichten werde, was ich über diesen Jesus noch herausfinde.

Deine Claudia Procula


Dieser Artikel ist zuerst im Osterspecial der Zeitschrift Lebenslust erschienen, die wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört.

Das 44-seitige Heft greift Fragen rund um Ostern auf.  Es eignet sich zum Verschenken an Freunde oder zum Weitergeben bei Ostergärten, -feiern oder -gottesdiensten.

 

 

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