Foto: Pixabay/Jesus.de
Zwei Tage nach dem Amoklauf in einer texanischen Kirche mit 26 Toten suchen Christen vor Ort nach Strategien, um mit dem Terror umzugehen. Aaron Alexander ist Pastor in einer Gemeinde nahe Dallas. Mit dem Christlichen Medienmagazin pro hat er darüber gesprochen, ob Gläubige in seiner Heimat nun Angst haben, in den Gottesdienst zu kommen und wie sie zu neuen Waffengesetzen stehen.

pro: Herr Alexander, wie fühlen sich die Christen in Texas heute?

Aaron Alexander: Jeder ist wirklich traurig darüber, dass so etwas wieder geschehen ist. Anschläge wie dieser werden unglücklicherweise immer gewöhnlicher und ich fürchte, wir werden mehr und mehr desensibilisiert und akzeptieren sie vielleicht auch als normal. Dabei sollten sie alles andere als das sein. Für texanische Christen wie mich fühlt es sich so an, als ändere sich nichts Grundlegendes nach solchen Schießereien. Also gehen wir davon aus, dass es dieses Mal auch so sein wird. Die Debatte über Waffenkontrollen ist eine sehr vielschichtige für amerikanische Christen, und Vorkommnisse wie dieses schüren das Feuer auf beiden Seiten: Die eine sagt, wenn dieser Mann keine Waffe gehabt hätte, wäre es nicht passiert. Die andere Seite sagt, wenn mehr Menschen in der Kirche Waffen gehabt hätten, wäre es verhindert worden. Der Anschlag vertieft die Kluft zwischen Christen.

Hatten Gemeindemitglieder Ihrer Kirche Kontakt zu den Opfern in Sutherland Springs?

Ja, zu uns kommt eine Familie, die acht beziehungsweise neun Verwandte bei der Schießerei verloren hat. Dazu zählen ein Lobpreisleiter der Gemeinde in Sutherland Springs, seine Ehefrau, deren Sohn und dessen einjährige Tochter. Getötet wurde auch die schwangere Schwiegertochter des Musikers und drei ihrer Kinder. Es ist wirklich traurig und tragisch.

Haben die Menschen in Ihrer Heimat nun Angst, Gottesdienste zu besuchen?

Nein, ich glaube nicht, dass irgendjemand deshalb nicht in die Kirche kommt. Es scheint ja derzeit so, als sei der Anschlag ein isolierter Einzelfall, bei dem der Schütze die Mutter seiner Exfrau töten wollte. Ich denke, manche Leute werden nervöser sein und sichergehen, dass eine Kirche auf so einen Fall eingestellt ist, aber sie werden kommen. Allerdings nehme ich an, dass mehr Gottesdienstbesucher Waffen tragen werden.

Wie reagieren amerikanische Kirchen und Christen darauf, dass sich so etwas wiederholen könnte?

Das ist eine schwierige Situation für amerikanische Kirchen. Der Kult unserer Gesellschaft um Waffen und Waffenkontrolle hat uns meiner Meinung nach an diesen Punkt gebracht. Das wird sich nicht einfach beheben lassen. Wir bekommen jetzt schon Fragen von Gemeindemitgliedern, wie wir als Pastoren zu Waffen in Kirchen stehen. Es gab vorher schon Mitglieder, die verborgen ihre Handfeuerwaffen dabei hatten, aber es ist beängstigend für uns, dass die Zahl vermutlich zunehmen wird. Ich persönlich bin gegen Waffen in der Gemeinde, aber ich gehöre wohl zur Minderheit.

Gibt es mehr Gebetstreffen?

Ja, die Leute beten, aber ich weiß von keinen spezifischen Treffen. Wir gehen back to business.

Wie gehen Sie persönlich mit Angst und Sorgen wegen des Anschlags um?

Ich bin sehr traurig darüber, wie sich unsere Gesellschaft entwickelt hat. Wir brauchen eine breite Waffenkontrolle, aber auch einen Ruck in der Gesellschaft, der dazu führt, dass wir Waffen und Gewalt nicht länger verherrlichen, denn das steht völlig konträr zur Persönlichkeit Jesu. Ich glaube aber, hier liegt der größte Graben in der Kirche: zwischen waffenliebenden Christen und Christen, die keine Waffen möchten. Es ist frustrierend, zu sehen, dass wir nicht fähig sind, diesen Graben zu beseitigen.

2015 tötete ein Attentäter in einer US-Kirche neun Afroamerikaner. Dieses Mal scheint der Hintergrund der Tat nicht rassistisch zu sein …

Ich bin froh, dass es dieses Mal wohl keine rassistische Motivation gab, denn Waffen und Rassismus sind die zwei Themen, die die Kirchen in meiner Heimat aufreiben. Aber dass der Schütze kein rassistisches Motiv hatte, macht die Tat nicht weniger traurig oder verheerend. Es gibt einen tief verwurzelten Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in unserer Gesellschaft: Immer dann, wenn eine dunkelhäutige Person ein Verbrechen begeht, nennen wir das Terrorismus und die Mächtigen nutzen das, um etwa die Einwanderungspolitik zu ändern. Aber wenn ein Massenmord von einem Weißen begangen wird, handelt es sich dabei nur um einen Einzeltäter und die Tat wird nicht als Terror klassifiziert. Beides ist Terror und verlangt bedeutungsvolle Veränderungen, um selbigen zu verhindern.

Wie sollten sich die Waffengesetzen ändern?

Wir brauchen eine neue Politik der Waffenkontrolle. Das ist seit Jahrzehnten überfällig. Dass unsere Bürger an Hochleistungswaffen kommen und damit jede Form der Gewalt ausüben können, ist niederschmetternd. Nach dem Attentat in Las Vegas Anfang Oktober mit 59 Toten hat sich nichts geändert. Nichts. Und das, obwohl die Menschen schockiert waren. Wir müssen Hochleistungswaffen, wie sie dort und in Texas benutzt wurden, verbieten. Alle anderen Waffen müssen schwerer zu bekommen sein. Das Schlimmste an allem ist, dass Amerikaner nicht nur Waffen besitzen wollen, sondern sie lieben. Sie glauben, sie haben das Recht, viele mächtige Waffen zu besitzen. Da steige ich nicht dahinter.

Kurz nach dem Anschlag in Texas twitterte US-Präsident Donald Trump, Amerika werde nun das tun, was es am besten könne: Zusammenhalten. Hat er Recht?

Eindeutig nicht. Unglücklicherweise wissen wir alle, dass Dinge nicht wahr, bedeutungsvoll oder hilfreich werden, nur, weil Trump sie twittert. Im Moment sind wir Amerikaner zerrissener, als wir es jemals waren. Es braucht viel, um das zu ändern. Aber ich glaube, es ist möglich.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Anna Lutz (pro)