Drei von fünf Kindern von Claudius Schillinger erblicken nicht das Licht der Welt. Er bekennt: sich dem Schmerz zu stellen, tut gut.
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Von Claudius Schillinger

Gleich vorweg: Ich habe gut schreiben! Ich bin glücklicher Vater einer 13-jährigen Tochter und eines 11-jährigen Sohnes (okay, einmal abgesehen von „Papa, du bist voll peinlich!“ und von ihren gelegentlichen brillanten, spöttischen Kommentaren – „Da kann man schon mal klatschen“ –, mit denen sie meine „Erfolge“ immer wieder gebührend würdigen). Alles in allem habe ich zwei fantastische Kinder.
Und doch müsste ich hier schreiben: fünf Kinder. Denn meine Frau Simone – mit der ich seit zwanzig Jahren sehr gerne verheiratet bin – und ich haben bei Fehlgeburten sowohl Zwillinge als auch ein weiteres Kind verloren – wenn auch im frühen Stadium. Und das tut mir trotz aller großen Freude mit meinen beiden Kindern und auch nach über zehn Jahren immer wieder leise weh.

Geplatzter Traum

Ich geb’s ja zu: In jungen Jahren habe ich unter anderem alle „Hanni und Nanni“- Bücher der englischen Kinder- und Jugendbuchautorin Enid Blyton (1897–1968) verschlungen. Als wir daher bei einer Ultraschall-Untersuchung beim Frauenarzt überrascht erfuhren: „Ups, da ist ja noch ein Kind!“, freuten wir uns riesig. Und dann beim nächsten Termin die Nachricht: „Kein Lebenszeichen vom ersten Kind mehr feststellbar!“; am Ende der elften Woche die nächste niederschmetternde Diagnose, dass nun beide Embryos gestorben seien. Das stand im krassen Gegensatz zu unserer ersten, überaus positiven Erfahrung mit einer Schwangerschaft. Da wir beide studiert hatten, wollten wir nach der Heirat erst einmal für ein paar Jahre in unseren Berufen arbeiten. Als dann ein beruflicher Wechsel und die Rückkehr ins geliebte baden-württembergische „Ländle“ anstand, waren wir für Nachwuchs offen. Und es „klappte“ auf Anhieb, nach neun Monaten hielten wir Anne in den Händen. Dafür bin ich Gott sehr dankbar, da wir mit vielen Ehepaaren befreundet sind, bei denen sich erst nach vielen leidvollen Jahren Nachwuchs einstellte – oder auch gar nicht.
Nach der ersten Fehlgeburt folgte eine weitere im frühen Stadium. Was mich damals „gerettet“ hat und warum ich hier so offen darüber schreiben kann: Drei Monate nach der letzten Fehlgeburt wurde meine Frau wieder schwanger. Nach bangem Warten kam im April 2008 dann Daniel zur Welt.

Darüber spricht man als Mann nicht?

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Wenn ich mit Männern zusammensitze und wir das übliche „Was machst du beruflich, wie wohnst du und was für ein Auto fährst du?“ geklärt haben, fällt mir wieder auf, dass viele Väter Ähnliches erlebt haben. Auch sie mussten Fehlgeburten erleben – aber darüber spricht man(n) nicht. Aber warum nicht?

„Stell dich nicht so an, du hast doch Kinder.“

Ich bin kein Psychologe, aber ich vermute, dass es auch daran liegt, dass Männer sich schmerzliche Erfahrungen generell entweder nicht eingestehen können (und wollen) oder sie (mit Arbeit) verdrängen. Und überhaupt: „Stell dich nicht so an, du hast doch (zwei) Kinder, was willst du mehr?“ Ja, dafür bin ich – wie erwähnt – Gott sehr dankbar – und doch, weh tun die Fehlgeburten dennoch immer noch, auch nach so vielen Jahren und nun abgeschlossener Familienplanung mit 50 Jahren. Für mich sind daher „wahre Helden“ die Freunde, die ungewollt ohne Lebenspartner und Kinder durchs Leben gehen – und darüber nicht bitter geworden sind. Und ich weiß nicht, ob ich diesen Artikel so schreiben könnte, wenn Gott mir keine Kinder geschenkt hätte! „Das Leben ist nun einmal nicht geordnet, es ist alles andere als einfach, und es ist nie problemlos. Deshalb glaube ich, dass es nicht nur unklug, sondern sogar gefährlich ist, Gott in die ,Leicht-zu-erklären‘-Schublade zu stecken. Um Gott wirklich kennenzulernen, muss man sich durch Schmerz, ehrliche Zweifel und sogar durch ein Leben mit unbeantworteten Fragen kämpfen“, schrieb der amerikanische Theologe Craig Groeschel in seinem bemerkenswerten Buch „Wenn Gott kein Licht ins Dunkel bringt“.

„Wer sich schmerzliche Erfahrungen nicht eingestehen will und sie nicht aufarbeitet, den holen sie irgendwann einmal ein.“

Sich dem Schmerz stellen

Während meiner Tätigkeit als Redakteur beim Blauen Kreuz ist mir in unzähligen Gesprächen mit Suchtkranken immer wieder aufgefallen: Männer suchen sehr viele Jahre später Hilfe und immer liegt einer Suchterkrankung ein Schmerz zugrunde, der nicht eingestanden und vor allem nicht aufgearbeitet wurde. Wer sich schmerzliche Erfahrungen nicht eingestehen will und sie nicht aufarbeitet – wenn nötig mit professioneller therapeutischer Hilfe –, den holen sie irgendwann einmal ein. Ja, das ist nicht leicht! Aber vielleicht machen Sie dann auch die Erfahrung, die die ERF-Moderatorin und Redakteurin Simone Merz so auf den Punkt gebracht hat: „Wenn das Leben weh tut, geht Gott mit mir durch den Schmerz. Warum er so viel Schreckliches zulässt und es nicht verhindert, weiß ich nicht. Gott ist auch ein verborgener Gott, ein unergründlicher Gott. Aber ich habe erlebt, dass er einen Weg durch den Schmerz kennt und dieser Weg führt immer in seine Arme … Ich muss durch den Schmerz durch, aber ich kann gerade darin Gottes Wesen kennenlernen: seine Liebe. Um das zu erfahren, muss ich mich ihm anvertrauen, muss ich meine Vorstellung von Glück loslassen, muss ich mich Gott zuwenden und darauf hoffen, dass es stimmt, dass er mein Glück, mein Halt, mein Leben ist.“

Es wird mir wohl bis ans Lebensende immer wieder einen Stich geben, wenn ich eine junge Mutter und einen jungen Vater mit Zwillingen sehe. Aber ich kann heute damit leben. Und wenn ich nochmal jung wäre, würde ich eins ändern: Ich würde mir nach meinen Fehlgeburten den Schmerz eingestehen, ihn nicht verdrängen („Sei nicht so weinerlich und kein Weichei!“) und gleich Hilfe holen. Es tut nämlich so gut zu wissen, dass man mit bestimmten Erfahrungen und Gefühlen nicht alleine ist und sie „normal“ sind. Denn dann hätte ich mir damals viel Leid ersparen können.

Worüber Männer auch sprechen sollten – zum Segen für alle

Zum Schluss: Was hat mir – neben meinen beiden Kindern und Gottes Hilfe – letztlich geholfen, mit den Fehlgeburten zu leben? Ich bin leidenschaftlich gerne Mann – aber hier haben uns meines Erachtens die Frauen sehr viel voraus und von ihnen können wir viel lernen: Offen zu sagen, wie man sich fühlt – ohne Rücksicht darauf, ob man dann hinterher gut dasteht. Zu einer gesunden Selbstwahrnehmung „gehört auch das authentische Empfinden der eigenen emotionalen Erlebniswelt“, haben der Psychologe Ulrich Giesekus und der Journalist Andreas Malessa einmal festgehalten.

„Bestimmte Leiderfahrungen gehören in die Seelsorge bzw. Psychotherapie.“

Ich plädiere nicht dafür, dass Männer krampfhaft ihre seelischen Verletzungen ans Licht holen müssen, sie vor allen ausbreiten oder gar wie eine Monstranz vor sich hertragen. Bestimmte Leiderfahrungen gehören in die Seelsorge bzw. Psychotherapie und sollten in einem geschützten Raum wie beispielsweise einem vertraulichen Hauskreis geteilt werden. Aber was wäre, wenn es bei Männertreffen nicht so oft um „Mein Haus, mein Auto, mein Boot“ ginge, sondern wenn jeder (der möchte!) erzählen könnte und würde, was ihm gerade so Schmerzen bereitet, womit er sich seit Jahren vergeblich abmüht? Was würde das in unseren christlichen Gemeinden und Kreisen bewirken, wenn wir Männer uns hier „nackig“ machen und weniger von unseren beruflichen Erfolgen, unseren tollen Hobbys und Reisen erzählten – sondern auch Einblicke gewähren würden in das, was uns (leidvoll) geprägt hat? Das würde uns als Männer wirklich weiterbringen – und ja, auch zum Segen für andere werden lassen.


Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift MOVO erschienen, die wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört.

 

 

 

 

1 DIREKT-KOMMENTAR

  1. Im Lauf der Jahrzehnte habe ich (umzugsbedingt in mehr als einer Gemeinde) Kreise (Haus-, Bibel- Männerkreis) kennen gelernt, in denen offen miteinander gesprochen wurde bzw. wird. Hoffentlich sucht und findet jeder, der so etwas braucht, einen solchen Kreis.

    Ich hab spät geheiratet und bin kinderlos geblieben (ohne Fehlgeburt …)

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