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Karriere: Im Supermarkt der Möglichkeiten

Wo ist das Ende der Karriereleiter und muss man es eigentlich erklimmen? Muss man einen guten Abi-Durchschnitt nutzen? Oder sollten wir nicht lieber Gott vertrauen, was den Beruf angeht? Gedanken zwischen Tiefkühlpizzen.
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Von Kristin Gaudl

Ich treffe Amelie in der Tiefkühlabteilung des Supermarkts. Auch sie ist auf der Suche nach einer Pizza für ein schnelles Abendessen und so kommen wir, gleichermaßen erschlagen von der Auswahl, als kulinarische Komplizen ins Gespräch. Wir waren an derselben Schule, sie einen Jahrgang unter mir – Abschluss 2017. Wir beide haben das Abitur mit Bestnote abgeschlossen. Wir beide sind seither unschlüssig, was man jetzt mit so etwas anfängt. Wir beide wurden an den Elite-Unis Deutschlands angenommen. Wir beide hatten eigentlich andere Pläne. Das Medizinstudium habe sie abgebrochen, erzählt sie mir. Das sei einfach nichts für sie – ständig an Leichen herumdoktern, ständig für Prüfungen büffeln, ständig trockene Anatomievorlesungen hören. Eigentlich jucke sie das alles auch überhaupt nicht. Mh … Tonno oder Hawaii? Die meisten Menschen tendieren da ja eher zu Hawaii.

Ein guter Kompromiss?

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Die zwei Wochen, die sie im Kindergarten absolviert hat – wie wohl jedes Mädchen, das sich zu spät um einen originelleren Schulpraktikumsplatz beworben hat –, die seien wirklich etwas für sie gewesen. Darin sei sie aufgeblüht, das habe ihr Freude gemacht und für so kleine, süße Kinder lohne sich schließlich jede Anstrengung. Nun, diese Ansicht können weder ich, noch die Mehrheit der Mädels, die für 14 Tage in der KiTa gelandet waren, teilen. Doch Amelies Augen leuchten, als sie mir mehr von ihrem Alltag im Kindergarten erzählt. Sie leuchten genauso, wie sie es schon immer getan haben, wenn sie Kindern begegnete. Amelie scheint wie gemacht für diesen Job. Oder doch Salami, wie jedes Mal?

Was sie jetzt statt des Medizinstudiums mache, frage ich – Grundschullehramt, einer von diesen „guten“ Kompromissen, die man halt so eingeht. Bei unserem letzten zufälligen Treffen hatte sie mir erzählt, sie wolle niemals Lehrerin werden, sie habe keine Freude an der Schule, noch nie gehabt. Aber es scheint nun die beste Option zu sein – irgendwas mit relativ kleinen Kindern und das immerhin anerkannt. Was ich davon halten würde, fragt sie. Ich muss nicht lang überlegen, denn für mich ist der Fall klar: Sie soll doch einfach machen, was ihr auf dem Herzen liegt, woran sie wirklich Freude hat, unabhängig vom Grad des späteren Abschlusses.

Die Qual der Wahl

Sofort fühle ich die innere Backpfeife, die der Heilige Geist mir immer mal wieder gibt, wenn er mich überführt. Das war geheuchelt. Ich selbst handle schließlich nicht nach meinem eigenen Rat. Seit ich 13 Jahre alt war, wollte ich Tischlerin werden. Irgendwann begann ich mich für Soziale Arbeit zu interessieren. Letzten Monat habe ich mich dann für Psychologie eingeschrieben – etwas Richtiges, etwas, wofür man viel Anerkennung bekommen kann, etwas, das viel Geld einbringt. Etwas, wofür ich meinen Abi-Durchschnitt „richtig nutzen kann“ – wie mein Direktor zu sagen pflegte. Etwas, das nicht jeder machen könnte. Etwas, worin man promovieren kann. Habe ich nicht eigentlich viel mehr Lust auf Schinken?

Hier stehe ich nun: In der Tiefkühlabteilung des Supermarkts, auf dem schmalen Grat zwischen Verstand und Hoffnung.

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Immer höher kraxeln auf der Karriereleiter, nie zufrieden sein. Amelie und ich haben die gleiche Prägung erhalten. Unsere Schule hat das übernommen. Was ist das Limit deines Gehaltsschecks? – Es darf keins geben. Wo ist das Ende der Karriereleiter? – Du musst es erklimmen. Welchen Titel wirst du später haben? – Trachte nach dem Höchsten. Margherita scheint bodenständig – da weiß man, was man hat und es gibt wenig Potenzial für böse Überraschungen.

Zwischen verstehen und vertrauen

Amelie hat sich vor diesen Karren spannen lassen und das Erzieherin-Sein an den Nagel gehängt. Ich bin im Begriff, dasselbe zu tun – also steht es mir nicht im Geringsten zu, ihr gute Ratschläge zu erteilen. Und dann ist da ja noch Gott. Der Gott, der einen Plan für mein Leben hat – den allerbesten Plan, um genau zu sein. Der Gott, der mich in den letzten zwei Jahren so oft so anders geführt hat, als ich es gewollt habe und als mein Umfeld es mir geraten hat. Der Gott, der meine Erwartungen immer wieder weit übertroffen hat. Ich habe erlebt, dass sein Weg der Beste ist. Besser als mein favorisierter, besser als der von meinen Eltern vorgeschlagene. Amelie glaubt nicht an diesen Gott. Also ist es wenig überraschend, dass sie handelt, wie sie handelt. Aber ich? Ich habe ihn doch erlebt! Und eigentlich weiß ich auch schon, wohin er mit mir gehen will. Jetzt heißt es, Mut aufzubringen, mich gegen das zu entscheiden, was logisch und sicher scheint und mich auf ein neues, unkonventionelles Abenteuer mit ihm einzulassen.

Hier stehe ich nun: in der Tiefkühlabteilung des Supermarkts, auf dem schmalen Grat zwischen Verstand und Hoffnung, zwischen weltlicher Rationalität und glaubendem Vertrauen. Die Begegnung mit Amelie hält mir einen Spiegel vor. Ein Hinweis, eine innere Ohrfeige. Liebevolle Zurechtweisung und bewahrende Korrektur. Wir verabschieden uns mit Alles-Gute-Wünschen und ich mache mich mit einer Packung Tiefkühl-Donuts auf den Heimweg.


CoverDieser Artikel ist zunächst in der Zeitschrift DRAN NEXT erschienen, die wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört.

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