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Prof. Fulbert Steffensky: „Das getrennte Abendmahl ist ein Missionshindernis“ (Teil 2)

Was bedeutet die Gnade Gottes in der heutigen Zeit, wo sollten Protestanten und Katholiken zusammenwachsen und welchen Auftrag hat die Kirche zu erfüllen? Teil 2 des Gesprächs mit Prof. Fulbert Steffensky.
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Von Rüdiger Jope / Ulrich Mang

Wie haben sich die Theologie und die Kirche verändert? Waren sie früher anders?
Ich glaube nicht, dass sie provokativer war, sie war zahmer! Sie war zum Beispiel gesellschaftlich viel integrierter, hat oft gemacht, was die Gesellschaft ihr befohlen hat. Wenn Sie zum Beispiel an die Kriegslüsternheit speziell des Protestantismus in Deutschland denken. Oder an die bürgerlichen Tugenden, die die Kirche aufgenommen und die die Gesellschaft von der Kirche übernommen hat. Sie war damals viel zahmer. Kirche ist heute viel aufmüpfiger – das finde ich toll!

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Und in der Theologie?
Theologie ist viel gescheiter, als sie früher war. Deuten Sie es, wie Sie wollen. (lacht)

Im Matthäusevangelium fordert Jesus die Menschen dazu auf, das „Salz der Erde“ zu sein. Wie ist das als Kirche möglich, die im Schwinden ist?
Kirche war nie das, was wir ihr heute andichten. Das Abendland war nicht ein christliches Land, es war ein ganz gemischtes Land, gemischt von Religionen und Macht. Wenn ich allein den Petersdom ansehe: Was hat das mit Christentum zu tun, diese Mächtigkeit? Das ist Protz, Prunk und Macht. In meiner Kindheit gingen im Dorf alle zur Kirche, aber man hat immer genau geordnet, ab wann man kam. Man kam möglichst spät, am Anfang der Opferung. Wenn man später kam, war es eine Todsünde. Wenn man zu spät kam, aber noch bis vor der Opferung, war es eine erlässliche Sünde. Die Männer gingen während der Predigt raus, sie standen immer in einem großen Ring um den Eingang und haben eine Zigarette geraucht. Was war das für ein Christentum? Man ging hin, weil es ein Obligat war.

„Wenn ich allein den Petersdom ansehe: Was hat das mit Christentum zu tun, diese Mächtigkeit? Das ist Protz, Prunk und Macht.“

Und doch wird die Kirche kleiner?
Die Zahl sagt nichts. David ließ einmal das Volk zählen, er wollte erkunden, wer der Stärkste sei, und er wurde von Gott gestraft und durfte dann den Tempel nicht bauen, denn er hat nicht auf Gott gesetzt, sondern auf Zahlen. Das ist ein sehr interessantes Beispiel. Viel wichtiger ist doch, dass diese Zeit auch Gottes Zeit ist. Zahlen machen mir keine Schmerzen. Sorgen macht mir, wenn ich sehe, dass die eigenen Enkel biblische Geschichten nicht mehr kennen. Darum wäre mein Interesse für die Kirche Vertiefung, aber nicht ohne weitere Ausbreitung. Wenn sie sich über die Vertiefung ausbreitet, kann uns keiner die klammheimliche Freude verbieten, aber die Vertiefung ist mir wichtiger als die Ausbreitung!

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Die Menschen scheinen dem christlichen Glauben weniger Interesse zu schenken. Wie ist es heute möglich, eine Sprache für sie zu finden?
Der Glaube ist zunächst einmal Gottes Sache. Sache der Kirche sollte es sein, den Namen Gottes nicht zu verschweigen, ob es passt oder nicht. Es gibt eine Tendenz der Ausbreitung, in der man den Namen Gottes verschweigt, also die Kirche nur als moralische oder karitative Anstalt benötigt wird. Die Kirche muss das Brot der Armen sein, aber auch den Namen Gottes nennen.

Braucht es da neue Worte?
Ich bin gar nicht so sehr für Sprachanpassung. Die Fremdheit hat auch eine merkwürdige Verlockung und Anziehung. Ich schätze zum Beispiel die Härte eines alten Psalms. Gerade was Menschen nicht so eingeht wie Grießbrei. Wir sollten nicht in der Sprache Kanaans reden, es soll jeder verstehen. Aber wir sollten trotzdem die Sprache nicht aufgeben. Die Kirche soll kenntlich sein an der Verkündigung des Namens Gottes und an ihren Optionen. Für wen steht sie? Merkt man überhaupt, wenn die Kirche weg ist oder nicht? Das wünsche ich mir. Und ob sie sich dann ausbreitet, ob sie größer wird, das ist Gottes Sache, nicht meine Sache.

Der Begriff „Mission“ ist negativ besetzt. Dennoch: Was sind die Aufgaben einer missionarischen Kirche?
Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich das, was ich liebe, nicht zeige. Denken Sie an das Hohelied, die Braut sagt: „Mein Held ist der Schönste, er hat rabenschwarze Haare und Beine wie Stempel, wie Säulen …“ Mission ist die Werbung, die Darstellung dessen, was wir lieben und dessen, was uns wichtig ist. Für mich hat Mission keine Interessen. Wenn ich sage, „meine Frau ist die Schönste“, dann verlange ich von den anderen nicht, die gleiche Sichtweise zu haben. Im Gegenteil, sie sollen sie überhaupt nicht als die Schönste empfinden (lacht herzlich). In diesem Sinne muss Kirche Mission betreiben, muss zeigen, was sie liebt. Kirche wird Kirche, indem sie zeigt, was sie liebt. Sie lernt Glauben, indem sie den Glauben zeigt. In der Schule, in den Medien, in anderen Ländern. Das heißt nicht, dass jemand mein Lebenskonzept übernimmt, aber ich kann zeigen, dass es ein menschenwürdiges, ein charmantes Konzept ist.

In den Kirchen und in der Theologie ist regelmäßig von der Gnade zu lesen. Was bedeutet für Sie Gnade in einer scheinbar gnadenlosen Zeit?
Gnade ist der wichtigste Begriff neben Gerechtigkeit. Es ist ein zutiefst politischer Begriff. In einer Zeit, in der die Ganzheit zum Diktat des Lebens wird, ist Gnade unablässig: „Ich muss der beste Ehemann sein, meine Frau muss die beste Köchin sein. Meine Kinder müssen gelingen. Alles muss gelingen. In meinem Beruf muss ich stark sein, denn Schwächen werden nicht geduldet.“ Es gibt in unserer Zeit keinen unerlässlicheren Begriff als den der Gnade.

„Gnade spricht uns zu: Du musst nicht ganz sein, du kannst Fragment sein. Du kannst sein, wer du bist.“

Ich habe immer ein Problem damit, wenn Gnade abgeleitet wird von der Herrschaftlichkeit Gottes. „Gnade ist das, was es oben gibt.“ Ich interpretiere Gnade am liebsten mit einem Liebesgedicht von Gabriela Mistral. Das Liebesgedicht fängt so an: „Wenn du mich anblickst, werde ich schön. Schön wie das Riedgras unterm Tau.“ Es ist dasselbe wie bei Paulus: „Der Geist gibt Zeugnis unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind.“ Unsere Schönheit besteht nicht in unserer Wohlgeformtheit, sondern im Anblick, in den Augen, mit denen jemand uns schön findet. Und wenn man sich selbst anschaut, ist man eher kärglich, aber die göttlichen Augen, die mich schön finden, die Augen, die mich ganz finden, viel ganzer, als ich bin: Das ist Gnade, nicht, weil ich ganz bin, nicht, weil ich die religiösen Gebote oder andere Gesetze halte, bin ich schön. Sondern ich bin würdig, weil ich angesehen werde mit dem Blick der Güte.

Sie sagen in einem Ihrer Bücher von sich selbst, dass Sie hoffen, ein Freigeist geblieben zu sein. Was zeichnet einen solchen Freigeist aus?
(lacht) Gnade atmet auch etwas von Frechheit. Einen Freigeist zeichnet ein Grundglaube, aber auch ein Grundmisstrauen aus. Ich bäume mich auch gerne gegen Diktate auf, die ich mir auferlege oder die mir auferlegt werden von der Gesellschaft, den Umständen oder auch von der Kirche.

„Die große Gefahr unserer Zeit ist nicht der Atheismus, sondern der Götzendienst.“

Und wenn ich glaube, dass ich nicht durch mich selbst gerettet bin oder durch die großen Dinge, die ich von mir erwarte, dann kann ich auch in vielem sehen, dass der König nackt ist. Die Frechheit des klaren Blicks, das ist für mich Freiheit. Ich bin durch nichts endgültig gebunden, auch nicht durch einen Glaubenssatz. Freiheit und Demut möchte ich nicht aufgeben.

Sie haben das gemeinsame Abendmahl zwischen evangelischen und römisch-katholischen Glaubenden gefordert. Weshalb ist Ihnen die Tischgemeinschaft wichtig?
Das gemeinsame Abendmahl ist einfach ein Stück weniger Absurdität. Man muss sich das mal vorstellen: Christen, das ist einfach absurd – sie glauben an Christus, sie glauben an Gott, sie glauben, aber sie essen nicht zusammen. Wir haben über Mission gesprochen. Die getrennte Abendmahlsgemeinschaft ist ein Missionshindernis.

Was ist für eine gelingende Ökumene zu beachten?
Wir brauchen verschiedene Spielarten des Christseins: evangelisch, katholisch, reformiert und orthodox. Die sollten bestehen bleiben. Das halte ich im Sinne der Vielfalt für sehr wichtig.

„Ich halte nichts von einem McDonalds-­Christentum, wo alles gleich schmeckt, gleich ist und die gleiche Farbe hat.“

Es muss bei den Reformierten nicht nach Weihrauch riechen, obwohl ich Weihrauch ganz gerne habe. Es muss bei den Katholiken nicht immer eine lange Predigt sein wie bei den Reformierten. Nein, es gibt einfach den Stallgeruch der Konfessionen, den wünsche ich mir, aber der Stallgeruch trennt nicht.

Sie haben einmal Psalm 139 als Ihren Lieblingspsalm bezeichnet. Können Sie sagen, weshalb?
Weil ich durchschaut, aber nicht vernichtet bin. „Du erkennst mich, du siehst mich, noch ehe ein Wort auf meiner Zunge ist, hörst du es. Ich kann vor dir nicht fliehen, nicht mal zu den Toten, nicht an die Grenzen der Erde.“ Es ist eine Erkenntnis, die nicht erkennungsdienstliche Behandlung ist, wie sie ja oft Gott zugeschrieben wird.“ Eine Erkenntnis, die mich zutiefst entlastet. Eine größere Liebe kann ich mir nicht vorstellen, als die von jemandem, der mich kennt – auch in meiner Schwäche oder in meiner Bosheit oder in meiner stinkenden Seele –, der mich kennt und dessen Kenntnis mich nicht vernichtet. Das finde ich in diesem Psalm eigentlich sehr schön ausgedrückt. Und die Verse, in denen es mal wieder um die Feinde geht, die können wir ja schön auslassen. (lacht) Die alte Dame. (lacht)

Mit wem würden Sie im Himmel gerne mal eine Tasse Kaffee trinken? Warum?
Ich würde gerne mit dem heiligen Augustinus eine Tasse Kaffee oder noch lieber ein Bier trinken. (lacht) Der heilige Augustinus ist ja auch der Patron der Bierbrauer. Ich würde ihn nicht um Rat fragen, sondern ihm vorhalten, was er mit der Erbsünde angerichtet hat. Was er mit dem menschlichen Pessimismus angerichtet hat, den er uns andichtet. Er hat wörtlich gesagt: „Jedes nicht getaufte Kind verfällt der Verdammung.“ Ich würde ihn gerne fragen, ob er noch bei Verstand war, als er das gesagt hat. (lacht)

Sie sind umgeben von vielen Büchern. Wenn Sie alle Bücher weggeben müssten, die Sie haben, und Ihnen würde zugestanden, ein einziges zu behalten: Welches Buch wäre es?
Kann ich nur mit Brecht sagen: „Sie werden lachen: die Bibel.“ (lacht)

 

Teil 1 finden Sie hier!


Dieser Artikel ist zuerst in der 3E erschienen, die wie jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört.

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